Das Ding mit dem Þing

(Island Roadtrip Teil 1)

In den letzten Jahren haben es mir die nördlichen Regionen unseres Kontinents ja irgendwie angetan. Da liegt es nur nahe, dass ich auch 2018 nach dem Abstecher vor die Küste Afrikas im Vorjahr wieder in Richtung des Polarkreises schiele. Diesmal geht es bis an den äußersten Rand Europas – und wenn man so will, sogar darüber hinaus. Zumindest geologisch gesehen, denn es zieht mich nach Island, das zu einem Teil ja schon auf der amerikanischen Kontinentalplatte liegt. Zwei Kontinente in einem Urlaub hatte ich bisher nur in Istanbul. Also: Island, Land der Vulkane, Geysire, Pferde und Wikinger, von Eis und Schnee.

Landschaftlich hat mich diese Insel schon immer fasziniert. Wenn Schottland dünn besiedelt ist und Skandinavien menschenleer ist, dann ist die nächste Stufe nach Island der Mars (weil auf dem Mond schon zu viel los war). Naja, dass auch Island unter dem zunehmenden Tourismus leidet, ist aber auch kein Geheimnis. Unterwegs auf der Insel findet man alle paar dutzend Kilometer ein Hotel oder eine Bungalow-Anlage im Entstehen begriffen. Auch die typischen Touri-Ziele sind in der Saison wohl gut besucht.

Das ist für mich der Grund, wie auch bei eigentlich allen anderen Touren in den letzten Jahren, außerhalb der Hochzeit des Tourismus unterwegs zu sein, nämlich im Frühjahr, genauer: kurz nach Ostern. Mitteleuropäer haben dann keine Ferien, der Winter ist in Island auf dem Rückzug und für Kreuzfahrer ist es zu früh. Für mich also optimal, um eine gute Woche ein neues Land kennenzulernen und auszuspannen. …und ausspannen habe ich zu diesem Zeitpunkt bitter nötig. Spoiler: So toll und erholsam dieser Urlaub auf Island war, er war schlichtweg zu kurz, als das ich mich richtig hätte entspannen können. Kurzum, in diesen paar Tagen ist der Entschluss gereift, mich „beruflich neu zu orientieren“ und mir auf dem Jakobsweg über mich und meine Zukunft (und die Vergangenheit…) klar zu werden.

Wer hätte es sich denken können?! Der Urlaub beginnt mit der…

Anreise (und Sonstiges)

Die Anreise nach Island ist für Otto-Normalverbraucher wohl nur mit dem Flugzeug sinnvoll möglich. Ich kenne zwar auch Leute, die eine Überfahrt mit dem Schiff durchgezogen haben, aber – so toll das bestimmt ist – das ist wohl nur etwas für Leute mit gaaaaaanz viel Zeit. Vor Ort hält dann ein Mietwagen her, denn Busse fahren selten und auch nicht überall hin und Bahnen gibt es auf ganz Island nicht. Okay, dieselben Leute mit der Schiffspassage haben auch gleich ihren Geländewagen mit eingeschifft…

Nonstop jedenfalls fliegen gut und günstig einige Airlines von vielen deutschen Flughäfen nach Reykjavik-Keflavik. Der Flug dauert knappe vier Stunden, also alles noch im erträglichen Rahmen. Auch wenn die Bestuhlung in meinem Flieger so eng war, dass ich mir bei einem cm weniger die Knie hätte amputieren müssen. Aber groß zu sein hat ja auch Vorteile – bei Konzerten und im Kino hat mir noch nie jemand die Sicht versperrt. 😜

Der Flughafen Keflavik ist überraschend voll. Ich habe mir sagen lassen, dass viele US-Amerikaner die Insel als Zwischenstopp für eine Reise nach Europa besuchen. Man ist dann zwar nur ein paar Stunden im Land (das amerikanische Pendant zum asiatischen „Europa in 6 Tagen“), aber Hauptsache mal „da“ gewesen.

Vor der Abholung meines Mietwagens stand im Vorfeld schon die Frage, wohin ich denn überhaupt genau möchte? Im Norden der Insel herrscht noch General Winter und auch die Ringstraße nach Osten ist noch nicht sicher freigegeben. Vom Hochland im Landesinneren mal ganz zu schweigen. Das heißt a) es wird ein Roadtrip im Westen und Süden der Insel (wo sich dankenswerterweise auch die meisten der Ziele meiner „will ich mir anschauen“-Liste befinden) und b) ich brauche einen Wagen mit Allrad, der auch für unbefestigte Straßen freigegeben ist. Im Wesentlichen gibt es für Island nämlich drei Kategorien an Mietwagen:
Zum einen die normalen Autos, also mit Front- oder Heckantrieb, für Stadtverkehr und die meisten Verbindungsstraßen. Die zweite Gruppe bilden die Allradfahrzeuge, zum größten Teil die auf dem Kontinent verhassten, aber hier sehr nützlichen SUV’s. Allradantrieb und ein bisschen mehr Bodenfreiheit, sodass auch Schotterstraßen kein Problem sind. Aber mit denen darf man nicht ins Hochland fahren. Denn dafür gibt es die dritte Gruppe: voll taugliche Geländewagen. Allradantrieb, Geländereifen, Sperrdifferentiale und Untersetzungsgetriebe, teilweise mit Schnorchel und/oder Seilwinde. Denn der Begriff „Straße“ ist im Hochland sehr weit gefasst. Brücken gibt es schon mal gar nicht, dafür aber umso mehr Flüsse und Morast.

Aber da ich mich ja am überwiegend schneefreien Rand der Insel und im Flachland herumtreiben werde, reicht mir Kategorie 2. Das ist auch gleich der Grund, weshalb ich nicht mit dem Zelt unterwegs bin – Island hat, obwohl es größtenteils menschenleer ist – kein Jedermannsrecht. Das bedeutet, man darf keinesfalls überall zelten. Im Gegenteil, es ist häufig sogar strengstens verboten, da an vielen Stellen die Vegetation aufgrund des kalten Klimas Jahrzehnte braucht, um sich davon zu erholen, wenn ein unvorsichtiger Tourist irgendwo seinen Fußabdruck hinterlassen hat. Daher geht es an verschiedenen Orten wieder mal für jeweils ein paar Nächste in ein Hotel oder eine Pension und von dort aus zu meinen Wanderzielen bzw. Besichtigungen.

Nachdem ich auf dem überraschend großen Parkplatz in strömendem Regen endlich meine Pferdekutsche für die kommenden Tage ausgemacht und mein Gepäck untergebracht habe, brauche ich erst einmal einige Minuten, bis die Klimaanlage es schafft, die beschlagenen Scheiben freizupusten. Sobald ich „freie“ Fahrt habe, geht es über die einzige autobahnähnliche Straße der Insel nach Reykjavik. Die Fahrt dauert etwa eine halbe Stunde, aber schon nach wenigen Kilometern fahre ich rechts ran, weil ich denke, irgendetwas stimmt mit meinem Auto nicht. Es ist laut wie Hölle und vibriert ordentlich. Erst dachte ich ja, das mag am Fabrikat liegen, aber SO schlecht kann auch die von Mehmet Scholl beworbene Automarke nicht sein. Das Auto kann aber nichts dafür. Im Gegenteil, ich muss feststellen, dass Stollenreifen aufgezogen sind. Was angesichts der Straßenverhältnisse ja auch sinnvoll ist, aber für mich, der ich nur Winterreifen und wenn’s hochkommt Schneeketten gewohnt bin, ist das was neues. Beruhigt steige ich wieder ein, drehe die Musik halt ein wenig lauter und fahre weiter.

Reykjavik

Willkommen in der nördlichsten Hauptstadt der Welt! Hier leben etwa 130.000 Menschen. In der Metropolregion (irgendwie vollkommen überzogener Begriff bei dieser Größenordnung, aber so heißt das nun mal) etwa 230.000. Das ist wirklich nicht allzu viel. Für eine Hauptstadt ganz zu schweigen. Wenn man dann noch bedenkt, dass auf ganz Island deutlich weniger als 350.000 Menschen leben, kann man erahnen, wie leer der Rest der Insel zu großen Teilen ist.

Ich stelle jedenfalls meinen Wagen am Hotel ab, das sich etwas außerhalb befindet. Wobei „außerhalb“ bedeutet, dass ich 10 Minuten zu Fuß bis ins Zentrum laufe. Schnell eingecheckt, die Sachen aufs Zimmer gebracht und dann gleich los an die frische Luft. Es ist zwar schon früher Nachmittag, aber dass die Tage einige Wochen nach Frühlingsanfang hier im Norden schon deutlich länger sind, als bei uns zu Hause in Mitteleuropa, will ich ausnutzen. Netterweise hat es auch aufgehört, zu regnen.

Das erste, was mir zu Reykjavik einfällt ist „ankommen und wohlfühlen“. Die Stadt macht einen total sympathischen und familiären Eindruck. Ich ziehe eine große Runde von meinem Hotel runter an den Hafen, vorbei am Konzerthaus Harpa, rauf zum Alþingishúsið (dem isländischen Parlament), über die Einkaufsstraße Laugavegur und hoch zur Hallgrímskirkja. Der Turm hatte leider schon geschlossen, die Aussicht auf die Stadt musste also leider entfallen. Um zum Perlan, dem auf einem Hügel gelegenen Warmwasserspeicher der Stadt mit integriertem Einkaufszentrum und Aussichtsplattform zu laufen, war ich aber zugegeben auch ein bisschen zu faul. Dann lieber durch die Stadt tingeln.

Möglichkeiten zur Einkehr gibt es mehr als genug, also suche ich mir zuerst ein nettes Café für einen Kaffee und zum Abschluss ein lauschiges Plätzchen für ein Abendessen. …und ja: Island ist teuer. Aber wenn ich in München oder Hamburg bin, zahle ich auch nicht mehr. Ausnahme ist wahrscheinlich alles Alkoholische, das in allen nordischen Ländern ordentlich besteuert wird. Aber ich bin ja nicht hier, um mich zu besaufen 😄

Zu Foss in Island

Haha… Mörder Wortspiel… Entschuldigung 😇

Foss ist jedenfalls isländisch für Wasserfall. Und davon hat es hier jede Menge! Bevor ich mich aber zum „Golden Circle“, den Top-Touri-Attraktionen auf Island begebe, führt mich mein Weg erst einmal ein wenig nach Norden. Hraunfossar und Barnafoss sind mein Ziel, beide fußfreundlich nur ein paar dutzend Meter voneinander entfernt. Abgesehen von einem Parkplatz und einem Café, das allerdings geschlossen hatte, gibt es hier nur einen kleinen Rundweg, von dem man schöne Einblicke auf die Wasserfälle und die Landschaft drumherum hat. Das Besondere am Hraunfossar ist, dass er ohne einen dazugehörigen Fluss auszukommen scheint – das Wasser tritt ohne sichtbaren Zulauf direkt aus dem Boden aus und rauscht auf mehreren hundert Metern Breite zu Boden bzw. in den Fluss Hvítá. Den Grund hierfür kennt Wikipedia. Der Barnafoss ist dagegen ein fast schon gewöhnlicher, aber nicht minder fotogener Wasserfall, der in einem engen Becken ordentlich vor sich hin rauscht.

Bevor ich mein erstes „Basislager“ auf der Halbinsel Snæfellsnes im Westen Islands ansteuere, mache ich noch einen kleinen Schlenker zu den Thermalquellen von Deildartunguhver. Schon draußen am Parkplatz brodelt das heiße Wasser vor sich hin. Ich finde das beeindruckend, aus so direkter Nähe habe ich das noch nie erlebt. Im Umfeld der Quellen ist es so warm und feucht, dass hier sogar Pflanzen wachseln, die für gewöhnlich deutlich weiter im Süden zu finden sind.

Dass Isländer nichts für Strom und Warmwasser bezahlen müssen, weil die Energie ja quasi kostenlos aus der Erde kommt, ist übrigens eine Urban Legend. Es ist nur deutlich günstiger, als anderswo.

Nach einer Nacht in einem urgemütlichen Cottage und einem ausgiebigen Frühstück mit Blick auf den Nordatlantik habe ich mich am nächsten Morgen zur Erkundung der Halbinsel aufgemacht. Das Wetter spielt wie bestellt mit. Es ist zwar kalt und windig, aber sonnig. Wozu habe ich denn eine Windjacke? Also an das Ding und los.

Gleich um die Ecke meiner Unterkunft lag Lóndrangar, zwei imposante Felsnadeln in nicht minder imposanter Umgebung. In/an/auf den Klippen nisten hunderte Eissturmvögel. Sehen aus wie Möwen, sind aber keine. Geparkt werden kann hier an einem Parkplatz neben einer kleinen Holzkirche. Von hier führen eine Reihe Trampelpfade zu den Dünen und an die Steilküste. Der Wechsel zwischen sandigem Untergrund, unwegsamem Lavafeld und der Steilküste ist wirklich krass. Keine Ahnung, wie lange ich unterwegs bin, irgendwann setze ich mich einfach irgendwo hin, schaue in die Landschaft und genieße den Moment. Irgendwann turnen zwei Alpenschneehühner (sagt Google) um mich herum, die mit ihrem weißen Federkleid in all dem grün/braun/grau doch eher auffällig sind.

Einmal um den Snæfellsjökull herum, geht es an die Nordküste der Halbinsel. Eigentlich fahre ich recht ziellos durch die Gegend. Es ist wunderbares Wetter, inzwischen sogar angenehm warm. Ich habe Zeit und gute Laune. Das einzige, was ich mir anschauen möchte, ist das „Shark Museum“. Aber dazu gleich mehr. Auf dem Weg dorthin komme ich an dem sehr fotogenen Berg Kirkjufell vorbei, in dessen Sichtweite ich eine Kaffeepause mache. In weiser Voraussicht habe ich nämlich eine Thermoskanne mit dem flüssigen Gold dabei. Viele Ortschaften gibt es hier nämlich nicht, in denen es ein Restaurant oder Café geben könnte.

Das Hai-Museum ist klein und reichlich skurril. Früher sind die Fischer mit winzigen Nussschalen aufs Meer gefahren, um Grönlandhaie zu fangen. Das tut sich inzwischen niemand mehr an, die Haie sind inzwischen nur noch Beifang der großen Fischerboote. Laut Aussage meines persönlichen Guides (ich bin der einzige Besucher) sind es etwa 10 Tiere pro Jahr, die hier zu Hákarl verarbeitet werden. Diese isländische Spezialität kennt man auch unter dem netten Namen „Gammelhai“. Das Museum als solches zeigt die Geschichte des Haifischfangs im Laufe der Jahrhunderte und einiges über die Tiere an sich. Aber was das „wichtigste“ ist, hier kann man ein Stückchen Hákarl probieren. Ok, wenn es einem schmeckt, kann man das Zeug auch kaufen… Da Haie keine Nieren haben, sammelt sich Harnstoff im Fleisch. Es muss also fermentiert werden, damit sich die Giftstoffe zersetzen und um überhaupt essbar zu sein. Dabei bildet sich Ammoniak. Nicht gerade meine bevorzugte Geschmacksrichtung, entsprechend intensiv ist es und es bläst einem auch gleich die Nebenhöhlen frei. Die Isländer essen das Fleisch zusammen mit einem süßen Schwarzbrot, das ein bisschen an Pumpernickel erinnert. Je dunkler das Fleisch, desto intensiver der Geschmack. Ich probiere ein Mal hell und ein Mal dunkel. Das helle Fleisch geht sogar noch. Wäre aber definitiv nichts, was ich nochmal essen müsste. Das dunkle Stück hingegen… Holla die Waldfee!

Den Rest des Tages fahre ich wirklich nur noch der Nase nach, ein bisschen an der Küste lang, wo ich noch die Stykkishólmskirkja finde. Sehr spaciges Gebäude, leider verschlossen. Mir fällt auf, dass hier und da die Fahnen auf Halbmast wehen. Warum das so ist, habe ich erst später herausgefunden, sehr schön erklärt von Henrik Kristófer Hansson.

Anschließend bin ich ein bisschen im Wald spazieren gegangen. Ja, richtig, Wald. Dafür ist Island jetzt nicht unbedingt bekannt, an der einen oder anderen Stelle wird aber aufgeforstet. Nicht viel, aber es reicht immerhin, um mal ein Viertelstündchen von Bäumen umgeben zu sein.


So, Feierabend für heute. Mal schauen, ob ich den Rest in einem weiteren Beitrag unter bekomme oder ob es diesmal wieder ein Dreiteiler wird. Wir dürfen gespannt sein.

Danke fürs Lesen und bis zum nächsten Mal. Vertu blessaður!

5 Gedanken zu “Das Ding mit dem Þing

  1. Pingback: Überall Wasser – Stefans Spuren

  2. Sonja M

    Island war so ein Kindheitstraum von mir. Mit sieben hatte ich Jules Verne’s Reise zum Mittelpunkt der Erde zum ersten Mal gelesen. 2017 habe ich mir dann diesen Traum erfüllt und bin auch rauf auf den Snæfells, mit dem Buch in der Hand. Den Eingang zum besagten Mittelpunkt habe ich dann leider doch nicht gefunden 😉

    Danke für die schönen Bilder…

    Gefällt 1 Person

    1. Immer gerne doch 😀

      Jules Verne wollte ich immer schon Mal lesen, aber irgendwie ist es bisher bei dem Vorsatz geblieben. Aber die Geschichten kenne ich natürlich trotzdem und finde sie toll!

      Ich weiß, dass es da irgendwo in der Nähe eine Höhle gibt, in die man -zig Meter tief abgeseilt wird. Wenn man da falsch abbiegt, findet man den Eingang bestimmt. Aber das Dinosaurierfutter nicht vergessen!

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