Mullerthal Trail Route 2, Teil 2 – Toller Tag mit doofem Ende

15. April 2021 – Hersberg nach Berdorf (ca. 22 km)

Ich habe nicht die leiseste Ahnung, wie sich ein so genialer Tag – landschaftlich und gemütstechnisch – wie gestern so einfach wiederholen ließe. Nicht, dass ich das vor hätte, die Streckenbeschreibung für die heutige Halbrunde gibt das nicht her, auch heute speist einen der Wanderführer mit gerade eben zwei mickrigen Seiten ab. Aber etwas gibt es, dass ich auf jeden Fall verbessern kann. Gestern bin ich nämlich für meinen Geschmack viel zu spät los. Ich mag es zwar absolut nicht, mich morgens hetzen zu müssen, aber wieder erst um zehn Uhr am Startpunkt meiner Wanderung aus dem Bus zu steigen, muss ja auch nicht sein. Zumal es heute sieben Kilometer mehr bis nach Hause sind, als gestern.

Mein Frühstück fällt heute daher eher bescheiden aus, dafür packe ich mir ein extra Brötchen ins Lunchpaket. Auch das Packen des Rucksacks geht mit ein bisschen mehr Routine vonstatten, sodass ich schon um kurz nach acht Uhr auf mein Fahrrad steige und zum Busbahnhof strample. Schräg gegenüber der Haltestelle baut sich gerade ein Hähnchenwagen auf. Auch wenn mich morgens ein halbes Hähnchen Mal so überhaupt nicht reizen kann, im Hinblick auf ein frühes Abendessen habe ich jetzt einen neuen Favoriten.

Auf den Bus muss ich nicht lange warten – echt Wahnsinn, wie pünktlich die Busse hier alle fahren – und die 20 Minuten Fahrt vertreibe ich mir mir meinem Hörbuch. Es ist dann nicht einmal neun Uhr, als ich abmarschbereit an der Haltestelle gleich neben dem Bildchen stehe.

Kenne ich schon, macht aber nix

Die ersten etwa anderthalb Kilometer kenne ich ja schon von gestern, denn es geht dieselbe Strecke wieder zurück, die es gestern als Abzweig nach Hersberg bereits hingegangen ist.

Ich sage mir auf meinen Touren immer wieder, dass ich mich viel öfter auch einfach Mal umdrehen müsste, um zu sehen, was ich hinter mir gelassen habe. Auf die Weise kann man nämlich wirklich viel entdecken oder aus neuen Perspektiven wahrnehmen. Trotzdem mache ich das viel zu selten, entweder weil ich mit mir selbst beschäftigt bin oder weil ich mit jemandem quatsche oder wie am ersten Tag einfach nur Aufmerksamkeit für den Meter Weg direkt vor mir erübrigen kann.

Aber hier gibt es ausnahmsweise ein ganzes Wegstück rückwärts. Auch wenn es keine außergewöhnlichen Highlights zu entdecken gibt, es wandert sich genauso gut wie gestern. Es ist wunderbar ruhig, abgesehen vom Zwitschern der wieder zahllos im Geäst versteckten gefiederten Freunde. Deswegen ist es noch lange nicht still, im Sinne von es gibt keine Geräusche. Aber irgendwelche Art von störendem Lärm oder das Gebrabbel von Menschen fehlen total. Ich find’s super.

Der Weg spendiert auch nachdem ich wieder auf die eigentliche Runde eingebogen bin, einen ausnehmend bequem zu gehenden Weg. Gleichzeitig sorgt die so langsam höher steigende Sonne für tolle Lichteffekte zwischen den Bäumen. Ich komme prima voran und ich habe Spaß.

Links am Weg steht ein Hinweisschild demzufolge es dort neusteinzeitliche Schleifrillen gibt. Ich bin da vielleicht ein wenig beschränkt, aber ich kann hier ganz ehrlich keinen großen Unterschied zu Felsformationen erkennen, wie ich sie so oder so ähnlich auch in den vergangenen Tagen schon gesehen habe. Banause der ich bin, glaube ich dem Schild ganz einfach, dass ich hier 4-6.000 Jahre alte menschliche Spuren sehe.

Der Spaß ist dann vorübergehend vorbei, als es unvermittelt links vom Weg ab und einen steilen Trampelpfad nach oben geht. Nach etwa zwei Dritteln des Anstiegs öffnet sich der Wald und ich stehe am Rand eines Feldes. Nachdem es gestern den ganzen Tag im Grunde keine einzige wirkliche Aussicht gab, kann ich jetzt endlich Mal wieder den Blick schweifen lassen, ohne dass in maximal 50 Metern irgendwas den Blick verstellt.

Als ich mich so umschaue, muss ich allerdings feststellen, dass ich schon etwa 45 Minuten unterwegs bin, effektiv aber vielleicht gerade Mal einen Kilometer Luftlinie geschafft habe. Der Turm, den man im Bild unten in Verlängerung des Wegs sieht, steht nämlich nicht weit von der Bushaltestelle bzw. dem Bildchen weg. Allerdings hätte ich für den direkten Weg größtenteils an der Straße lang gehen müssen. Das muss jetzt auch nicht unbedingt sein, da ist mir trotz Umweg ein schöner Wald lieber.

Ich habe übrigens keine Ahnung, was dieser Turm darstellen soll bzw. welchem Zweck er dient. Ich habe auch kein Foto davon gemacht. Sieht sehr futuristisch aus, ist aber definitiv kein Kirchturm oder ein Hochhaus. Google kennt das Ding nur im Bauzustand, schweigt sich aber ansonsten dazu aus. Aber das ist jetzt kein Nichtwissen, das mich um den Schlaf bringt.

Von Einsiedlern

Wie eigentlich schon fast zu erwarten dauert es nicht lange und ich stehe wieder am Waldrand, genauer gesagt am ganz hübschen, aber leider nicht allzu großen Moorgebiet Muerbësch. Hier laufen so einige Wanderwege zusammen bzw. parallel, sodass ich auf den breiten und gepflegten Wegen gut vorankomme.

Auch der Luxus währt nicht sehr lange, dann geht es über ein paar Stufen in das nächste kleine Tal. Allerdings geht es danach zunächst auf halbwegs ebenem Terrain weiter.

An der Mëchelskirch wäre ich glatt vorbei gelaufen, wenn davor nicht ein entsprechendes Schild stehen würde und ich prinzipiell neugierig bin. Ich lerne also, dass hier 17hundert und ein paar Zerquetschte ein Mann namens Michel als Einsiedler sein Dasein verbracht hat. Von außen sieht man erst einmal nur eine schmale Spalte, die sich innen aber aufweitet. Sicherlich kein Luxusappartement, aber es regnet nicht rein und wenn man keinen Bock auf Nachbarn hat, unschlagbar. Lagerfeuer an und eine Holztür zimmern, da hätte es sich zu der Zeit bestimmt schlechter leben lassen.

Weiter geht es wieder hoch und runter, hoch und runter. Das Motto dieses Stücks könnte sein „Wie man 100 Stufen steigt und trotzdem ebenerdig bleibt.“ Es ist zwar einigermaßen anstrengend, aber doch gut schaffbar. Mir macht wie immer nur etwas zu schaffen, dass ich nicht in meinen gewohnten Rhythmus komme.

Wer bisher eine mangelnde Sättigung an Felsformationen befürchtet, dem kann ab hier dann auch wieder geholfen werden, denn kurz nacheinander warten hier Daxeley, Rude Léiw und Härgottskapp auf einen.

Die Felsen am Rude Léiw sind nicht wirklich spektakulär, zumindest nicht im Vergleich mit vielen anderen, an denen ich in den vergangenen Tagen entweder vorbeigekommen bin oder mich durchgequetscht habe. Ich habe auch keine Ahnung, weshalb der Ort hier auch „Einsiedelei“ genannt wird, gewohnt hat hier wohl nie jemand und es gibt auch keine geeignete Höhle. Der Name „Roter Löwe“ jedenfalls ist deutlich eingängiger, denn hier wurde zur Feier des 100. Jahrestags der Unabhängigkeit Luxemburgs 1939 das Wappentier des Großherzogtums in Stein gemeißelt und entsprechend rot angemalt. Direkt daneben haben sich drei junge Männer verewigt, die sich hier ihre Freundschaft geschworen haben, bevor sie im WKII von der Wehrmacht zwangsrekrutiert wurden.

Von der Härgottkapp ist im Grunde nur noch der Name übrig geblieben. Hier haben Mönche bis deren Kloster Ende der 1060er Jahre geschlossen wurde immer wieder Felsenbilder angelegt. Diese sind aber inzwischen so verblasst und verwittert, dass man kaum noch etwas davon erkennen kann.

Auch heute habe ich die Gegend für mich alleine, sieht man von 2 Herren mit Hund ab, die mir irgendwann entgegen kommen. Es ist wieder so wunderbar still und ruhig, dass sogar mehrfach Rehe und in einem Fall sogar eine Hirschkuh durch mich aufgeschreckt werden. Leise genug war ich eigentlich, aber die konnten mich wohl einfach nicht riechen. 😄 Natürlich waren sie nicht so nett, wenigstens noch für ein Foto zu posieren, pfff!

Was zum…?!

Der kleine Ort Scheidgen liegt heute auf knapp halber Strecke. Für eine Mittagspause ist es allerdings noch zu früh, denn ich bin echt zügig unterwegs gewesen und es ist erst kurz nach elf. Die lokale Gastronomie bestehend aus genau dem Restaurant „Le Grill“ hat geschlossen – genauer gesagt ist es komplett verrammelt. Da der Ort abgesehen davon gefühlt auch nur aus zwei weiteren Häusern besteht, gibt es hier grundsätzlich auch nicht viele Möglichkeiten zu einer Pause. Ja gut, der Ort ist schon etwas größer, wenn auch nicht viel. Aber ich sehe es auch in dem Moment nicht ein, eine Extrarunde zu gehen, nur um vielleicht irgendwo eine Bank aufzutun. Also gehe ich weiter und muss feststellen, dass der Mullerthal Trail nun wahrlich nichts für Koffein-Junkies ist. Hier ist Selbstversorgung angesagt.

Dafür gibt es, nachdem es wieder über einige Stufen hoch und runter gegangen ist, unter einem Felsüberhang eine schöne Holzbank. Pause! Die Bank steht leider im Schatten, die Jacke bleibt also an, denn es ist empfindlich kühl.

So angenehm die Pause auch ist, sobald ich mein Brötchen verdrückt habe, gehe ich wieder los. Um länger sitzen zu bleiben, ist es schlicht zu schattig. Unterwegs wird mir dann aber schnell wieder warm, immerhin.

Schon in den vergangenen Tagen hatte ich vereinzelt den Eindruck, dass der Trail den einen oder anderen Schlenker einbaut, um auch ja jeden Felsen mitzunehmen. Heute falle ich hier aber echt vom Glauben ab! Ich bin sicherlich der letzte, der einen lohnenden Umweg scheut. Auch unwegsames Gelände ist mir im Grunde total egal. Aber absolut sinnfreie Wegkehren, die wirklich absolut nichts bringen? Was soll das?!

Ich motze hier ganz konkret über ein bestimmtes Wegstück. Irgendwo auf etwa der Hälfte zwischen Scheidgen und Echternach geht es von einem kleinen Trampelpfad bergab auf einen asphaltierten Wander- bzw. Forstweg. Auf dem bleibt man allerdings nicht lange, denn kurz vor einer Brücke über einen kleinen Bach geht es links ab vom Weg und ab da parallel zum Wasserlauf stetig bergan. Ein paar hundert Meter weiter, am Ende des kleinen Tals, quert der Trail dann den besagten Bach und führt auf der anderen Seite wiederum parallel dazu zurück. Immerhin nimmt man hier keine Höhenmeter mehr mit. Tja und dann kommt man wieder bei dem Wanderweg an, vielleicht 100 Meter hinter der Brücke, an der man den Weg verlassen hat, nur ein paar Dutzend Meter höher. Der GPS-Track in dem Bild unten ist nicht genau, von links kommend bis zur Spitzkehre führt der Trail über den Wanderweg „118“ und nicht nebenher.

Sinnlose Schleife…

Noch bekloppter ist aber, dass es dann noch für eine ganze Weile direkt unterhalb der Felsen wieder über Stock und Stein und natürlich wieder hoch und runter geht. Die ganze Zeit parallel zum Wanderweg unten, den man natürlich schön im Blick hat. Während ich also hier oben herum kraxele, überholen mich unten zwei Spaziergängerinnen in wirklich gemächlichem Tempo.

Der Weg unten führt dann irgendwann in Richtung Nationalstraße bzw. in das Örtchen Lauterborn, während der Mullerthal Trail sich links hält und weiter durch den Wald führt.

Abkürzung

Bis nach Echternach gibt es dann nur noch eine deftige Steigung, der Rest ist gemütliches, entspanntes Wandern durch Wald. Die Felsen werden immer weniger, die Landschaft wird generell offener. Ich laufe an der östlichen Flanke der Hügel entlang, sodass ich zwischendurch doch sogar glatt ein wenig Sonne abbekomme. Dann wird es sogar fast ein bisschen zu warm für die Jacke.

Oberhalb Echternachs erreicht man dann einen kleinen Wanderparkplatz. An der Stelle kürze ich den Trail ohne schlechtes Gewissen ab. Denn eigentlich führt der Weg jetzt gut einen Kilometer und 100 Höhenmeter hinunter bis vor die Türe der Basilika. Eigentlich führt der Weg dann bis zum Parkplatz hier dieselbe Strecke bergan auch wieder zurück, um dann nach Berdorf abzubiegen. Das ist wohl sinnvoll, wenn man Route 2 in Echternach beginnt und auch dort wieder beendet. Aber da ich bis zu meinem Tagesziel in Berdorf noch knapp sechs Kilometer vor mir habe, spare ich mir den Ausflug nach Echternach, das ich ja ohnehin schon kenne. Die offizielle Streckenangabe des Trails spricht daher auch von gut 24 Kilometern für heute, ich lande unterm Strich bei etwa 22 Kilometern.

Schneeflöckchen, Rotröckchen

Bis Berdorf sind noch ca. 400 Höhenmeter zu bewältigen, die meisten davon gegen Ende über etwa drei Kilometer mit gemächlicher Steigung. Daher rechne ich mir aus, dass ich für die laut Wegweiser 5,6 Kilometer etwa anderthalb gemütliche Stunden brauchen werde. Im Geiste sehe ich mich schon in dem Café in Berdorf sitzen und bei einem Café auf den Bus warten.

Ich sage Mal so: Nein. Ich habe über zwei Stunden gebraucht. Am Ende war ich dann so frustriert, dass ich die letzten Meter sogar gespurtet bin, nur um meinen Bus noch zu erwischen.

Warum? Ganz bescheidenes Wetter. Darum. Kurz nach dem Punkt, an dem ich mich vielleicht noch entschieden hätte, umzukehren und direkt nach Echternach zu gehen, fing es an zu schütten. Es war angesagt, dass es gegen Nachmittag ein wenig regnen kann. Von Wolkenbruch war da keine Rede! Aprilwetter at its best. Mit meinem knallroten Poncho über mir und meinem Rucksack lässt sich das normalerweise prima abwettern. Aber hier ist das eine klitzekleine Spur drüber. Zum einen führt der Weg an der Nordseite, wieder dicht an Felsen entlang und über unwegsames Gelände. Es ist da also ohnehin schon ziemlich feucht und der Regen macht es nicht besser. Innerhalb kürzester Zeit verwandelt sich der Trail wieder in mein Matschparadies vom ersten Tag. Zum anderen fängt es dann noch an, wie bekloppt zu schneien und ich kann irgendwann wirklich nur noch schwer einschätzen, wo ich jetzt am besten hintreten sollte. Da hört der Spaß dann komplett auf. Dass der Trail dann aufgrund von Baumfällarbeiten auch noch gesperrt ist und ich ein gutes Stück lang direkt neben der Nationalstraße hergehen darf, ist dann schon fast geschenkt.

Bis Berdorf kommt man noch an der Paulsplatte, der Wolfsschlucht, dem Labyrinth und dem Amphitheater an/in der Hohllay vorbei. abgesehen davon, dass ich hier ein wenig Schutz vor dem Wetter gesucht habe, habe ich ehrlich gesagt von den Orten echt wenig wahrgenommen. Ich war viel zu sehr damit beschäftigt, auf meine Füße zu schauen.

Ewa 100 Meter vor der Bushaltestelle überholt mich mein Bus. Ich lege zwei Gänge zu , denn bei dem Wetter habe ich nun gerade Mal überhaupt keine Lust, jetzt noch eine Stunde auf den nächsten Bus zu warten. Auf der letzten Rille springe ich dann durch die hintere Türe in den Bus und lasse mich auf den ersten freien Platz fallen. Hier drin ist es warm. Und trocken. Außerdem mag ich gerade überhaupt nicht mehr laufen.

…und dann habe ich nicht Mal mehr mein Brathähnchen bekommen! Es ist noch keine drei Uhr – ich war heute echt zügig unterwegs – aber die mobile Hähnchenbraterei ist schon weg! Das ist doch gemein! Aber naja, in der Herberge bekomme ich ja auch was zu essen. Zuallererst steht eh‘ eine heiße Dusche an, für heute bin ich echt durch.


Hinweis:

Busverbindung von Echternach nach Herborn via Linie 110 oder 111; Echternach Gare – Altrier, Bildchen; im Wechsel Mo-So tagsüber etwa alle 30min

Busverbindung von Berdorf zurück nach Echternach via Linie 111; Berdorf Duerfplaz – Echternach Gare; Mo-So tagsüber stündlich

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