Camino Francés Tag 28 – Mein persönlicher Tiefpunkt

06. November 2018 – Foncebadón – Ponferrada (26,5 km)

Mal ehrlich, warum tue ich mir den Scheiß an?! Bin sauer – auf mich und auf den Weg. Stimmungspegel -3 auf einer Skala von 0 bis 100! Aber schon irgendwie erstaunlich, dass es vier Wochen gedauert hat, bis ich meinen ersten Frusttag schiebe.

Foncebadón als Ortschaft zu bezeichnen, wäre eigentlich zu viel des Guten. Das war es vielleicht irgendwann einmal, wurde dann aber verlassen. Jetzt gibt es dort eigentlich nur noch Ruinen. Neben der kleinen Kirche sind aber immerhin die Herberge und zwei Häuschen wieder aufgebaut worden. Also geht es vorbei an den Resten der alten Häuser vorbei weiter bergauf.

Bis hoch zum Cruz de Ferro, dem höchsten Punkt des gesamten Camino Francés mit gut 1.500 Metern, war alles supi. Es war zwar bedeckt, aber der Sturm von letzter Nacht hatte sich auf fast Windstille gelegt und der meiste Schnee war auch schon wieder geschmolzen.

Natürlich hatte ich den Stein, den ich am Kreuz ablegen wollte, zu Hause vergessen, obwohl ich mich selbst noch –zigmal daran erinnert habe. Schade, das wäre das perfekte Exemplar gewesen: Zum Abitur hatte jeder meiner Stufe einen Rheinkiesel mit einem chinesischen Schriftzeichen (Freundschaft? Zukunft? Ich kann mich gar nicht erinnern…) geschenkt bekommen. Der Stein liegt seit Jahren in meiner „Erinnerungskiste“ zu Hause. Naja, es hat halt nicht sollen sein. Ansonsten ist das Kreuz wohl auch bei schönem Wetter denkbar unspektakulär. Es zieht seinen Reiz eher aus der Symbolik des Ablegens von Steinen durch die Pilger, dass das Ablegen „innerer Lasten“ repräsentieren soll. Ich fresse ja ohnehin das meiste in mich hinein, da ist das wohl symbolisch für mein Leben, dort nichts ablegen zu können.

Ab dem Cruz de Ferro fing es dann am zu regnen und der Rest des Weges wurde ein Heidenspaß! Schlamm und Pfützen im Wechsel mit Geröll und Steinen, mal sehr steil bergab, mal nur steil, aber immer nass und rutschig. Wenn ich gewusst hätte, was noch auf mich wartet, hätte ich die Gelegenheit genutzt, in der Einsiedelei Manjarín einzukehren und mich kurz aufzuwärmen. Aber das passt zum Rest des Tages, also bin ich daran vorbei weiter bergab gestiefelt.

Riego de Ambrós ist zwar bisher mit weitem Abstand das hübscheste Dorf entlang des Weges, aber der Weg dahinter durch das „Nachtigallental“ war dann abenteuerlich. Wenn ich anfangs geschrieben habe, der Abstieg nach Zubiri wäre schlimm gewesen – am Arsch! Das heute war abartig und ist bestimmt auch bei schönerem Wetter kein Vergnügen. Der Pilgerführer warnt vor Blasen an den Füßen durch den langen und steilen Weg bergab, aber Blasen sind hier echt das kleinste Problem. Vor und hinter El Acebo läuft man fast durchgängig über losen Schotter und Geröll. Es ist stellenweise wirklich rutschig und man muss bei jedem Schritt aufpassen. Das ist schon anstrengend genug gewesen, aber im Nachtigallental wechselt der Untergrund dann zu glatt geschliffenen Steinen, auf denen meine Wanderschuhe kaum Halt finden. Ich bin mehr nach unten geschlittert, als gelaufen. Natürlich habe ich einmal kurz nicht aufgepasst, bin weggerutscht und hingeschlagen. Viel ist wohl nicht passiert, mein Knie tut nur unwesentlich mehr weh, als sonst auch und dick ist es auch nicht. Trotzdem musste ich dem Universum lautstark meinen Unmut kundtun und es anschreien. Laut. Wenn ich das vorher gewusst hätte, hätte ich einen Umweg in Kauf genommen und wäre entlang der Straße gelaufen. Hätte, hätte, Fahrradkette. Meine Fresse, war das eine Kacke.

In Molinaseca angekommen falle ich in die erste Bar im Ort. Ich friere – draußen ist es nasskalt und ich bin klatschnass geschwitzt. Aber hier drinnen ist es mollig warm, denn ein Kachelofen bollert fröhlich vor sich hin. Ich bin weder der erste noch der einzige, der Jacke und Oberteil um den Kamin zum trocknen drapiert. Dementsprechend halte ich mich eine ganze Weile mit Café con leche und Zumo de Naranja auf. Im Nachhinein frage ich mich ernsthaft, warum es mir überhaupt nicht in den Sinn kam, einfach für den Rest des Tages dort zu bleiben. Vielleicht lag es einfach daran, dass ich das „Schlimmste“ für diesen Tag schon hinter mir hatte. So oder so habe ich die Pause ordentlich gestreckt, bis mir dann irgendwann auch wieder halbwegs warm war.

Insgesamt habe ich für die Strecke nach Ponferrada auch ewig gebraucht. Klar, wenn es immer nur in Trippelschritten voran geht. Ich fühle mich, als hätte ich 100 km in den Beinen. Die Templerburg habe ich mir daher auch heute nicht mehr angeschaut, ich war froh, in der Herberge zu sein. Warm, trocken, Bett. Etagenbetten aus Holz, schön weiß lackiert, große Fenster, ein Badezimmer mit Badewanne! Wobei ich die ignoriert habe – einmal drin wäre ich wahrscheinlich nie wieder ohne fremde Hilfe da raus gekommen. Aber das Bett habe ich ausgiebig während eines Mittagsschläfchens ausprobiert. Ich war so müde…

Zum gemeinsamen Pilger-Abendessen habe ich mich aber dann doch noch aus dem Bett gequält. Auch wenn ich eigentlich gar keinen großen Appetit habe, ich muss nach meinem persönlichen Horrortrip heute was essen, sonst bin ich morgen völlig durch.

An der Burg komme ich ja morgen früh beim Weg aus der Stadt vorbei. Vielleicht ist‘s ja ein bisschen besseres Wetter und ich kann wenigstens ein paar schöne Fotos von außen machen?

3 Gedanken zu “Camino Francés Tag 28 – Mein persönlicher Tiefpunkt

    1. Oh, das Tal _ist_ wunderschön, keine Frage. Aber der Weg bis dorthin war an dem Tag für mich körperlich und vom Kopf her echt schwierig, da konnte ich es beim besten Willen nicht genießen. Musste auch ein paar Mal laut fluchen, gottseidank hat mich niemand gehört 😉

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