Camino Francés Tag 18 – Immer der Nase nach

27. Oktober 2018 – Hontanas – Boadilla del Camino (30,1 km)

Ausnahmsweise gut geschlafen. Das Bett in der Herberge war irre bequem und obwohl das Zimmer mit 8 Leuten voll belegt war, hat ausnahmsweise niemand schon in aller Herrgottsfrühe Radau gemacht. Fühle mich auch insgesamt gut. Schnell zum Frühstück das inzwischen obligatorische Schoko-Croissant mit Milchkaffee und frisch gepresstem O-Saft vertilgt und dann ab auf die Piste. Meinen Beinen inklusive Knie und Füßen geht es erstaunlich gut. Schon als ich zur Türe rausgehe weiß ich, dass es ein toller Tag wird.

Für heute war der erste Regentag angekündigt. Glücklicherweise hat sich das auf ein Stündchen am Vormittag beschränkt. Aber es ist kalt. Also Poncho aus und Jacke an.

Es gab heute eine einzige, größere Erhebung. Knapp anderthalb Kilometer mit 12 % Steigung bergauf auf den Tafelberg Alto de Mostelares, nur um nach ein paar hundert Metern dort oben mit 18 % Gefälle wieder nach unten zu steigen. Was ein Quatsch. Um den Berg rum hätte man prima mit einem Umweg laufen können. Und bitterkalt war es dort oben! Ich habe sogar Handschuhe und Stirnband angezogen, um Finger und Ohren warm zu halten. Aber die Aussicht war bei dem klaren Wetter grandios. Ansonsten war die Strecke zum Ende hin wohl schon ein Vorgeschmack auf die kommenden Tage. Mehr oder weniger eben, durch abgeerntete Kornfelder, immer geradeaus. In Summe heute wieder über 30 km. Das Terrain ist wirklich prima, um Strecke zu machen. Morgen werden es aber definitiv weniger – nach etwa 25 km ist eine „Lücke“, der nächste Ort kommt dann erst nach über 40 km. So leicht kann der Camino gar nicht sein, als dass ich mir das antun möchte, ich will ja auch übermorgen noch aufrecht laufen können.

Zwischendurch bin ich immer mal wieder einer Gruppe Südkoreaner begegnet. Darunter auch eine junge Frau, der man bei allem was sie gesagt (das hat man auch verstanden, ohne Koreanisch zu können) und getan hat, angemerkt hat, wie wenig Bock sie auf den Jakobsweg hat und wie Scheiße sie alles findet. Irgendwann hat sie einen ihrer Trekkingstöcke vor sich auf den Weg geschmissen und ihn wütend in den Graben gekickt. So viel Frust… Das Grüppchen scheint sich aber nach und nach aufgelöst zu haben, drei Jungs aus der Truppe sind mir bis Santiago noch ab und an über den Weg gelaufen, aber von den Mädels war keine Spur mehr.

Es hat jetzt über zwei Wochen gedauert, aber ich habe mir meine nächste Blase gelaufen, Noch nicht mal beim Wandern, sondern weil ich mir gestern Abend auf dem Weg zum Abendessen die Schuhe nur lose gebunden habe. Klarer Fall von selbst Schuld.

Ich hatte heute eine kastilische Knoblauchsuppe. Nicht zu empfehlen, wenn man Freunde finden möchte oder auf einen Kuss aus ist, aber geschmacklich der Hammer!

Seit ein paar Tagen begegne ich immer mal wieder Lasse, dem Dänen, den ich in Santo Domingo das erste mal getroffen habe. Wenn er nicht getrunken hat, echt ein netter Kerl. Aber mit Alkohol intus mindestens eine Spur zu laut.

Durch das platte Land kommt es einem hier sehr extrem so vor, dass man Bäume, Strommasten oder den nächsten Ort schon sehr gut von weitem sehen kann. Man ist dann aber doch noch ewig lang unterwegs und hat das Gefühl, irgendwie überhaupt nicht vom Fleck zu kommen. Ich glaube das mit ein Grund, weshalb die Meseta für viele so schwierig ist. Auf der anderen Seite verstecken sich manche Ortschaften in Senken, Hontanas gestern zum Beispiel. Ich hatte mich schon gewundert und mich gefragt, ob ich vielleicht irgendwo falsch abgebogen bin, als es – Zack – wie aus dem Nichts aufgetaucht ist. Wobei es Dank der außerordentlich guten Beschilderung bzw. „Bepfeilung“ ohnehin schwierig ist, falsch abzubiegen. Aber hier gibt es sowieso so gut wie keine Weggabelungen, es geht immer geradeaus.

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