Camino a Fisterra Tag 1 – Richtungsänderung

18. September 2020 – Santiago de Compostela nach Negreira (22 km)

So ein Pausentag ist ab und an wirklich nicht verkehrt – ich habe nicht nur extrem gut geschlafen, ich bin außerdem super erholt und freue mich wie Bolle auf den Tag heute. Dass das Wetter draußen nicht so pralle ist, ist auch eher zweitrangig, denn es ist zwar neblig, aber es regnet nicht. Schon wieder nicht, dem Wettergott habe ich offensichtlich irgendwann etwas Gutes getan.

Um 8 will ich mich mit Jann treffen, Frühstück gibt es im Hostel ab 7:30 Uhr. Das passt also prima und ich gönne mir noch ganz entspannt einen Kaffee. Weit habe ich es ja nicht, daher stehe ich um kurz vor 8 schon auf dem Platz vor der Kathedrale. In der Dämmerung und mit dem Nebel sieht das schon echt klasse aus. Die Praza ist fast menschenleer und durch die Lichtspiegelung auf den nassen Steinen wirkt das ganze doppelt so intensiv.

Pack mer’s

Um 8:05 meldet sich Jann, er sei in 10 Minuten da. Ich halte Warten zwar für verlorene Lebenszeit, aber es gibt nun wirklich schlimmeres, als hier an diesem Ort die Stille zu genießen und die frische Morgenluft tief einzuatmen.

Ab heute geht es Richtung Sonnenuntergang, also nach Westen. Auch wenn für die kommenden Tage zwar schönes, aber nicht übermäßig heißes Wetter angekündigt ist, sollte Schatten dann ab hier kein großer Mangel mehr sein.

Jann hat mindestens genauso gute Laune wie ich. Dass es gar nicht allzu lange dauert, bis man die Stadt hinter sich gelassen hat und durchs Grüne spaziert und dass es dabei auch noch bergab geht, sorgt für Hochstimmung. Wir blödeln die ganze Zeit rum.

Wer runter geht, muss auch wieder rauf, der erste Anstieg lässt dann auch nicht lange auf sich warten. Mein Frühstück liegt mir zwar ein bisschen quer, aber das bin ich inzwischen ja gewohnt. Durch den Nebel sind die Schritte bergauf einigermaßen schweißtreibend, aber oben angekommen entschädigt der Ausblick für alles – die Türme der Kathedrale stechen durch den Nebel und scheinen zu schweben. Die Stadt in den Wolken, Grüße an Lando Calrissian. Die Baukräne im Hintergrund stören etwas, aber wenn ich die retuschiere, ist das Bild ein klarer Kandidat, um bei mir zu Hause an der Wand zu landen.

Ansonsten ist die Strecke heute wieder einmal wunderschön. Viel Grün und selbst in den kleinen Ortschaften, durch die sich der Weg schlängelt, passt alles irgendwie zusammen. Der Nebel verzieht sich recht schnell und die Sonne kommt raus, wir pilgern bei angenehmen 23°, das rundet den Tag ab.

An meiner echt guten Laune kann selbst der verhältnismäßig lange und auch ein wenig steile Anstieg zum Alto do Mar de Ovellas (wie bei den Ortschaften in Spanien gilt: je länger der Name, desto unspektakulärer) nicht dran rütteln. Der kleine Berg zieht sich zwar und ich komme ordentlich ins Schnaufen, aber schließlich hat auch dieses Hügelchen ein Ende. Ich bin so gut drauf, dass ich sogar bergauf eine ganze Reihe Pilger überhole.

Aber gegen Jann ist das Kindergeburtstag. Entweder, er ist zwischenzeitlich gesprintet oder er hat eine Abkürzung gefunden. Denn als ich an der Bar hinter dem Hügel ankomme, sitzt er dort schon gemütlich bei einem Kaffee.

Es ist auch einiges los. Insgesamt begegnen mir mehr Pilger, als auf den letzten beiden Tagen vor Santiago zusammengenommen. Voll ist es deswegen aber noch lange nicht – und wahrscheinlich auch überhaupt kein Vergleich zu „normalen“ Zeiten auf dem Camino. Die meisten sind alleine unterwegs, ein oder zwei Pärchen sind dabei. Als wir vor der Bar sitzen, zieht eine Gruppe von sechs Pilgern an uns vorbei. Sie tragen alle ein gelb-blaues Shirt von irgendeiner Organisation tragen, sehen aber ansonsten sehr touristisch aus.

Absolutes Highlight heute ist der kleine Ort Ponte Maceira. Das ganze Setting – die grandiose Brücke, die Häuser, die Wiesen, der Wald im Hintergrund und der Fluss Tambre mit seinem Mini-Wasserfall – ist zusammen mit dem blau-weißen Himmel ein Traum. Es gibt nicht viele Orte, an denen ich einfach Mal so ein paar Minuten stehen bleibe und die Umgebung in mich einsauge. Der Ort hier gehört definitiv dazu.

Aufgeteilt

Bis Negreira ist es dann auch gar nicht mehr weit und unterm Strich auch wirklich gemütlich. Fit genug, um noch weiter zu gehen wäre ich auch. Aber ob die Herbergen in den nächsten Orten offen haben, wissen wir nicht. Bis zur Herberge, die Jann für heute ins Auge gefasst hat, ist es mir auf jeden Fall zu weit.

Ich hadere ein wenig mit mir selbst. Soll ich auf Risiko einfach weitergehen? Wenn ich in den nächsten Orten keine Unterkunft finde, wären es schlimmstenfalls knapp 35 Kilometer heute. Das wäre für diesen einen Tag ja auch zu verkraften. Aber wie geht es mir dann morgen? Außerdem ist das hier ja kein Wettlauf. Ich kann Jann absolut verstehen, da er sich Melina zuliebe stark zurückgehalten hat und er sich jetzt austoben möchte. Aber ich fühle mich jetzt nicht verpflichtet, mit ihm mitzuhalten. auch wenn das bedeutet, dass ich morgen zunächst alleine starten muss.

Wenn ich dann hoffentlich wie geplant kommenden Montag in Fisterra ankomme, sehe ich ihn dann spätestens wieder. Außerdem: Wer weiß schon, wen ich die kommenden Tage noch so alles treffen werde?

Nachdem wir uns verabschiedet haben, gehe ich ein kurzes Stück zurück, zu einer Herberge, an der wir vorhin vorbei gelaufen sind. Die macht von außen einen vernünftigen Eindruck, also warum noch groß nach einer Alternative suchen? Ich stiefele also rein und frage den Hospitalero, ob er noch freies Bett für mich hat. Seine Antwort „Da habe ich noch einige!“ ist zwar in erster Linie schön für mich, aber auf der anderen Seite auch wieder sehr traurig. Immerhin bin ich bei weitem nicht der einzige Pilger hier, aber von „voll“ ist die Herberge weit entfernt.

Meine Unterkunft trägt den schönen Namen „Alecrin“, auf deutsch also „Rosmarin“. Der Stempel zeigt mit ein bisschen Phantasie auch einen Rosmarinzweig. Aber was die Herberge mit der Pflanze zu tun hat, habe ich nicht herausbekommen.

Sparprogramm

Nach der obligatorischen Dusche und dem Wäsche machen gehe ich kurz einkaufen. Nicht, dass ich viel bräuchte, aber ein bisschen Obst für unterwegs wäre schon nicht schlecht. Außerdem habe ich Kohldampf, denn mein Mittagessen steht noch aus.

Ansonsten besteht der Rest des Tages dann irgendwie nur noch aus auf dem Bett gammeln, schlafen und essen – denn zum Abendessen gönne ich mir eine Pizza. Nicht nur, dass ich da echt Appetit drauf habe, direkt nebenan ist halt eine Pizzeria – die sogar irgendwie mit zu der Herberge gehört. Zwar könnte die Mafiaschindel ruhig ein wenig größer sein, aber sie ist dick belegt und lecker.

Danach wird wieder gegammelt. Gut, ein bisschen Tagebuch schreiben ist auch drin. Aber sonst ist das heute eher ein seeeeehr geruhsamer Nachmittag bzw. Abend.

6 Gedanken zu “Camino a Fisterra Tag 1 – Richtungsänderung

    1. Neben der Brücke in Ponte Maceira gibt es ein (gehobenes) Restaurant, dass seine Terrasse direkt am Wasser hat. Als wir da vorbeigekommen sind, hatte es leider geschlossen – aber es hätte auf jeden Fall das Potential, um dort eine ausgiebige Mittagspause zu machen und die Füße ins Wasser zu stecken. Wenn die dort Pilger überhaupt reinlassen 😃

      Auf jeden Fall war das einer der Tage, von dem ich guten Gewissens behaupten kann, viel besser hätte es überhaupt nicht sein können.

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