Der Boden ist Lava!

(Island Roadtrip Teil 3)

Zugegeben, auf Island ist der Boden genau genommen ja überall Lava. Ist bei einer Vulkaninsel jetzt auch nicht so unbedingt ungewöhnlich. Aber die Tage, die ich im Süden der Insel verbringe, zeigen sehr deutlich, wer hier für die Dekoration zuständig war und ist. Lava immer und überall.

Ostwärts

Um nicht jeden Tag ewig weit zur Unterkunft und zurück fahren zu müssen, verlege ich ein letztes Mal. Für die nächsten Tage komme ich in Kirkjubæjarklaustur unter, einem Örtchen mit gerade mal 135 Einwohnern. Und einem Hotel. Aber nach der Anzahl der Autos auf dem Parkplatz und dem nicht eben vollen Frühstücksraum sind maximal 8 Leute hier. Ich kann also guten Gewissens behaupten, dass ich außerhalb der Rush Hour hier bin.

Auf dem Weg dorthin, also über die Ringstraße gegen den Uhrzeigersinn in Richtung Osten, komme ich auch endlich an Mr. Unaussprechbar vorbei, dem Eyjafjallajökull. aber ihr habt ja bestimmt fleißig geübt, da seid ihr ja jetzt Profis.

Außerdem liegt der Seljalandsfoss auf dem Weg. Wieder mal ein Wasserfall, aber ich mag Wasserfälle. Von der Ringstraße aus nur ein kurzer Abstecher von vielleicht 500m kann man unterhalb gut parken. Wie nahezu überall auf Island kostet das Parken bei den verschiedenen Sehenswürdigkeiten ein paar Euro. Das Geld wird aber soweit ich weiß, fast vollständig für den Unterhalt der Infrastruktur dort (also Wege, Absperrungen, Toiletten, Abfalleimer, usw.) genutzt, was ich komplett befürworte. Der Zugang an sich ist dann in der Regel kostenlos, da die Natur für jeden da ist..

Seljalandsfoss ist ein eigentlich sehr hübscher Wasserfall. Nicht besonders breit, hoch oder mit übermäßig viel Wasser. Aber man kann hinter dem Wasserfall entlang gehen. „Früher“, also ziemlich lange her, war hier die Küstenlinie und hat den Felsen ausgehöhlt. Seit Justin Bieber hier in einem Musikvideo rumgeturnt ist, ist das offensichtlich ein Hotspot für junge, zumeist weibliche Belieber. Jedenfalls glitschen einige dieser Spezies in ihren Sneakers vor mir durch den Matsch. Wasser + Erdboden = Matsch ist für viele wohl nach wie vor ein Mysterium.

Leider ist der Tag sehr grau in grau. Ich tue mich schwer, schöne Fotos zu machen. Daher lasse ich das irgendwann auch sein und laufe lieber, nachdem ich einmal den Schlenker hinter den Wasserfall gemacht habe, weiter nach Norden, immer entlang der Felswand. Wobei „immer“ jetzt so groß klingt, es sind vielleicht ein paar 100 Meter, weiter geht es nämlich nicht. Ich stehe am Ufer eines kleinen Flusses, den man bei niedrigerem Wasserstand sicherlich überspringen könnte. Aber so sehe ich mich geistig schon halb im Matsch, halb im Wasser liegen also lasse ich es gleich bleiben. Am anderen Ufer scheint aber ohnehin ein Bauernhof zu sein und über Privatgelände möchte ich nicht unbedingt tapern.

Aber an diesem Flüsschen versteckt sich auch ganz schüchtern noch ein Wasserfall, der Gljúfrabúi. Sehr schöner und passender Name, wie ich finde. Übersetzt heißt das nämlich Schluchtbewohner. Leider komme ich nicht bis in die Schlucht, da der Fluss auch hierfür zu viel Wasser führt. Zumindest mir. Vor mir versucht sich allerdings ein Pärchen aus den USA am Durchgang zum Wasserfall. Mit dem Ergebnis, dass SIE ihm, nachdem sie ins Wasser gestiefelt ist, Vorhalte macht, weil ER ja unbedingt dahin wollte. Ich frage mich allerdings, warum sie dann vorweg gelaufen ist? Hmmm…

Weiter geht es nach Osten, weiter zum nächsten Wasserfall, dem Skógafoss. Autofahrerfreundlich auch nur wenige Meter von der Ringstraße entfernt gelegen, auch wieder mit einem großen Parkplatz. Hier ist allerdings deutlich mehr los, insbesondere Asiaten werden hier Reisebus für Reisebus ausgespuckt. Zugegeben, das Wasser rauscht hier 60 Meter in die Tiefe und durch einen kleinen Knick, den der Fluss gleich unterhalb des Foss macht, kann man sich quasi direkt davor stellen. Das löst dann natürlich eine Selfie-Parade aus. Viele stehen dort mit Regenschirm. Ich verstehe nicht so wirklich den Sinn dahinter, denn die Gischt kommt vielmehr von der Seite bzw. von unten, da hilft der Schirm überm Kopf auch gerade Mal gar nix.

Da viele der anderen Touris den recht steilen Aufstieg über die Treppe neben dem Wasserfall scheuen – sie führt noch einmal gut 20 Meter oberhalb des Wasserfalls auf den Grat, ist also irgendwas zwischen 80 und 100 Metern hoch – ist dort zwar immer noch für meinen Geschmack mehr als genug los, aber die Reihen lichten sich. Immerhin.

Abgesehen von der obligatorischen Aussichtsplattform startet hier auch ein Wanderweg, der über die Hochebene von Fimmvörðuháls über 25km bis nach Þórsmörk führt. Etwa 5 davon nehme ich unter die Füße. So gerne ich auch weiter würde, der weitere Weg ist leider gesperrt. Da ich zu der Fraktion gehöre, die sich denkt, eine Sperrung wird sicher ihren Grund haben, und die an ihrer Gesundheit hängt, halte ich mich daran und mache mich auf den Rückweg.

Irgendwann auf halber Strecke treffe ich einen Niederländer, der mich bittet, ein Foto von ihm zu machen. Aber nicht irgendein Foto, nein! Er lässt sich überall fotografieren, wie er hochspringt und die Beine in den Schneidersitz nimmt, damit es aussieht, als würde er fliegen. Oder sowas in der Art. So also auch hier. Ich hätte mir dabei schon längst die Beine gebrochen oder wäre von einer Klippe gestürzt, aber ich bin ja was das angeht auch ein Körperklaus. Es folgt also eine längere Session, bei der ich aber scheinbar doch ein für ihn passables Bild hinbekomme. Zur Belohnung schießt er auch eines von mir. Deutlich weniger Dynamik, aber hey, irgendwas ist ja immer. 😄

Der Weg jedenfalls lohnt sich auf jeden (Wasser-)Fall. Im Grunde geht es überwiegend am Fluss entlang und alle paar hundert Meter gibt es einen davon. Zumindest bis zu dem Punkt, an dem es für mich nicht mehr weiter ging, führt der Weg immer sachte bergauf. Die Landschaft erinnert an die schottischen Highlands oder die Hardangervidda in Norwegen. Den ganzen Weg – am besten natürlich im Sommer bei schönem Wetter – bis nach Þórsmörk laufen und dort irgendwo sein Zelt aufschlagen (es gibt dort glaube ich einen Zeltplatz), das steht seither auf meiner Bucket List.

Strandbummel

Am nächsten Tag ging es für mich an die Küste, in Richtung Vík í Mýrdal, dem südlichsten Städchen Islands. Genauer gesagt, bin ich zum schwarzen Strand Reynisfjara und zum Felsenbogen von Dyrhólaey gefahren.

Reynisfjara war ein bisschen Kulturschock. Abgesehen davon, dass es echt voll war, war eine kleine Strandbar aufgebaut und aus großen Boxen wummerten Techno-Sounds. Es gibt in meinen Augen nur wenig, was noch schlechter in die Gegend gepasst hätte. Wie die Gestörten kletterten einige auf den Basaltsäulen rum und ein oder zwei wussten anschließend nicht mehr, wie sie von dort runter kommen sollten… Hier ist diesmal nicht Justin Bieber Schuld, sondern Game of Thrones. Der Strand war – neben so einigen anderen Orten auf Island – das eine oder andere Mal Drehort.

Nichtsdestotrotz sind die Felsformationen echt spektakulär. Und auch die Reynisdrangar, drei hintereinander stehende Felsen etwa 100 Meter vor der Küste – der Sage nach drei versteinerte Trolle die beim Versuch, ein Schiff an Land zu ziehen von der Sonne überrascht wurden – sind in der Brandung sehr schön anzuschauen. Auch der schwarze Strand an sich macht viel her.

Der Reynisfjara gilt im Übrigen als einer der gefährlichsten Strände der Welt, es stehen auch überall Warnschilder. Trotzdem gibt es leider regelmäßig Tote, aber Darwin hat halt recht… Nicht nur, dass es in unmittelbarer Ufernähe fiese Strömungen gibt, der Boden ist durch die Lava mitunter messerscharf. Mitunter treten auch spontan hohe, schnelle Wellen auf, die weit auf den Strand reichen und einen ins Meer ziehen können.

Aufgrund des Trubels ergreife ich aber zügig die Flucht und fahre ein wenig weiter nach Westen, nach Dyrhólaey. Die Straße dorthin ist mal wieder eine, in der sich Geländewagen und Allradantrieb auszahlen. Hier ist deutlich weniger bis fast gar nichts los. Oben auf den Klippen weht ein ordentlicher Wind, aber da es heute fast schon sonnig ist, ist das 1A Wetter. Meinen Hut lasse ich aber im Auto, sicher ist sicher.

Hier gibt es einen schönen Rundwanderweg. Hoch zum Leuchtturm mit wunderbarer Aussicht auf das Felsentor und den Strand bis direkt an den Rand der Klippen. Die Gegend ist als Vogelparadies angepriesen, aber die Papageientaucher sind natürlich immer noch in Winterurlaub, sodass ich wieder mit Eissturmvögeln und Möwen vorlieb nehmen muss. Ich bin mir allerdings nicht sicher, ob das reine Skepsis ist, die mir entgegenschlägt, oder ob die beiden von mir fotografierten Exemplare mir ihre Schokoladenseite zeigen wollten…?

Weites Land

Am nächsten Tag ging es an den Rand des Skaftafell-Nationalparks. Ziel war der Svartifoss, natürlich wieder mal ein Wasserfall. Aber heute war, wie man so schön und platt sagt, „der Weg das Ziel“. Die Ringstraße führt hier über alte und neue Gletscherläufe. Manchmal ist der Horizont wirklich nur eine gerade Linie, manchmal ist der Boden schwarz wie die Nacht. Man kommt auch an den Resten einiger Brücken und vor allem dem Denkmal der Skeiðará-Brücke vorbei, das an den Gletscherlauf von 1996 erinnert, der die Ringstraße in einem mehrere Kilometer breiten Abschnitt zerstört hat und zeigt, wie viel Macht dahinter steckt.

Auch die Lavafelder von Eldhraun liegen direkt an der Ringstraße. Total skurril – hier ist ein uraltes Lavafeld komplett von Moos bewachsen. Das sieht aus, wie auf einem anderen Planeten oder ob der Blob sich die Landschaft einverleibt hat. Zusammen mit den tief hängenden Wolken sehr spooky.

Am Rand des Nationalparks stelle ich mein Auto ab und mache mich auf den Weg zum schwarzen Wasserfall – dem Svartifoss. Der Frühling lässt hier noch auf sich warten, weshalb der Ginster der hier fast überall wächst und so ziemlich die einzige Vegetation darstellt, die über Kniehöhe reicht, bestenfalls als Gestrüpp durchgeht. Die Wanderung an sich geht am Anfang ordentlich bergauf und am Ende ordentlich bergab über gut 2km bis zum Wasserfall, der sich landschaftlich ein echt nettes Plätzchen zum Rauschen gesucht hat.

Der Rückweg über denselben Pfad ist dann leider weniger harmonisch. Das „Pfützenhüpfen“ den schmalen Pfad hinauf ist gar nicht mal sooo schlimm, wobei ich mich an zwei Stellen irgendwie am Gestrüpp festhalten muss, um nicht wieder runterzupurzeln. Aber zwei amerikanische F-15 üben gleich über mir den Luftkampf. Als alter Luftfahrtenthusiast finde ich ja grundsätzlich ein „flying display“ von fliegendem Gerät immer interessant. Aber die private Flugshow hier war doch ein wenig unangemessen, weil in erster Linie extrem laut.


Huh, das wird jetzt doch schon ganz schön umfangreich. Zu viel, um den Rest noch hier in einen Beitrag zu packen, wie ich finde. Daher mache ich für heute Schluss und lasse Euch ein paar Tage Zeit zum lesen und genießen, bevor ich dann mit dem 4. Teil meines Reiseberichtes um die Ecke komme.

Also, bis dahin!

2 Gedanken zu “Der Boden ist Lava!

  1. Sonja M

    „… dass SIE ihm, nachdem sie ins Wasser gestiefelt ist, Vorhalte macht, weil ER ja unbedingt dahin wollte. Ich frage mich allerdings, warum sie dann vorweg gelaufen ist?“

    Pssst, das ist Frauenlogik.

    Wieso weißt Du eigentlich, das Justin Bieber dort herumgeturnt ist…?

    Grandiose Bilder. Da möchte man sofort wieder hin.

    Gefällt 1 Person

    1. https://guidetoiceland.is/history-culture/5-reasons-why-you-should-not-travel-like-justin-bieber-in-iceland

      Mit ein wenig Augenzwinkern, aber auf jeden Fall lesenswert. Da ist auch das Video verlinkt – ein paar Locations meines Berichts erkennt man dort wieder.
      Im Frühling dieses Jahres ging auch durch die Presse, dass einige Orte aufgrund des großen Ansturms gesperrt werden musste, damit die Natur eine Chance hat, sich wieder zu erholen. Ich bin immer wieder erschüttert, wie hirnlos manche Menschen durchs Leben gehen…

      Gefällt 1 Person

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