Meet the Pilgrims

Heute gibt es ausnahmsweise einen der seltenen Einträge, die mehrere Tage umfassen. Es gibt einiges zu erzählen, nur (leider) nicht genug, um für jeden Tag einen eigenen Beitrag zu verfassen.

Zuallererst aber ein bisschen Eigenlob: Das hier ist nämlich der 100. Beitrag auf meinem ja offenbar gar nicht mehr so kleinen Blog 🥳

Los geht es also am…:

23. September 2020 – Muxía nach Santiago de Compostela

Der einzige Grund, weshalb ich mir überhaupt einen Wecker gestellt habe ist, weil ich sonst Sorge gehabt hätte, dass ich die Check-Out-Zeit der Herberge um 9 Uhr verschlafe. Mit dieser kleinen akustischen Unterstützung schaffe ich es immerhin, um 10 nach 9 bei den Hospitaleros am Eingang zu stehen. Damit ich meinen Rucksack nicht den halben Tag lang sinnfrei durch Muxía tragen muss, darf ich ihn hier hinterlegen und nachher wieder abholen. Martina und Valentina tun es mir gleich, als die beiden mit mindestens genauso viel (oder eher wenig) Elan wie ich aus dem Schlafsaal kommen.

Bis unser Bus nach Santiago in einigen Stunden fährt, haben wir mehr als genug Zeit. Daher gehen wir jetzt als allererstes gemütlich frühstücken. Da sich Galicien heute wie so oft in den vergangenen Tagen von seiner besten Wetterseite zeigt, suchen wir uns ein Plätzen an der Promenade und setzen und in die Sonne.

Valentina mag nicht mehr laufen, Martina und ich schon. Unter anderem gilt es, einen Berg zu besteigen. Da muss der Kreislauf natürlich ein bisschen angefüttert werden, daher bestellen wir uns zusätzlich zum Frühstück noch eine angemessen große Portion Churros. Man gönnt sich ja sonst nichts.

Der Hausberg Muxías trägt den klangvollen Namen Miradoiro do Corpiño, aber er ist nun wirklich nichts, wovor man sich fürchten muss. Mit Valentina verabreden wir uns vor der Abfahrt noch auf einen Kaffee, dann ziehen wir los. Der Weg auf das Hügelchen geht moderat nach oben. Aber da Martina und ich uns einerseits angeregt unterhalten und andererseits sowieso alle paar Meter stehen bleiben, um die Aussicht zu genießen oder zu fotografieren, kommen wir nicht einmal ins Schwitzen. Wir sind in nullkommanix oben.

Die Sonne hat sich kurzzeitig hinter dusteren Wolken versteckt, die aber keinen Regen bringen. Bei diesem Licht sieht Muxía von oben irgendwie wie ein Dorf aus, dass so auch auf Island oder den Färöer Inseln stehen könnte. Der Ausblick auf das Meer, die Küste und natürlich auch das Heiligtum sind grandios.

Gleich im Anschluss spazieren wir runter ans Wasser. Auf dem Weg dorthin werfen wir nicht nur noch einmal einen Blick in die Kirche, sondern schauen uns auch das Prestige-Mahnmal genauer an. Abgesehen vom Gewicht und dem Aufwand, diesen Brocken (bzw. diese Brocken – es sind ja zwei Teile) hierher zu bekommen, ist die Zusammensetzung wirklich interessant. Im Internet gibt es wenig Infos darüber, irgendwo habe ich gelesen, dass es Granit sei. Aber dafür ist es viel zu porös. Ich glaube eher, dass das Material aus dem Meeresboden geschnitten wurde – man kann nämlich sehr gut ganz viele verschiedene Schichten erkennen.

Wir turnen ein wenig über die Klippen und schlagen uns zu dem kleinen Leuchtfeuer durch, dass unterhalb der Kirche steht. Auf dessen Sockel kann man wunderbar sitzen. Fast direkt am Wasser, aber doch so weit weg, als dass man von der Gischt nicht nassgespritzt wird. Zumindest bei Ebbe. Ich erwähne beiläufig, dass ich den typischen Geruch nach Meer total gerne mag. Bei Martina bricht sich in diesem Moment die Wissenschaftlerin Bahn, denn sie studiert Umweltwissenschaften in Siena: „Dafür ist unter anderem Dimethylsulfid verantwortlich!“ Wissenschaftlichen Pragmatismus mag ich übrigens auch. Das Mädel sieht nicht nur außergewöhnlich gut aus und hat Humor, sondern hat auch wirklich etwas auf dem Kasten. Wäre ich nicht vergeben und wäre sie nicht so jung (oder ich so alt…) – ich würde sie vom Fleck weg heiraten wollen. Auch ohne spontane Hochzeitsglocken sitzen wir eine ganze Weile dort, unterhalten uns über dies uns das, Berufsaussichten, das Pilgern, ihre und meine Heimat und schauen der Brandung zu.

Valentina sammeln wir anschließend am Hafen ein, wo sie sich gerade Graffiti bzw. Wandmalereien anschaut, die dort von verschiedenen Künstlern präsentiert werden. Zusammen setzen wir uns an den selben Tisch wie heute morgen schon. Mittagessen gibt es in dem Laden nämlich auch. Ich belasse es allerdings bei einem Bocadillo, von dem ich mir die Hälfte sogar noch für später bzw. unterwegs einpacken lasse.

Gesprächsthema sind die kulinarischen Spezialitäten, die es bei uns zu Hause gibt. Printen bekomme ich noch gut erklärt. Rheinischer Sauerbraten geht auch noch, da muss ich schon überlegen, was „Rosine“ auf englisch heißt. Aber der Poschweck bringt unsere gemeinsamen Englischkenntnisse an die Grenze. Wir einigen uns auf „Süßes Brot, das es zu Ostern gibt“, auch wenn das nicht ganz stimmt. Alternative Umschreibung: „Wie Panettone, nur doch irgendwie ganz anders.“

Nachdem wir unsere Rucksäcke wieder eingesammelt haben, gehen wir zur Haltestelle und warten. Der Bus nach Santiago kommt gepflegte 45 Minuten zu spät. Nach 30 Minuten werden wir ein wenig unruhig und fragen uns, ob heute überhaupt noch ein Bus kommt? Die Einheimischen beruhigen uns aber, die Verspätung sei nichts Ungewöhnliches. Na dann…

Das Warten bringt uns in den Genuss eines Slapstick-artigen Schauspiels:
Zwei Hunde kommen aus einem Hauseingang gelaufen. Eine Dame, die mit uns auf den Bus wartet, fängt sie wieder ein und bringt sie zurück nach drinnen. Das Spiel wiederholt sich etwa 4 bis 5 Mal und mit jedem Versuch wagen sich die Hunde ein Stück weiter weg. Da wird das Beinchen gehoben, dort wird sich an einem Baum geschubbert. Frauchen wird komplett ignoriert. Sie läuft den beiden jedes Mal hinterher und hat immer größere Schwierigkeiten, sie einzufangen. Dabei zetert sie auch mit jedem Mal ein bisschen lauter und intensiver. Wir können gar nicht anders, als uns kaputt zu lachen. Warum hat sie nicht einfach die Türe zum Haus oder dem Vorgarten zugemacht? 🤣

Damit nehmen wir Abschied von der Costa da Morte. Kaum sitzen wir im Bus, penne ich ein und schlafe wie ein Stein. Zumindest, bis ich unsanft geweckt werde, denn Martina schreit: „GUCK MAL! NEGREIRA!“ Jetzt bin ich wach und auf einem Ohr taub. Für die letzten paar Kilometer lohnt sich das wieder einschlafen auch nicht, also schaue ich Galicien dabei zu, wie es am Fenster vorbeifliegt.

Die Mädels steigen in Santiago eine Station vor mir aus. Sie beziehen eine Herberge um die Ecke der Altstadt, da sie morgen noch den Tag hier verbringen. Meine Unterkunft liegt ein wenig abseits in der Nähe des Busbahnhofs. Damit ich es morgen früh nicht so weit habe, wenn es zurück nach Porto geht.

Zum Abendessen sind wir aber alle wieder verabredet. Julien ist der große Koordinator für heute. Ich habe es gerade so geschafft, meine Herberge zu finden und mein Bett zu beziehen, da meldet sich auch schon mein Telefon: Julien trommelt die Truppe zu einem Nachmittagsbierchen zusammen. Ein bisschen Zeit für mich nehme ich mir allerdings noch. Zumindest schnell duschen gehen und danach ein wenig mit den Liebsten telefonieren, muss noch drin sein.

Juliens Wahl ist auf eins der Restaurants schräg hinter dem Parlamentsgebäude gefallen, d.h. wenn man die Straße nach rechts weiter durchgeht, kommt man zum Pilgerbüro. Als ich ankomme, sitzen schon er, Fabrice und Etienne draußen unter den Sonnenschirmen, vor sich jeweils ein kühles Blondes und eine Tortilla. Auf Kartoffeln mit Ei habe ich nun überhaupt keinen Appetit, zu einer Hopfenkaltschale sage ich aber nicht nein. Zu uns gesellt sich nach einiger Zeit noch ein französisch-spanisches Pilgergespann. Ich kann mich nur leider beim besten Willen nicht an die Namen der beiden erinnern, weiß nur noch, dass er Arzt ist…

Unser Sitzfleisch wird ausführlich getestet, denn für die nächsten Stunden bleiben wir hier sitzen. Da es für die meisten unseres Grüppchens der letzte Abend ist, wird ausgelassen, aber doch ein bisschen wehmütig gefeiert. Der Service könnte zwar ein wenig schneller sein, aber verdursten tut hier niemand.

Wir überlegen, wo wir denn im Anschluss gemeinsam zum Abendessen hin können, als Martina und Valentina auftauchen. Da sie ebenfalls einen Aperitif in Form eines großen Bieres bestellen, kommen wir jetzt sowieso nicht so schnell weg. Was liegt also näher, als einfach zu fragen, ob für uns alle drinnen – denn es wird mit Einbruch der Dämmerung doch langsam zugig draußen – noch Platz wäre. Die Kellnerin war anfangs doch arg mürrisch, im Verlauf der letzten Stunden ist sie aber aufgetaut und strahlt uns jetzt sogar an. Natürlich ist noch Platz! Es muss nur kurz „umgebaut“ werden. Nachdem drinnen der Radau von Tische- und Stühlerücken abgeebbt ist, greift sich jeder sein Glas und ab geht es rein.

Die eine Hälfte bestellt sich ein Pilgermenü, die andere à la Carte. Dazu lassen wir noch einiges an Fingerfood für alle auftischen. Einige wechseln von Bier zu Wein, die anderen bleiben dem Gerstensaft treu. Unser großer Tisch sieht ein wenig so aus, wie bei einer römischen Orgie. Es fehlt nur Nero, der Träubchen essend und Lyra spielend zu Tische liegt. Es ist so schade, dass keiner von uns daran gedacht hat, ein Abschiedsfoto zu knippsen.

Wir werden irgendwann rausgekehrt – der Koch stand schon eine ganze Weile hinter der Theke und hat sich mit uns unterhalten, aber dass er alle paar Minuten auf die Uhr geguckt hat, war nicht zu übersehen. Der Abschied draußen wird dann sehr feucht – und das liegt nicht nur daran, dass es in Strömen regnet. Aber noch muss ich mich nicht von allen verabschieden. Denn wie der Zufall es will, nächtigt die French Connection in der selben Herberge, wie ich. Mal ehrlich: Bei all den Herbergen, Pensionen, Hostels und Hotels hier in Santiago – und auch jetzt in der Pandemie sind nicht wenige geöffnet – wie groß ist bitte die Wahrscheinlichkeit, dass wir uns ausgerechnet die selbe Herberge, die ja auch nicht gerade zentrumsnah liegt, ausgesucht haben?!

Zur Herberge laufen wir bestimmt 20 Minuten. Ich hoffe ernsthaft, dass wir durch unser Gegacker unterwegs niemanden geweckt haben. Auch wenn – oder gerade weil – alle paar Meter einer von uns laut „Pschhhhht!“ macht. An der Herberge angekommen, sind wir allesamt pitschnass. Die besten Regenklamotten der Welt helfen nicht, wenn der Regen von der Seite kommt und man gleichzeitig durch knöchelhohe Pfützen waten muss. Ich bin froh, als wir ankommen. Noch viel froher bin ich, als ich realisiere, dass Francois und Etienne (Don Dezibel und Lady Schnarch-a-Lot, ihr erinnert Euch?) auf einer anderen Etage Quartier bezogen haben.

Julien fragt noch, ob ich morgen mit ihnen frühstücken möchte. Das kann ich allerdings nicht versprechen, denn ich muss sehr zeitig zum Busbahnhof – wenn die drei dann schon wach sind, natürlich gerne.

Ich mache die Tür zu meinem Zimmer vorsichtig auf. Als ich vorhin los bin, war ich noch alleine, aber wer weiß, ob in der Zwischenzeit noch jemand eingezogen ist? Aber nein, ich bin nach wie vor alleine. Prima, dann kann ich meine nassen Klamotten über Nacht ausbreiten und brauche morgen früh keine Rücksicht nehmen. Denkste! Kaum liege ich im Bett und dämmere so langsam in den Schlaf, kommt jemand lautstark rein, macht das Licht an – kein „hallo“, kein „sorry“ – Packt seinen Rucksack aus und geht dann duschen. Wobei er das Licht anlässt. Wuuusaaaaa, nur nicht aufregen. Lächeln und Winken. Ich bin allerdings viel zu verpeilt (alternativ auch: müde oder angetrunken), um wenigstens jetzt noch schnell meine Sachen zusammenzuräumen.


24. September 2020 – Santiago nach Porto

Offenbar bin ich trotz Flutlicht im Zimmer eingeschlafen. Denn das Nächste, das ich mitbekomme ist, dass mein Wecker klingelt. In dem selbst verursachten Chaos um mich herum finde ich mein plärrendes Handy nicht gleich. Im Zimmer ist es stockdunkel und selbst wenn der Lichtschalter in Reichweite wäre, würde ich vermutlich Rücksicht nehmen. Denn aus dem Bett in der anderen Ecke des Raums kommt leises Schnarchen. Also ertaste ich mir Waschbeutel sowie Handtuch und versuche nicht auf mein Zeug zu treten, das auf dem Boden verteilt liegt.

Als ich aus dem Bad komme, wird es draußen so langsam hell, da fällt es etwas leichter, den Rucksack zusammen zu packen. Wirklich leise bin ich dabei leider nicht, aber ich glaube auch nicht, dass ich den Kollegen geweckt habe, zumindest bleibt das Schnarchen gleichmäßig.

Unten im der Küche brennt schon Licht – Julien kocht sich gerade einen Kaffee. Die beiden anderen schlafen noch. Einen Kaffee trinke ich wohl noch mit. So richtig in Schwung kommt unsere Kommunikation heute Morgen allerdings nicht. Ich glaube, wir sind beide ziemlich niedergeschlagen, dass es heute für jeden von uns so langsam nach Hause geht. Da ich nach Porto zurück fahre, während es für ihn, Francois und Etienne zum Flughafen von Santiago und von da aus nach Frankreich zurückgeht, ist es leider kein Auf Wiedersehen, sondern ein Lebewohl.

Es regnet zwar nicht, aber der Himmel über Santiago ist heute grau in grau. Ein bisschen passt das schon zu meiner Stimmung. Andererseits freue ich mich total auf heute Abend, wenn ich Melina und Jann wiedersehe.

Am Busbahnhof bin ich viel zu früh. Jetzt ist das nicht unbedingt der schönste Ort der Stadt, um Zeit zu verbringen, aber ich wollte ein bisschen frische Luft, bevor ich dann vier Stunden in einem muffigen Bus sitze. Ich haue mich auf eine der Bänke, stecke mir die Kopfhörer in die Ohren und blende die Welt um mich herum aus. Deutsche Pop-/Rockmusik ist ganz oft nicht mein Fall (abgesehen von der Besten Band der Welt natürlich 🤘), aber heute höre ich mir ein Lied in Dauerschleife an, dessen Text wie gemacht für einen Jakobsweg sein könnte – Legenden von Max Giesinger:

Wenn die Erde sich zu langsam dreht
Dann laufen wir so schnell es geht
Dahin, wo die Straßen endlos sind
Und keiner unsre Namen kennt
Lassen nur ein Stück Papier zurück
Auf dem geschrieben steht: Wir sind jetzt weg
Suchen den Moment, wo alles stimmt

„Legenden“ von Max Giesinger

Ich bin zwar versucht, mitzusingen, aber bei so vielen Leuten um mich herum, lasse ich das lieber sein 😅

Der Bus ist pünktlich da und wäre bestimmt sogar pünktlich abgefahren. Aber ein Pärchen, dem Akzent nach aus Osteuropa, will partout nicht einsehen, dass ihre großen Wanderrucksäcke kein Handgepäck mehr sind. Sie diskutieren bestimmt 10 Minuten mit unserer Busfahrerin und den Fahrern der Busse links und rechts daneben.

Schon als ich in der Schlange hinter den Diskutanten stehe, merke ich, dass ich Kopfschmerzen bekomme, und das nicht zu knapp. Im Bus mache ich es mir so bequem wie möglich und mache direkt die Augen zu. Das nächste, das ich sehe, als ich die Augen aufmache ist irgendein kleiner Parkplatz, der mir auf Nachfrage, wo wir denn seien, als Vigo identifiziert wird. Da weder dieser Parkplatz, noch die nächsten Kilometer zur Schokoladenseite von Vigo gehören, mache ich die Augen einfach wieder zu.

Weg gehen die Kopfschmerzen durch den Schlaf zwar nicht, aber es ist immerhin so weit besser, dass ich nicht mehr das Gefühl habe, mir würde der Kopf platzen. Schlafen mag ich aber auch nicht mehr weiter, also schaue ich aus dem Fenster.

Als die erste Brücke ins Blickfeld kommt, die bei Porto den Douro überspannt, muss ich an den Beginn meiner Reise vor gut zweieinhalb Wochen denken. So sehr ich mich auch auf heute Abend freue, um so mehr freue ich mich mittlerweile auf zu Hause meine Familie und meine Freundin.

Aufgrund des Wechsels der Zeitzone ist es erst 12:30 Uhr, als ich in Porto aus dem Bus steige. Ich marschiere schnurstracks zu meinem Hotel. Zwar ist es noch zu früh, um mein Zimmer zu beziehen, aber wenigstens kann ich meinen Rucksack deponieren.

Ohne Ballast gehe ich entspannt um die Ecke in die Fußgängerzone und suche mir ein Café für ein Mittagessen. Pastel de Nata zum Nachtisch, alleine dafür hat es sich schon gelohnt. Ich nehme mir davon sogar noch welche mit 😋 Gegen die immer noch sehr nervigen Kopfschmerzen hilft das zwar nicht wirklich, aber da hoffe ich einfach auf Besserung, wenn ich mich heute Nachmittag einfach nur eine Stunde hinlege.

Nach dem Essen gehe ich runter (und wieder rauf und wieder runter – Porto ist schließlich hügelig) in die Altstadt und suche mir einen schönen Platz mit Blick auf den Douro, wo ich mich hinsetze und Tagebuch schreibe. Anschließend mache ich mich auf den Weg zurück zum Hotel, ich muss dringend wenigstens eine Stunde lang die Augen zu machen. Hoffentlich sind dann meine Kopfschmerzen endlich weg!

Ich kann gar nicht sagen, wie erleichtert ich bin, als ich dann endlich in mein Zimmer kann, Rucksack & Co. irgendwo an die Seite stelle, mit die Schuhe ausziehe und einfach nur aufs Bett plumpsen kann. Keine Ahnung, wie lange ich letztlich geschlafen habe, als ich wach werde, fühle ich mich jedenfalls ziemlich fit. Auf jeden Fall fit genug, um Laut zu geben und nachzuhorchen, wo wir, also Melina, Jann und ich, denn heute Abend zusammen Essen gehen könnten.

Unsere Wahl treffen wir nach dem Zufallsprinzip. Die einzige Vorgabe ist, es sollte möglichst auf der Hälfte der Strecke zwischen unseren beiden Hotels sein. Der Name klingt auch gut und die Bewertungen im Internet lesen sich auch größtenteils wohlwollend. Wir landen damit einen absoluten Glückstreffer! Das kleine Restaurant ist in einer total unscheinbaren, engen Seitenstraße und das Ladenschild draußen über der Tür hat in etwa die Größe eines Bierdeckels. Auch ohne Corona würden vielleicht gerade Mal 10 Personen reinpassen. Was ein Glück, dass wir überhaupt einen Platz bekommen, denn wir haben nicht reserviert.

In die Karte schauen wir gar nicht erst, wir verlassen uns voll und ganz auf die Empfehlung des Hausherrn. Das Ergebnis sind eine ganze Reihe hervorragender Petiscos – dem portugiesischen Äquivalent zu Tapas – auf unserem Tisch. Highlight ist die hausgemachte Zwiebelmarmelade. Das eine oder andere Gläschen Alkohol gönnen wir uns selbstredend auch. Im Hintergrund läuft die ganze Zeit über ordentliche Rockmusik.

Dem Chef merkt man an, dass er sein Hobby zum Beruf gemacht hat. Was in dem Fall nicht nur eine Redewendung ist – als er sich ein bisschen Zeit nimmt und sich zu uns setzt, erzählt er: Er war über 20 Jahre Bankberater und in dieser Tätigkeit oft von zu Hause weg. Im Alter hatte er die Nase voll davon und hat sich 2019 einen Traum erfüllt, indem er dieses kleine Restaurant eröffnet hat. Wenn jemand zufällig demnächst nach Porto will und noch nicht weiß, wo man unter Freunden abends gut ausgehen könnte, ich hätte da einen brandheißen Tipp!

Als Absacker bekommen wir noch ein paar Gläschen Portwein spendiert. Währenddessen wird Jann ziemlich neidisch, als der Chef erzählt, welche Rock-Giganten er bereits (oder je nachdem: noch) live auf der Bühne gesehen hat.

Kurz nach 22 Uhr werden wir dann freundlich verabschiedet. Wir drei sind die letzten Gäste und ich glaube, wenn wir uns nicht so gut unterhalten hätten, wäre schon viel früher Ladenschluss gewesen. Da der Abend aber noch jung ist, setzen wir uns 100 Meter weiter auf eine abschließende Runde Bier noch vor eine Bar. Draußen halten wir es aber nicht lange aus, denn unvermittelt fängt es an, zu schütten. Also verziehen wir uns nach drinnen – und weil es sich nicht lohnt, für ein halbes Bier Platz zu nehmen, bestellen wir halt noch eine zweite Runde. Währenddessen kommt die halbe Polizei Portos hereingeschneit und trinkt sich ihren Galão. Für die nächsten 10 Minuten dürfte das hier wohl der sicherste Ort der Stadt sein.

Der Flieger von Jann und Melina geht morgen recht zeitig, daher müssen wir diesen schönen Abend leider schon um kurz nach 23 Uhr beenden. Von mir aus hätten wir ruhig noch das eine oder andere Stündchen sitzen bleiben können. Aber so heißt es fürs erste Auf Wiedersehen.

…und ein späteres Wiedersehen ist gar nicht Mal so unwahrscheinlich. Denn die beiden wohnen in Düren, von Aachen aus quasi nebenan. Es muss ja kein gemeinsamer Camino sein, in der Eifel lässt es sich schließlich auch wunderbar wandern.

Der Weg zurück ins Hotel ist beschwippst ein wenig anstrengend und ich werde mit jedem Schritt, den ich mir den Alkohol aus dem Körper laufe, ein bisschen schwermütiger. Denn jetzt ist mein Jakobsweg endgültig vorbei. Wobei das nicht ganz stimmt – denn zum einen bin ich ja morgen noch den ganzen Tag hier in Porto und kann das Erlebte so noch ganz gemütlich ausklingen lassen und zum anderen wird der Camino wohl noch eine ganze Weile nachwirken. Trotzdem ist es natürlich schade, dass es zu Ende geht.


25. September 2020 – Nichtstun in Porto

Heute ist ein echter Gammeltag. Das, was hier nach einer Kurzzusammenfassung ausschaut, könnte ich wahrscheinlich gar nicht viel ausgiebiger beschreiben. Es ist halt einfach nichts passiert! Sorry, aber das muss ja auch Mal sein – und ich habe es genossen. Da werde ich mich ganz bestimmt nicht für schämen 😏

Zuerst habe ich lange geschlafen. Dann habe ich noch lange rumgegammelt – alleine bis ich mich dazu aufgerafft habe, mich im Bad ausgehfein zu machen, vergeht bestimmt eine Stunde. Allerdings wir der Drang nach Kaffee irgendwann dann doch übermächtig und ich gehe nach draußen.

Ich suche mir ein nettes Café, wo ich draußen in der Sonne sitzen kann. Da gammle ich dann bei Galão und Pastel de Nata ebenfalls rum. Unten am Flussufer suche ich mir eine Sitzgelegenheit, lehne mich zurück, schaue dem Treiben zu. Und höre Musik. Und gammle weiter rum.

Irgendwann war dann Zeit fürs Abendessen. Ratet Mal, was ich danach gemacht habe. Richtig. Danach dann zurück ins Hotel, noch einmal checken, ob mit dem Flug morgen alles noch passt oder ob sich etwas geändert hat. Den Rucksack packe ich wie schon für den Hinflug so, dass alles was polstert außen ist und alles was kaputt gehen könnte möglichst innen liegt. So ist die Gewichtsverteilung zwar suboptimal, aber ich muss ihn ja nicht mehr kilometerweit tragen.

Der Ausklang dieses Abends passt dann auch zum ganzen Rest des Tages: Ich lege mich aufs Bett und suche im Hotel-TV vergeblich nach einem nicht-spanischen Nachrichtensender. Daher greife ich dann doch zum Handy und lese wenigstens die aktuellen Nachrichten. Das Wetter soll morgen in Deutschland auch so richtig schön durchwachsen sein.

Mit einem Lächeln schlafe ich ein – denn meine Mama hat sich noch gemeldet, morgen gibt es Lasagne zum Abendessen. Ein Grund mehr, nach Hause zu kommen 🤤


26. September 2020 – Ab nach Hause

Als mein Wecker heute früh klingelt, bin ich versucht, ihn einfach auszuschalten, mich rumzudrehen und weiterzuschlafen. Aber da ich zum einen irgendwann los zum Flughafen muss und zum anderen vorher noch frühstücken will, kann ich auch nicht einfach so liegen bleiben. Also auf und ins Bad.

Gestern habe ich noch Frühstück für heute bestellt. Ich möchte nicht völlig überteuert am Flughafen etwas kaufen müssen und um in der Stadt frühstücken zu gehen, reicht die Zeit nicht. Das Hotelfrühstück ist preislich aber absolut im Rahmen. Dank Corona hat der Frühstücksraum geschlossen und so wird mir das Tablett an der Zimmertüre überreicht.

Während ich auf das Frühstück warte, packe ich nach und nach alles, was gestern noch übrig geblieben ist, in meinen Rucksack bzw. die Dinge, die ich mit ins Flugzeug nehmen möchte, in meine kleine Tasche. Den wiederverwendbaren Fahrschein für die Metro suche ich auch noch raus. Kaum bin ich fertig mit Packen, klopft es an der Tür. Perfektes Timing.

Dass es neben Kaffee und Brötchen noch einen ganzen Becher warmer Milch gibt und dazu noch ein Pastel de Nata, macht mir den Abschied von Porto nicht unbedingt einfacher.

Die Metrostation Trindade ist gleich um die Ecke. Das ist der Hauptgrund, weshalb meine Wahl auf dieses Hotel gefallen ist – in Trindade bin ich ja auch auf dem Hinweg schon ausgestiegen und von hier aus komme ich ohne Umsteigen zum Flughafen. Das ich nicht allzu weit dorthin laufen muss, ist dann ein Bonus.

Der Rest ist typischer Abreise-Alltag. Warten auf das Flugzeug, im Flugzeug dösen und einen Film gucken, den ich mir vorher aufs Handy geladen habe. Am Frankfurter Flughafen auf meinen Rucksack warten – und das dauert diesmal wirklich ewig.

Für Rückreisende aus Risikogebieten – und Spanien gehört dazu – ist in Deutschland zu diesem Zeitpunkt ein Corona-Test verpflichtend. Da ich aber aus Portugal eingereist bin, das kein Risikogebiet ist, gilt das für mich nicht. Übrigens ist Portugal auch in Sachen Spanien sehr entspannt, denn Kontrollen bei der Einreise sind nicht vorgesehen. Daher konnte ich auch so unkompliziert mit dem Bus von Santiago nach Porto fahren. Aber ich war ja eben vorher in Spanien, daher gehe ich in das Testcenter am Flughafen und werde mit meinem Anliegen vorstellig. Aber einen Test gibt es für mich nicht. Ich biete sogar an, den selbst zu bezahlen, da ich auf Nummer sicher gehen will. Aber nix, irgendwie falle ich durchs Raster.

Also gehe ich weiter zum Fernbahnhof und warte auf meinen Zug. Die Deutsche Bahn legt sich direkt ins Zeug und präsentiert meinen Zug mit einer Verspätung von 20 Minuten. Jo…

Am Hauptbahnhof in Köln erwartet mich draußen ein ganz fieser Nieselregen. Aber zu lange muss ich zum Glück nicht im Regen stehen, dann taucht mein Papa auf und hält direkt neben mir. Gleich nach der Begrüßung merkt er den dezenten Geruch meines Rucksacks an. Eau de Peregrino. Dass der nicht nach Rosen duftet, ist mir schon bewusst. Bis nach Hause wird mein Papa aber schon nicht in Ohnmacht fallen, SO schlimm ist es sicherlich nicht. Der waschbare Inhalt des Rucksacks wandert dann ohne Umwege direkt in die Waschmaschine, den Rucksack selbst nehme ich mir vor, wenn ich wieder bei mir zu Hause in Aachen bin.

Bei meinen Eltern angekommen, überfällt mich eine bleierne Müdigkeit und ich schlafe erstmal eine Stunde auf dem Sofa. Rechtzeitig zur aufgetischten Lasagne bin ich aber wieder wach 😅.


Damit endet ein wundervoller Jakobsweg. Die Zeit für Dank und ein Resümee ist aber noch nicht gekommen. Das spare ich mir nämlich für einen eigenen Beitrag auf. Einen hab‘ ich also noch!

4 Gedanken zu “Meet the Pilgrims

  1. Jo

    Hallo Stefan,
    habe Deinen Blog sehr genossen, vielen Dank, auch für die Auffrischung vieler eigener Erinnerungen.
    So: wo genau ist denn nun der „brandheiße Tipp“ zum Ausgehen/Einkehrer in Porto?

    1. Hallo Jo,

      vielen Dank für Dein Feedback!

      Das Restaurant trägt den typisch portugiesischen Namen „Have a bite“. Zu finden in der Rua dos Caldeireiros 69, ganz in der Nähe vom Bahnhof São Bento.

      Grüße
      Stefan

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