Camino a Fisterra Tag 4 – Ans Ende der Welt

21. September 2020 – Cee nach Fisterra (12 km) und Kap Finisterre (3,5 km)

…und 3,5km wieder zurück nach Fisterra

Ganz gemütlich

Ich bin um kurz nach 7 Uhr von alleine aufgewacht, erholt und ausgeschlafen. Um Viertel nach 8 sitze ich immer noch in der Herberge und packe in aller Ruhe meinen Rucksack. Was soll ich mich denn auch groß beeilen? Es sind ja nur flockige 12 Kilometer bis nach Fisterra. Zum Kap bzw. zum Leuchtturm hoch, werde ich ja erst am frühen Abend gehen. Das wird heute also easy-peasy.

Das Licht der aufgehenden Sonne lässt die Bucht bei Cee sich von ihrer Schokoladenseite zeigen. Von etwas weiter südlich, in Corcubión, macht Cee auch optisch durchaus mehr her, als aus der Nähe betrachtet.

Bis Corcubión ist es wirklich lockeres Warmlaufen, immer schön an der Küstenlinie entlang und im Ort selbst dann über die Promenade. Es geht noch kurz durch das Örtchen, bevor ein unscheinbarer, seeeehr subtiler gelber Pfeil mich in einen Hohlweg schickt.

Hier rächt sich meine Hybris, von wegen easy-peasy! Denn es geht hier nicht nur bergauf, es geht steil bergauf. So früh am Morgen bin ich da echt noch nicht drauf vorbereitet. Das Hügelchen schafft mich. Oben angekommen, muss ich mich auf meinen Knien abstützen und keuche heftig.

Immerhin komme ich einen Katzensprung weiter zum ersten Mal in den Genuß, mein endgültiges Ziel zu sehen: Das Kap Finisterre, das Ende der Welt! Durch das Eingangsportal des Friedhofs San Roque sogar schick umrahmt. Wieder habe ich einen Klos im Hals. Allerdings freue ich mich auch total, dass ich ankomme. Dieser Weg war so, so, SO überdurchschnittlich toll, dann wird das heute die Krönung.

Quasi um die Ecke gibt die dichte Vegetation nicht nur den Blick auf das Kap, sondern auch auf Finisterra selbst frei. Der Ort liegt zum Greifen nah, allerdings ist da eine Menge Wasser zwischen, um das ich erst noch herumlaufen muss.

Einen kleineren Hügel geht es dann doch noch wieder hoch, aber der ist kaum der Rede wert. Dahinter liegt eine richtig schöne kleine Bucht mit einem tollen Strand. Wäre ich nicht zum Frühstück bzw. Brunch verabredet und müsste man nicht einige Höhenmeter runter (und dann auch wieder hoch) bewältigen, ich würde mich hier glatt in die Sonne legen wollen.

Was die Verabredung zum Frühstück angeht – mit Melina und Jann ist vereinbart, dass ich mich kurz vor Fisterra melde und sie schon einmal irgendwo, wo es lecker Frühstück gibt, einen Platz belegen. Sie hätten da schon was im Auge. Ich lasse mich überraschen.

Danach geht es teilweise an der Straße entlang, aber dann und wann verschwindet der Camino auch wieder im Wald – dann ist es wunderbar still und friedlich. Ganz leise rauscht das Meer im Hintergrund. Die Stille ist aber auch nur temporär, denn als ich auf Fabrice und Etienne auflaufe, geht das Geschnatter los. Die beiden sind genau wie ich in absoluter Hochstimmung. Das Thema Schnarchen spreche ich aber nicht an 😜 Übrigens habe ich Francois im Verdacht, der Zonk zu sein. Aber auch das habe ich ihm verziehen. Das Tempo der beiden ist mir aber deutlich zu langsam, also ziehe ich nach ein paar Minuten wieder an und lasse sie hinter mir. Nach Gesellschaft steht mir im Moment auch nicht der Sinn, ich möchte die letzten Kilometer gerne alleine genießen.

Der folgende und letzte Abstieg vor Fisterra bringt mich mit seinem losen Untergrund ein, zwei Mal ordentlich ins Rutschen. Gut, dass ich meine Stöcke habe, so kann ich mich damit wenigstens abstützen. Am letzten Tag, auf den letzten Metern noch die Haxen brechen, das wärs jetzt noch! Also weniger Träumerei von einem leckeren Frühstück und mehr Aufmerksamkeit für den Weg.

Unten angekommen habe ich dann die Wahl: Entweder direkt am Strand entlang oder über einen kleinen Weg (der Pilgerführer nennt ihn „Uferpromenade“) unter Bäumen hindurch. Im Nachhinein betrachtet, die einzig falsche Entscheidung der letzten zwei Wochen – ich gehe nämlich nicht an Strand entlang, da ich den Schatten unter den Bäumen ziemlich verlockend finde. Allerdings entpuppt sich die Promenade als ein schmaler, sich schlängelnder Weg, von dem aus man das Meer teilweise nicht einmal mehr sieht. Aber halb so wild, dazu habe ich ja später am Tag ja noch genug Zeit.

Da das Stück einigermaßen langweilig ist, teile ich der Vorhut meine voraussichtliche Ankunftszeit mit. Jann schickt mir daraufhin seinen Standort, damit ich die beiden auch finde.

Kurz vor Fisterra ruft jemand meinen Namen. Ich gucke zuerst total irritiert, denn ich kann weder richtig zuordnen, woher die Stimme kommt, noch sehe ich jemanden. Erst als ich schon denke, dass ich mich geirrt habe und ein paar Meter weitergegangen bin, ruft es erneut und ich sehe Julien auf den Felsen am Strand sitzen. Nein, ich habe keine Wölfe mehr gesehen. Er aber auch nicht.

Päuschen vor dem großen Finale

Ich bin endlich in Fisterra. Mir gehen zwar 1000 Sachen durch den Kopf und am liebsten würde ich direkt zum Kap gehen, aber nein – ganz in Ruhe ankommen, etwas essen, mein Bett in der Herberge beziehen und meine Fisterrana abholen.

Das mit dem Ankommen und dem Frühstücken erledige ich in einem Aufwasch. Schon durch das Fenster sehe ich Jann und Melina im Café sitzen, daneben ein freier Stuhl für mich. Die Umarmung fällt zwar ein bisschen knapp aus – ich bin einfach zu verschwitzt – aber ein großes Hallo gibt es trotzdem.

Allerdings habe ich schon ein bisschen das Gefühl in einem Alptraum in rosa gefangen zu sein. Die Kombination aus Blumenladen und Café ist an sich ja schon sehr eigentümlich. Aber die Innenausstattung übertrifft echt alles: Zartrosa gestrichene Wände, die Stühle ebenso rosa lackiert. Sitzpolster, Tischdecken und sonstige Deko werden von einem rosa-weißen Blumenmuster dominiert. Oh wow! 😳 Aber mir wurde versprochen, es lohnt sich. Also sattle ich ab, setze mich zu den beiden an den Tisch und atme erst einmal tief durch. Ich bin da!

Das, was die beiden da schon vor sich stehen haben, sieht schon sehr vielversprechend aus. Die Karte ist zudem sehr umfangreich, da lässt sich bestimmt etwas finden – und das tut es auch, ich schlage kräftig zu. Heute sind mir Kalorien sowas von egal! Einen großen Café con Leche, ein superleckeres Tostada mit Unmengen Tomaten, einen frisch gebackenen Schokomuffin und einen riesigen Vanille-Milchshake später kann ich guten Gewissens behaupten, dass mir nicht zu viel versprochen wurde.

Wir quatschen noch über dies und das, unter anderem den wenig netten „Stallgeruch“ unterwegs. Unvermittelt fängt Jann an zu singen: „Mief!“ von den Doofen. Hier weiß ich nicht, was erschreckender ist… Dass ich mir die CD damals sogar gekauft und immer noch zu Hause habe oder dass ich auch nach 25 Jahren den Text noch kann, auch wenn ich das Lied etwa genauso lange schon nicht mehr gehört habe. Au weia!
Außerdem planen wir den Tag noch ein bisschen. Das Touristenbüro, in dem es die Fisterrana gibt, macht erst um 12:30 Uhr auf. Bis dahin habe ich locker meine Herberge gefunden und mich geduscht. Die beiden wollen in der Zeit zum Strand runter, das habe ich mir für heute Nachmittag vorgenommen.

So weit weg ist meine Herberge nicht, als dass ich länger als 5 Minuten dorthin bräuchte. Ich bin allerdings ein wenig früh dran, die Hospitalera ist noch nicht mit dem Putzen fertig. Aber solange ich draußen die Schuhe ausziehe, darf ich trotzdem schon rein. Der Check-In findet aber erst statt, nachdem sie fertig ist. In der Zwischenzeit springe ich schon unter die Dusche und ziehe mich in Pilgerzivil um.

Ich bin ab und an echt der Welt größter Schussel. Denn beim Wäschewaschen richte ich eine so richtig schöne Sauerei an. Der Waschbottich im kleinen „Haushaltsraum“ ist nicht am Boden festgeschraubt oder sonstwie verankert. Beim Handtieren mit meiner Wäsche scheine ich irgendwie dagegen gekommen zu sein und das blöde Ding ein Stückchen verschoben zu haben. Wirklich nicht viel, ich habe ja nicht daran herumgeruppt, aber offensichtlich ausreichend, dass der Abfluss undicht wurde und die ganze Soße sich auf dem Fußboden verteilt. Na danke auch. Ich bin natürlich total schuldbewusst direkt zur Hospitalera, die aber nur meinte, ich wäre nicht der erste, dem das passiert und es ist gar kein Problem. Ja Gott, wenn ihr es doch wisst, schraubt das Teil doch fest!

Trotz der Überschwemmung stehe ich um kurz nach halb vor dem Touri-Büro, denn das liegt gleich um die Ecke. Nur rein komme ich nicht, denn die Türe ist abgeschlossen. Ich warte 5 Minuten, 10 Minuten – zum Glück stehen auf dem Platz vor dem Büro ein paar Bänke, auf denen ich mich in die Sonne setzen kann. Inzwischen warten bestimmt 10 Pilger auf ihre Urkunde und auch Jann und Melina gesellen sich zu uns. Da Julien, Francois und Etienne ebenfalls hier sind, habe ich alle meine Pilgerbekanntschaften, die es bis hierher getragen hat, um mich herum. Zu bequatschen gibt es mehr als genug und das ist richtig toll.

Zeit zum Quatschen haben wir auch mehr als genug. Die Verkäuferin des Ladens nebenan meinte auf Nachfrage „Och, die kommt schon irgendwann“. Mañana, schon wieder Mal. Tatsächlich taucht um kurz nach 13 Uhr in aller Seelenruhe eine Dame auf. Erste Amtshandlung: Verkünden, dass sie noch 5 Minuten braucht. Anschließend verschwindet sie im Büro und schließt hinter sich wieder zu. Aber wir alle, die wir hier warten, haben ja keine Eile. Niemand beschwert sich, im Gegenteil, die Stimmung ist gut und ausgelassen.

Irgendwann halte ich meine Fisterrana dann aber doch in der Hand. Sieht wirklich nett aus, das Stück Papier. auch wenn die „9“ im Datum ein wenig verunglückt ist. Bis ich wieder zu Hause bin, landet die Urkunde neben meiner Compostela im Pappröllchen bzw. im Rucksack. …und daheim dann letztlich wohl auch gemeinsam in der Schublade.

Jann, Melina und ich verabreden uns für 18 Uhr. Das ist mehr als genug Zeit, um sich im Supermarkt mit Fingerfood für ein Abendessen am Kap einzudecken, gemütlich zum Leuchtturm zu gehen, sich ein schönes Plätzchen zu suchen und unser Pilger-Picknick zu genießen.

Die Zeit dahin verbringe ich mit der Suche nach einem geeigneten Souvenir, das ich jemandem versprochen habe. An den Strand gehe ich zwar auch – und es ist wirklich schön. Aber ich bin hibbelig und will endlich los! Daher drehe ich eine Runde durch das Städtchen, wobei das recht schnell erledigt ist, so riesig ist der Ort nun nicht.

Ende

Es ist warm genug, dass ich in kurzer Hose hoch zum Kap gehen werde. Aber ich nehme mir eine Jacke mit, denn wenn die Sonne untergegangen ist, wird es bestimmt frisch. Viel, viel wichtiger ist es aber, dass ich meinen Stein einstecke. Ich will jetzt nicht sagen, dass ich deswegen überhaupt hier bin, aber es ist ein wesentlicher Grund.

Man soll ja nie hungrig einkaufen gehen. Wir tun’s trotzdem und machen uns schwer bepackt, aber leichten Schrittes auf den Weg. Für das leibliche Wohl ist mit Brot, Käse, Schinken, Wurst und vor allem mehreren Flaschen Wein (Grüße an Audrey, sie weiß welchen Wein ich meine – den gibt es übrigens auch sehr süffig als Weißwein) bestens gesorgt. So hat jeder von uns sein Bündel – bzw. eine Tüte – zu tragen. Wir werden definitiv weder verhungern, noch verdursten 😎

Melina beschwert sich zwar, dass es die ganze Zeit bergauf geht, aber das verbuchen Jann und ich unter „Persönliches Einzelschicksal“. Wir nehmen natürlich ein bisschen Rücksicht und schlendern eher, weit unterhalb unseres gewohnten Wandertempos. Trotzdem brauchen wir gerade Mal eine Deiviertelstunde bis oben.

Noch bevor wir am 0-km-Stein ankommen, schwenken wir links in einen großen Souvenirshop ein. Ich weiß gar nicht mehr, was die beiden anderen gekauft haben, ich jedenfalls habe jemandem aus dem Pilgerforum versprochen, nach einem bestimmten Kühlschrankmagneten zu schauen. Leider finde ich aber keinen, der auch nur annähernd der Beschreibung entspricht.

Am finalen Wegstein gibt es selbstverständlich für jeden von uns das obligatorische Foto. Aber ein paar Meter fehlen uns noch, denn natürlich suchen wir uns noch einen schönen Platz, um den Abend zu verbringen. Wir finden auch einen 1A Logenplatz, denn wir sind wohl zeitig genug dran und außer uns ist noch fast niemand da. Allerdings haben wir uns auch einen Platz oberhalb des Leuchtturms, auf dem Plateau, gesucht. Einfach aus dem Grund, dass es dort mehr als genug Platz gibt, auf dem wir uns ausbreiten können, die Steine flach genug sind, um uns gemütlich hinfläzen zu können und dass wir nicht noch durch die Klippen kraxeln müssen.

Ich stehe dort oben und schaue aufs Meer. Irgendwann hole ich meinen Stein aus der Tasche. Das passt – hier und jetzt. Es ist mir wohl anzumerken, dass mich etwas beschäftigt, denn Melina fragt mich, ob ich vielleicht eine Weile alleine sein möchte. Ganz im Gegenteil, ich finde es großartig, dass ich hier in Gesellschaft von Menschen bin, die den Großteil meines Weges von Porto bis hierher direkt oder indirekt begleitet haben. Auch heute noch werde ich ziemlich sentimental, wenn ich an diesen Moment – ach was, den ganzen Abend! – denke.

Ich hatte mir vorgenommen, den Stein mit Anlauf und einem Schrei in den Atlantik zu schleudern. Das mit dem Anlauf lasse ich aber bleiben, denn so viel ebene Fläche ist hier nicht und es geht auch unvermittelt recht steil und weit die Klippen hinunter. Dafür lege ich als Ausgleich halt noch mehr Schwung in meinen Wurf. Es mag blöd klingen, aber bevor ich ihn werfe, flüstere ich meinem Stein noch ein, zwei Dinge zu, die er gerne auf dem Weg nach unten mitnehmen darf. Anschießend segelt er in hohen Bogen mit Schmackes in Richtung Meer. Ich schaffe es leider nicht, ihn bis nach unten mit den Augen zu verfolgen, dazu ist er zu klein und der Weg zu weit. Aber ich bin sicher, dass er dort jetzt irgendwo in der Brandung für die nächsten Jahrhunderte bearbeitet wird.

Jetzt bin ich am Ziel. Ich fühle mich total befreit und bin in dem Moment der glücklichste und zufriedenste Mensch der Welt.

Die gelöste Stimmung ist überall spürbar, nicht nur bei uns 3en. Überall um uns herum sieht man glückliche Menschen. Es ist schwer zu beschreiben, aber irgendwie ist es eine große, aber sehr in sich gekehrte Party.

Wir quatschen die ganze Zeit. Was haben wir in dieser eigentlich kurzen Zeit – es sind schließlich gerade Mal ein bisschen mehr als zwei Wochen! – alles erlebt! Der Start im wunderbaren Porto. Pepe und sein strenges Regiment. Der traumhafte Aufenthalt bei Fernanda. Mais, immer und überall. Santiago. „Klassische“ Gemälde*. Wölfe, also zumindest ich. Jann zitiert mich fast wörtlich: Es ist kaum zu glauben, wie unfassbar weit weg der Beginn des Weges in Porto erscheint.


*: Das habe ich beim Schreiben das Artikels zur ersten Etappe nach Fisterra total vergessen gehabt, aber als ich meinen Tagebucheintrag zum großen Finale heute noch einmal gelesen und diesen Beitrag hier geschrieben habe, ist es mir wieder eingefallen:
Auf dem Weg nach Negreira sind Jann und ich an einer der vielen Ruinen vorbeigekommen. Davon gibt es in Spanien und Portugal am Wegesrand ja so einige in den unterschiedlichsten Stadien des Verfalls. Auf eine der Wände war mit neonroter Farbe ein Pimmel gesprüht, so wie ihn bestimmt jede/r aus Schulzeiten kennt. Janns ultimativer und knochentrockener Kommentar dazu: „Ach schau einer an. Ein klassischer Penis. So etwas sieht man heutzutage ja viel zu selten!“ Zack – Lachflash. Ich habe nie behauptet, nur über niveauvolle Dinge lachen zu können 😂🤷


Bis zum Sonnenuntergang füllt es sich um uns herum zusehends. Die meisten stehen und sitzen über uns an/auf der Terrasse des Hotels hier am Kap. Uns ist das aber herzlich egal, wir genießen unser Essen, genießen den leckeren Wein und die Welt dreht sich in diesem Moment nur um uns drei.

Den vollkommen perfekten Abend stören höchstens ein paar Wolken, die rechtzeitig zum Sonnenuntergang versuchen, die Sonne zu verdecken. Ganz schaffen sie es aber nicht. Wir genießen schweigend. Ich für meinen Teil habe heftigstes Kopfkino und das Programm besteht nicht nur aus Camino-Themen. Aber die meisten Gedanken sind positiv – von daher alles gut. Andere um uns herum klatschen und grölen, als auch das letzte kleine Fitzelchen Sonne hinter dem Horizont verschwindet. Melina „beschwert“ sich, die Sonne sei 3 Minuten zu spät dran, ihre Wetter-App auf dem Handy hätte den Sonnenuntergang früher angekündigt. Sollte noch ein letzter Rest Anspannung bei einem von uns vorhanden gewesen sein, ist er spätestens jetzt Geschichte, denn wir krümmen uns vor lachen. Wir raten ihr – alles Spaß natürlich – sich beim Universum über die Verspätung zu beschweren und ihr Geld zurückzufordern.

Auch wenn ich mich wiederhole – ich bin unglaublich privilegiert, dass ich einen so tollen Jakobsweg mit so unglaublichen, netten Menschen erleben durfte.

Ausklang

So schnell wie es sich vor Sonnenuntergang gefüllt hat, so schnell leert es sich im Anschluss. „Leer“ ist auch unser Stichwort, denn bevor unser mitgebrachter Weinvorrat leer ist, wollen wir nicht aufbrechen. Da Melina irgendwann genug hat, bleibt es an Jann und mir. Aber wir opfern uns natürlich vollkommen selbstlos.

Als es dann so weit ist, ist es schon länger stockdunkel. Wir schauen noch ein paar Minuten dem Leuchtturm beim Leuchten und den Lichtern der vielen Fischerboote auf dem Meer zu, bevor wir zusammenpacken und uns auf den Rückweg machen.

Wir haben zum Glück ausreichend Licht zur Hand – Taschenlampen und Handys sei Dank. So ist der Weg zurück nach Fisterra nicht sonderlich gefährlich. Ohne Licht allerdings ist es wirklich dunkel. Aber der Sternenhimmel ist einmal mehr gigantisch und wir bleiben zwischendurch ein paar Mal stehen, machen das Licht aus und schauen schweigend nach oben.

Auf halber Strecke plärrt auf einmal „Mief“ aus Janns Handy. Na danke auch. Ohrwurm. Da wir unter uns und außerdem einigermaßen angeschickert sind, singen wir natürlich lauthals mit. Ok – Jann und ich, Melina guckt nur sehr sparsam. Falls sich in der Dunkelheit doch irgendwo jemand verbirgt, Fremdscham ist uns gerade total egal. Weil wir gerade so schön dabei sind, geht es mit „Tuff, tuff, tuff, wir fahren in den Puff“ weiter. Aber da damit dann auch bei Melina die Schamgrenze erreicht ist, versprechen wir ihr, dass es jetzt aber auch gut ist. 🤪

An meiner Herberge angekommen, verabschieden wir uns. Die beiden fahren morgen mit dem Bus zurück nach Santiago und dann weiter nach Porto. Für mich geht es weiter nach Muxía. Aber da für die zwei noch ein Sightseeing-Tag in Porto ansteht, bevor sie am Freitag wieder nach Hause fliegen, haben wir am Donnerstag, wenn ich auch wieder in Porto bin, noch eine Chance, uns wiederzusehen. Das wollen wir direkt festmachen, also verabreden wir uns jetzt schon für ein Abendessen in Porto.

Die letzte Herausforderung des Tages ist für mich: Wie komme ich in die Herberge denn jetzt überhaupt wieder rein? Ich weiß, dass der Haupteingang abgeschlossen ist und ich habe den Zahlencode für die Hintertür. Aber wie komme ich zu der blöden Hintertür? Ich laufe zwei Mal um den Block, bis ich mehr durch Zufall einen etwa 1 Meter breiten „Weg“ entdecke, natürlich unbeleuchtet. Ab da war es dann einfach…

Todmüde, aber mega-glücklich mache ich mich bettfein. Ich zwinge mir noch einen halben Liter Wasser als Kater-Konter hinter die Binde, dann ist Feierabend für mich. Mein Kopf hat kaum das Kissen berührt, da bin ich schon im Schlummerland.

Als Resümee des Tages nur ein Wort: Schweinegeil!

4 Gedanken zu “Camino a Fisterra Tag 4 – Ans Ende der Welt

  1. Was für ein schönes Ende einer wirklich bereichernden Pilgerreise, wie mir scheint. Du bist so herrlich bei dir, das strahlt aus jedem Wort rüber.
    Freut mich, dass ich via Vino mit dabei war. Die Frage ist nur: welcher war es? Der günstige, den wir bei Jorge vernichtet haben oder doch der gute im Jutebeutel?
    Schön, dass es so ein Happy End war. Das Stück nach Muxia hast du mir dann voraus. Bin sehr gespannt! Das hole ich hoffentlich nächstes Jahr zusammen mit dem Ende des Norte nach.
    Audrey

    1. Danke für die lieben Worte 😊

      Der Wein war der günstige „Vino do Val“, den Covid mir bei Jorge vorenthalten hat. Aber günstig muss ja nicht gleich billig sein – ich fand den Wein lecker und Kopfschmerzen gab es am Morgen danach auch keine. Allerdings fand ich den Weißen süffiger, was aber wohl auch daran liegt, dass ich grundsätzlich lieber Weißwein trinke.

      Fisterra war die Kirsche auf einem Camino mit Sahnehäubchen. Muxia wird da ein wenig …anders… Ich habe mir aber ein ziemliches Luxusproblem mit diesem Jakobsweg geschaffen: Wie bitteschön soll ich das jemals übertreffen können? Aber „Camino provides“, da bin ich optimistisch. Wird dann halt positiv anders 😃

      Liebe Grüße
      Stefan

  2. Was für ein tolles Finale. Jetzt hast Du mich voll motiviert, auch bis zum Ende der Welt zu laufen. Vielen Dank für’s Aufschreiben, das war ein echter Lesegenuss. LG SonjaM

    PS: Bei der Auswahl der Lieder hätte ich wohl genauso sparsam geschaut wie Melina.

    1. Jawollja! Genau deswegen schreibe ich ja hier. Auftrag erfüllt 🤩
      Vielen Dank fürs Lesen und die wohlwollenden Kommentare!

      Es gibt durchaus Lieder, die gehen nur, wenn Alkohol im Spiel ist. Selbst dann sind sie sehr grenzwertig. Aber da sind mir Die Doofen noch lieber, als komplett hirnlose Mallorca-Ballermann-Songs zu grölen.

      Liebe Grüße
      Stefan

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