Von Fjorden und Trollen

(Norwegen-Roadtrip Teil 2)

Weiter geht es mit der zweiten Hälfte meiner Tour durch Mittel-Norwegen. Falls jemand nicht so unvermittelt einsteigen möchte, hier geht es zu Teil 1. Ansonsten wie immer viel Spaß beim Lesen.

Rondane

Von Borgund aus ging es für eine Nacht erst einmal nach Sjoe. Eine kleine Ortschaft gleich westlich des Nationalparks Rondane, in der es nichts besonderes gibt, außer einem Campingplatz direkt am Fluss Gudbrandsdalslågen. Und Mücken. Aber ich brauchte einen Anlaufpunkt, von dem aus ich am nächsten Tag meine mehrtägige Tour in den Nationalpark starten konnte. Den großen Nationalpark Jotunheimen habe ich links liegen lassen, aber die schneebedeckten Berge sehen schon beeindruckend aus. Aber, so gerne ich auch wandern gehe, alpine Touren sind nichts für mich. Hier gilt: Nur gucken, nicht rauflaufen.

Von Sjoa nach Mysusæter, weniger ein Ort, als eine Ansammlung von Ferienhäusern, und über eine kleine Piste geht es am nächsten Morgen zu einem Parkplatz mitten im Nichts, der direkt an der Grenze des Nationalparks liegt. Ich war einigermaßen geschockt – in der Gegend hätte ich im Lebtag nicht so viele Menschen erwartet, teilweise wurden ganze Busladungen ausgespuckt. Aber da die kurze Strecke bis zur bewirtschafteten Hütte Rondvassbu wirklich für jedermann geeignet ist, ist die Gegend Anlaufpunkt für viele Pauschaltouris, die mal die „Wildnis“ erleben wollen. Mein Auto wurde jedenfalls wieder mit einem „Ich bin unterwegs nach … und bin zurück am …“-Zettel ausgerüstet und los ging’s. Der Marsch zur Hütte ist wirklich ziemlich entspannt und doch nicht so bevölkert, wie befürchtet – viele Touris steigen aus ihrem Bus, laufen ein Viertelstündchen rund um den Parkplatz und weiter geht’s. Naja, wem’s gefällt. Aber die knapp zwei Stunden Spaziergang durch schöne Landschaft zur Hütte, an der es übrigens super Kaffee gibt, kann man ja niemandem zumuten. …und der schlimme Rückweg erst! Wer Ironie findet, darf sie behalten.

Rondvassbu jedenfalls liegt etwa in der Mitte des Nationalparks, malerisch an einem See. In unmittelbarer Nähe zu den Hütten darf nicht frei gezeltet werden, aber die Landschaft ist weit genug, so dass sich auch ein paar Gehminuten weiter eine schöne Stelle zum Zelt aufschlagen findet. Die Gegend gefällt mir nämlich so gut, dass ich spontan beschlossen habe, den Tag schon hier zu beenden und erst morgen weiter zu ziehen. Dafür erkunde ich die Gegend um den See inklusive Wasserfall und einem sich sehr breit machenden Flüsschen.

Am nächsten Morgen ging es dann wirklich los. Ich hatte zwei weitere bewirtschaftete Hütten als Check-Points eingeplant, nur für den Fall. Im Endeffekt bin ich aber nur grob in deren Richtung gelaufen, ohne sie anzusteuern. Von Rondvassbu ging es erst einmal nach Osten (Bjørnhollia) und später nach Norden (Øvre Dørålseter), von dort aus wieder zurück nach Rondvassbu. Nach ein paar Kilometern ist mir aber aufgefallen, dass ich zum zweiten mal auf dieser Tour vergessen hatte, den Akku meiner Kamera aufzuladen. Das ist mir echt noch nie passiert. Und dann gleich zwei Mal kurz hintereinander! Könnte mich in den Hintern beißen. Aber zurück zu laufen ist für mich auch keine Option und schicke Bilder dieser Gegend gibt es im Internet genug zu finden. Trotzdem, doof. Nur deswegen aber zu den Hütten zu laufen? Nee, darauf hatte ich auch nicht wirklich Lust.
(Wer sich wundert, weshalb der Akku wieder so schnell alle ist, soooo viele Bilder habe ich dann nämlich auch nicht geschossen: Wenn man Bilder über USB von der Kamera ausliest, geht die Kamera nicht in den Stand-By, solange man den Übertragungsmodus nicht von Hand beendet. Inzwischen gab es hierfür ein Firmware-Update, nutzt mir im Nachhinein aber auch nichts.)

Die gesamte Tour ging zum großen Teil recht gemächlich auf und ab, wirklich schlimme An- oder Abstiege gab es nur zwei Mal und da aber auch nur über kurze Strecken. Trotzdem kommen auf etwa 55 km etwa 3.000 Höhenmeter zustande. Die Landschaft ist wunderschön, teilweise fast schon Steppe, dann wieder über 2.000m hohe Berge. Aber da man sich im wesentlichen sowieso deutlich über 1.000 Meter bewegt, ist das halb so wild. Karge Steinlandschaften wechseln sich mit spärlichen Wäldchen ab. Zwischendurch kommt man immer wieder an Schneefeldern vorbei, die auch im Sommer nicht schmelzen. Das alles habe ich drei Tage lang für mich alleine. Mein Zelt schlage ich wieder mal dort auf, wo ich abends keine Lust mehr habe, weiter zu laufen. Dazu spielt auch noch das Wetter mit – zwar nieselt es zwischendurch immer wieder mal ein bisschen, aber meistens ist es trocken und ab und an kommt die Sonne raus. Ich bin fast schon traurig, als ich nach Rondvassbu zurückkomme und zu meinem Auto laufe.

Geiranger und Trollstigen

Nach meinem zweiten längeren Ausflug in die Natur ging es vom Landesinneren wieder zurück nach Westen. Streng genommen an die Küste, denn die Fjorde sind ja eigentlich Meeresbuchten. Wobei das offene Meer ja durchaus einige dutzend Kilometer entfernt sein kann 😉

Mein Ziel war Geiranger bzw. der Geirangerfjord, da zum einen landschaftlich auch wieder mal top und zum anderen gut in meine Route einzubinden. Ich hatte zuerst überlegt, noch weiter in den Norden bis Trondheim zu fahren, aber das wäre von der Strecke her irgendwann unentspannt geworden, schließlich muss ich irgendwann mein Schiffchen zurück erwischen.

Auch wenn ich mich hier laufend wiederhole: Die Fahrt nach Westen zum Fjord führt Mal wieder durch traumhafte Landschaft. Zwischendurch mal eine Fähre, auf der ich dann tiefenentspannt auf Deck in der Sonne liege. So lässt es sich wirklich aushalten. Aber je näher man Geiranger kommt, desto voller werden die Straßen. Wie immer, wenn etwas von welcher Institution auch immer gelobt oder ausgezeichnet wird, zieht es Heerscharen von Touristen an wie die Fliegen. Was im Lonely Traveller steht, ist halt danach leider nicht mehr lonely. Also zuckele ich die letzten Kilometer hinter diversen Caravans – nicht wenige mit deutschen Kennzeichen – und voll bepackten Minivans her. Der Plan für den Tag ist einmal mehr, einen schönen Zeltplatz auszukundschaften und dann für die weitere Erkundung loszuziehen. Da der Fjord sehr eng und halt leider auch sehr voll ist (vor Geiranger liegen zeitweise 3 (!) Kreuzfahrtschiffe gleichzeitig), muss diesmal wieder ein Campingplatz herhalten. Aber ich habe auch hier wieder Glück und erwische ein Plätzchen direkt am Wasser. Noch bevor ich das Zelt aufbaue, wird getestet: Eindeutig zu kalt, zum Schwimmen! Aber zumindest für die Füße eine willkommene Abkühlung.

Ausgeguckt habe ich mir letztlich eine kurze Tour, die mich zum Storsæterfossen bringen würde, einem schönen Wasserfall oberhalb von Geiranger. Der Aufstieg vom Ort aus ist einigermaßen schweißtreibend, da es stellenweise steil nach oben geht und es auch sehr schwül-warm ist. Aber was soll ich sagen – ich habe die Tour abgebrochen. Auf einem der Fotos kann man glaube ich ganz gut erkennen, wie die Kreuzfahrer die Luft verpesten, das die Maschinen ja die ganze Zeit über Strom erzeugen müssen. Auf einer gewissen Höhe liegt über dem gesamten Fjord eine dicke, stinkende Abgasschicht. Man riecht das Öl, man schmeckt es – es ist ekelhaft und ich bekomme Kopfschmerzen. Da ich keine Ahnung habe, wie lange der Weg noch durch den Abgasdunst führen würde, kehre ich kurzerhand um. Ich bin stinksauer. Es ist einfach eine riesige Sauerei. Aber die Diskussion über den Unsinn und die Umweltschädlichkeit von Kreuzfahrten hat ja inzwischen auch international Fahrt aufgenommen (auch wenn ich glaube, dass dieses Thema viel zu halbherzig angegangen wird…). Als ich wieder an meinem Zelt war, bin ich direkt duschen gegangen und habe meine Klamotten gewaschen. Vielleicht habe ich mir das nur eingebildet, aber ich bin den Ölgeruch einfach nicht los geworden.

In der Zwischenzeit hatte neben mir eine Grande Dame aus Frankreich ihr Zelt aufgeschlagen, die auch auf einem Roadtrip durch Norwegen ist. Als Rentnerin aber mit ein bisschen mehr Zeit. Schönes Beispiel dafür, dass man sich auch im betagten Alter noch in ein Abenteuer stürzen kann.

An dem Tag hatte ich jedenfalls keine große Lust mehr, überhaupt irgendetwas zu unternehmen. Also habe ich einen halben Tag auf der faulen Haut gelegen bzw. eher am Ufer in der Sonne gesessen, gelesen und Musik gehört. Ist ja schließlich Urlaub.

Am nächsten Morgen ging es dann mit dem Auto vom Fjord aus nach Norden, das Zelt blieb für eine zweite Nacht, wo es war. Ich hatte ausnahmsweise keine Lust auf eine größere Tour zu Fuß. Los ging’s über den Ørnevegen hin zum Aussichtspunkt Ørnesvingen. Abgesehen von der tollen Aussicht auf den Fjord, war mein Highlight der Motorradfahrer, der – um die beste Perspektive für ein Handyfoto zu bekommen – immer weiter Rückwärts trippelte, bis er direkt unter dem dort plätschernden Wasserfall gelandet ist. Hach, Schadenfreude ist die schönste Freude. Aber da Karma ja eine kleine, gemeine Schlampe ist, hatte ich danach natürlich ein angemessen schlechtes Gewissen. 🙂

Von hier aus führt die einzige Straße weiter nach Norden, bis man irgendwann an die Trollstigen kommt. Die Serpentinen machen sicherlich Spaß zu fahren, keine Frage. Aber auch hier ist ein touristischer Hotspot, inklusive Troll-Café, Troll-Souvenirs und Troll-Wanderweg. Nur einen echten Troll habe ich nicht gesehen, sieht man mal von dem einen oder anderen Touristen ab, der sich wie einer verhält. Auf dem Parkplatz am oberen Ende der Strecke reiht sich ein Bus neben dem anderen. Von weiter oben hat man die Straße gut im Blick – und damit auch die Wohnmobil-Reisebus-Polonaise, die sich dort hochquält. Idylle ist anders. Ich gehe noch ein bisschen links und rechts der Straße die Wege hoch, aber das macht alles keinen Spaß, wenn man immer wieder für sinnfreie Selfies posierenden Leuten ausweichen muss. Da wird der Weg auch gerne mal für eine komplette Foto-Session minutenlang blockiert. Ist doch egal, wenn hinter einem jemand wartet.

Das ist so nichts für mich. Erträglich wird es hier wahrscheinlich nur ganz früh morgens oder abends, wenn die Busse wieder weg sind. Da ich auf dem Rückweg nicht teil der Polonaise sein möchte, mache ich hier kehrt. Es geht zurück nach Geiranger, ein bisschen einkaufen. Den Nachmittag verbringe ich nämlich wieder chillig, diesmal ein bisschen außerhalb auf einer höher gelegenen Wiese (mit ausreichendem Sicherheitsabstand zur stinkenden Wolke) mit Picknick. So leicht lasse ich mir den Tag schließlich nicht vermiesen.

Festung Fjell

So langsam neigt sich mein Urlaub dem Ende zu und ich muss sehen, dass ich wieder in Richtung meines Ausgangspunktes komme, an dem übermorgen meine Fähre zurück nach Dänemark abfährt. Erstmal geht es daher an der Küste entlang nach Bergen. Ich weiß nicht, ob ich es nicht vielleicht schon einmal erwähnt habe, aber die Landschaft ist ein Traum. Als Ziel für meine letzte Tagestour habe ich mir die Festung Fjell ausgesucht, die einige Kilometer westlich von Bergen in der Schärenlandschaft liegt. Historisch gesehen ein Teil des Atlantikwalls, sollte sie den Hafeneinfahrt von Bergen schützen. Bis Ende der 60er Jahre war hier der Geschützturm „Bruno“ des Schlachtschiffs „Gneisenau“ verbaut. Die Reste des Geschützbrunnens (da steht jetzt ein Restaurant drauf) lassen erahnen, was das für ein Oschi war! In den Flanken des Hügels, auf dem das Geschütz stand, sind auch noch jede Menge Bunker und Schützengräben zu sehen. Soweit ich weiß, kann man sich das Innere der Festung zu Teilen auch anschauen und es gibt eine kleine Ausstellung zu der wenig schönen Entstehungsgeschichte und der Nutzung der Festung.

Aber ich war eigentlich hierher gekommen, da es einige schöne, wenn auch kurze, Wanderwege gibt und weil die Landschaft – mal wieder, sorry – toll ist. Diesmal wechseln sich Wald, Wiesen und schroffer Fels ab. Dazu ist es ordentlich zugig, der Nordatlantik hat heute eher schlechte Laune. Viele Leute sind hier nicht unterwegs, mit mir sind es vielleicht noch 4 oder 5 andere. Ich nehme an, dass der Ort einfach zu wenig bekannt ist bzw. für die Horden aus den Kreuzfahrtschiffen zu weit weg und zu uninteressant ist. Unterwegs treffe ich auf eine Pferdeherde, ich bin mir aber nicht sicher, ob die hier wild leben. Da das Land teilweise bewirtschaftet wird, nehme ich aber stark an, dass die Tiere sich hier einfach nur nach Herzenslust austoben dürfen. Unterm Strich ein schöner Tagesausflug und ein passender Abschluss meines Urlaubs.

Rückreise

Zurück ging es im Grunde genauso, wie hin – Fähre ab Bergen über Stavanger nach Hirtshals. Von da aus wieder mit dem Auto bis nach Hause.

Da ich ja quasi schon vor Ort war, hatte ich keine große Eile, früh zum Hafen aufbrechen zu müssen. Nach einem ganz entspannten Frühstück habe ich daher mein Zelt noch ein wenig sauber gemacht und es trocknen lassen. Den Kofferraum habe ich einmal komplett aus- und dann vernünftig wieder eingeräumt. Alles, was ich für die Überfahrt benötige, kam wieder in meinen Rucksack. Ich habe mir wirklich Zeit gelassen, war aber trotzdem noch viel zu früh am Hafen – die Fähre hatte knapp zwei Stunden Verspätung. Aber die Wartezeit lässt sich ja mit einem Nickerchen überbrücken.

Das Einschiffen ging dann genauso zügig und problemlos, wie auch schon bei der Hinreise. Da diesmal praller Sonnenschein angesagt war, habe ich meinen Kram nur schnell auf meinen reservierten Sessel geschmissen und bin raus an Deck, Sonne und frische Luft tanken. Es ist so herrlich draußen und die Fahrt zwischen den Schären hindurch kann man einfach nur genießen. Da brauche ich keine Kreuzfahrt, so!

Auch diesmal war das Schiff nicht annähernd voll belegt, ich konnte mich also auch diesmal wieder über eine ganze Sitzreihe ausbreiten. Ich bin ja lernfähig, also habe ich mich so eingerichtet, dass der blöde Leuchtturm mir diesmal nicht ins Gesicht leuchten kann.

Früh am Morgen erreicht die Fähre dann die dänische Küste. Runter vom Schiff geht genauso schnell, wie rauf, da hat die Crew ihren Laden echt im Griff. Aus dem Hafen ist der Weg auch schnell gefunden und die Autobahn ist auch nicht weit. Durch Dänemark ist das Fahren auf der Bahn (zweispurig, fast nur geradeaus, fast schon ungewohnt nach gut zwei Wochen kurviger Landstraßen) noch ganz easy-peasy. Aber ab der dänisch-deutschen Grenze hat mich der Alltag dann wieder! Wie auf Kommando wird gedrängelt, zu schnell und zu dicht aufgefahren, die LKW veranstalten Elefantenrennen. Aber ich lasse mich gar nicht darauf ein, schwimme locker auf der rechten Spur im Verkehr mit und bin abends dann ganz entspannt zu Hause.

In Norwegen war ich auch definitiv nicht das letzte Mal. Dann aber würde ich schon gerne auch den Norden kennenlernen. Trondheim, Narvik und die Lofoten, das Nordkap bis nach Kirkenes. Knapp 3.000 Kilometer, eine Richtung. Zurück könnte es vielleicht mit dem Postschiff gehen, die nehmen auch Autos mit 😉

2 Gedanken zu “Von Fjorden und Trollen

    1. Aber immer gerne doch. Das hat mir die Gelegenheit gegeben, nochmal in den Fotos und den Erinnerungen zu versinken.

      Ja, wenn ich mal irgendwohin auswandern würde, stünde Norwegen auf jeden Fall ganz oben auf meiner Liste. Nicht umsonst gehören die Norweger – wenn man diesen Umfragen glauben kann – zu den glücklichsten Völkern der Welt. Aber dort zu urlauben oder zu leben sind wohl zwei paar Schuhe. Auf jeden Fall hätte ich nichts dagegen gehabt, wenn ich meinen Urlaub (unbestimmt) hätte verlängern können…

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