Heidschnuckenweg Tag 5 – Die Schönheit eines Truppenübungsplatzes

08. September 2021 – Oberhaverbeck – Bispingen (ca. 18 km)

Was den heutigen Tag betrifft, weiß ich so recht, was ich davon halten soll. Ein Tag mit Licht und Schatten. Leider viel zu viel Licht, aber gleichzeitig auch zu viel Schatten. Heute fange ich mir ein seltenes Blasenproblem ein und am Ende werde ich ganz schön am Ende sein. Davon ahne ich aber noch nichts, als ich allerbester Laune beim Frühstück sitze.

Satt und zwei große Tassen Kaffee später verlasse ich jedenfalls mein kleines Paradies. Aber auch heute wieder nicht, ohne nach dem Weg zu fragen. Ich sehe es nämlich gar nicht ein, erst noch nach Niederhaverbeck zurück zu gehen. Aber den HSW wiederzufinden, ist ganz einfach, ich muss nur zurück an die Straße und dann einem der Wirtschaftswege nach Westen 200, vielleicht 300 Meter weit folgen, dann sehe ich schon das erste „H“ und stehe auch gleich vor dem ersten Stück Heide des Tages.

Wüst und ein bisschen leer

Zwar befinde ich mich hier angeblich in der Haverbecker Heide, um mich herum ist aber eher Weide statt Heide. Das ist mir eigentlich ziemlich wurscht, aber der kein Ende nehmende, schnurgerade Asphaltweg ist eher semi-angenehm. Dazu kommt, dass es jetzt gegen 9 Uhr schon knappe 25°C hat. …und weil der Weg so schön gerade ist, weiß ich jetzt schon, dass mich in der kommenden halben Stunde kein Schatten erwarten wird. Wobei das eigentlich gelogen ist, denn an einer Stelle knickt der Weg um 90° scharf nach Osten ab. Aber an Untergrund und Schatten ändert das nun leider auch nichts.

Der Weg bietet bis hierher exakt gar nichts Spektakuläres, nada. Im Folgenden wird das leider auch nicht viel besser. Auch wenn der Wanderführer bemüht ist, dieses Fleckchen so gut es geht anzupreisen, Sanddünen und Trockenrasen klingen auf dem Papier spannender, als sie es in der Realität sind. Abgesehen davon: Sanddünen? Sind Dünen nicht immer aus Sand? Man merkt jedenfalls auf jedem Schritt und Tritt, dass das hier bis vor gar nicht allzu langer Zeit, ich glaube bis Mitte der 1990er, ein Truppenübungsplatz war, insbesondere haben sich hier britische Panzer ausgetobt.

Auch wenn sich die angeblich hier ansässigen Sandlaufkäfer nicht blicken lassen – und die wären mir bestimmt aufgefallen, die können bis zu sieben Zentimetern lang werden – die Vegetation ist zumindest farblich einigermaßen abwechslungsreich mit gelben, roten und vereinzelt sogar blauen Tupfern. Ich kann mir durchaus vorstellen, dass es hier im Frühjahr so richtig knallig bunt ist. Das gute Dutzend Steinmännchen links neben dem Weg ist auch ein Augenfänger. Vor allem müssen die Erbauer bei dem sandigen Boden hier vermutlich jeden Stein, den sie im Umkreis von hunderten Metern gefunden haben, hier aufgetürmt haben.

Ein bisschen Abwechslung bietet mir eine Gruppe Radfahrer, die irgendwo mitten im Nichts abgestiegen sind und mich um ein Foto bitten, weil „es hier sooooo schön ist“. Schönheit liegt ja bekanntlich im Auge des Betrachters, aber unabhängig davon, tue ich ihnen natürlich den Gefallen. „Hey, da sind ja sogar Füße und Köpfe drauf!“ nehme ich als Kompliment. Bei analogen Kameras habe ich ja noch halbwegs verstanden, dass sowas ab und an passiert ist, denn der Bildausschnitt im Sucher war nicht immer selbsterklärend. Aber in Zeiten, in denen das Bild in Postkartengröße live auf dem Display von Handy oder Kamera angezeigt wird, kommt das da wirklich noch vor? Ich denke nicht weiter drüber nach, habe aber immerhin meine gute Tat für heute vollbracht. Also geht’s weiter durch die Panzer-Einöde.

Schöner Lärm

In einem sehr überschaubar kurzen Stücks sehr lichten Waldes passiert man Bockelmanns Schafstall. Ein hübscher Bienenzaun steht daneben und ich frage mich, wie man es sträflicherweise verpassen konnte, neben diesem Ensemble wenigstens eine Bank zu platzieren. Für eine Verschnaufpause wäre das hier nämlich perfekt. Aber hinter diesem kleinen Wald kommt gleich das erste „vernünftige“ Stück Heide des Tages und mit ihm ein Findling am Wegesrand mit der Inschrift „Zur schönen Aussicht“. Das verstehe ich als Einladung und biege spontan ab.

Ja, doch, lohnt sich. Natürlich ist die Aussicht jetzt nicht unbedingt die Kategorie „Oh mein Gott, ich habe nie etwas Schöneres erblickt! Jetzt hat mein Leben einen Sinn!“ Aber es ist auf jeden Fall schön genug, als dass ich mich auf eine der Bänke niederlasse, mein Fresspaket auspacke und im Schatten mehrerer Kiefern ausgiebig pausiere.

Der nächste Ort ist Behringen. Ich habe bisher schon genug getrödelt und eigentlich war der Plan, bis hierhier zügig zu marschieren (passend zum Truppenübungsplatz), damit ich den Ort erreiche, bevor es allzu warm war. Hat nicht geklappt. Eben weil ich getrödelt habe, aber auch, weil es schon sehr früh sehr warm wurde. Ganz abgesehen davon, nimmt die Wegführung eine ziemlich sinnfreie Schleife durch ein kleines Waldgebiet und bringt mich auf diesem Umweg zurück auf die Straße, die ich auch hätte geradeaus gehen können. Da es also eh schon wurscht ist, suche ich mir am Rande eines kleinen Parks unter großzügig Schatten spendenden Bäumen im Ort dann eine Bank und mache jetzt so richtig Mittagspause. Gleich nebendran zeigt ein großes Beet mit verschiedenen Sorten Heidekraut, wie bunt Eriken auch sein können. Bunt in einem farblich begrenzten Spektrum, aber doch, ja.

Das nächste Stück am Brunausee vorbei ist zwar ein wenig hügelig und unwegsam, aber schön schattig. Im See zu schwimmen, ist aber wohl keine Option, denn das ist aufgrund sehr überschaubarer Wasserqualität verboten. Was mich echt ein bisschen triggert, ist der Lärm der BAB 7, auf die der HSW ohne große Umwege zusteuert und deren Lärm immer dominanter wird. Ich habe aber im Moment keine Muße, mich mit Musik abzulenken, also singe ich mittellaut Bruchstücke irgendwelcher Songs, die mir gerade durch den Kopf schießen. Gut, dass gerade niemand in der Nähe ist. Wobei – Gesellschaft von jemandem, der einfach mitsingt, fände ich jetzt schon sehr cool. Kommt ja immer gut – geteilter Ohrwurm, doppelte Freude.

Unter der A7 geht es dann auch durch – und der Wind steht so, dass man sie quasi gleich auf der anderen Seite gar nicht mehr hört. Das ist doch mal was, auch wenn mir die Anwohner von Behringen schon ein wenig Leid tun.

Gleich hinter der Autobahn, man muss „nur“ über die Fahrstreifen der Auffahrt vom Rasthof zur Autobahn, ohne sich überfahren zu lassen, steht man dann vor einem Zaun. Zwei Meter hoch und oben schön mit Stacheldraht. Aber es ist eine Tür drin, die ist zwar geschlossen, aber nicht abgeschlossen und ein Wegweiser sagt mir, dass ich genau da durch muss. Wozu dann der Zaun, wenn eh jeder rein kann? Mysterien des Alltags… Dass es danach an einer offenbar stillgelegten, zumindest nicht in Betrieb befindlichen Kläranlage vorbei geht, habe ich in meiner Erinnerung schon komplett ausgeblendet gehabt. Wenn ich – warum auch immer, nicht ein (sehr verwackeltes) Foto davon gemacht hätte, hätte ich Euch dieses Highlight vorenthalten müssen. Was das Bild angeht, bleibt das auch so, aber ich wollte diese Hässlichkeit trotzdem zumindest erwähnt haben, denn danach hat es sich mit den eher wenig tollen optischen Eindrücken und es geht sehr natürlich und hübsch weiter.

Kuhl!

Am Waldrand geht’s weiter. Die Landschaft bleibt einstweilen ok, aber für Unterhaltung sorgen hier erstaunlich viele Schmetterlinge und bei jedem zweiten Schritt huscht eine Eidechse über den Weg. Keines von den Tierchen ist aber geduldig genug, sich fotografieren zu lassen.

An der nächsten Ortschaft, die auf den possierlichen Namen Borstel in der Kuhle hört, geht es wieder einmal nur vorbei, bevor es gleich danach an einen erstaunlich anstrengenden Anstieg geht. Es geht nämlich hinauf auf den Rand der Borsteler Kuhlen. Es gibt nämlich zwei.

Die Gegend hier ist mein absolutes Highlight des Tages. Zwar bei weitem nicht so weitläufig, wie gestern der Totengrund, aber hier gefällt es mir fast noch besser. Einzig die Hitze macht mir zu schaffen. Den Blindschleichen allerdings gefällt das, denn die haben kein Problem damit sich mitten auf dem Weg in die Sonne zu legen. So viele wie hier, habe ich noch nie auf einem Haufen gesehen, ich muss echt aufpassen, das sich auf keine drauftrete.

Es könnte der Eindruck entstehen, dass ich den halben Tag mit Pause machen verbracht habe und so ganz verkehrt ist das auch nicht. Warum auch nicht? Ich wiederhole mich, aber ich habe immer noch keinen Grund, durch die Sonne zu hetzen. Also gehört die nächste leere Bank mit ein bisschen Schatten halt eben wieder mir. Weil ich’s kann.

Gradwanderung

Hinter den Kuhlen folgt ein kurzer, recht knackiger Abstieg in Richtung Hützel. Eine kurzes Stück an der Hauptstraße entlang, muss man zu einer Bahnunterführung, denn die Strecke des Heide-Express will gequert werden. Vorher liegt rechter Hand eine Tankstelle und ich überlege kurz, ob ich mir etwas Kaltes zu trinken kaufen soll. Aber es ist eigentlich nur noch ein Stündchen bis zu meinem Tagesziel in Bispingen und Wasser habe ich noch genug. Ich treffe manchmal nicht die schlauesten Entscheidungen. Aber dazu gleich mehr…

Hinter der Bahnlinie bekommt man abgesehen von einem weitläufigen Wohngebiet mit viel Grün von dem Ort nichts mehr zu sehen, bevor es dann durch ein bisschen Wald und über ein paar Wiesen an der Luhe entlang nach Bispingen geht. Leider ist hier auch alles gepflastert. Aber wenigstens komme ich so gut voran.

Hier übersehe ich wohl einen Wegweiser. Denn der HSW biegt links ab über eine Brücke, ich bin aber so im Tunnel, dass ich geradeaus weiter stiefele und unvermittelt an einer stark befahrenen Landstraße stehe. An einer Kreuzung, an der es natürlich keinen Wegweiser gibt. Also befrage ich die Karte und entscheide mich dafür, nicht wieder zurück zu gehen, sondern den direkten Weg über den Fußgängerweg entlang der Straße zu nehmen. Denn vielleicht 150 Meter weiter stoße ich ohnehin wieder auf den HSW, der dann an der Straße bis Bispingen verläuft.

Mir läuft die Soße inzwischen den Rücken wieder hoch und mir ist warm, wärmer, heiß. Gleich hinter dem Ortsschild steht ein Werbeplakat für einen Supermarkt „in 250 Metern rechts“. Das wurde bestimmt extra für durstige, müde Wanderer aufgestellt, denn das ist nicht mal ein Umweg! Also schleppe ich mich auf der letzten Rille laufend in den Supermarkt und bekomme einen Schock. Einen Temperaturschock. Während draußen das Thermometer an den 30°C im Schatten kratzt, ist die Klimaanlage hier drin auf Sibirien im Winter eingestellt. Uff!

Ich ernte ein paar blöde Blicke, und kann den Leuten am Gesicht ablesen, was ihnen durch den Kopf geht. Nämlich „Was will der verschwitzte Typ mit seinem riesigen Rucksack bitteschön hier?“ Zumal ich nicht extra vorher noch meine Stöcke verstaut habe. Aber damit müssen die Leute jetzt leben. Ich versuche einfach nur, das Kühlregal mit den Getränken zu finden und dabei mit meinem Rucksack in den engen Gängen nichts runterzuschmeißen. Blöd ist nur, dass es kein Kühlregal mit Getränken gibt. Also greife ich zu einer Pulle Cola mit Zimmertemperatur, wobei das aktuell hier ja auch -15°C bedeutet.

Mit meiner Beute verziehe ich mich wieder nach draußen und laufe vor eine Hitzewand. Gerade an die Kühle im Supermarkt gewöhnt, bricht mir der Schweiß wieder in Strömen aus. Kurz Luft geholt, verziehe ich mich schräg gegenüber auf eine Bank und versuche, die Flasche zu exen. Dazu ist aber doch zu viel in der Flasche drin, das ändert aber nichts daran, dass ich das jetzt einfach gebraucht habe und es echt guttut, auch wenn die Cola nicht eiskalt ist.

Wo ich hier so sitze, könnte ich doch glatt einen Blick auf die Karte werfen, denn ich weiß noch gar nicht so recht, wo meine Pension liegt. Ich denke mir zwar, Bispingen ist nicht so groß, so weit kann es also gar nicht sein, aber die Karte erzählt mir leider etwas anderes. Es ist nämlich noch einmal ein knappes Kilometerchen extra bis da hin. Eigentlich ein Witz, aber ich schleiche extrem und brauche bestimmt 20 Minuten bis ich endlich meinen Tag beenden kann.

Naja, nicht ganz. Denn ich bin – na klar… – im Zimmer unterm Dach untergebracht und darf also noch in den zweiten Stock hoch. Zudem, das wusste ich vorher, bekomme ich in der Pension kein Abendessen, nur hat das Restaurant in Steinwurfweite leider geschlossen. Also muss ich für die Essensjagd den Kilometer nachher wieder zurück ins „Zentrum“ und im Anschluss auch wieder Richtung Bett. Aber dann immerhin ohne Rucksack. Momentan zählt für mich aber nur der Satz „Der erste Kaffee geht aufs Haus!“ Den brauche ich jetzt auch!

Für ein Zimmer im Dachgeschoss ist es bei dem Wetter erstaunlich kühl. Außerdem gibt es gleich zwei Ventilatoren, die ich direkt mal auf die höchste Stufe stelle. Duschen und Wäsche waschen erledige ich wieder in einem. Das Ergebnis verteilt sich im Zimmer (meine Wäsche) bzw. auf dem Bett (ich). Ich werde mich hier nicht wegbewegen, bevor es draußen ein bisschen kühler geworden ist. Um die Kirche zu besichtigen, die mir von der Hausherrin und auch dem Wanderführer ans Herz gelegt wurde, ist es sowieso schon zu spät, also mache ich das morgen früh mit einem kleinen Umweg. Also bleibe ich auf dem Bett liegen, schalte den Fernseher ein und lasse mich von irgendwelchem Mist im Nachmittagsprogramm bedudeln, während ich mein Reisetagebuch auf den neuesten Stand bringe.

Den Weg zum Abendessen nehme ich im Assi-Outfit in Angriff. Nämlich kurze Sporthose, Schlabbershirt und Schlappen. Maximaler Bequemlichkeitsfaktor bei minimalem Ästhetikfaktor. Ich halte es mit der Besten Band der Welt, „Es könnt‘ mir nichts egaler sein!“ Auswahl ist durchaus gegeben, aber zu meinem Outfit und da ich kein Bedürfnis habe, mich noch stundenlang in ein Restaurant zu setzen, steuere ich die örtliche Dönerbude an. Und werde positiv überrascht. Klar, es ist und bleibt Döner. Aber lecker, viel und einer „Spezialsoße“ von der ich nicht wissen will, was da an Zusatzstoffen drin ist, aber die einfach gut ist. Mein Kaloriendefizit von heute ist damit auf jeden Fall mindestens wieder ausgeglichen. Wenn es zur Pension nicht leicht bergan gehen würde, könnte ich kugeln. So muss ich mich aber auf zwei Beinen mühselig wieder Richtung Bett schleppen.

Morgen soll es gleich noch einmal 2°C wärmer werden. Ey, was soll das? Wir haben September, kann das Wetter sich nicht halbwegs standesgemäß verhalten? Bisschen Rücksicht nehmen? Aber man soll ja vorsichtig mit dem sein, was man sich wünscht…

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