Camino Francés Tag 33 – Zweistellig!

11. November 2018 – Sarria – Portomarín (23,3 km)

Heute fällt es mir wirklich schwer, etwas aufzuschreiben. Im Grunde war es ein absolut ereignisloser Tag. Aber: unter 100! Yeah! Gut, dadurch wird der Rest zwar nicht einfacher, es fühlt sich aber immerhin hervorragend an.

Irgendwann kommt man durch ein nicht weiter erwähnenswertes Dorf, das allerdings den netten Namen „Rente“ trägt. Spontan fallen mit 100 verschiedene Wortspiele ein, einige haben mit Norbert Blüm zu tun. Leider ist kein Mitpilger zur Hand, um zu dokumentieren, wie sicher Rente doch ist, wenn ich in Türsteher-Manier neben dem Ortsschild stehe. Ist aber wahrscheinlich auch besser so…

Unterwegs wieder meinem namenlosen Mitpilger aus Brasilien begegnet. Ich muss ihn endlich mal nach seinem Namen fragen, das ist ja albern und peinlich.

Laut meinem Pilgerführer gibt es vor Barbadelo eine lohnenswerte Abzweigung. Es heißt da zwar ganz klar, dass man hierfür über die Gleise muss und der Werg nach rechts weitergeht, aber ich muss gestehen, dass ich die Abzweigung in dem Moment nicht als solche wahrgenommen habe. Also ging es für mich auf dem klassischen Weg weiter – der aber auch schön war. Schön bergauf, in erster Linie aber optisch klasse, es ging weite Strecken durch Wald Hohlwege. Nur das letzte Stück der Etappe heute war ein bisschen langweilig, da es zwischen Feldern hindurch mehr oder weniger flach geradeaus ging. Immerhin sind die Felder und Wiesen hier in Galicien saftig grün und nicht erdig-braun, wie in der Meseta. Da hat das Auge hier definitiv mehr von.

Was aber absolut merkwürdig war – ich bin eigentlich schwindelfrei. Trotzdem wurde mir auf der Brücke über den Stausee nach Portomarín hinein irgendwie schwummrig, dabei ist die nicht mal allzu hoch. Habe mir sagen lassen, dass es wohl vielen Leuten so geht und das von einem besonderen optischen Effekt kommt. Wie auch immer…

Der Wasserstand des Sees war so niedrig, dass man sogar die Reste der mittelalterlichen Brücke und die Ruinen des alten Portomarín sehen konnte. Der See wurde zwar erst in den 1950ern angelegt, aber die alten Gemäuer sehen aus, als wären sie schon seit Jahrhunderten versunken.

Am Ende der Brücke geht es dann zu meiner hellen Freude eine Treppe hoch. Als Eingang des Camino Francés in das „neue“ Portomarín hat man hier einen der Bögen der alten Brücke wiederaufgebaut. Jetzt darf der Pilger also Stufe für Stufe diesen Bogen erklimmen und unter einer kleinen Kapelle, der Capela das Neves hindurch den Ort betreten. Eine meiner Erkenntnisse dieses Jakobswegs ist definitiv: Ich kann Treppen am Ende eines anstrengenden Tags auf Schusters Rappen immer noch nicht nicht leiden!

In Sarria starten für gewöhnlich diejenigen, die nur die letzten 100km bis Santiago „pilgern“. Man muss nämlich mindestens 100km Fußmarsch (200 mit dem Rad) in seinem Pilgerpass nachweisen, um einen Anspruch auf die Compostela zu haben. Um es den offenbar vielen Schummlern, die sich bequem mit dem Auto oder dem Bus von Ort zu Ort kutschieren lassen, um sich dort einen Stempel abzuholen zumindest ein bisschen schwieriger zu machen, braucht es ab heute auch mindestens zwei Stempel pro Etappe. Egal wo man nachliest, der Weg soll ab Sarria für gewöhnlich deutlich stärker bevölkert sein. Ich schiebe das auf die Jahreszeit, aber viel voller kommt mir der Weg nicht unbedingt vor.

In die Stadt gehe ich abends nicht mehr großartig. Zielsicher habe ich mir eine Herberge ausgesucht, in der ich mir einen riesigen Schlafsaal nur mit zwei jungen Frauen teile. Im Supermarkt um die Ecke hole ich mir ein paar Nudeln und fertig-Tomatensoße, das reicht mir für heute als Abendessen dicke aus. Da das Internet hier ganz gut funktioniert, surfe ich ein bisschen ziellos rum, lese Nachrichten und schreibe ein paar Emails. Ich weiß, wenig spannend, aber heute Abend ist mir nicht groß nach Gesellschaft.

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