Camino Francés Tag 26 – Im Slalom über die Achterbahn

04. November 2018 – San Martín del Camino – Astorga (25,3 km)

Ich weiß gar nicht, wie das passieren konnte – zwar war ich wie mittlerweile jede Nacht auch wieder ein paarmal wach, aber ich muss irgendwann so fest eingeschlafen sein, dass ich meinen Wecker ewig nicht gehört habe. War dann auch der letzte im Schlafsaal, habe noch nicht mal mitbekommen, wie die anderen ihren Kram gepackt haben.

Das Frühstück war von den beiden Hospitalera (Eine hieß natürlich Maria. Irgendwie heißen hier alle Maria. Die Kirchen heißen ja auch fast alle Santa Maria. Gut, Maria ist die Schutzheilige Spaniens, das erklärt es vielleicht ein bisschen.) genauso liebevoll zu- bzw. vorbereitet, wie das Abendessen. Fast schade, dass ich nur eine Nacht bleiben kann.

Ansonsten war der Tag aber für die Tonne. Die Meseta geht zu Ende und es wird langsam aber sicher hügliger. Trotzdem bin ich viel zu schnell angegangen, hatte dann nach 20 km natürlich extreme Probleme mit meinen Füßen, insbesondere wieder der Fersen, bekommen. Als es dann kurz vor Astorga noch anfing zu regnen, wurde es endgültig zur Quälerei und es zog sich und zog sich… Vor mir war offenbar eine Schafsherde den Camino entlang gepilgert, jedenfalls ging es bestimmt einen Kilometer im Schafsköttelslalom voran. Irgendwann war es mir aber zu blöd und ich habe mir gesagt „Scheiß drauf!“. Im wahrsten Sinne des Wortes, die Schuhe laufen sich ja von selbst wieder sauber, außerdem kann man sie ja im Zweifel abwaschen.

Bei der „Pilgerachterbahn“ habe ich kurz die Krise bekommen. Da läuft man schön auf eine Bahnlinie zu und was ist? Den tollen Bahnübergang haben die Astorger (Astorgen? Astorgis? Egal…) dicht gemacht und stattdessen eine Fußgängerbrücke vom Feinsten in die Landschaft gesetzt. Immer schön im Zickzack hoch und auf der anderen Seite wieder runter. Immerhin auch für Rad- und Rollstuhlfahrer geeignet, aber nach über 20 Kilometern Fußmarsch für mich heute die Hölle auf Erden. Die letzten 200 Meter vor meiner heutigen Herberge ging es dann zum passenden Abschluss des Tages auch noch einmal kräftig bergan und mit jedem Meter nach oben hat es stärker geregnet. Den inzwischen ausgewachsenen Wolkenbruch habe ich zwar draußen gelassen, den Eingangsbereich der Herberge aber trotzdem kräftig vollgetropft. Aber das ging mir wohl nicht als einzigem so.

Seit Wochen war ich nicht mehr so froh, endlich angekommen zu sein, mich duschen und einfach nur ins Bett legen zu können. So richtig gut beheizt ist das Zimmer nicht, sodass ich mich in meinen Schlafsack mummele. Die Herberge ist recht groß und auch gut besucht, im Zimmer sind wir trotzdem nur zu viert, niemanden habe ich bisher auf dem Weg schon einmal getroffen. Alle sind recht wortkarg, das Regenwetter schlägt wohl allgemein auf die Laune. Nur ein Italiener – Bilderbuch-Casanova mit gegelten Haaren, verspiegelter Sonnenbrille und neonfarbenen Bicigrino-Klamotten hat bleibenden Eindruck hinterlassen. Aber nicht aufgrund seines Auftretens, sondern weil er zum einen lang und lautstark im Zimmer telefoniert hat und zum anderen, weil ihm nach der Sperrstunde, als alle anderen schlafen wollten, offenbar eingefallen ist, dass er noch duschen gehen müsste. Ich sag mal so: Leise seinen Kram aus- und wieder einzupacken oder sich auch nur halbwegs leise umzuziehen und ins Bett zu legen war jetzt nicht seine Stärke…

Da es nach wie vor wie aus Eimern geschüttet hat, war ich auch abends nur noch ganz kurz zum Abendessen draußen. So richtig Appetit hatte ich aber wieder einmal nicht.

Wenigstens habe ich meinen 2. Pilgerausweis bekommen, in der Herberge in San Martin. Jetzt muss ich mir nur noch Klebstoff organisieren. Denn dort gibt es offensichtlich so ziemlich alles, was das Pilgerherz begehrt, Klebstoff ist dann aber wohl doch zu ungewöhnlich.

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