Heidschnuckenweg Tag 4 – Spitze mit Umweg

07. September 2021 – Undeloh – Oberhaverbeck (ca. 17km + 2,5km)

Heute heißt es einen Berg zu erklimmen. Nicht irgendeinen, nein! Es geht heute – unter anderem – über den Wilseder Berg, den höchsten weit und breit. Was allerdings nicht viel heißen will, mich im Vorfeld aber trotzdem ein bisschen zweifeln lässt. Dazu mache ich einen kurzen Abstecher zum Totengrund, ein kleiner, lohnenswerter Umweg, um den ich spätestens nach einer persönlichen Empfehlung Audreys gar nicht drum herum komme 👍

Der weiße Riese

Dass es in den Unterkünften meiner Wahl am HSW grundsätzlich erst spät Frühstück gibt, daran kann ich mich auf jeden Fall gewöhnen. Viel früher klingelt mein Wecker deshalb aber nicht, denn ich beeile mich wahrlich nicht und nutze die Zeit, um auch im TV noch Nachrichten zu schauen

Entweder bin ich heute der einzige Wanderer hier im Haus oder der Rest der Gäste zieht sich nach dem Frühstück noch mal um. Jedenfalls bin ich der einzige im Outdoor-Chic. Das mit dem Umziehen überlege ich mir allerdings tatsächlich auch noch. Denn dem Wetterbericht zufolge soll es heute richtig mächtig warm werden. Da es aktuell aber noch recht kühl ist, entscheide ich mich dazu, die lange Hose doch fürs erste anzubehalten. Auf die kurze Variante kann ich unterwegs immer noch umsteigen.

Beim Auschecken frage ich noch schnell nach dem Weg. Zwar liegt meine Unterkunft nicht direkt am HSW, aber eigentlich dürfte es nur die Straße runter und dann recht lang sein, also nicht allzu kompliziert. Aber bevor ich das jetzt auf der Karte nachschaue, kann ich ja gleich fragen. Die Antwort, die ich dann bekomme, irritiert mich dann allerdings doch ein wenig: „Ja, das passt schon. Dann links am Feuerwehrteich und immer an der Wäsche lang.“ Wäsche? Hä? Ich bin aber irgendwie zu perplex, um da jetzt noch mal nachzuhaken.

Aber ja, es geht in der Tat an der Wäsche entlang. Denn der hier ansässige Hotelbetrieb hängt in der Morgensonne die frisch gewaschene Bettwäsche und Handtücher zum Trocknen auf. Wie eben – die älteren erinnern sich vielleicht – bei der alten TV-Werbung für das Waschmittel „Weißer Riese“. Ich habe das Bild mit dieser unendlich langen, mit weißen Laken behängten Wäscheleine direkt wieder vor Augen, aber weder der alte Slogan noch die passende Musik wollen mir einfallen. Aber ok, ich merke mir eh schon viel zu viel sinnlosen Kram, irgendwo muss es ja auch mal gut sein 😅

Gleich hinter der Wäsche werden die Pferdewagen für die sich lieber mit 2 PS durch die Landschaft bewegende Klientel vorbereitet und die zugehörigen Pferde werden angespannt. Ich schwöre, auch wenn die Wagen vielleicht bequem sein mögen, doch lieber auf meine rund 0,15 eigenen PS (ja, das habe ich natürlich bei Wikipedia nachgeschlagen. SO viel sinnlosen Kram habe ich nun echt nicht im Kopf!).

Viel Flora, wenig Fauna

Den Pferdegeruch noch fast in der Nase, wandere ich raus in die Heide. Vorteil: Landschaftlich schön. Nachteile: Pralle Sonne, sandiger Weg, leicht bergauf. Ich komme ordentlich ins Schwitzen und bin noch nicht mal eine halbe Stunde unterwegs! Aber auch heute bin ich ja nicht auf der Flucht, also suche ich mir eine Bank (eine im Schatten zu finden, gebe ich aber schon bald dran) und mache Pause. Ein Grüppchen Frauen in bestem Alter zieht schnatternd an mir vorbei, ansonsten habe ich den Weg wieder für mich alleine.

Eine ganze Weile geht es an Weidezäunen entlang. Der Wanderführer schreibt, dass man hier „überall“ Dülmener Pferde und Wilseder Roten sehen kann. „Man“ kann das bestimmt, ich allerdings nicht – oder die Tiere verstecken sich vor mir… Ich sehe hier nur leere Heide- und Weideflächen. Dass ich noch keine Heidschnucke zu Gesicht bekommen habe, macht es auch nicht besser. Aber auch ohne tierische Wegbegleiter macht der Tag bis hierher Spaß.

Irgendwann allerdings, ich habe meine Erwartungshaltung schon auf nahe 0 heruntergeschraubt, höre ich von weiter vorne doch noch ein lautes „Muh“. Gefolgt von noch einem. Und noch einem. Entweder eine sehr kommunikative Kuh, oder doch eher mehrere. An der nächsten Kreuzung stehen eine Reihe herren- und damenloser Fahrräder an den Weidezaun gelehnt, daneben ein Türchen im Weidezaun und dahinter wiederum der Lärm. Warum also nicht mal neue Wege gehen und der Herde folgen? In dem Fall meine ich die Radfahrer-Herde, nicht die Kühe.

Zwischen ein paar Wacholdern durch sehe ich eine weitere Heidefläche und muss gleichzeitig aufpassen, nicht von einer von rechts kommenden Wilseder Roten überrannt zu werden. Eine ganze Herde ist hier gerade von links nach rechts unterwegs. Rennen tun die Tierchen zwar nicht wirklich, sie sind aber doch recht zügig unterwegs und von mehreren 100 Kilogramm einen ordentlichen Knuff in die Seite zu bekommen, da verzichte ich doch gerne. Ich gewähre also lieber Vorfahrt.

Das Damengrüppchen von vorhin ist auch gerade angekommen. Ich höre nur „Och, schaut mal, wie schön! Erst die Heidschnuckenherde und jetzt die Kühe!“ Wie bitte Heidschnucken? Da muss ich einfach nachfragen. Sie sind nicht den direkten Weg hierher gewandert, sondern sind zwischendurch einer der Heideschleifen gefolgt. Da war dann wohl die Herde, mitten auf dem Weg. Das erklärt vor allem, wieso ich vor ihnen hier sein konnte. Naja, ich bin ja noch ein paar Tage unterwegs, da finde ich meine Schnucken schon noch!

Wuseliges Wilsede

Ich muss zugeben, dass meine Erinnerung mich ein wenig getäuscht hat. Ich hätte nämlich schwören können, dass ich heute ganz viele Fotos geschossen habe und ich auch entsprechend viel zu erzählen hätte. Aber wenn ich so in mein Tagebuch schaue, ist hier bis vor Wilsede eine große „Lücke“. Das soll jetzt aber bitte nicht als Kritik oder Mimimi verstanden werden – im Gegenteil, denn wenn ich es offenbar geschafft habe, mein Hirn so komplett auszuschalten, könnte es gar nicht besser sein. Vielleicht hat mich die doch arg erbarmungslose Sonne aber auch nicht weichgekocht…

Kurz vor Wilsede erlöst mich in der Hinsicht endlich ein kleines Waldstück. Das Schlüsselwort ist hier nur leider in der Tat „klein“, denn kaum freue ich mich über den Schatten, geht es auch schon wieder zurück in die Sonne – und das wird sich bis zu den ersten Häusern leider auch nicht mehr ändern. Wenn es hier ein Restaurant oder etwas in der Art gibt und wenn das offen hat, ich werde einfach zur Toilette durchrennen und meinen Kopf unter den Wasserhahn hängen. Erst danach werde ich darüber nachgrübeln, nicht ob, sondern was ich mir Kaltes zu trinken gönnen werde.

Das Ortsschild schon in Sichtweite, erspähe ich etwa 50 Meter rechts vom Weg, eingezäunt, doch glatt ein paar schwarz-weiße Punkte. Heidschnucken! Aber so richtig lasse ich das nicht gelten. Denn zum einen sind sie recht weit weg und durch mehrere Zäune von mir getrennt, ich komme also nicht näher heran. Zum anderen sehe ich nur ihre Hintern, so richtig Interesse an Besuch meinerseits besteht also wohl ohnehin nicht. Na wartet, ich krieg‘ Euch noch!

Wilsede an sich ist echt hübsch. Der Wanderführer meint, dass sich der kleine Ort „seinen ursprünglichen Charakter als Heidedorf bewahrt hat“. Das würde ich sogar unterschreiben, wären da nicht die unzähligen Touristen. Es sei denn natürlich, die gehören zu diesem ursprünglichen Charakter mit dazu. Es ist jedenfalls sehr, sehr gut besucht. Unmengen Fahrräder und Pferdegespanne. Zum Glück ist der Ort für regulären Straßenverkehr gesperrt, nicht auszudenken, wenn sich hier hier auch noch Auto an Auto reihen würde. Mit meiner Ankunft senke ich den Altersschnitt im Dorf jedenfalls um etwa 20 Jahre. Das ist natürlich übertrieben, aber das hier auffällig viele Menschen silbergraue Haare haben, ist schon ziemlich augenfällig.

Geöffnet hat hier so ziemlich alles, ich habe also für meine Abkühlung die freie Auswahl. Ich entscheide mich für die Milchhalle. Was auch immer es früher mal war, jetzt ist es ein Selbstbedienungsrestaurant. Nach einem ordentlichen Schwall Wasser in Gesicht und Nacken kann ich mir hier nämlich meinen Kaffee und gleich zwei kleine Flaschen Cola schnappen und mich draußen an der Straße auf den Boden setzen und an den alten, inzwischen mit Blumenkübeln verzierten Ziehbrunnen lehnen. Wenn hier schon so viel los ist, kann ich dem Treiben auch eine Weile zuschauen. Außerdem ist’s Mittagszeit, da muss auch gleich mein Lunchpaket dran glauben.

Abstecher und Aufsteiger

Gleich gegenüber biegt der HSW nach Westen ab, als nächstes steht der Wilseder Berg an. Etwa 50 Meter weiter führt ein Weg weiter nach Süden. Über den ginge es zum Totengrund – und mir dieses Fleckchen anzuschauen, wurde mir ja von verschiedenen Seiten ans Herz gelegt. Trotzdem bin ich gerade ein bisschen unschlüssig. Denn einerseits habe ich schon Lust auf diesen kleinen Umweg, der mit gut zwei Kilometern ja auch noch übersichtlich ist. Andererseits bin ich schon den ganzen Tag durch die Sonne gewandert und es wird langsam anstrengend. Da es zum Wilseder Berg wieder über Heideflächen geht, ist in der Hinsicht auch keine Besserung zu erwarten. Wenn ich aber den Weg, so weit ich ihn denn sehen kann, in Richtung Totengrund sehe, stehen da Bäume. Das ist zwar noch lange kein Wald, aber es gibt Schatten. Auch wenn ich noch so richtig überzeugt bin, werde ich das „Risiko“ eingehen. Schlimmstenfalls komme ich ja – es geht zum Totengrund schnurgerade südlich und auch auf dem selben Weg wieder zurück, exakt hier wieder vorbei und muss dann halt noch eine Erholungspause einlegen.

Ich mahlzeite also noch in aller Ruhe zu Ende und stiefele nach Süden. Im Schatten. Juhu 😊

Der Totengrund hat nicht weniger Anziehungskraft, wie Wilsede an sich. Zumindest strömen die Menschen nur so dorthin bzw. kommen mir von dort auf ihrem Weg zurück entgegen. Es ist voll, aber immerhin nicht überfüllt. So gehen alle paar Dutzend Meter vor und hinter mir zwar Menschen, aber wenigstens nur alleine oder zu zweit und nicht in größeren Gruppen. Der Weg ist auch breit genug, damit man sich nicht immer ausweichen muss, wenn einem jemand entgegenkommt. Ich stecke mir meine Kopfhörer in die Ohren, schalte Musik an und blende das ganze Drumherum auf diese Weise ein bisschen aus. Der Abstecher ist kurz genug, dass mich der Trubel hier nicht aus der Ruhe bringt.

Da am Aussichtspunkt am Rande des Totengrund (was genau das ist, erspare ich mir hier, das können andere besser erklären) alle Bänke besetzt sind und ich ohnehin gerade erst aus der Pause komm, lehne ich mich ans Geländer und gucke einfach eine Weile in die Welt hinaus. Ist schön hier, der kleine Ausflug hat sich gelohnt.

Grundsätzlich ist die Etappe heute nichts für diejenigen, die gerne straight von A nach B kommen wollen, denn es geht bis Wilsede über eine große Kehre, da kommt der Totengrund dann natürlich noch dazu. Landschaftlich absolut lohnenswert, aber technisch gesehen, nicht sehr effizient 😉

rot: HSW, blau: Abstecher zum Totengrund [OpenStreetMap]

So richtig langer genieße ich die Fernsicht allerdings nicht, denn fehlender Schatten und die Aussicht, gleich noch auf einen Berg zu müssen, treibt mich zurück auf den HSW. Daher gebe ich mir wieder Musik auf die Ohren, denn die Strecke zurück zum Örtchen kenne ich ja jetzt und sie hat natürlich auch auf dem Rückweg keine Überraschungen zu bieten. In Wilsede hole ich mir nur noch schnell meinen Stempel für den Wanderpass ab, dann geht es gleich weiter. Zwar hat es auf dem Weg aus Wilsede hinaus wieder einmal Kopfsteinpflaster, das ist aber nicht halb so schlimm, wie die Zumutung gestern aus Wehlen hinaus.

Der Anstieg zum Berg ist eigentlich ein Witz. Klar geht es bergan, aber so gemütlich, dass man das fast nicht merkt. Nur die Sonne macht mich fertig. Wenigstens ist es eine trockene Hitze und manchmal weht ein Fitzelchen Wind, ansonsten wäre es unerträglich. So ist es dann nur anstrengend. Grund genug, um nach etwa dreiviertel des Anstiegs eine Bank im Schatten in Beschlag zu nehmen. Das ist ein fliegender Wechsel, denn die beiden Leute, die dort sitzen, stehen just in dem Moment auf, als ich an ihnen vorbeigehen möchte. Ich sitze gerade, da kommt das Damentrüppchen von heute Vormittag an mir vorbei und verteilt sich quasi um die Bank herum im Schatten des Baumes, der hier den Schatten spendet.

Wie das halt so ist, kommt man ins Gespräch. Was denn schöner sei? Hier der Heidschnuckenweg bzw. Wandern in Deutschland oder die Caminos in Spanien? Die Frage kann ich nach wie vor nicht eindeutig beantworten, sorry. Schöner? Keine Ahnung, auf jeden Fall aber anders. Die Damen sind Mitglieder eines Wandervereins und kommen von Rügen. So nach und nach erweitern sie ihren Wanderradius, nachdem sie bisher überwiegend in Meckpomm unterwegs waren. Da ich vor ein paar Jahren mal einen Kurzurlaub auf Rügen verbracht habe, sage ich unvorsichtigerweise „Auf Rügen ist es auch schön.“ Bis heute weiß ich nicht, ob die Antwort scherzhaft gemeint war, der Tonfall war da ziemlich uneindeutig, jedenfalls ernte ich ein „Was heißt denn hier ‚auch‘!?“ Schon gut, ich lasse es. Muss eh weiter…

Dass man auf dem Gipfel des Wilseder Bergs angekommen ist, merkt man vor allem daran, dass man vor dem Gaußstein steht. Da steht es nämlich drauf. Ansonsten ist hier oben nicht viel, außer ein paar Schatten spendenden Bäumen, von denen ich einen direkt ansteuere, und viel Aussicht.

Wieder bin ich ein wenig zwiespältig – mache ich jetzt wirklich noch eine Pause oder möchte ich schnellstmöglich ankommen, duschen und die Füße hochlegen? Ich entscheide mich pro Pause, denn der Schatten ist einfach zu verlockend. Zusätzlich tränke ich mein Stofftaschentuch mit Wasser. Das ist zwar mittlerweile p***warm, aber für eine leichte Abkühlung reicht es allemal noch aus. Nachdem ich ein bisschen abgekühlt bin, drehe ich dann ein Ründchen über den Gipfel, mache Fotos und genieße die Aussicht. Hier ist zwar immer noch viel los, aber offenbar scheuen die meisten Besucher Wilsedes bei dem Wetter den Weg hier herauf, daher geht es.

Grammatikalisches Wandern mit Überschuss

Runter vom Berg geht es erstaunlich steil. Da der Weg größtenteils grob geschottert ist, rutscht es sich auch ein oder zwei mal, egal wie vorsichtig ich auch trippele. Als das Stück geschafft ist, mache ich drei Kreuze.

Danach wird die Vegetation nach und nach dichter. Ich wandere zwar nicht direkt durch den Wald, aber auch die paar verteilten Bäume spenden ausreichend Schatten, sodass es sich angenehm gehen lässt.

Allerdings halte ich immer wieder Ausschau nach einem Wegeweiser nach Oberhaverbeck. Offizielles Etappenziel ist Niederhaverbeck, aber mein Bett für heute Nacht steht halt woanders. Um keinen Umweg gehen zu müssen, müsste ich, so viel hatte ich mir vorher schon auf der Karte angeschaut, an einer T-Kreuzung links abbiegen, anstatt rechts dem HSW zu folgen. Der Maßstab der Wanderkarte ist zu klein, um Details erkennen zu können und leider habe ich hier keinen Netzempfang, online gucken geht also nicht. Tja, hätte ich mir den Kartenbereich vielleicht besser mal vorher heruntergeladen. Die Erkenntnis hilft mir aber überhaupt nicht, also hoffe ich auf einen aussagekräftigen Wegweiser.

Ich komme an gleich zwei zunächst vielversprechenden Kreuzungen vorbei. Die erste kommt aber zu früh, das kann sie nicht sein, so viel kann ich der Karte dann noch entnehmen. Bei der zweiten bin ich total unsicher. Wenn sie das wäre, müsste ich hier also links und gleich wieder rechts. Aber wenn ich nach links schaue, gibt es da keinen Weg, der gleich wieder nach rechts abbiegt. Außerdem ist auf der Karte ein kleiner Teich eingezeichnet, aber hier ist ringsum kein Wasser. Zwar bin ich vorher an ein paar kleineren Teichen vorbei gekommen, aber da war keine Kreuzung. Also gehe ich dann doch wieder nach rechts und hoffe, dass ich die passende Abzweigung doch noch finde. Ich laufe sogar auf zwei Tagesausflügler auf, die ihr Auto suchen. Das haben sie nämlich in Oberhaverbeck geparkt und würden jetzt gerne auf schnellstem Weg dorthin zurück. Dementsprechend müssten sie an der selben Stelle wie ich nach links.

Über einen asphaltierten Weg geht es immer weiter, ohne die Möglichkeit, irgendwo abzuzweigen. Hauptsächlich deshalb, weil links ein großer Sandfang ist und ich nicht schwimmen möchte. Das nächste, was ich dann sehe, sind die ersten Häuser von Niederhaverbeck. Na, das ist ja prima…

Wenigstens bekomme ich hier im Naturinformationshaus nicht nur meinen Stempel in den Wanderpass, sondern auch gleich ein Fleißbienchen und ich habe mir – das war mir vorher überhaupt nicht bewusst, aber ich nehme ja mit, was ich kriegen kann – den bronzenen HSW-Pin erwandert. Auch wenn ich gerade der einzige Besucher hier bin, macht die Dame am Tresen den Eindruck extrem gestresst zu sein und sich von mich doch sehr gestört zu fühlen. Trotzdem frage ich sie, wie ich denn am schnellsten nach Oberhaverbeck komme. „Ja dann gehen sie halt da vorne links an der Straße, 500 Meter vielleicht!“ ist die leicht unfreundliche Antwort. Draußen treffe ich die beiden Autosuchenden wieder, denen ich die Info gleich weitergebe.

500 Meter? Ja klar… Aber nicht in diesem Universum! Zugegeben, bin ich inzwischen ein bisschen langsamer unterwegs. Aber auch nach 10 Minuten ist Oberhaverbeck nicht mal in Sichtweite. Da ich so langsam auch müde werde und eigentlich nur noch duschen möchte, fängt mein Kopf wieder an, sinnfreie Gedanken zu denken. Unter anderem komme ich auf eine durchaus sinnvolle Anwendung des Futur I in Kombination mit dem Futur II: „Ich werde mir gleich ein Eis gönnen!“ und: „Ich werde mir das Eis sowas von verdient haben!“ Oh ja, das werde ich!

Auf der Karte habe ich abends nachgeschaut – es waren noch einmal knapp 1,5 Kilometer extra. Da lag die Dame halt ein bisschen daneben. Dafür ist meine Unterkunft für heute Nacht absolut klasse. Ein alter, richtig gut wieder hergerichteter Hof mit all seinen Nebengebäuden, viel Wiese, alter Baumbestand, überall Liege- oder Sitzmöglichkeiten. …und es gibt Eis!

Die zweite meiner Kreuzungs-Kandidaten wäre im Übrigen wirklich die richtige gewesen. Nur, dass es in der Realität nicht links-rechts gewesen wäre. Anders als auf der Karte verzeichnet, wäre es nämlich links-200m weiter-rechts gegangen. Ein Wegweise an der Stelle hätte echt geholfen…

Duschen und Wäsche waschen erledige ich wieder in Kombination. Die Sonne scheint in mein üppig dimensioniertes Zimmer, da habe ich ausreichend Platz, alles irgendwie zum Trockenen zu drapieren. Das kann meine Wäsche dann auch alleine, also verziehe ich mich bis zum Abendessen nach draußen, gönne mir auf der Terrasse noch einen Kaffee und sitze ansonsten nur auf der Wiese, höre Musik und döse.

Es könnte mir wahrlich schlechter gehen. Das Einzige, über das ich mir ein bisschen Gedanken mache ist, dass es morgen noch heißer werden soll. Aber das kann ich ohnehin nicht ändern, also mache ich das heute nicht zu meinem Problem, sondern genieße den Abend, trinke zum Abschluss noch ein Feierabendbierchen und falle rechtschaffen müde ins Bett.

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