Camino Francés Tag 30 – Bügersteig-Blues

08. November 2018 – Villafranca del Bierzo – Ruitelán (19,3 km)

Heute Morgen bin ich nach einem leichten Frühstück eher semi-motiviert losgelaufen. Einmal unterwegs war es aber dann, wie bisher ja fast immer, völlig in Ordnung. Ich bin ganz entspannt bis Ruitelán gelaufen. Der Regen war heute nicht so schlimm, dass er groß genervt hätte. Auch der Weg an der Straße entlang war absolut ok. Nur alle paar Minuten mal ein Auto und dabei immer parallel zu einem Flüsschen. Seit Kerkeling die Strecke gelaufen ist und sich über den Verkehr und die Gefahr durch LKW ausgelassen hat, hat sich da bestimmt einiges getan. Die Straße ist baulich vom Camino abgetrennt und nicht weit entfernt gibt es eine neue Autobahn, die wohl den meisten Verkehr aufgenommen hat. Im Sommer ist die Strecke bestimmt toll. In dem Tal ist es schattig und es gibt sogar ein paar Stellen, an denen man runter ans Wasser zum Baden kann.

Zwischendurch begegne ich heute keiner Menschenseele, Ausnahme ist das französische Ehepaar, mit dem ich schon gemeinsam in Foncebadón in der Herberge war.

Der restliche Anstieg nach O Cebreiro war für mich nach knapp 20 km trotzdem nicht mehr so reizvoll, insbesondere bei Regen bzw. auf dem Pass bei über 1.200 m dann auch wieder Schnee. Und regnen tut es, inzwischen Bindfäden. Zwar hält mein Poncho das Gröbste ab, aber das Wetter trägt nicht eben zur Verbesserung meiner Stimmung bei. In Ruitelán habe ich mich daher in die einzige bzw. die einzige offene Kneipe geflüchtet. Es war dunkel und still, aber hinter der Theke stand eine wirklich alte Frau, die mich angrinste. Auch wenn der Laden ausgesehen hat, als wäre ich hute der erste und einzige Gast, habe ich mir bei einem Café con leche überlegt, wie der Rest der Etappe für mich aussehen soll. Die Abstimmung von meinem inneren Schweinehund, meiner Motivation und mir fällt einstimmig aus: Hier in Ruitelán steht mein Bett für diese Nacht. Dazu muss ich mir aber nochmal schnell meinen Poncho überziehen, will ich auf den 50 Metern bis zur Herberge schräg gegenüber nicht komplett nass werden.

Ich muss gestehen, ich hatte erst noch überlegt, den Rest der Strecke bis O Cebreiro heute noch mit dem Taxi zu fahren. Das werde ich aber morgen früh tun. Hier habe ich jetzt erst einmal eine nette, warme Herberge und ich muss oben am Pass nicht mehr suchen. Außerdem kann ich dann morgen früh ganz entspannt hochfahren und dann direkt loslaufen. Dadurch verliere ich nicht mal Zeit. Ich habe momentan überhaupt keinen Nerv, einen Berg hochzukraxeln. Für heute habe ich nicht mal mehr Lust, überhaupt noch einen Fuß vor den anderen zu setzen.

So oder so, der Aufenthalt bei den beiden Buddhisten Carlos und Luis in Ruitelán ist auf meiner Hitliste meiner Camino-Erlebnisse ganz weit vorne. Aber dazu morgen mehr.

Mein Pilgerpass ist auch erfolgreich „verlängert“ worden, das sollte jetzt dicke bis Santiago reichen. Heimwerkertipp: Deckblatt des zweiten Credential abschneiden und dann die erste Seite des neuen auf die ohnehin nicht für Stempel vorgesehene letzte Seite des alten kleben. Dann lässt sich alles nach wie vor wie eine Ziehharmonika zusammenfalten.

Schon komisch, wenn ich ab morgen durch Galicien laufe, ist quasi der letzte Abschnitt des Camino angebrochen. Wochenlang hat man hunderte Kilometer vor Augen, dieses Hindernis und jene schwierige Etappe und auf einmal stellt man fest, dass alles nur halb so wild ist. Schließlich haben den Weg schon hunderttausende, Millionen vor einem geschafft. Einfach jeden Tag loslaufen, der Rest ergibt sich, auch wenn zwischendurch die Motivation fehlt.

Jetzt sind es nur noch 168 km laut App bzw. 161 km laut Pilgerführer bzw. 181 km laut einem Schild hier im Ort bis Santiago de Compostela. Wobei ich den Entfernungen auf Straßenschildern hier schon seit Wochen nicht mehr traue. Ich glaube, da steht einfach irgendwas drauf, das passt nie… So oder so ist die restliche Strecke prima in einer Woche zu schaffen, vielleicht 8-9 Tage. Ich freue mich wirklich darauf!

3 Gedanken zu “Camino Francés Tag 30 – Bügersteig-Blues

  1. Das war übrigens mein absoluter Horrortag. Der zwar von der Straße getrennte Weg hat mich aufgrund seiner (damaligen?) Schräge beim Laufen fertig gemacht. Und es hat so heftig gegossen, dass meine Schuhe von innen nass waren. Jeder hat sein Päckchen zu tragen, scheint mir

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    1. Ich muss gestehen, dass ich an dem Tag ziemlich lange wie in einem Tunnel gelaufen bin – quasi im Automatikmodus. Ich könnte Dir nichtmal sagen, ob der Weg überhaupt schräg war… Nur diese komische Kombination aus Hotel und Rasthof, an der man irgendwann vorbeikommt, war „mal was anderes“.

      Dass jeder auf dem Camino seinen individuellen Tiefpunkt hat, bei dem man aber trotzdem immer denkt, dass es einem selbst genauso hätte ergehen können, finde ich irgendwie bemerkenswert.

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