Nächster Halt: Norwegen-Mitte

Ich habe schwer überlegt, mit welcher Tour ich meinen Blog fortsetze. Gut, es ist jetzt nicht so, als dass ich unendliche Möglichkeiten hätte und von unzähligen Urlauben an den entlegensten Stellen der Welt berichten könnte. Letztendlich habe ich mich für die chronologische Variante entschieden. Das heißt nach Schottland 2015 folgt jetzt meine Rundreise durch einen kleinen Teil Norwegens aus 2016. Wahrscheinlich werden es auch diesmal wieder zwei Teile. Viel Spaß beim Lesen.

Anreise und Planung

Viele Wege führen nach Norwegen. Will heißen: Hin kommt man immer irgendwie, aber welcher Weg ist der schnellste/beste/günstigste/schönste? Relativ schnell war klar, dass ich nur zweieinhalb Wochen Urlaub zur Verfügung habe, also fällt eine Tour von Süd bis Nord schon einmal raus. Dafür ist das Land zu groß bzw. „weit“, ich will schließlich viel Zeit an der frischen Luft verbringen und nicht nur im Auto sitzen. Also wird es Norwegens Mitte, wo es sich wander- und campingtechnisch voll austoben lässt. Bleibt die Frage, wie ich dort hinkomme. Richtig genial, aber ein Vorhaben für einen eigenen Urlaub wäre es, die ganze Strecke auf 4 Rädern bis Norwegen zu fahren. Einmal rund um die Ostsee, -zig 1000 Kilometer, durch 7 Länder inklusive Russland mit Visumspflicht. Also vollkommen utopisch. Fliegen geht natürlich auch, ob Oslo oder Bergen, Flüge gehen von Deutschland aus genug. Aber ich will mobil sein, also müsste ich vor Ort ein Auto mieten. Da ich aber längere Wanderungen vor habe, stünde der Mietwagen nur rum, kostet aber trotzdem Geld. Außerdem müsste ich mich vor Ort mit allem notwendigen eindecken. Was liegt also näher, als das eigene Auto vollzupacken, bis an die Küste zu fahren und dann gemütlich mit der Fähre nach Skandinavien überzusetzen? Auch hier gibt es wieder etliche Möglichkeiten von wo nach wo das Schiffchen fahren kann. Ich habe mich für die Variante von Hirtshals im Norden Dänemarks entschieden und habe Kurs auf Bergen genommen. Zum einen stand Bergen schon lange ganz oben auf der Liste der Städte, die ich irgendwann einmal besuchen möchte. Zum anderen ist die Stadt ein super Ausgangspunkt für die Route, die ich mir vorab schon grob ausgeguckt hatte. Hier schonmal vorab: Auf die touristischen Highlights Preikestolen, Kjerag und Trolltunga habe ich von vornherein verzichtet, da ich 0,0 Bock auf große Menschenansammlungen an solchen Orten habe.

Was die Kosten nur für die An- und die Rückreise angeht, sind die insgesamt drei Tankfüllungen für mein Töff-Töff und die Tickets für die Fähre insgesamt auch deutlich günstiger, als Flug plus Mietwagen. Den Sprit in Norwegen lasse ich außen vor, denn den hätte ich ja so oder so auf der Rechnung. Wobei das innerhalb der Hauptsaison und/oder an Wochenenden auch ganz anders ausschauen kann. Da ich aber Ende Mai und außerdem unter der Woche in See gestochen bin, war das in meinem Fall verhältnismäßig günstig, auch weil ich sehr früh gebucht hatte. Gerade für Familien könnte sich das lohnen, denn größter Kostenfaktor ist der Autotransport. Ich hatte einen Liegesitz dazu gebucht, denn die Fähre ging ganz entspannt über Nacht. Für mich völlig ausreichend, aber man hätte natürlich auch eine Kabine buchen können.

Wenn ich oben von Auto „vollpacken“ gesprochen habe, sollte man übrigens immer im Hinterkopf haben, dass Norwegen weder Mitglied der EU noch des Schengen-Abkommens ist. Die Freimengen des Zolls sollten unbedingt eingehalten werden, da man bei der Einreise unter Umständen kontrolliert wird, das kann sonst ganz schnell ganz teuer werden. Da der Großteil meines Gepäcks aber aus Klamotten, Rucksack, Zelt, Schlafsack und unspektakulären Fressalien bestand, gab es da für mich auch kein Problem.

Da in Norwegen viele Straßen, Brücken und Tunnel mautpflichtig sind, das ganze aber über ein automatisiertes System läuft (Kennzeichenerfassung), habe ich mich vorher bei AutoPASS angemeldet, d.h. das Kennzeichen meines Autos registriert. Das hat den Vorteil, dass die Abrechnung im Nachhinein schneller erfolgt (ansonsten läuft das vermutlich über eine Halteranfrage bei den deutschen Behörden) und man quasi direkt im Internet eine Übersicht darüber bekommt, wo und wie viel man bezahlt hat.

Letztendlich bin ich ganz entspannt morgens um 6 Uhr losgedüst, immer im Hinterkopf habend, dass ich bis 18:00 Uhr in Hirtshals am Hafen sein muss. Das Ruhrgebiet hatte ich im Wesentlichen schon vor dem schlimmsten Berufsverkehr hinter mir und selbst der Elbtunnel in Hamburg war verkehrstechnisch halbwegs ok. Ab Hamburg war es dann tiefenentspanntes cruisen bis an die Küste. Vor Ort hieß es dann erst einmal einchecken und dann warten, bis das Schiff überhaupt angelegt hat. Das Auto war auf dem Schiff dann innerhalb von 5 Minuten geparkt, da hat es deutlich länger gedauert, alles für die Nacht notwendige auszuräumen (also ein bisschen was zu Essen, Buch, mp3-Player, Zahnbürste, Kissen und Decke) und meinen Sitz zu finden. Oberdeck, Fensterplatz! …und da die Fähre maximal halb voll war, konnte ich mich auch noch quer über die gesamte Reihe ausbreiten. Luxusurlaub! Ich habe mich aber eigentlich nur zum Schlafen drinnen aufgehalten – das Wetter war 1A, da war ich die meiste Zeit draußen an Deck an der frischen Luft.

Fun Fact am Rande: Wenn man nachts wach wird, weil einem so ein Idiot mit einer Taschenlampe immer mal wieder ins Gesicht leuchtet… Dieser Idiot kann auch einfach nur ein Leuchtturm sein 😅

Bei der Ankunft in Bergen am frühen Vormittag hat es dann heftig geregnet. Was aber nicht überrascht, Bergen ist eine der Städte in Europa mit dem meisten Niederschlag überhaupt. Vom Schiff aus bin ich direkt aus der Stadt raus zum Campingplatz meiner Wahl in Haukeland, etwa 20 Minuten außerhalb. Bevor ich das Besichtigungsprogramm starte, wollte ich mich erst einmal häuslich einrichten. Zeltaufbau im Regen ist immer eher so naja. Nicht schlimm und ein bisschen Routine habe ich auch darin, aber es gibt schöneres. Aber der Platz direkt am Ufer eines kleinen Sees war traumhaft schön. Außerdem hatte ich tierische Gesellschaft.

Bergen

Am Abend habe ich mich noch mit einem jungen Pärchen aus Deutschland unterhalten, beide waren total frustriert, weil sie in 10 Tagen Norwegen nur Regenwetter hatten. Tja, was soll ich sagen – irgendwann nachts hatte es aufgehört, zu regnen. Zwar war mein Zelt quasi eine Insel in einer riesigen Pfütze, aber es war trocken und ab uns zu kam sogar die Sonne raus. Also nicht groß überlegt und nach der Morgentoilette gleich ab in die Stadt, Frühstück und vor allem Kaffee gibt’s da schließlich auch. Bergen bei Sonnenschein, ich Glückskind. Ich bin fast einen ganzen Tag durch die Stadt gestromert, Hafen, Fischmarkt, Bryggen, Festung Bergenhus, die kleinen Seitenstraßen mit den bunten Häusern. Da ließe es sich leben. Weil trotzdem irgendwann die Faulheit siegt, bin ich mit der Fløibane nach oben gefahren und habe, nachdem ich die Aussicht ausgiebig genossen habe, noch ein wenig in der Sonne gegammelt. Zurück nach unten in die Stadt ging es aber dann zu Fuß. Ich bin ein wenig schockverliebt, Bergen ist fast noch besser, als ich es erwartet hätte.

Hardangervidda

Auf der ganzen Tour habe ich immer wieder festgestellt, dass es hier in Norwegen noch viel mehr als in allen anderen Ländern, die ich bisher besucht habe, nicht nur darum geht A anzuschauen und B einen Besuch abzustatten. Nein, die Fahrt an sich ist schon ein Erlebnis. Vor allem ist es enorm entspanntes Fahren. Innerorts 50 km/h, außerorts fast überall 80. Nach ein paar Tagen ist mir aufgefallen, dass ich außerhalb Bergens noch nicht eine einzige Verkehrsampel gesehen habe. Alle 5 Kilometer könnte man anhalten und einfach nur die Landschaft genießen. Da ist es auch völlig wurscht, wenn man mal eine Stunde länger unterwegs ist. Für die norwegischen Baustellen sollte man immer ein Buch griffbereit haben – oder falls man müde ist, kann man auch gut die Augen zu machen. Es kommt nämlich häufiger vor, dass für eine gewisse Zeit immer abwechselnd eine Fahrtrichtung gesperrt ist. Je nach Länge der Baustelle (und das können gerne mal ein paar Kilometer sein) ist dann zwischen einer halben und einer Stunde Warten angesagt. Aber zum einen gibt es deutlich schlimmeres, als mitten in der Natur auf der Motorhaube zu sitzen und die Nase in die Sonne zu halten. Zum anderen sehen das hier alle auch extrem entspannt. Ich habe nicht einen getroffen, der sich darüber aufgeregt hätte. Gibt halt nur die eine Straße in diese Richtung. Da wird gebaut. Das passt Dir nicht? Kannst ja gerne 100 km Umweg fahren. Also immer ruhig Blut. Das gilt genauso für das Warten auf die Fähren, die man immer mal wieder nutzen muss, um weiter zu kommen.

Die Hardangervidda ist ein riesiges Hochplateau, nahezu vollständig ein Nationalpark und im Grunde komplett Menschenleer. Wenn man von einer handvoll bewirtschafteter Hütten absieht. Und den Wanderern natürlich. Gerade weil die Gegend so einsam ist gibt es hier – unglaublich, aber wahr – keinen Mobilfunkempfang. Wenn man hier schon alleine unterwegs ist (eigentlich wird empfohlen, mindestens zu zweit zu sein), dann sollte man einen Zettel im Auto hinterlassen: Wann ist man los? Wohin – zumindest die grobe Richtung – ist man gelaufen? Wann hat man geplant, wieder zurück zu sein? Name, Handynummer – geortet werden kann man auch ohne Empfang, solange das Handy an ist – und eine Notfallkontaktadresse. Mittel, um sich im Notfall bemerkbar machen zu können, sind auch zu empfehlen. Das geht von auffälliger Kleidung oder einer bunten Zeltplane, um aus der Luft besser erkennbar zu sein, bis hin zu einer Notfallpfeife. Die Dinger sind irre laut und können in offenem Gelände noch in mehreren Kilometern Entfernung gehört werden. Rufen ist nicht annähernd so laut und länger als eine Stunde hält man es auch nicht aus, in die Pfeife pusten kann man im Zweifel tagelang. Dass eine solche Tour nur mit vernünftiger Ausrüstung (ich rede nicht von teurem Profi-Equipment, es muss sinnvoll sein!) und ausreichend Nahrung bzw. Wasser angegangen werden sollte, versteht sich hoffentlich von selbst.

In Norwegen gilt, ähnlich wie schon in Schottland, das Jedermannsrecht. Das bedeutet, dass jeder auf nicht eingezäuntem, bewirtschafteten Gebiet sein Zelt aufschlagen und 48 Stunden bleiben kann. Im Sommer gibt es gerade in den Nationalparks Einschränkungen, was das Feuer machen angeht, aber jetzt im Mai war das kein Thema.

Südlich von Øvre Eidfjord gibt es am Ende einer verwundenen Piste einen Parkplatz gleich am Rand der Hardangervidda, von dem aus ich meine 4-Tages-Tour gestartet bin. Anfangs ging es grob in Richtung der Berghütte Vivelid. Danach ging es frei Schnauze weiter. Tag 1 und 2 jeweils so weit, wie ich gerade Lust hatte. Das Schöne ist, dass man ausschlafen kann und trotzdem viel vom Tageslicht hat – man merkt schon deutlich, dass die Tage auch hier im (noch nicht so) hohen Norden länger als zu Hause sind. Tag 3 war dann schon Rückweg und an Tag 4 habe ich noch einen halben Vormittag für den Rest gebraucht. Ich könnte mich schwarz ärgern, dass ich vorher vergessen hatte, den Akku meiner Kamera aufzuladen, daher gibt es kaum Fotos von der Tour. Ein Missgeschick, dass sich später in diesem Urlaub sogar noch einmal wiederholen sollte… Die Landschaft ist einmalig schön. Die Reste von Schneefeldern, die Flüsse – einfach eine unglaubliche Weite.

Zwar ist man in einer Hochebene unterwegs, aber das bedeutet ja nicht, dass es nicht auch hügelig ist. Trotzdem ist das Gelände für jeden geeignet, der halbwegs trittsicher ist. Über die größeren Flüsse führen im Verlauf der wenigen Wanderwege Behelfsbrücken, die wahrscheinlich nicht jedermanns Sache sind. Im Normalfall sind die Dinger wackelig und ein Geländer oder ein Seil zum Festhalten gibt es nur selten. Wenn man querfeldein unterwegs ist, muss man halt schauen, wie man an das andere Ufer kommt. Das Wasser in den Flüssen kann übrigens bedenkenlos getrunken werden. Ausreichend Wasser für die Tour hätte ich sonst auch gar nicht mitnehmen können. Im Zweifel kann man es ja auch immer noch abkochen.

Stabkirche Borgund

Von der Hardangervidda aus ging es dann erst einmal weiter über Geilo (spontan fallen mir ein Dutzend Flachwitze ein…) nach Osten. Übernachten wollte ich in Beitostølen. Auf dem Weg dahin kommt man an einer der ältesten Stabkirchen Norwegens, der Stabkirche in Borgund vorbei. Schon erstaunlich, dass ein Gebäude völlig aus Holz gebaut in dieser feucht-kalten Witterung Jahrhunderte überdauern kann. Das Äußere ist aber mit Bitumen auch gut versiegelt worden.

Gleich hinter der Kirche verläuft der alte Postweg Oslo-Bergen. Definitiv einen kurzen Ausflug wert, auch wenn es hier trotz Serpentinen recht zügig bergab und -auf geht. Ich bin dem Weg nur für vielleicht ein Stündchen gefolgt, da ich ihn eher zufällig entdeckt hatte und nicht groß etwas zu Essen und Trinken mitgenommen hatte. Wenn ich das vorher gewusst hätte, wäre vielleicht sogar eine schöne Tagestour drin gewesen.


So, Feierabend. Hoch die Hände, Wochenende. Nächste Woche geht es dann weiter mit meiner Tour durch Norwegen. Zunächst in den Nationalpark Rondane, bevor es an den Geiranger Fjord und dann wieder zurück in Richtung Bergen geht. Danke fürs Lesen und bis zum nächsten Mal. Gleiche Stelle, gleiche Welle.

6 Gedanken zu “Nächster Halt: Norwegen-Mitte

  1. Sonja M

    Alter Schwede, jetzt wirst Du mir aber langsam unheimlich… Pilgerer, Schottlandreisender, nun auch noch ein Norwegen-Tripp… Camping / Wandern / Naturerlebnisse, dazu bist Du wahrscheinlich auch noch ein verkappter Trekkie? Bin gespannt, was Du auf Deinem Blog noch alles servierst.

    Wir waren 2012 auch in der Ecke unterwegs, hatten aber leider nur eine Woche Zeit, da wir noch zu einer Hochzeit nach Schweden „mussten“. Dein Bericht macht Lust auf eine Wiederholung mir viel mehr Muße. LG Sonja

    Gefällt 1 Person

    1. Verkappter Trekkie? Also ich sag mal so…: Star Trek ist „schuld“, dass ich Luft- und Raumfahrttechnik studiert habe. Widerstand ist zwecklos 🤓🛸

      Für die nächsten Wochen nach Norwegen #2 habe ich noch zwei, vielleicht drei andere Touren im Hinterkopf, über die es sich vielleicht zu berichten lohnt. Lass dich überraschen! Aber irgendwann lande ich dann bei den Urlauben in Italien mit meinen Eltern und *das* will definitiv niemand lesen 😆. Gibt aber auch viele Reisen, die entweder schon zu lange her sind und/oder von denen ich so gut wie keine schönen Bilder habe. Oder die einfach denkbar unspektakulär waren.

      Die Nationalparks in Norwegen sind wunderschön. Wenn man dann anfängt, darüber nachzudenken, dass man vielleicht der einzige Mensch im Umkreis von X Kilometern ist, ist das schon irgendwie spooky…

      Liebe Grüße
      Stefan

      Gefällt 1 Person

  2. Pingback: Von Fjorden und Trollen – Stefans Spuren

  3. Pingback: Der Boden ist Lava! – Stefans Spuren

    1. Auch wenn ich bisher noch gar nicht allzu viel vom Land gesehen habe – es lohnt sich auf jeden Fall! …und mit dem St. Olavsweg gibt es sogar einen wirklich schönen Pilgerweg 😉

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