Camino Francés Tag 7 – Einfach treiben lassen

16. Oktober 2018 – Mañeru – Ayegui (19,3 km)

Das war kein Schnarchen, das war Körperverletzung! Nie mehr mit Apu in einer Herberge, zumindest nicht im selben Schlafsaal! Da hätten die besten Ohrstöpsel der Welt auch nichts geholfen..! Ich bin seit 4 Uhr wach, um 5:30 Uhr habe ich mir gesagt, kann ich auch aufstehen und mich waschen und rasieren. Jetzt sehe ich wenigstens nicht mehr aus, wie der letzte Wurzelsepp. Im Bad gibt es eine Tür zur Dachterrasse, ich bin also mit meiner Zahnbürste bewaffnet raus, die frische Luft genießen. Was für ein Sternenhimmel!

Werde ich jemals verstehen warum, wenn alle wach sind und es sowieso Zeit zum Aufstehen ist, weil man bis 8 Uhr das Zimmer verlassen haben muss, niemand das große Licht anschaltet? Stattdessen kramen irgendwie alle mit Taschenlampen oder dem Handy bewaffnet in ihren Rucksäcken. Aber ich bin ja auch nicht besser… Auf der anderen Seite gibt es aber ja auch genug Deppen, die den Schlafsaal schon zwei Stunden vor allen anderen unterhalten. Das ist die deutlich ätzendere Variante.

Apropos Handy, das muss ich dringend aufladen, aber für heute langt es noch.

Wir drei sind auch heute wieder gemeinsam gestartet, wobei es eher ein „in der Nähe laufen und gemeinsam Pause machen“ war. So konnte jeder in Ruhe seinen Gedanken nachhängen, fand ich toll. Petra möchte ab morgen trotzdem allein weiter, da sie sich momentan selbst verliert, wie sie sagt. Schade, aber jeder geht den Camino auf seine Weise. Sie möchte diese Nacht auch zelten, d.h. sich irgendwo einen Campingplatz suchen, damit sie ihr Zelt nicht umsonst mitschleppt. Das wäre mir ja schon zu viel Extragewicht, nur um auf dem gesamten Weg vielleicht zwei oder drei mal im Zelt zu schlafen… (Sie hat mir übrigens später erzählt, dass sie das Zelt in Burgos per Post nach Hause geschickt hat.) Petra läuft auch gerne mal im Kreis. Was seltsam klingt, hat aber einen für sie ganz praktischen Grund – sie loggt ihre Strecke mit einer GPS-Uhr mit und an Stellen die sie besonders schön oder interessant findet, läuft sie halt eben einmal im Kreis, um die Stelle dann später digital wiederzufinden.

Hinter Cirauqui geht es über eine alte Römerbrücke. Direkt dahinter geht es einige ordentliche Stufen hoch, es ist eher Klettern statt Treppensteigen. Ich habe mich spontan gefragt, wie die Jungs da früher ihre Karren hochbekommen haben? Die werden sie ja wohl kaum getragen haben?

Bei wieder wunderbarem, vielleicht sogar eine Spur zu warmem Wetter, sind wir bis Ayagui, kurz hinter Estella gekommen. Da habe ich mein Tagesziel erreicht. Tanja und Petra sind dann noch weiter bis zum Campingplatz, Tanja wollte sogar noch weiter bis in den nächsten Ort. Aber das wären noch einmal 6 km gewesen, da konnte ich absolut keine Begeisterung mehr für aufbringen. Wäre schön, wenn ich die beiden wiedersehen würde.

Der Weg hat sich heute überwiegend durch Felder geschlängelt. Rote Erde, Weinreben, Olivenbäume. Zwischendurch gab es eine wirklich liebevoll gestaltete „Pilgerstation“ in einem großen Olivenhain, komplett mit Stühlen, Tischen, Hängematten, bunter Dekoration. Demnächst sollen sogar Duschen zur Abkühlung dazu kommen. Aber irgendein Depp hat den Pilgerstempel geklaut. Warum macht man sowas?!

Die Mittagspause haben wir mit einem ausgiebigen Picknick vor der Kirche von Villatuerta verbracht. Abgesehen davon, dass wir eine Pause nötig hatten und die Wiese vor dem Kirchturm sehr einladend aussah, wurden wir so einiges an Gewicht im Rucksack los, weil wir unsere „Notfallreserven“ aufgefuttert haben. Wir haben nämlich alle drei beschlossen, dass wir im Notfall wohl gerade eben noch so den Weg in die nächste Bar, das nächste Café oder die nächste Herberge finden, bevor wir vom Fleisch fallen. Also gab es Käse, Salami, Müsliriegel und Kekse. Hat ja niemand behauptet, dass es eine kulinarische Offenbarung sein muss.

Die Herberge in Ayegui ist nüchtern-sachlich neben einer Turnhalle untergebracht und versprüht den Charme eines… also eigentlich gar keinen Charme. Die zugehörige Kneipe hat leider geschlossen, Cola und ein Schokoriegel aus dem Automaten können mich auch nicht reizen. Zum Einkaufen fürs Abendessen muss ich also den halben Weg, den ich vorhin von Estella aus nach Ayegui hoch gepilgert bin, wieder runter in ein Gewerbegebiet zum Supermarkt laufen. Ein bisschen komme ich mir vor, wie ein Assi, wie ich so in Jogginghose und Adiletten durch die Gegend laufe. Aber was soll’s? Mich kennt hier niemand, ich bin morgen wieder weg und außerdem bin ich bestimmt nicht der erste Pilger, der hier so rumläuft. Typische Camino-Abendgarderobe.

Was die Atmosphäre angeht, wäre Estella wahrscheinlich die deutlich bessere Wahl gewesen, das Städtchen machte einen wirklich schicken Eindruck. Aber ich beschwere mich nicht, ich habe mich an einer ordentlichen Portion Tortilla satt gegessen, ich habe ein Dach über dem Kopf und ein halbwegs gemütliches Bett. Also, was will ich mehr?

Morgen will ich allerspätestens um 7:30 Uhr los. Die letzten 12 km bis Los Arcos soll es kein Wasser und kaum Schatten geben. Zwar soll es nicht mehr so sonnig werden, aber immer noch sehr warm. Die Mittagshitze würde ich da gerne vermeiden. Wobei Hitze im Oktober natürlich relativ ist. Aber ich brauche es beim Wandern eigentlich nicht wärmer als 20 °C. Abgesehen davon gibt es hier in der Herberge ohnehin kein Frühstück, also anziehen, Zähne putzen, Rucksack packen und los.

Meine Nase läuft und ich muss ständig niesen. Ich werde mir doch wohl keine Erkältung eingefangen haben?!

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