Camino a Fisterra Tag 2 – Der Berg ruft

19. September 2020 – Negreira nach Olveiroa (32 km)

Der Tag heute ist dreigeteilt. Zuerst kontinuierlich bergauf, das zweite Drittel fast bretteben und zum Abschluss noch ein echtes Schmankerl in Sachen Anstieg. Insgesamt sind es heute ungefähr 800 Höhenmeter, die es zu bezwingen gilt. Aber der Reihe nach. Denn heute morgen starte ich zunächst eher fremdinduziert schlecht gelaunt in den Tag. Es gibt halt immer Mal wieder Menschen, die ich gerne erwürgen würde. Selbst als im Allgemeinen sehr friedliebender Pilger…

Der Zonk geht in Tor 3

Mein Bett stand schräg gegenüber der Toiletten. Im Schlafsaal der Herberge gibt es drei absolut identische WC-Duschkombinationen nebeneinander, jeder Raum mit einer eigenen Türe und jeder mit einem eigenen Bewegungsmelder. Es reicht schon, wenn bei offener Türe jemand außen vorbeiläuft und es geht nicht nur das Licht automatisch an, sondern auch jeweils der nicht eben leise Lüfter. Abgesehen von der Lautstärke der Lüfter erhellt das Licht auch wunderbar meine kleine Schlafnische. Hätte ich vielleicht vorher drauf achten sollen, aber tagsüber lässt sich so etwas auch eher schlecht überprüfen.

Für das nun Folgende darf man sich zur Untermalung gerne mehrfach den entsprechenden Jingle des Zonk* vorstellen. Denn ich war mit ihm zusammen in der Herberge:
Ich weiß nicht, weshalb die Türen zu den Klos offen standen, letztlich ist es auch egal. Aber um kurz nach 5 Uhr war die Nacht für mich vorbei. Der Zonk musste nämlich aufs Klo. Der Zonk geht an Tor 1 vorbei. Licht an, Lüfter an. Der Zonk geht an Tor 2 vorbei. Licht an, Lüfter an. Der Zonk geht schließlich in Tor 3. Licht an, Lüfter an, kurz links und recht gucken, ob seine Entscheidung auch die richtige ist und dabei seinen Entschluss durch ein ordentliches Knallen der Türe kundtun. Anschließend wird lautstark im Stehen gepinkelt. Da in der Zwischenzeit Licht und Lüfter von Tor 1 und 2 wieder ausgegangen waren, wiederholt sich das Spielchen auf dem Rückweg des Zonk gleich noch zwei Mal, weil es so schön war. Derweil liege ich im Bett, starre an die Decke und frage mich, ob ich vielleicht bei der versteckten Kamera gelandet bin?

Falls hier jemand mit juristischem Hintergrund mitliest, ich frage für einen Freund: Wäre das eventuell Notwehr gewesen, den Zonk zu erschlagen? 🤬

Ich habe zwar noch Mal versucht, wieder einzuschlafen, aber im Endeffekt war die Nacht für mich vorbei. Also stehe ich schon um kurz vor 7 Uhr abmarschbereit vor der Herberge. Der Tag beginnt also sehr ausbaufähig.

Teil 1: Bergauf

Auch heute ist es in der Früh wieder neblig. Ich mag das. In Kombination mit der Dunkelheit führt das aber heute zu einem kleinen Problem:
Gleich hinter Negreira gibt es eine wohl sehr schöne Wegalternative durch den Wald, an einem kleinen Fluss entlang. An der Abzweigung schaue ich allerdings in ein schwarzes, nebliges Loch. Da ich verhältnismäßig wenig Lust verspüre, mir meinen Weg für die nächsten Kilometer zu ertasten, brauche ich nicht lange überlegen und gehe den regulären Weg. Der führt zwar zunächst parallel zu einer Straße – bzw. mangels Bürgersteig über selbige – aber um diese Uhrzeit gibt es überhaupt keinen Verkehr, da ist das nicht weiter schlimm.

Nicht viel später stehe ich dann allerdings wieder vor einem schwarzen Loch – und diesmal gibt es keine Alternative. Der Camino führt ab hier durch dichten Wald. Wenigstens habe ich offensichtlich bis hierher genug Höhenmeter bewältigt, so dass es nur dunkel und immerhin nicht mehr neblig ist. Ich könnte natürlich warten, bis es hell wird. Aber wozu habe ich denn eine Taschenlampe dabei? Also beschränkt sich meine Sicht auf die Welt für die nächsten 45 Minuten auf die paar Meter Weg vor mir, die mein Lämpchen ausleuchten kann. Da ich aber trotzdem aufpassen muss, wo und wie ich meine Füße setze, komme ich nicht unbedingt schnell voran. Aber lieber langsam, als sich die Knochen zu brechen.

Als es ein wenig heller wird, schalte ich die Lampe aus und lasse meine Augen sich an die Dunkelheit gewöhnen. Trotzdem ist der Märchenwald heute eher ein Gruselwald. Irgendwie erwarte ich fast, dass mich ein Wildschwein über den Haufen rennt. Oder ein Einhorn, die sind ja bekannt dafür, einem die Vorfahrt zu nehmen.

Wenn es irgendwann dann hell genug ist, ist der Weg einfach wunderschön. Aber es geht halt stetig bergan – und ich bin froh, dass ich das Stück gestern nicht mehr gegangen bin. Trotzdem bin ich meinem Unmut von heute morgen inzwischen komplett weggelaufen. Es wird wieder ein toller Tag.

Zum Frühstück kehre ich in einer Herberge ein, bei der ich glaube, dass Jann gestern bis hier gelaufen ist. Zumindest kommt es von den Kilometern her hin und es war bisher auch die einzige, die geöffnet hat. Es gibt Mal wieder mein obligatorisches Menü – Café con leche, frisch gepressten Orangensaft und ein Schokocroissant, das heute sogar noch warm ist. Das reicht mir wie immer für ein paar Stunden.

Teil 2: Flachland

Bis mittags begegne ich ansonsten keiner Menschenseele, keine Ahnung wo die ganzen Pilger von gestern abgeblieben sind. Wenigstens preschen irgendwann ein paar Radfahrer an mir vorbei, die aber eher so aussehen, als würden sie für die Vuelta trainieren und nicht pilgern.

Ich brauche inzwischen auch dringend eine Pause, einfach nur irgendwo hinsetzen und die Beine ausschütteln. Die Strecke ist heute leider sehr asphaltlastig, das geht auf die Knochen. Aber wie das halt so ist, heute früh bin ich an einer Bank nach der anderen vorbei gegangen, jetzt kommt gar keine. Nicht einmal ein Mäucherchen oder ein Stein, auf dem sich vernünftig sitzen ließe – und einfach an den Wegesrand setzen fällt aus, weil durch den Nebel alles noch patschnass ist.

In einem der kleinen Orte gibt es dann zwar auch keine Sitzbank oder eine Bar, aber immerhin steht auf dem „zentralen“ Platz ein steinernes Kreuz auf einem Sockel – und der Sockel hat Stufen. Yay! Als ich ankomme, sitzt dort schon jemand und pausiert, also gibt es Pause inklusive Unterhaltung. Yay! Julien kommt aus Lyon. Er hat den Francés ab Saint Jean eben Mal so mit links in 28 Tagen bewältigt und weil er so schnell war, hat er jetzt noch genug Zeit, weiter nach Finisterra zu pilgern.

Wie es halt so ist, führt der Camino keine 500 Meter weiter an einem hübschen kleinen Park mit Bänken vorbei. Gleich daneben zwei Bars, die ich dann aber natürlich gekonnt ignoriere. Auch wenn die Stufen nun nicht unbedingt die bequemste Alternative waren, das Gespräch mit Julien war es allemal wert.

Am Horizont taucht nach knapp 20 Kilometern eine große Wasserfläche auf. Das Meer ist es leider noch nicht, dafür fehlt noch ein gutes Stück Weg. Es ist „nur“ der Encoro Da Fervenza, ein großer Stausee.

Gefühlt jedes Dorf am Weg wird heute durch den liebreizenden Geruch nach Gülle bzw. Mist dominiert. Gerne auch mit ordentlich Kuhfladen neben und auf dem Weg. Ab einer gewissen Intensität wird der Geruch echt eklig. Passend dazu kommen mir zwischendurch auch immer wieder Traktoren mit Gülleanhängern entgegen. Ich texte Jann spaßeshalber an, ob vielleicht auf dem Rest der Strecke Besserung zu erwarten sei. Seine kurze und prägnante Antwort: „Nein“. Na, da freue ich mich aber.

Geruch hin oder her, irgendwann brauche ich dann doch noch eine Pause und etwas zwischen die Zähne. Die kleine Bar macht von außen zwar nicht viel her, aber die Betreiberin legt sich mächtig ins Zeug und ist ultimativ freundlich. Das Bocadillo, das ich mir als Mittagessen gönne, könnte auch besser nicht sein. Mit meinem Timing habe ich zudem noch Glück, denn kurz nach mir rollt eine weitere Vuelta-Trainingsgruppe an und bevölkert die Bar, inklusive langer Schlange am Tresen. Ich hätte nicht übel Lust, meine Pause hier noch ein wenig auszudehnen, aber die Gruppe ist mir einfach zu laut. Also esse ich gemütlich zu Ende und ziehe dann direkt weiter.

Teil 3: Echt jetzt?!

Nicht weit hinter der Herberge wartet der Monte Aro auf müde Pilger. Ich hatte mir heute früh das Höhenprofil der Etappe angeschaut und wusste also schon vorher, was mich hier erwartet. Trotzdem hätte auch die Eiger Nordwand vor mir auftauchen können, ich wäre nicht überraschter gewesen. Ich stehe am Fuß dieses Hügels, mehr ist es eigentlich nicht, und schaue ein wenig gequält nach oben. Der Name täuscht etwas, aber „monte“ kann im Spanischen halt nicht nur Berg, sondern auch Anhöhe bedeuten – das passt dann schon eher. Nur, dass es auf diese kleine Anhöhe halt etwa 150 Höhenmeter mächtig steil nach oben geht.

Ich stehe also unten am Hügel und verwünsche dieses Hindernis. Ich bin mittlerweile knapp 23 Kilometer unterwegs und inzwischen schon ein wenig fußfaul. Da ist dieses galicische Zentralmassiv das letzte, was ich jetzt vor mir haben möchte. Aber was hilft alles lamentieren? Irgendwie muss ich ja da rüber. Also tief durchatmen, und langsam einen Schritt nach dem anderen nach oben kämpfen.

Der größte Witz dabei ist allerdings, dass ich meinen Rucksack und mich dort überhaupt nicht hätte raufwuchten müssen! Das gelbe Buch kennt nämlich eine Alternative, die die Anhöhe teilweise umgeht und so zumindest die Hälfte der Höhenmeter einspart. Auch das habe ich natürlich vorher gelesen, aber jetzt, wo es relevant gewesen wäre, total vergessen. Die Alternative ist aber auch nirgendwo ausgeschildert. Das wäre wahrscheinlich aber auch gar nicht notwendig, denn ich hätte dafür nur der kleinen Straße weiter folgen müssen. Aber naja, das ist jetzt auch egal.

Oben angekommen, steht dort eine Bank hinter einem Windschutz. Auch wenn sie zum Verweilen einlädt, jetzt will ich auch nicht mehr. Ab hier geht es nämlich bis Olveiroa quasi nur noch bergab, daher beschließe ich, mich ins Ziel tragen zu lassen. Es sind zwar noch etwa 8 Kilometer bis dahin, aber ich will jetzt ankommen und nicht mehr groß Pause machen.

Zum ersten Mal habe ich heute wirklich, wirklich das Gefühl, dass die letzten 5 km sich wie Kaugummi ziehen, sie wollen einfach nicht vorbeigehen. Aber dank des traumhaften Wanderwetters ist auch das erträglich. Nur fangen meine Füße so langsam an, sich bemerkbar zu machen.

Teil 4: Füße hoch!

Ich war trotz der Überquerung des Himalaya wirklich zügig unterwegs. Trotz Dusche, Wäsche und eines Belohnungsbiers im Restaurant nebenan, habe ich es sogar noch zur Übertragung der Bundesliga-Konferenz geschafft. Gut, gelohnt hat sich das echt nicht. Aber als Kölner bin ich ja sehr leidensfähig…

Abendessen gibt es erst ab 20 Uhr, vorher bleibt die Küche im Restaurant kalt. Ich habe Kohldampf!! Solange darbe ich halt noch in meinem Bett und höre Musik bzw. surfe ein bisschen im Internet. Denn ansonsten gibt es um die Herberge herum nicht allzu viel zu tun bzw. es gibt generell nicht viel. Meine Füße brauchen auch ein bisschen Aufmerksamkeit. Ist zwar nicht schlimm, aber nach der langen Strecke über Asphalt wäre eine Massage nicht schlecht. Mangels Masseur muss ich hier zur Selbsthilfe greifen und knete ein bisschen auf meinen Zehen und der Ferse rum.

Auch wenn ich heute wieder der erste in meinem Schlafsaalzimmer bin, ich bleibe nicht der einzige. Gesellschaft leisten mit heute Francois und seine Freundin Etienne, an den Namen unschwer zu erkennen beide aus Frankreich, genauer aus Lille. Er ist Lokführer, fährt aber nur Regionalzüge und keine TGV, da er so jeden Abend wieder nach Hause kann und nicht irgendwo am anderen Ende Frankreichs in einem Hotel bleiben muss. Sie ist in erster Linie sehr still. Da sie kein Englisch spricht, ist das unterhalten mit ihr aber auch recht schwierig, Francois muss den Dolmetscher spielen.

Die beiden sind ebenfalls den Francés gepilgert, allerdings in Etappen. Zuerst Le Puy bis Burgos, das Jahr drauf Burgos bis León und dieses Jahr León bis Santiago – und jetzt halt auch weiter bis Finisterra.

Beim Abendessen kapituliere ich dann. Zweifach. Zum einen bekomme ich dem Kellner mit meinem rudimentärem Spanisch und seinem rudimentären Englisch nicht verklickert, dass ich die Speisekarte (Menu) möchte und kein Pilgermenü. Irgendwann bestelle ich dann einfach der Einfachheit halber, weil es lecker ist und Mal wieder Caldo Gallego als ersten Gang des Pilgermenüs. Ich glaube, dass ich diese Suppe liebe und mich reinlegen könnte, habe ich schon ein oder zwei Mal erwähnt. Heute wäre das wahrscheinlich sogar gegangen, denn mir wurde eine riesige, randvolle Suppenterrine auf den Tisch gestellt, aus der ich mir ungeniert 2,5 Teller herausgeschöpft habe. Da war bei mir mengenmäßig schon fast Ende, den 2. Gang hätte ich überhaupt nicht mehr gebraucht. Himmlisches Fresskoma.

Als ich gegen 21 Uhr vom Abendessen zurück ins Zimmer komme, ist schon Licht aus angesagt. Gut, dass an jedem Bett eine kleine Lampe ist, so brauche ich meinen Rucksack wenigstens nicht im Dunklen zu packen. Viel ätzender ist aber, dass alle Fenster zu sind. Das Rollo ist innen angebracht und verhindert es so, dass ich ohne größeren Aufwand an den Fenstergriff komme. Ich traue ich mich zuerst nicht, wenigstens eins der Fenster zu öffnen, weil das wohl nicht leise vonstatten geht. Aber als ich im Bett liege und die Luft nach und nach immer stickiger wird, wird es mir zu blöd. So leise es halt irgendwie möglich ist, schiebe ich das Rollo zur Seite, angele nach dem Griff und öffne einen Fensterflügel wenigstens auf kipp. Ob das wirklich viel hilft, weiß ich nicht. Aber auf jeden Fall sorgt es dafür, dass ich endlich einschlafen kann, da ich keine Angst mehr haben muss, mit einer CO2-Vergiftung morgen früh tot aufzuwachen.


*: Da vielleicht nicht jede(r), der/die hier mitliest in den 1990ern so TV-süchtig war wie ich:
Den Zonk gab es als Trostpreis in einer mittelmäßigen TV-Gewinnshow und ist irgendwie Teil der Popkultur geworden, als Sinnbild dafür, wenn jemand etwas ordentlich verkackt hat.

2 Gedanken zu “Camino a Fisterra Tag 2 – Der Berg ruft

    1. Ach… „Schlimm“ war es ja nicht, in dem Moment ist das halt einfach nur nervig. In dem besonderen Fall habe ich auch leicht an der Intelligenz des Menschen gezweifelt 🤦
      Sobald ich dann Mal unterwegs bin, steigt die Laune dann mit jedem Schritt.

      Den Zonk fand ich hierfür sehr passend. Freut mich, dass er Anklang gefunden hat 😀

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