Mullerthal Trail Route 1, Teil 1 – Eiertanz mit Schlammschlacht

12. April 2021 – Echternach (JH) bis Moersdorf (ca. 20 km)

Nach einer überraschend ruhigen und erholsamen Nacht, werde ich sogar noch vor meinem Wecker wach. Der soll eigentlich um 7 Uhr klingeln, damit ich mich entspannt parat machen kann und trotzdem zeitig beim Frühstück sein kann, das es ab 7:30 Uhr gibt. Jetzt ist es halb sieben, ich habe also wirklich mehr als genug Zeit und kann es mir leisten, ein wenig zu trödeln.

Der Blick aus dem Fenster ist auch vielversprechend und sorgt für ein wenig Hochstimmung. Nicht nur, dass sich die Regenwolken von gestern im Laufe der Nacht verzogen haben (wahrscheinlicher ist ohnehin, dass sie sich einfach komplett leergeregnet haben…), der Wetterbericht sagt für heute und den Rest der Woche bestes Wanderwetter voraus.

Um kurz nach halb acht stehe ich unten vor der Türe zum Restaurant. Korrekterweise stehe ich hinter einer Familie mit zwei kleinen Kindern und DIE steht vor der Türe. Es ist nämlich noch abgeschlossen. Aber es dauert nicht lange, da kommt einer der Mitarbeiter angejoggt, entschuldigt sich 1000 Mal und schließt auf.

Als ich bei der Essensausgabe an der Reihe bin (Buffet fällt wegen Corona natürlich aus), decke ich mich nicht nur mit meinem Frühstück ein. Ich habe mir auch ein Lunchpaket bestellt – kostet 5€, man kann sich im Grunde so viel mitnehmen, wie man möchte und obendrauf gibt es noch Butterbrotpapier zum Einwickeln, einen kleinen Kuchen bzw. Müsliriegel und eine Papiertüte, um den ganzen Kladderadatsch einpacken zu können. Will man auch etwas zu trinken mitnehmen, muss das im Sinne der Müllvermeidung in eigene Behälter abgefüllt werden, denn Einwegflaschen gibt es keine mehr.

Ich will gerade mit meiner Beute von dannen ziehen, da fragt mich der Koch aus der Küche heraus, ob ich denn vielleicht auch einen Salat mitnehmen möchte? Es sei gerade am schnibbeln, da packe er mir gerne etwas ein. Na, da sage ich nicht nein! Ich bekomme also zusätzlich eine große Pappschachtel voll mit gemischtem Salat und Ei. Läuft bei mir schon vorm Loslaufen.

Warmlaufen

Nachdem ich gefrühstückt und mein Essen für unterwegs geschmiert, eingepackt und in meinem Rucksack verstaut habe, ziehe ich dann auch direkt los.

Gestern bei meiner Runde bin ich schon an der Stelle vorbei gekommen, an der der Mullerthal Trail den See tangiert, ich weiß also, wo ich lang muss. Von da aus den weiteren Weg nach Echternach rein zu finden, wäre auch ohne die gute Beschilderung denkbar einfach, denn es geht immer geradeaus.

Auf halber Strecke komme ich außerdem am Busbahnhof vorbei. Prima, da weiß ich auch schon, wo ich heute und die kommenden Tage abfahren muss bzw. nachmittags ankommen werde. Der Busbahnhof scheint allerdings verlegt worden zu sein. Auf den Karten, die mir u.a. im gelben Buch zur Verfügung stehen, ist er nämlich nördlich des Zentrums zu finden. Da finden allerdings – wie an vielen Ecken in Echternach – umfangreiche Bauarbeiten statt. Kann also gut sein, dass er (temporär?) verlegt wurde. Soll mir aber ganz recht sein, das macht es für mich nur einfacher. Außerdem erspähe ich direkt daneben einen großen Supermarkt, perfekt um mich dann auf dem Rückweg nachher noch mit Flüssigkeiten einzudecken, die nicht Wasser oder Kaffee sind.

Echternach ist ein schönes Städtchen mit ordentlich Geschichte (zum selbst nachlesen: hier). Vernünftige Fotos zu knipsen ist allerdings schwierig, da sich ständig Bauzäune ins Bild mogeln. Hier wird echt viel gebaut. Die Wegführung weicht in der Altstadt auch ein wenig von der im gelben Buch dargestellten ab, ich gehe davon aus, dass hier auch die Bauarbeiten Ursache sind. Die Ausgabe, die ich mitschleppe ist allerdings von 2016, das war, als ich sie Mitte letzten Jahres gekauft hatte, die Aktuellste. Inzwischen gibt es die Ausgabe 2020, ggf. passen die Daten inzwischen ja.

Vorbei am Denzelt, dem historischen Justizpalast, und dem Markt geht es zur Benediktinerabtei mit der St. Willibrord Basilika. Quer über das Gelände der Abtei führen die Schilder einen in den Stadtpark mit seinem Rokokopavillon und damit auch direkt ans Ufer der Sauer.

Dem Uferweg folge ich von hier aus für einige Zeit. Auch wenn der Weg asphaltiert ist, es geht sich sehr angenehm. Rad- und Fußgängerverkehr ist absolut keiner, ich habe den Weg für mich. Die parallele Straße verläuft rechts vom Weg oberhalb einer ordentlichen Böschungsmauer, vom Verkehrslärm bekomme ich also auch nicht viel mit.

Während das luxemburgische Ufer teilweise steil abfällt und fast schon den Status „wildromantisch“ haben könnte, ist das gegenüberliegende deutsche Ufer pures Camper-Territorium. Fast komplett leer, präsentiert es sich immerhin als wunderbar grüne Wiese.

Irgendwann quert man die Nationalstraße und die Natur verschlingt einen. Ernsthaft – von jetzt auf gleich ist man mittendrin, statt nur dabei. Bisschen nachteilig ist es, dass zeitgleich zum Naturerlebnis auch der erste größere Anstieg des Tages ansteht.

Spikes wären praktisch

Ich habe über weite, sehr weite Strecken der heutigen Etappe echt zu kämpfen. Da haben die Topographie und auch meine Laune bzw. meine Fitness nicht mal etwas mit zu tun. Aber es ist eine einzige Rutschpartie. Quasi der gesamte Weg ist oberflächlich mit einer 1cm dicken, glitschigen Schlammschicht bedeckt. An vielen Stellen liegt dort zusätzlich noch eine Blätterschicht drüber, so dass ich nicht sehen kann, was mich beim Auftreten erwartet. Dazu kommen -zig Passagen, in denen es über abschüssige, glatte oder wahlweise bemooste, rutschige Steine geht.

Auf der ersten Hälfte der heutigen Etappe, d.h. bis etwa Rosport, herrscht in dem Tal bzw. der Schlucht durch die der Trail führt, ohnehin ein sehr feuchtes Mikroklima. Die Sintflut gestern hat das alles bestimmt nicht besser gemacht. Ursprünglich hatte ich geplant, schon einen Tag früher zu starten. Gut, dass ich umgeplant hatte. Der Weg ist so schon schwieriges Terrain, das wäre gestern wahrscheinlich eine Katastrophe geworden.

Schon durch das normale Gehen sind meine Schuhe komplett und meine Hose bis kurz unter Kniehöhe schlammverkrustet. Da sich die Sohle mit Schlamm zugesetzt hat, ist das Gehen bisweilen ein bisschen wie Schlittschuhlaufen. Ich werde hier noch zum Schönwetterwanderer…!

Gleichzeitig räume ich noch ein bisschen den Wald auf, denn meine Stöcke sehen aus, als wenn ich Müll sammeln würde. Alles voll mit Blättern.

So vorsichtig und langsam ich mich auch fortbewege, ich kann nicht verhindern, dass es mich hinhaut, sogar gleich zwei Mal. Beim ersten Mal erwischt es mich an einer Stelle, die gar nicht so schlimm, d.h. matschig aussah. Ich schaffe es gerade noch ein Spagat zu vermeiden und fange mich auf meinem Knie ab. Ergebnis: das rechte Hosenbein ist jetzt bis Mitte Oberschenkel schlammig und ab morgen ziert ein dicker blauer Fleck mein Knie.

Beim zweiten Mal reißt es mir den rechten Fuß an einem abschüssigen Wegstück weg. Ich lande auf Hosenboden und Ellenbogen und dem halben Rucksack. Auch hier ist zum Glück nichts Schlimmes passiert. Aber rein optisch könnte ich inzwischen locker einen Wettbewerb in Sachen Tarnung bei der Bundeswehr mitmachen – und gewinnen. Wenigstens ist das Wetter trocken, der Schlamm bröckelt also nach und nach zum Großteil ab. Ein bisschen habe ich aber doch die Befürchtung, dass der Busfahrer mich nachher überhaupt nicht einsteigen lässt, so wie ich aussehe. Oder ich muss den Bus anschließend putzen…

Ganz abgesehen von meiner Fallsucht ist die Umgebung atemberaubend schön. Die einzigen Menschen, denen ich begegne, sind zwei Luxemburgerinnen. Wir überholen uns heute Vormittag gleich drei Mal abwechselnd, immer wenn entweder sie oder ich Pause machen. Ansonsten habe ich das Gefühl, auch im Amazonasdschungel nicht weiter weg von der Zivilisation sein zu können.

Richtung Rosport geht es dann zum zweiten Mal heute ordentlich bergauf. Der Ort selbst wird nur gestreift, für eine Kaffeepause müsste also ein Umweg herhalten. Aber ich habe ja genug zu Essen dabei und keinen Kaffee zu bekommen, haut mich jetzt auch nicht um. Der Verschmutzungsgrad meinerseits würde vermutlich ohnehin dazu führen, mich in einem Restaurant nicht unbedingt wohl zu fühlen. Also stapfe ich weiter bergan, vorbei am kleinen Schloss bis zur Wallfahrtskapelle Girsterklause.

Hier ist es schön, hier stehen Picknickbänke in der Sonne und außerdem sitzen die beiden Damen von vorhin auch hier bei ihrer Mittagspause, da geselle ich mich doch dazu! Ob bei mir denn alles in Ordnung sei? Ich sähe sehr mitgenommen aus. Ich antworte dass ich total auf Schlammpackungen stehe, zumal wenn sie kostenlos angeboten werden.

Noch während ich größere Bröckchen Dreck von meiner Hose knibbele, brechen die beiden allerdings schon auf. Auch gut, dann halt keine Unterhaltung. Dafür ziehe ich mir aber meine Jacke aus und lege mich lang auf eine der Bänke. Die Sonne ist herrlich angenehm. Lange kann ich aber nicht so liegen bleiben, denn der Wind ist wirklich frisch. Also ziehe ich mir die Jacke wieder an und mampfe genüsslich meinen Salat.

Brücken? Wer braucht Brücken?

Der Rest der Strecke heute ist dann, zumindest was den Schlammanteil angeht, deutlich besser bzw. angenehmer zu erwandern. Eben wird es heute aber nicht mehr, es geht immer auf und ab. Ein echter Laufrhythmus will sich nicht einstellen.

Dafür steigt der Abenteuerfaktor aber um einiges, denn es gilt an gleich mehreren Stellen zuerst den Girsterbach und später den Buersdrëferbach zu queren. Da beide Wasserläufe ob des Wassers von oben eben jenes nun vermehrt in Richtung Tal transportieren, ist das Furten gar nicht so einfach.

An der ersten Furt treffe ich wieder auf die beiden Damen, die etwas ratlos am Ufer stehen und überlegen, wie sie dort halbwegs trockenen Fußes rüberkommen sollen. Der Trick ist hier, dass man einmal beherzt ins flache Wasser treten und dann mit Schwung auf die andere Seite springen muss. Auch bei den kommenden drei Furten überlegen wir gemeinsam, wie man am besten rüberkommt. Wir bekommen es sogar hin, ohne dass jemand ins Wasser plumpst und ohne nasse Füße zu bekommen.

Wenigstens sind jetzt meine Schuhe wieder halbwegs sauber – und ich weiß, dass sie trotz GoreTex und Maschengewebe mehr als ausreichend wasserdicht sind. Trailrunner wären unter den Bedingungen hier garantiert abgesoffen.

Es geht ab- und heimwärts

Meine temporären Wegbegleiterinnen beenden ihre Etappe heute in Born, wo sie in einer Pension übernachten. Ich gehe etwa 2km weiter bis Moersdorf.

Der letzte Abschnitt führt wieder durch ein Waldstück, dass durch den dichten Bewuchs mit Farn und Moos absolut mystisch ausschaut.

Ich muss aber aufpassen, denn der finale Abstieg nach Moersdorf ist nicht mit dem Logo des Muerthal Trail ausgeschildert. Stattdessen führt mich irgendwann ein weiß-grünes „M1“ nach links den Berg hinunter in den Ort. Und hinunter geht es, aber sowas von! Der Weg ist hier extrem steil. Wenn ich daran denke, dass ich hier morgen die gefühlte 100% Steigung gleich zu Anfang wieder hochkraxeln muss, bricht mir jetzt schon der kalte Schweiß aus. Ich freu mich schon. Nicht.

In Moersdorf selbst ist die Bushaltestelle gleich an der Hauptstraße. Warten muss ich gerade Mal zehn Minuten, die Fahrt selbst dauert auch in etwa so lange. Meine Befürchtung, nicht mitgenommen zu werden war also auch vollkommen unbegründet. So schlimm sehe ich aber auch nicht mehr aus. Gut, fleckig bis ultimo, aber wenigstens nicht mehr so wie ein Schlammmonster.

Im eingangs erwähnten Supermarkt kaufe ich noch schnell ein, dann geht es zum Abschluss heute noch an die 1,5km zurück zur Herberge. Auf die habe ich momentan gerade gar keine Lust mehr, ich bin fix und alle. Ich will nur noch unter die Dusche (am besten gleich mit meinen Klamotten) und anschließend die Beine hochlegen.

An der Herberge bemühe ich mich noch so gut es eben geht, den Schmutz von meinen Schuhen zu bekommen. Was bin ich froh, dass mich dann der Aufzug in den zweiten Stock transportiert.

Es war ein wirklich schöner, aber auch echt anstrengender erster Tag. Als Schmankerl gab es dann noch einen kleinen Feueralarm kurz vorm Schlafen gehen. War aber falscher Alarm, trotzdem durften alle in der Herberge noch Mal 10 Minuten frische Luft schnappen.


Hinweise:

Busverbindung: Linie 485; Moersdorf Duërf – Echternach Gare; Mo-So tagsüber alle 30min

Auch wenn ich dem Beitrag zum Fazit meines Mullerthal Trail vorweg greife – der Weg ist stellenweise wirklich einigermaßen anspruchsvoll. Einige Passagen, nicht nur der hier beschriebenen Etappe, würde ich bei schlechtem Wetter nur sehr ungern gehen wollen.

5 Gedanken zu “Mullerthal Trail Route 1, Teil 1 – Eiertanz mit Schlammschlacht

  1. Ich bin tief beeindruckt von den ersten Bildern und habe den Trail wieder mit auf meine Wunschliste gesetzt. Danke für die Warnung bezüglich des Anspruchs. Rutschpartien der matschigen Art gehören auch nicht gerade zu meinen Lieblingssportarten. Bitte mach bald weiter, Du hast mich angefixt.

    1. Hallo Sonja,
      der Trail ist halt eine Wanderung und kein Sonntagsspaziergang, auch wenn man die einzelnen Teilstücke unter Komoot oder OutdoorActive als „leicht“ findet. Das mag hinsichtlich der Länge und der summierten Höhenmeter auch stimmen, aber es ist halt tierisch anstrengend bei jedem Schritt aufpassen zu müssen, wie und wo man seinen Fuß hinsetzt. Ich möchte wetten, wenn der Untergrund nicht so schlammig gewesen, wäre es auch nur halb so schlimm gewesen. Aber auch bei schönem Wetter geht es halt „querfeldein“.

      Heute Abend gibt es Nachschub. Das zweite Teilstück ist nicht ganz so spektakulär – aber es kann ja nicht nur Highlights geben 😉

      Grüße
      Stefan

  2. Pingback: Mullerthal Trail Route 2, Teil 2 – Toller Tag mit doofem Ende – Stefans Spuren

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