Heidschnuckenweg Tag 1 – Wander-Experimente

04. September 2021 – Hamburg-Fischbek – Buchholz in der Nordheide (18 km, eigentlich 26 km…)

Ich könnte gerade nicht glücklicher sein. Ich könnte gerade nicht erschöpfter sein. Es könnte mir nicht besser gehen. Gleichzeitig könnte es mir aber dennoch deutlich besser gehen. Der erste Wandertag auf dem Heidschnuckenweg liegt hinter mir und es war sicherlich kein einfacher Tag. Einerseits bin ich zufrieden mit meiner Leistung, andererseits habe ich ein bisschen ein schlechtes Gewissen. Wechselbad der Gefühle. Aber alles der Reihe nach.

Mit Chauffeur zum Start

Die zwei Bier mit Audrey gestern Abend haben mir die nötige Bettschwere verleiht. Das Bett des Hostels war zudem ausreichend bequem und da ich eine „Private Suite“ – der etwas hochtrabende Begriff des Hostels für ein schlichtes Einzelzimmer – bekommen hatte, obwohl Schlafsaal gebucht, hat dem erholsamen Schlaf auch sicherlich keinen Abbruch getan. Ich hatte mir vorgenommen, zeitig zu starten, da ich mir vorher nun überhaupt nicht sicher sein konnte, wie und ob ich diesen Wandertag überhaupt bewältigt bekomme. Also klingelt mein Wecker um 7 Uhr. Carpe diem und so.

Ich hatte mir das Hostel extra ausgesucht, weil es in unmittelbarer Nähe zum Hauptbahnhof liegt, von dem aus eine S-Bahn direkt nach Hamburg-Fischbek fährt. Vom dortigen Bahnhöfchen aus sind es etwa zwei Kilometer bis zum Einstieg in den Heidschnuckenweg. Eigentlich ganz gemütlich in einer knappen halben Stunde machbar. Aber für mich ist das aktuell im wahrsten Sinne des Wortes ein No-Go. Ich möchte meinem noch ein wenig zickigen und durchaus noch arg empfindlichen Fuß nicht gleich mit einem Marsch über Asphalt belasten, denn die Strecke heute ist auch so schon mit gut 26km lang genug. Also nehme ich mir den Luxus heraus, mich mit dem Taxi bis nach Fischbek zum Einstieg in den HSW kutschieren zu lassen.

Da es im Hostel kein Frühstück gibt, habe ich mir in weiser Voraussicht von zu Hause ein bisschen Obst und ein paar Müsliriegel mitgebracht. Ich habe aber wenig Lust, mir einen Teil davon noch in meinem Zimmer einzuverleiben, denn das kann ich auch gemütlich unterwegs tun. Ich habe auch durchaus noch die leise Hoffnung, unterwegs irgendwo einen Kaffee zu bekommen. So ohne Frühstück und mit nur ganz wenig Kram, den ich noch zusammenpacken muss, steige ich schon um kurz nach halb acht ins Taxi. Der um diese Uhrzeit schon sehr redselige Fahrer bringt mich dann über recht leere Straßen innerhalb von 20 Minuten bis zum HSW.

Gleich neben der Stele, die den Startpunkt markiert, stehen Bank und Tisch. Beides nehme ich direkt in Beschlag, denn ich brauche noch ein paar Handgriffe, um wirklich startklar zu sein. Die Wanderstöcke wollen noch auf Länge gebracht werden und da wettertechnisch für heute zwar Hochnebel aber kein Regen angesagt ist, wandern die Regenklamotten ein Stück tiefer in den Rucksack. Dafür packe ich einen Apfel aus und knabbere nebenher drauf rum.

Ein bisschen Heide zum Anfüttern

Der Hochnebel ist natürlich nicht nur angekündigt, sondern auch tatsächlich vorhanden. Dementsprechend ist der Himmel zumindest heute Vormittag eher ein trübes grau in grau, auch wenn ab und zu immer mal wieder kleine blaue Flecken durchblitzen. Die Temperaturen sind mit etwa 20°C durchaus angenehm, allerdings ist das genau der Bereich, bei dem ich überlege, ob jetzt eine lange oder eine kurze Hose die bessere Alternative wäre. Ich entscheide mich letztlich für die lange Hose, kremple mir aber die Beine bis übers Knie hoch.

Unmittelbar nach dem Start, hinter ein paar Bäumen, geht es in die Fischbeker Heide. Groß ich das Gebiet nicht und auch die Heideblüte ist ein wenig sparsam (wahrscheinlich bin ich für die Ecke hier schon zu spät dran), aber es gibt einen prima Vorgeschmack auf die kommenden Tage – und das, was ich sehe, gefällt mir. Leider, leider geben schon die ersten Meter auch einen Eindruck davon, was mich heute den Rest des Tages erwarten wird. Es fängt nämlich schön prächtig hügelig an. Auch die Bekanntschaft des fast schon berüchtigten Heidesands (nein, ich meine nicht das durchaus leckere Gebäck!) darf ich stellenweise machen. Obwohl ich finde, gar nicht sooooo langsam unterwegs zu sein, zieht recht bald eine Wanderin in Siebenmeilenstiefeln mit einem gut gelaunten „Moin!“ an mir vorbei. Der Größe ihres Rucksacks nach, ist sie auch mindestens bis nach Celle unterwegs.

Die Fischbeker Heide ist, wie erwähnt, alles andere als groß. Trotzdem bin ich gefühlt dann doch ewig unterwegs. Ganz bewusstes Auftreten und Abrollen ist nicht nur anstrengend, sondern kostet auch Zeit, auch wenn ich immer noch denke, dass es eigentlich ganz prima läuft. Viel später als gedacht, bin ich dann am Ende eines echt unerwartet ordentlichen Anstiegs endlich am Segelflugplatz Fischbek. Die Bank am Rande des Flugfeldes der Heidefläche kommt wie gerufen. Mein Bein wird gepflegt hochgelegt und ich muss erst einmal ordentlich durchschnaufen. Au weia, das kann auf dem weiteren Weg ja echt noch was werden! Flach geht es gut voran, aber sobald ich bei Anstiegen vom „Strecken-“ in den „Treppenschritt“ (man möge mir bitte verzeihen, hier gibt es bestimmt medizinisch korrekte Fachbegriffe) wechsle und mir die Kraft dazu aus Oberschenkel und Wade holen muss, fehlt mir nach der Verletzung einfach noch die Power.

Die Fernsicht ist heute trotz des noch eher trüben Wetters gar nicht so schlecht. Ich kann tatsächlich bis nach Hamburg gucken. Gut, es sind jetzt nicht der Michel oder die Elphi sondern nur die Häuser von Neu-Wulmstorf, aber hey 😅 Rein geographisch bin ich sogar gerade noch auf Hamburger Gebiet, also gucke ich ja im Grunde „bis nach Hamburg“, selbst wenn ich auf den Meter Boden vor mir schaue 😉

Ein Spaziergänger mit Hund interpretiert mein Erscheinungsbild wohl gar nicht soooo falsch, jedenfalls fühlt er sich ermutigt, mich mit einem „Kopf hoch, das Schlimmste haben Sie hinter sich!“ aufzubauen. Das ist auf jeden Fall nett gemeint, aber auch nett gemeint bleibt eine Lüge eben eine Lüge…

Von den schwarzen Bergen nach Jerusalem

Unmittelbar hinter dem Flugplatz verabschiedet sich die Heide für heute. Gleichzeitig geht es unerwartet steil über recht losen Untergrund nach unten. Ich eiere ziemlich rum, denn ich habe unheimlich Schiss davor, wegzurutschen. Richtig abfangen könnte ich mich wahrscheinlich nicht und wenn es blöd liefe, wären die letzten zwei Monate Reha für die Katz gewesen. Also stakse ich übervorsichtig Minischritt für Minischritt bergab und versuche meine Stöcke so einzusetzen, dass ich möglichst viel Schwung über sie abfangen kann. Unten angekommen, stehe ich dann vor einem nicht minder ordentlichen und langen Anstieg. Ich haue aus tiefstem Herzen ein „Echt jetzt!?“ raus und schaue den Hügel vor mir böse an. Nicht, dass ich die Hoffnung gehabt hätte, er würde dadurch kleiner, aber es geht ja ums Prinzip!

Ich wandere bis auf Weiteres nicht, ich arbeite mich quasi hoch. Da hilft es auch nur bedingt, dass ich unvermittelt im heiligen Land angekommen bin, denn ich stehe auf einmal auf dem Tempelberg. Na gut, jetzt nicht DER Tempelberg. Eigentlich lautet Tempelberg auch nur der Name der kleinen Siedlung hier, mit irgendwelchen Bergen ringsrum hat das, zumindest laut Karte, nichts zu tun. Der hier einsam an der Ecke stehende Wegweiser teilt mir mit, es wären noch flockige 21 Kilometer bis nach Buchholz. Bitte wie?! Das waren jetzt erst 5 Kilometer? Ich bin einigermaßen entsetzt und muss mich dann auch erst mal hinsetzen.

Nicht, dass es ab hier nicht mehr bergauf ginge. Im Gegenteil. Nicht, dass das der letzte Anstieg gewesen wäre. Im Gegenteil. Ein richtiges Auge für die Gegend um mich herum habe ich für die nächsten Kilometer absolut nicht, ich bin viel zu sehr mit mir selbst beschäftigt. Es geht fast ausschließlich durch den Wald, viel Gegend hat es daher ohnehin nicht, auch wenn alles schön moosig ist.

Unabhängig vom eigentlich recht angenehmen Wetter bekomme ich ich heute regelmäßig eine Live-Vorführung und einen tiefen Eindruck, woher der Altweibersommer eigentlich seinen Namen hat. Ich darf mir nämlich immer wieder Spinnfäden aus dem Gesicht wischen, die unsichtbar quer über den Weg hängen.

So ungefähr jedenfalls… Passt ja auch zum Tempelberg, von wegen Bundeslade und so. Und einen Hut trage ich schließlich auch 😇

Durch und hinter Tempelberg geht es selbstredend weiter bergauf. Auch die Freude, dass es zwischendurch noch mal recht steil bergab geht, hält nicht lange vor – ratet mal, wie es danach weitergeht… Aber erst einmal wartet der Karlstein auf einen. Holla, die Waldfee, wo Karl der Große nicht schon überall war! Wo der nicht überall Steine hinterlassen hat! Im Unterschied zu mir kam er aber wohl von Aachen kommend eher aus Richtung Süden. Jedenfalls habe ich in noch keinen Geschichtsbuch gelesen, dass er vorher mit dem Zug nach Hamburg gefahren wäre. Generell scheint er gerne auf Steinen geschlafen zu haben. Bei „Kaiser Karls Bettstatt“ in der Eifel könnte ich mir das ja noch vorstellen, aber wie jemand auf dem Klotz hier schlafen können soll? Naja, jedenfalls ist das der Sage nach so und im Anschluss gab es ordentlich Action. Die angeblichen Hufeisenabdrücke kann ich auf dem Stein noch erkennen. Aber wo da Hundepfoten sein sollen, dazu fehlt mir dann doch die Phantasie.

Ich nehme mir die Zeit, den Findling ausführlich zu betrachten. Denn ich bin gerade doch ein wenig am Ende meiner Kräfte und brauche dringend eine Pause. Gut, dass es hier ausreichend Bänke gibt und noch besser, dass ich eine Bank ganz für mich alleine habe. Also schmeiße ich erstmal alles von mir und verteile es neben mir auf der Bank. Es ist fast schon unglaublich, wie hügelig es hier ist! Da haben die Eiszeit-Gletscher beim Abschleifen der Landschaft echt schlampig gearbeitet. Oder hinterher einfach nicht gut aufgeräumt, je nachdem, wie man es sieht.

Aber wenigstens brauche ich die Pause nicht alleine verbringen. Auf einer zweiten Bank sitzt Anke, das Mädel, dass vorhin an mit vorbei gestürmt ist, sie macht sich aber gerade wieder fertig, um weiter zu marschieren. Neben ihr sitzt Ole, der noch ein Weilchen sitzen bleibt und sogar noch da sitzt, als ich dann nach meiner gefühlt viel zu langen Pause wieder aufbreche.

Auch sonst ist Ole recht tiefenentspannt. Er geht jeden Tag so viel, wie er mag, wobei er sich um Unterkünfte keine Gedanken zu machen braucht, denn er biwakiert irgendwo im Wald bzw. der Heide. Der Deutsche Michel in mir schreit auf „Aber das ist in der Heide ist das doch verboten!“, allerdings kann ich mir es gerade noch verkneifen, das laut auszusprechen. Insgeheim bewundere ich die Menschen, die das ohne Weiteres können – bzw. es halt einfach tun. Nach schlechten Erfahrungen will ich das im Grunde nicht mehr – zumindest nicht alleine – und bei meinem Glück ich wäre wahrscheinlich wieder der Erste, der von einem Förster mitten in der Nacht geweckt und vertrieben würde. Das ändert aber nichts daran, dass ich es eigentlich total toll finde, draußen im Zelt oder unterm Tarp zu schlafen.

Langenrehm sehen und gehen

Fröhlich geht der Weg dann wieder und weiter bergauf. Ich im Gegensatz dazu bin allerdings weniger fröhlich. Wenigstens geht es irgendwann nicht mehr nur durch den Wald, sondern an die frische Luft, will sagen über Felder und Wiesen.

Da mich meine Jakobsmuschel als Glücksbringer generell am Rucksack festgeknotet begleitet, kommt es immer mal wieder vor, dass ich darauf angesprochen werde. So auch heute, denn auf einer Bank irgendwo im Nichts sitzt eine Dame, mit der ich entsprechend ins Gespräch komme. Ich schildere meine Schwierigkeiten, die ich heute mit dem Weg habe und sie meint nur, sie käme gerade vom Camino Primitivo, sollte also eigentlich halbwegs fit sein, zumal sie nur mit Tagesrucksack unterwegs ist. Aber die Hügel hier würden sie komplett fertig machen. Während ich weiterziehe, will sie ihre Pause „deutlich ausdehnen“, wie sie sagt. Ich schwanke zwischen „Was soll ich denn da erst sagen“ inklusive mich einfach für die nächsten Stunden neben sie zu setzen und weiter zu gehen. Mein innerer Schweinehund bleibt dann auch fürs erste dort, während ich weiterstapfe.

NIcht viel später ist im kleinen Örtchen Langenrehm dann aber nun wirklich das Schlimmste überstanden. Der Herr mit Hund hat sich heute früh bestimmt nur vertan… Wenn ich ganz ehrlich zu mir selbst bin, habe ich mich in der Hoffnung auf eine ausgiebige Mittagspause eher bis hierher geschleppt, als als alles andere. Spaß macht es mir nämlich gerade nicht wirklich. Den unmittelbar neben dem Ort stehenden Fernmeldeturm Rosengarten sieht man jedenfalls schon, sobald man aus dem Wald wieder ins Licht tritt, da weiß man wenigstens, dass es nicht mehr weit ist.

Als erstes begrüßt einen der Reiterhof Langenrehm mit verschiedenen Kuriositäten, allen voran einem Landdampfer. Ein Dampfer wird es wohl eher nicht gewesen sein, eher ein Kutter oder ein Binnenschiff. Aber egal, was genau es mal für einen Zweck erfüllt hat, das Schiff thront jetzt auf dem Trockenen neben der Hofeinfahrt zum Reiterhof. Statuen, Skulpturen, allerlei Metall-Spökes und ein offensichtlich nicht mehr fahrbereiter Oldtimer-Bus sorgen dafür, dass ich diesen Ort eigentlich recht cool finde. Aber einen Restaurantbetrieb mit Kaffee, Kaltgetränken und vielleicht einem Stück Kuchen hat es hier leider nicht.

Schräg gegenüber, in einem schön restaurierten, mit Reet gedeckten Fachwerkhaus, befindet sich die Museumsstellmacherei. Draußen vor der Türe Tische Stühle und Sonnenschirme. Am Zaun davor ein Schild mit Aufschrift „Café“. Meine Begeisterung hält sich allerdings in sehr, sehr engen Grenzen, denn es ist geschlossen. An einem Samstagmittag. Während der Hauptwanderzeit zur Heideblüte. Die Logik erschließt sich mir nicht, es steht auch nicht draußen dran, warum genau geschlossen ist. Mir bleibt aber nun leider nicht viel anderes übrig, als diese Tatsache zu akzeptieren und unverrichteter Dinge weiter zu ziehen. Denn einen Platz, um einfach mal so eine Pause zu machen, gibt es hier auch nicht. Nach weiteren etwa fünf Häusern geht es noch eben über die Kreisstraße und das war es dann mit Langenrehm. Habe ich mir irgendwie anders vorgestellt… Als ob es nicht schon genug wäre, folgt gleich hinter den letzten Häusern ein Stück Weg, das wahrscheinlich in den vergangenen Tagen extra gewässert wurde, um einem Dirt-Bike-Club eine richtig schöne Schlammschlacht zu bereiten. Jedenfalls ist die Suhle mit Abdrücken von (Offroad-)Fahrradreifen übersät. Als Wanderer hat man da echt gelitten, also geht es irgendwie außen rum.

Fix und alle

Ihr kennt das doch bestimmt – kurz bevor sich der Akku am Laptop oder am Handy in kritische Gefilde bewegt, gehen die Geräte in den Energiesparmodus. Alles funktioniert nur noch langsam oder wird gleich abgeschaltet und der Bildschirm wird dunkler. So in der Art fühle ich mich jetzt auch. Dass es hinter Langenrehm noch ein kurzes Stück zwar gemäßigt, aber immer noch bergauf geht – geschenkt! Aber ich bin komplett fertig. Gepaart mit einem argen Koffein-Defizit führt das nur dazu, dass ich aktuell nicht so sehr unglaublich gut drauf bin.

Mein Hauptproblem ist, dass ich nach inzwischen gut 15 Kilometern merke, wie arg ich mich heute anstrengen musste. Nicht nur mit meinem aua Fuß, der spielt so gut er kann mit. Aber da sich eine gewisse Schonhaltung doch (noch) nicht vermeiden lässt, teilt meine Hüfte auf der anderen Seite mir energisch mit, dass sie mich für bekloppt hält und ab jetzt nicht mehr mitspielt. Es tut bei jedem Schritt weh. Ich habe noch die leise Hoffnung, dass es vielleicht ein bisschen besser wird, wenn ich den Hüftgurt vom Rucksack ein bisschen weiter stelle oder seine Position verändere und bilde mir auch ein, dass es hilft. Aber das ist alles nur Placebo, denn ich bleibe alle paar hundert Meter stehen und versuche meine Hüfte zu dehnen und irgendwie den Schmerz weg zu massieren.

Ich schleppe mich bis Nenndorf, wo ich dem Himmel danke, dass die gleich am Ortseingang liegende freiwillige Feuerwehr dort nicht an Tischen und Bänken gespart hat. Die Pause ist für mich alternativlos.

Es dauert nicht lange, bis ich beschließe, es für heute gut sein zu lassen. Heute lieber abbrechen, als morgen gar nicht mehr wandern zu können. Mitverantwortlich für diese Entscheidung, die ich auch im Nachhinein absolut nicht bereue, sind zwei Dinge:

Zum einen werfe ich einen Blick auf meine Wanderkarte. Nicht nur, dass es von hier aus noch etwa acht Kilometer bis zu meiner Unterkunft in Buchholz sind. Wenn ich in dem „Tempo“ der letzten zwei Kilometer so weiter gehe, brauche ich dafür bestimmt über drei Stunden – und das ist nicht übertrieben. Zudem ist die weitere Strecke zumindest auf dem Papier alles andere als sehenswert. Der Wanderführer spendiert diesem Abschnitt gerade mal einen halben Absatz und auch der Text auf der Rückseite meiner HSW-Wanderkarte ist gerade eben knappe drei Zeilen lang. Viel mehr lässt sich dazu wohl auch schwerlich sagen, denn laut Karte geht es zuerst an der Autobahn entlang, dann unter der Autobahn durch, dann wieder parallel dazu und dann über ein kurzes Stück Straße, bevor man dann über Asphalt nach Buchholz einmarschiert. Wobei Buchholz an sich auch keine Perle sein soll…

Wenn ich mal eben etwas zitieren darf:

Wandern an der Autobahn ist für auditive Menschen wie miese Musik beim Ausgehen. Der Zauber geht flöten. […] Insgesamt hat die 1. Etappe des Heidschnuckenweges etwas von einer Party, die man besser zu einem bestimmten Zeitpunkt verlassen hätte.

In der Naehe bleiben

Ich könnte es selbst nicht besser ausdrücken! Nur vielleicht noch ergänzen, dass man nicht einmal besonders auditiv sein muss, um diese Geräuschkulisse irgendwann nervig zu finden.

Zum anderen, ich habe mich gerade häuslich eingerichtet und suche nach einer Busverbindung in Richtung Buchholz, kommt eine junge Dame bei mir an, setzt sich auf eine der anderen Bänke und posaunt „Ich habe ja so was von keinen Bock mehr!“ Es dauert nicht lang, da haben wir beide beschlossen, uns ein Taxi zu teilen. Ich werde also vor der Tür meines Hotels für heute Nacht abgeladen und sie wird zum Bahnhof nach Buchholz gebracht. Win-Win.

Das Taxi braucht etwa 20 Minuten, bis er uns einsammelt, bis dahin unterhalten wir uns ein bisschen. Die Fahrt selbst dauert vielleicht gerade mal 10 Minuten. Der Fahrer weiß zu berichten, dass sich hier in Nenndorf wohl gar nicht so selten Wanderer einsammeln und nach Buchholz fahren lassen. Ich kann das absolut nachvollziehen.

Die Fahrt geht über Dibbersen, wo einige nette Häuschen stehen. Da wäre ich auf dem HSW auch dran vorbei gekommen, aber das ist jetzt auch kein großer Verlust, das nur durch die Autoscheibe gesehen zu haben. Die Windmühle, die ohnehin nur über einen kurzen Abstecher zu erreichen wäre, bekomme ich natürlich auch nicht zu Gesicht.

Regeneration

Kaum angekommen und eingecheckt, pelle ich mich aus meinen Klamotten. Die Dusche ist so herrlich, ich will heute gar nicht mehr raus! Hüfte und Füße bekommen sogar kalt-warme Wechselbäder. Danach geht es schon deutlich besser, wobei es gerade meinem Fuß hilft, dass er nicht mehr in Wanderschuhen (so bequem sie auch sind), sondern in Badelatschen steckt.

Nachdem ich mich eine Weile auf dem Bett ausgestreckt habe, vielleicht habe ich ich auch eine halbe Stunde gedöst, geht es dann sogar deutlich besser. Außerdem ist endlich die Sonne rausgekommen und der Himmel ist strahlend blau. Ich riskiere es also und badeschlappe gemütlich eine runde um mein Hotel. Da ist es von Vorteil, dass ich mir per Zufall eines rausgesucht habe, das nicht direkt in der Stadt liegt. Rundherum sind Felder und Blumenwiesen. Gleich vor meinem Fenster stehen drei Bienenkörbe und alles summt. Hier lasse ich es mir einfach nur gutgehen und der Frust des Tages ist eigentlich schnell vergessen – erst recht weil das Essen hier gut und sehr reichlich ist. Ein leckeres Bier zum Essen und eines danach runden das Paket dann ab.

Ich bin irgendwann totmüde. Hätte ich den Tisch zum Essen früher reservieren können (ohne ging wg. Corona nicht), ich hätte nichts dagegen gehabt, ein frühes Abendessen einzunehmen. Aber es ist gerade jetzt am Wochenende recht viel los und so wird es dann doch erst halb acht, bis ich an den Tisch kann. Gleich ins Bett will ich aber auch nicht, denn den Rucksack möchte ich schon möglichst komplett für morgen packen, um morgens dann recht zügig weiterzuziehen. Keine Ahnung, wie schnell ich vorankommen werde, wobei es ab jetzt ja quasi nur noch flach weitergeht. Aber auch wenn ich zügig gehen kann, will ich nicht gleich morgens trödeln. Also packe ich noch schnell alles zusammen. Aber danach ist wirklich Ende Gelände. Ich habe nicht mal mehr den Fernseher eingeschaltet. Wahrscheinlich war ich schon eingeschlafen, bevor mein Kopf das Kissen berührt hat.


Nur um das oben geschriebene irgendwie einzuordnen, schließlich klingt der Auftakt eher danach, dass ich den Weg ganz schrecklich finde und nie wieder Wandern gehen will:

Ja, der Tag war nicht eben ein Highlight. Gleich mit der Königsetappe zu starten, sowohl was die Länge, als auch was die Höhenmeter angeht, war vielleicht keine so grandiose Idee. Dementsprechend war ich den Tag über ziemlich viel mit mir am hadern. Aber das Tolle ist, dass ich jetzt weiß: Den den Rest des HSW schaffe ich! …und je weiter ich mich eingroove, desto besser wird in den kommenden Tagen auch meine Laune sein. Heute war es also nicht wirklich repräsentativ. Aber solche Tage gibt es halt ab und zu…

3 Gedanken zu “Heidschnuckenweg Tag 1 – Wander-Experimente

  1. Schön und ehrlich geschrieben… Dafür, dass Du relativ frisch aus der Reha gekommen bist, ist es doch ganz gut gelaufen. Ich finde es sehr vernünftig, dass Du Dich noch etwas geschont hast. Außerdem soll es ja Spaß machen und nicht in einer neuen Verletzung enden.

    1. „Gut“ ist halt relativ 😅 Wenn entweder mein Orthopäde oder mein Physiotherapeut vom Stuhl gefallen wären, als ich von meinem Vorhaben erzählt habe, wäre ich wohl zu Hause geblieben. Aber wie heißt es so schön: Bewegung tut gut. Dass es immer Spaß macht, hat ja niemand behauptet…

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