Caminho Português und Camino a Fisterra – Wie genial war das denn bitte?

Etwa zehn Wochen später – sowas wie ein Fazit

Ich weiß überhaupt nicht, wo bzw. womit ich anfangen soll. Dieser Weg – genau genommen die beiden Wege – hatten so viel zu bieten und es ist so viel passiert! Es war sowohl was die Länge der Strecke angeht (260 km von Porto nach Santiago und ab da etwa 90km bis nach Fisterra), als auch was das Höhenprofil betrifft, eigentlich ein Spaziergang. Aber was für einer! Noch nie habe ich mir unterwegs so viele Notizen in meinen Reisetagebuch gemacht, wie bei diesem Jakobsweg. Trotzdem bin ich mir fast sicher, dass ich bestimmt noch das eine oder andere Detail vergessen habe.

Weil ich es kann

Wenn ich mir meine Blog-Beiträge ab dem Start in Porto durchlese und auch das was ich in meinem Tagebuch festgehalten habe (aus persönlichen Gründen hat nicht alles seinen Weg hier in meinen Blog gefunden), stelle ich selbst schon an meinem Schreibstil und auch der Menge dessen, was ich aufgeschrieben habe fest, wie gut ich die ganze Zeit über drauf war. Vielleicht von ganz kleinen Schwächephasen abgesehen.

Es ist wohl etwas Wahres dran: Wie man in den Wald ruft, so schallt es heraus. Ich glaube, da ich schon mit einer grundlegend positiven Grundstimmung und -einstellung gestartet bin, hat sich dieser Camino zu etwas wirklich Außergewöhnlichem entwickelt.

In dieser Hinsicht bin ich sogar sehr froh darüber, dass ich erst im September nach Portugal konnte. Corona hin oder her, aber von einem sehr persönlichen Standpunkt aus hat sich 2020 als ganz großer Wurf erwiesen. Wäre ich wie ursprünglich geplant schon im Mai gepilgert, wäre ich an dem einen Tag, an dem einen Ort, zu der einen Minute nicht dort gewesen, wo ich nun einmal war und hätte so nie meine Freundin kennengelernt. Ebenso hat mich zu genau dieser Zeit der Brief eines Menschen erreicht, der eigentlich in den vergangenen Jahrzehnten Teil meines Lebens hätte sein sollen, es aber leider nicht war. Sorry liebe Leser, aber die Details bleiben Privatsache. Jedenfalls besteht seither Kontakt. Zwar nicht so intensiv, wie ich es gerne hätte, aber da muss ich mich bei den kleinen Corona-Viren über die Einschränkungen beschweren, die sie verursachen. Unter dem großen Strich bleibt, dass ich platzen könnte vor Glück.

Auch was das Berufliche angeht, hat sich die Situation seit dem großen Schock im Februar, stetig gebessert. Zumindest für die kommenden zwei Jahre sollte meine Stelle gesichert sein. Drei Mal auf Holz klopfen.

Es kam also alles zusammen, um in der perfekten Stimmung, nicht nur für einen normalen Urlaub, sondern für einen mehrwöchigen Jakobsweg, zu sein. Keine schweren Gedanken, keine Sorgen, Ängste, Nöte, nichts über das ich unbedingt hätte nachgrübeln müssen. Ich konnte vollkommen frei von allem losgehen, ohne jemals das Gefühl gehabt zu haben, dass ich auf der Suche nach etwas bin oder unbedingt etwas finden oder zu einer Erkenntnis gelangen muss. Einfach nur laufen, von A nach B, wochenlang. Dabei nette Leute treffen, Spaß haben, dem Alltag ein Schnippchen schlagen. Eben aus dem ganz einfachen Grund: Weil ich es kann.

Corona

Natürlich stand dieser Jakobsweg im Schatten von Corona. Ich musste ihn deswegen um einige Monate verschieben und nur durch pures Glück habe ich eine Phase erwischt, in der ein Pilgern auch über Staatsgrenzen hinweg überhaupt möglich war. Natürlich waren die Einschränkungen, die zur Eindämmung des Virus bzw. die Vorsichtsmaßnahmen zum Schutz vor dem Virus einzuhalten waren, allgegenwärtig. Aber auch hier hatte ich wieder großes Glück, denn diese wurden durch ganz viele tolle andere Dinge so überlagert, dass sie unter dem Strich vielleicht ein wenig nervig waren, aber keineswegs einschneidend oder einengend.

Auch hier hat Corona mir unfreiwillig zum besten Jakobsweg aller Zeiten verholfen. Denn wenn ich schon im Mai gepilgert wäre, hätte ich nicht die Camineiros getroffen, mit denen ich so viel Spaß hätte und hätte nicht die Dinge erlebt, die ich erlebt habe. Ich will nun wirklich nicht so weit gehen, mich bei dem Virus zu bedanken, nichts liegt mir ferner. Aber es ist schwer vorstellbar, das zu einer anderen Zeit in einer anderen Stimmung dieser Weg, mein Weg, so abgelaufen wäre, wie ich es erleben durfte.

Aber genug von dieser Krankheit. Sie beherrscht ohnehin schon weite Teile unseres derzeitigen Lebens, da muss ich ihr nicht hier auch noch unnötig viel Platz einräumen.

Pilgern mit Mitpilgern

Auf der einen Seite ist es schade, dass der Caminho Português und die Verlängerung nach Fisterra so kurz sind. Andererseits wäre es auf einem längeren Weg vielleicht deutlich schwieriger gewesen, mit den selben Leuten über weite Teile des Weges gemeinsam zu pilgern und sich sogar noch (mehrfach) wiederzutreffen, wenn der persönliche Rhythmus doch einen Tag lang nicht synchron lief.

Aber vollkommen unabhängig davon, kann ich Euch, die Ihr meinen Weg begleitet habt – oder deren Weg ich begleiten durfte! – nicht genug danken. Ihr habt diesen Jakobsweg überhaupt erst zu dem gemacht, was er war: Perfekt. Auch wenn es zwischendurch Anzeichen von Lagerkoller gab, so viel Spaß am Stück hatte ich lang nicht mehr.

Melina, Jann, Doro, Lina, Vroni, Andy, Collin, Scott, Julien, Francois, Etienne, Martina, Valentina – ich Danke Euch von ganzem Herzen, dass ihr Teil des Ganzen wart. Bei all denjenigen, deren Namen ich aus Schusseligkeit wieder vergessen habe, muss ich mich nicht nur bedanken, sondern auch entschuldigen 🤦 Leute, ihr habt meinen Weg zu einem einmaligen, unvergesslichen Erlebnis gemacht, danke!

Wenn ich nicht schon vorher mit dem Pilgervirus infiziert gewesen wäre, spätestens jetzt hätte es mich erwischt. Das war absolut Werbung für das Pilgern. Ich habe auf diesem Weg genau das bekommen, was ich mir vorher zwar erhofft hatte, aber in dieser Intensität nicht für möglich gehalten hätte. Nämlich Freude, Spaß, Gespräche von ernst und tiefgründig bis witzig und albern, Gemeinschaft und Vertrauen. Ich weiß immer noch nicht, woran es liegt, dass es Menschen, mich eingeschlossen, auf einem Jakobsweg so leicht fällt, über ganz persönliche Dinge mit Personen zu sprechen, die man kaum kennt. Aber genau das ist für mich der Kern des Pilgerns und es ist das, was einen Pilgerweg von einem „gewöhnlichen“ Wanderweg unterscheidet.

Wetter, Wetter, Wetter

Tja, Wetter… Was soll ich dazu sagen? Sonne satt in Portugal, zwischendurch definitiv zu viel des Guten. Auch da muss ich wohl wieder von Glück reden, dass ich den Caminho Português verschieben musste – denn ebenso viel Sonne, wie sie jetzt im September vom Himmel strahlte, hätte es im Mai das Äquivalent an Regen gehabt.

Aber ja, es war gerade an den ersten Tagen für mich persönlich schon zu sonnig. Wie heißt es so schön? „Stock und Hut, steh’n ihm gut“. Über die Optik lässt sich sicherlich streiten, aber mein Hut war einmal mehr sein Gewicht in Gold wert. Außer, dass mir die Sonne anfangs in der Mittagszeit im Nacken eine leicht gerötete Haut verpasst hat, hat mir das gute Stück oberhalb der Schultern alles abgehalten. Was die Stöcke angeht, da gab es aus Wettersicht keine Furten zu durchwaten und auch der Matsch-Anteil war so gut wie nicht vorhanden. Ihre Funktion hat sich also auf die reine Unterstützung beim Laufen und dem Abstützen bei steileren Wegstücken beschränkt.

Selbst Galicien hat sich mit Wetterkapriolen zurück gehalten. Dass es spätabends und nachts ein bisschen geregnet hat, war mir ja total wurscht. Außer, dass ich meine Regenjacke dann auf dem Weg zum oder vom Abendessen ein, zwei Mal dann doch noch benutzen durfte, war der Einfluss auf das Geschehen ja überschaubar. Ich kann mit Fug und Recht behaupten, dass mein Regenponcho auf diesem Weg zu nichts anderem gut war, als Platz im Rucksack zu benötigen, sinnfreies Zusatzgewicht. Aber ich hätte ihn niemals zu Hause gelassen, denn wer hätte denn ahnen können, dass die drei Wochen unterwegs konstant (Spät-)Sommerwetter der Extraklasse herrscht?

Nachwirkungen

Ich wurde nach meinem Camino Francés ja ziemlich unvermittelt mit dem Alltag konfrontiert und die Probleme, die ich vor dem Jakobsweg zu Hause zurückgelassen habe, haben im Anschluss direkt wieder angeklopft. Es war gelinde gesagt schwierig, mich wieder einzufinden.

Aber auch hier war es diesmal so wunderbar anders. Nicht nur, dass mich zu Hause nichts Negatives erwartet hat, das mich längerfristig beschäftigt hätte (Positives dafür umso mehr!). Durch den ganz langsamen „Cooldown“ über mehrere Tage hinweg war die Umstellung auch nicht so abrupt. Allerdings war ich bei Weitem nicht so weit aus der Wirklichkeit gerissen, wie vor zwei Jahren. Die Zeit in Muxía und auch im Anschluss die Abende in Santiago und Porto mit meinen Pilgerfreunden haben mir die Gelegenheit gegeben, alles Erlebte sacken zu lassen und zur Ruhe zu kommen. Der finale Gammeltag hat dann den Deckel drauf gemacht. Das ist eine Lehre, die ich auf jeden Fall mitnehmen werde, nämlich, dass ich mir am Ende zukünftig – wenn irgendwie machbar – noch Zeit einplanen werde, um runterzukommen. Und zwar vor Ort, wo auch immer ich dann gerade sein werde. Zu Hause hätte ich diese Muße aller Wahrscheinlichkeit nicht.

Zweieinhalb Monate nach meiner Rückkehr hat mich der Alltag zwar wieder komplett eingeholt. Aber die Gelassenheit, wenn man so will: die Urlaubsstimmung, hat ungewöhnlich lange vorgehalten. Noch Wochen später hatte ich mir einen Rest davon bewahren können, für gewöhnlich ist das Stresslevel bei mir nach ein paar Tagen bereits wieder so hoch, dass ich fast schon wieder urlaubsreif wäre. Aber diesmal war der Akku bis obenhin voll mit Gelassenheit. Trotzdem freue ich mich jetzt natürlich auf die Weihnachtstage und dass ich im Anschluss ein paar Tage frei habe.

Ausblick

Schon beim Schreiben dieser Zeilen juckt es mir in den Fingern, die Planung des nächsten Jakobswegs anzugehen. Aber welcher Weg das sein wird und wann ich ihn gehen werde, steht noch in den Sternen. Möglichkeiten gibt es ja genug, auch außerhalb Spaniens.

An meinem Rucksack baumelt eine kleine „Trophäensammlung“ der Jakobswege, die ich schon gegangen bin. Ein weiterer Anhänger liegt noch bei mir zu Hause im Regal auf seinen Einsatz, der Pilgerführer liegt daneben. „Englisch“ zu pilgern wäre etwas für zwischendurch. Aber von den Wegen in Spanien kommendes Jahr wohl als einziger machbar, da ich voraussichtlich nicht mehr als zwei Wochen Urlaub am Stück bekommen werde…

Ich bin schon bei normalen Wanderungen kein Fan davon, zu stückeln. Auch wenn mich die Via de la Plata extrem reizt, noch viel mehr als der Küstenweg, die sechs bis sieben Wochen Zeit habe ich einfach nicht. Dazu kommt, dass ich als Nicht-mehr-Single eigentlich auch gar nicht so lange weg bleiben will.

Vielleicht schnappe ich mir ja auch mein Zelt und gehe die Via Mosana weiter. Das ist auch überfällig – und streng genommen ja auch gestückelt 😇 


Abschließend auch noch ein dickes Dankeschön an meine Leser und KommentatorInnen. Ihr seid das Salz in der Suppe!

2 Gedanken zu “Caminho Português und Camino a Fisterra – Wie genial war das denn bitte?

  1. Stefan, das hast du wirklich schön zusammengefasst und es spiegelt den Eindruck, den ich beim Lesen hatte. So schön, dass du dich von Weg zu Weg gesteigert hast (die Mosel lassen wir mal außen vor).
    Und schön zu sehen, dass du das ganze Ding genossen hast. Bei mir war es ja damals auf der ersten Woche ab Porto grenzwertig, dafür beschenkte der Weg nach Fisterra mich dann umso mehr. Dein Portugues-Feeling war mein Frances-Gefühl. Und auf dem gestückelten Norte waren es wieder mehrere Daumen nach oben. Und ich kann dir sagen, dass das teilweise genau daran lag, dass ich gestückelt habe. Es ist nicht anders, als würdest du einen Pausentag machen – auch dann sind deine Mitpilger von dannen. Eines Tages werde ich auch darüber schreiben. Aber dazu muss ich erst mal das letzte Stück eintüten. Vielleicht im
    Herbst 2021 🙃
    Ich bin gespannt, wo es dich als Nächstes hintreibt und freue mich schon, wenn ich dann wieder mitlesen kann.
    Audrey

    1. Den Dank gebe ich gerne zurück – fürs Lesen und wohlwollende Kommentieren 😊

      Was mich am Stückeln am meisten stört, ist dass ich mich dann immer wieder neu „eingrooven“ muss. Der Aufwand für die An- und Abreise wäre mir noch wurscht, das kann ja auch ganz schön sein. Aus dem Bauch heraus bin ich auch eher dafür, einen Weg (zumindest einen, der mir etwas bedeutet) bis zum Ende zu gehen. Aber wenn ich für mich das Ende nicht in Santiago definiere, sondern in einer Stadt irgendwo vorher, klappt das vom Kopf her vielleicht besser? Funktioniert ja bei meinen Wegen hier ums Eck eigentlich ganz gut…

      Für dieses Jahr habe ich noch einen Beitrag im Köcher, denn ich bin spontan noch eine Etappe Eifelsteig gewandert – so viel zum Thema Stückeln 🙄

      Viele Grüße
      Stefan

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