Camino Francés Tag 19 – Überall Puderzucker

28. Oktober 2018 – Boadilla del Camino – Carrión de los Condes (25,6 km)

Diese Nacht hat es doch tatsächlich geschneit. Nicht viel, aber alles ist mit Puderzucker überzogen. Dazu nach dem Sonnenaufgang (der Dank dem Ende der Sommerzeit ab jetzt schon vor dem Frühstück liegt) eine echt schöne Stimmung mit tollem Licht. Bis Frómista war es auch angenehm zu laufen, fast durchgehend am Canal de Castilla entlang. Aber danach hat die Meseta voll zugeschlagen – schnurgerade, ebene Strecke, keine Bäume und dazu ein eiskalter Wind. Hatte auf dem Camino bisher noch nie so wenig Motivation, weiterzulaufen. Bis zu meinem geplanten Etappenziel in Carrión de los Condes habe ich es aber geschafft bzw. mich bis dahin gequält. Mir tun heute alle Knochen weh, mein Knie meldet sich wieder und meine Fersen rebellieren. Über 80 km in drei Tagen zu laufen, war vielleicht doch ein bisschen viel. Ich sollte da deutlich besser auf meinen Körper hören.

Bei Fromista war ich froh, dass ich das Städtchen schnell hinter mir hatte. Ich hatte zwar einen kurzen Zwischenstopp für Kaffee und Toilette eingelegt, aber was ich von der Stadt gesehen habe, hat mir heute gereicht. Ich mag heute nicht unter Leuten sein.

Wirklich nett war eine Herberge, an der man dann in einem Ort irgendwo hinter Fromista vorbeikommt. Laut dem kleinen gelben Buch kann man hier zumindest im Sommer im Zelt (also großen Tipis) übernachten. Da ich noch weiter wollte, habe ich es aber bei einem Kaffee zum Aufwärmen belassen. Ist echt schön hier. Esel und Schafe laufen frei auf der Wiese und zwischen den Pilgern herum. Die Härte sind aber zwei riesige Gänse, die dem Hospitalero auf dem Fuße folgen, da er sie von Hand aufgezogen hat.

In der Herberge gibt es ausnahmsweise mal keine Etagenbetten. Die 16 Betten im Schlafsaal sind an den Wänden verteilt und jeder hat genug Platz für seinen Kram. Der Brasilianer ist auch hier abgestiegen. Ich weiß aber immer noch nicht, wie er heißt. Auch zwei deutsche Rentner, denen ich seit Los Arcos immer mal wieder begegne, sind hier. Die beiden haben aber eine merkwürdige, mir unsympathische Art und ich verspüre nicht das Bedürfnis, mich mit ihnen großartig zu unterhalten.

Die Dusche habe ich heute extrem genossen, da ich doch einigermaßen durchgefroren war. Anschließend bin ich noch kurz in den Ort – zum einen, um mir eine Kleinigkeit fürs Abendessen zu kaufen, war gar nicht so einfach war. Es hatte nur ein winzig kleiner Laden offen, an dem ich sogar fast vorbeigelaufen wäre. Aber viel wichtiger war, dass der Stift, mit dem ich mein Tagebuch schreibe, leer war. Im Outdoor- bzw. Pilgerladen um die Ecke habe ich einen neuen bekommen. Die haben nicht Mal mit der Wimper gezuckt, ich war bestimmt nicht der erste Pilger, der sowas braucht. Bei der Gelegenheit habe ich mir auch gleich noch einen Nagelknipser gekauft, das ist bisher so ziemlich das einzige, was ich nicht von zu Hause mitgenommen habe, aber doch jetzt benötige. Aber wenn das alles ist, habe ich offensichtlich ja nicht SO viel falsch gemacht beim Packen.

Im Schlafsaal ist es gefühlt genauso kalt wie draußen. Das wird eine Nacht mit Socken, langer Hose, langem Oberteil und Schlafsack bis oben hin fest zu. Aber mit jetzt wieder kurzen Fingernägeln.

Morgen liegt der mit 18 km längste Abschnitt des Camino vor mir, auf dem es keine Ortschaft gibt. Nur freies Feld. Egal, ich packe mich warm ein, dann geht das schon. Aber ob ich danach noch die Lust verspüre, noch einen Ort weiter zu laufen, d.h. noch einmal 6 km, das mache ich stark vom Wetter und meiner Tagesform abhängig.

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