Heidschnuckenweg Tag 6 – Linker Fuß, rechter Fuß, repeat

09. September 2021 – Bispingen – Soltau (ca. 23 km)

Der heutige Tag könnte auch sehr gut den Titel tragen „Von Huiiiii! zu Uiuiui….“ Was sich nämlich erst gut anging, wandelte sich hinten heraus dann zu einem der ätzendsten Tage meiner Wanderkarriere. Naturgemäß ahne ich davon allerdings noch nichts, als ich ausgeschlafen, gut gelaunt und tiefenentspannt zum Frühstück schlurfe…

Brötchen-Exzess

Ausgeschlafen bin ich, abgesehen davon, dass ich halb im Fresskoma gestern Abend recht zügig eingeschlafen bin, aufgrund der Tatsache, dass ich wieder einmal ausschlafen konnte. Frühstück gibt es nämlich auch hier erst ab 8 Uhr. Wer auf dem HSW früh los möchte, um der Mittagshitze zu entgehen, hat echt schlechte Karten. Oder man geht halt, ohne gefrühstückt zu haben, los. Aber dann sollte man sich schon irgendwie mit einem vernünftigen Lunchpaket versorgt haben, denn die Chance, unterwegs etwas zu finden, tendiert halt leider gegen null.

Ich vermute stark, dass die Frühstückszeit sich am örtlichen Bäcker orientiert. Die Backwaren, die hier aufgetischt werden sind nämlich nicht nur extrem lecker, sondern auch handtellergroß – und das will bei meinen Pranken echt was heißen. Das kann nur das Resultat eines sehr peniblen Auswahlprozesses sein, den nur die Besten der Besten bestehen und der natürlich entsprechend lange dauert. Wenn eine einzelne Laugenecke schon ausreicht, um eine vierköpfige Familie satt zu bekommen, man aber trotzdem gerne noch eine zweite essen würde, weil das Teil so lecker ist, hat der Bäcker auf jeden Fall alles richtig gemacht.

Nebenbei werfe ich einen Blick auf den Wetterbericht des heutigen Tages. Es soll NOCH wärmer werden. Die Grenze von 30°C fällt heute auf jeden Fall. Im Schatten – und ich werde wohl oder über wieder in der Sonne unterwegs sein. Ich zaudere ein wenig mit mir – einerseits will ich unbedingt mehr Wasser mitnehmen, denn das ist heute wahrscheinlich bitter nötig. Andererseits ist das zumindest am Anfang ja alles zusätzliches Gewicht, das geschleppt werden will. Ich entscheide mich allerdings recht schnell pro Wasser, denn bei der Hitze möchte ich auf keinen Fall kilometerweit ohne wandern müssen. Also mache ich heute die Wasserblase bis obenhin voll und packe zusätzlich noch eine kleine Flasche draußen an die Seite vom Rucksack. Damit habe ich heute einen guten Liter mehr dabei, als sonst.

Dass ich durch das üppige Frühstück ein wenig trödele, überrascht mich selbst eher wenig. Das Schlimme daran ist eigentlich nur, ich weiß ganz genau, dass ich nachher jede Minute, die ich jetzt hier vertändele, in der Gluthitze unterwegs sein werde. Aber das lässt sich jetzt eh nicht mehr ändern, also: Lachend in die Kreissäge springen. Und dabei winken.

Falls ich wider erwarten unterwegs doch Hunger bekommen sollte, packe ich mir noch ein Brötchen ein. Womit ich nicht gerechnet habe ist, dass die Herbergsmutter bzw. Gastgeberin der Pension hier mir noch ein Lunchpaket in die Hand drückt – und was für eins! Apfel, Nektarine, zwei Pflaumen, Banane, ein Tütchen Nüsse, ein kleines Küchlein, ein Müsliriegel und zwei Schokoriegel lassen mich große Augen bekommen. Ich schwanke zwischen Dankbarkeit und leichter Abneigung. Denn einerseits habe ich das absolut nicht erwartet, es ist super nett und es ist definitiv deutlich mehr, als man für gewöhnlich so an Wegzehrung mitgegeben bekommt. Andererseits aber ist es halt leider auch deutlich mehr, als sinnvoll wäre, denn wer soll das alles essen?

Loszuckeln, aber nicht zu schnell

Da aber alles extra für mich hergerichtet worden ist, nehme ich es selbstverständlich mit. Das passt schon alles irgendwie in den Rucksack, bei den Schokoriegeln muss ich aber doch überlegen, wo ich die hin packe. Direkt zu essen, ist keine Option für mich. Also wandern sie in die Untiefen des Rucksacks, damit sie bestmöglich vor der Sonne geschützt sind und ich nicht irgendwann Schokosoße auspacken muss.

Als ich dann gegen 9 Uhr endlich in die Pötte komme, ist mein Rucksack gefühlte 5 kg schwerer, als gewöhnlich. Aber es ist immer noch im Rahmen, zumal er ja über Tag mit jedem Schluck Wasser und jeder Pause leichter wird.

Bispingen hat im Wesentlichen zwei Sehenswürdigkeiten. Nämlich das verrückte Haus und die Ole Kerk. Ersteres spare ich mir, weil es ein gutes Stück abseits des HSW liegt und ich es jetzt auch nicht so unglaublich besonders finde, um da nur wegen eines Fotos extra hinzulatschen. Die Ole Kerk allerdings nehme ich mit einem kleinen Umweg noch mit. Das kleine Kirchlein wird seinem Namen gerecht, denn es ist tatsächlich schon ein bisschen älter. Großzügig gerundete 700 Jahre, auch wenn man ihr das alter aufgrund einer „grundlegenden Renovierung“ (Wikipedia) in der 1970er Jahren nicht unbedingt ansieht.

Auf dem Weg zur Kirche komme ich an einer Grundschule vorbei, wo die Kids offenbar gerade Pause haben und auf dem Weg Fußball spielen. Ich darf/soll/muss ein paar Bälle mit kicken und stelle einmal mehr unter Beweis, dass ich der Welt schlechtester Fußballer bin. Es war wohl keine schlechte Entscheidung, als Kind lieber Handball zu spielen…

Die Kirche ist ganz nett und drinnen ist es vor allem kühl. Aber ich halte mich nicht allzu lange auf, denn ich habe ja heute noch ein paar Stunden Weg vor mir. Der HSW führt mich von der Kirche aus wieder an der Schule vorbei, wo die Kinder noch immer toben und ich entweder zwei Lehrerinnen oder Mütter auf einer Bank neben dem Schulhof sitzen sehe. Spontan beschließe ich, dass ich nicht alles an Essen mitschleppen will und werde. Bevor ich die Sachen aber wegwerfe, bringe ich sie hier lieber an die Frau. Ich frage kurzerhand, ob sie etwas von meinem Festmahl abhaben wollen und schwupps, ist mein Rucksack gleich einen Zentner leichter.

Durch Wald und Flur

Aus Bispingen heraus geht es zunächst über die Luhe und dann parallel zu dem kleinen Flüsschen durch lichten Wald und an Wiesen vorbei. Bei einem Abenteuerspielplatz, den ich komplett für mich alleine hätte, spiele ich kurz mit dem Gedanken, eine der beiden Schaukeln während einer Pause in Beschlag zu nehmen. Aber für eine Pause ist es einfach noch zu früh – und noch ist es halbwegs erträglich, was die Temperatur angeht.

Gleich hinter dem Spielplatz verschwindet der HSW dann parallel zur Eisenbahnlinie von/nach Soltau über einen schönen, leicht hügligen Weg komplett für die nächsten vielleicht zwei Kilometer im Wald. Von der Eisenbahn bekommt man aber nicht viel mit, denn während ich gemütlich vor mich hinwandere, fährt hier nicht ein Zug. Durch die Bäume kann man die Trasse zwar erahnen, aber viel davon mitbekommen tue ich nicht. Ich habe leider kein Foto davon gemacht, aber an der Kreuzung eines offenbar sehr wenig befahrenen Forstwegs gibt es hier den vermutlich einsamsten Bahnübergang Deutschlands: Zwei bemooste Andreaskreuze neben einem ca. einen Meter hohen Brennnessel-Ensemble. Das wirkt ein wenig wie in einem dieser dystopischen SciFi-Filme, in denen die Menschheit durch Zombies oder Viren ausgerottet wurde und sich die Natur wieder überall ungestört ausbreitet.

So richtig lauschig bleibt es allerdings leider nicht lange, denn ich wandere mit Siebenmeilenstiefeln mal wieder auf die A7 zu, die sich mit einem dröhnenden Rauschen akustisch immer weiter in den Vordergrund drängt. Leider habe ich nicht das Glück wie gestern, als der Wind günstig stand und ich nach der Unterführung auf der anderen Seite der Autobahn davon fast nichts mehr mitbekommen habe. Heute gibt es nämlich einfach gar keinen Wind, also ist die Geräuschkulisse auf der einen, wie der anderen Seite gleich. Ich würde mich gerne mit ein bisschen Musik vor dem Rauschen abschotten, allerdings habe ich heute morgen meine Kopfhörer, warum auch immer, mit in den Rucksack gepackt und ich habe jetzt wenig Lust, meinen halben Hausstand auf der Suche nach den Dingern aus- und wieder einzupacken. Also greife ich auf ein altbewährtes Mittel zurück: Ich versuche, mir das bisschen, was mir von diversen Musikstücken an Rhythmus, Melodie und Text im Hinterkopf geblieben ist, abzurufen und trälle vor mich hin. Vielleicht pfeife ich auch ein bisschen. Schief, aber enthusiastisch.

Lärm hin, Lärm her, ich brauche eine Pause. Da passt es prima, dass die nächste Bank schön im Schatten an einer Wegkreuzung steht. Zwar bieten ein Maisfeld an einer Ecke der Kreuzung und der Wald an den drei anderen keine tolle Aussicht, aber Bank und Schatten, mehr brauche und will ich gerade überhaupt nicht. Ich würde gerne zumindest einen der Schokoriegel inhalieren, aber die finde ich im Rucksack auf die Schnelle nicht wieder. Genausowenig, wie die Kopfhörer. Muss wohl alles nach unten gerutscht sein. Dann gibt’s halt Obst, davon habe ich ja auch mehr als genug und an meinem Monster-Brötchen knabbere ich zumindest mal.

Kurz vor dem Ende des Waldes steht dann endlich der erste Fliegenpilz am Wegesrand, der nicht irgendwie zertreten, weggekickt oder ausgerupft wurde. Irgendjemand hat scheint’s ziemliche Aversionen gegen die hübschen Pilze. Ich muss sie schließlich nicht essen, dass sie ziemlich giftig sind, weiß man ja. Aber sie deshalb gleich kaputt machen?!

Durch die Wüste

Ich bin nicht Kara Ben Nemsi, bin nicht mit Hadschi Halef Omar unterwegs und muss auch nicht von Tunesien bis Ägypten latschen, um irgendwelche Räuber zu fangen. Schreibtechnisch bin ich sicherlich auch nicht Karl May, aber durch eine norddeutsche Wüste muss ich trotzdem. Hier beginnt heute mein Martyrium. Anfangs spenden noch ein paar Bäume wenigstens alle paar Meter ein bisschen Schatten. Die Bäume werden allerdings nach und nach durch Maisfelder abgelöst, die nicht nur optisch sehr langweilig sind, sondern hinsichtlich Schatten auch nicht viel zu bieten haben. Der Weg ist hier komplett zugewuchert und die Wegweiser fehlen auch an jeder zweiten Kreuzung bzw. sind so überwuchert, dass ich an jeder Kreuzung auf die Karte gucken muss. Ich bin eh schon leicht genervt, da spuckt mich der HSW auf die Heidefläche des Kreuzbergs. Wieder ein ehemaliger Truppenübungsplatz. Bisschen Heidekraut, keine Bäume, viel, viel, sehr viel Sand und vor allen Dingen brennt das große Licht am Himmel auf Stufe 10 und kocht mich weich. Außerdem geht es die ganze Zeit leicht bergauf.

Es dauert nicht lange und ich bin wie im Tunnel. Versuche nur noch irgendwie einen Fuß vor den anderen zu setzen. Ich kann gar nicht so viel trinken, wie ich eigentlich wollte. Oder wahrscheinlich sogar müsste. Zwei mal tränke ich mein Stofftaschentuch, dass ich beim Wandern immer dabei habe, mit Wasser. Das ist zwar inzwischen auch lauwarm, aber es kühlt wenigstens für kurze Zeit ein kleines bisschen.

Ich habe absolut keine Muße, um überhaupt noch groß nach links oder rechts zu schauen. Hinter einem Waldstück lugt der Free-Fall-Tower des Heide Park Soltau hervor. Was freue ich mich, denn am Park führt die Etappe heute ja vorbei, da kann das doch gar nicht mehr so weit sein! Pustekuchen…! Der HSW führt natürlich nicht in gerader Linie darauf zu, sondern macht einen schönen Schlenker, der gut und gerne noch zusätzliche zwei Kilometer bringt.

Zu allem Überfluss bekomme ich Probleme mit meinem Fuß. Dass ich nicht wirklich rund laufe, habe ich an der einen oder anderen Stelle ja schon mal erwähnt. Aber das hier ist gerade eine Tortur. Durch den sehr weichen, tiefen Sand kann ich nämlich überhaupt nicht mehr richtig sauber und gerade den Fuß aufsetzen und abrollen. Ich merke, dass ich komplett über den Außenfuß gehe. Oder eher humpele. Es dauert nicht lange, dann kommen die Schmerzen in der Hüfte, die mich schon an Tag 1 auf dem Weg nach Buchholz begleitet haben, wieder. Dazu merke ich, dass ich mir an der Ferse auch so langsam eine Blase laufe. Ich ziehe mir zwar den Schuh aus und schmiere noch mal dick Hirschtalg drauf, aber so, wie ich hier gerade performe, kann ich froh sein, wenn es bei einer kleinen Blase bleibt.

Nachdem ich die Heide geschafft habe, oder vielmehr sie mich, darf ich in einem Waldstück, kurz durchschnaufen und abkühlen. Das Wäldchen ist allerdings so klein, dass ich schon wieder in der Sonne stehe, bevor ich mich richtig über den Schatten freuen kann. Wenigstens sehe ich schon die wenigen Häuser des nächsten Ortes. Deimern ist mein kleiner Lichtblick für den Moment. Aber die Hoffnung auf eine Möglichkeit zur Einkehr löst sich auf, wie eine Fata Morgana. Außer ein paar Bauernhöfen gibt es hier nichts, nada, niente. Es gibt zwar eine Bushaltestelle, aber typisch für den deutschen ÖPNV auf dem Land fährt hier morgens ein Bus und einer abends. Immerhin steht Soltau auf dem Linienplan. Ich schwöre, wenn in der nächsten Stunde ein Bus hier gehalten hätte, ich wäre eingestiegen. Aber so mache ich mich im hölzernen Wartehäuschen breit, versuche, irgendwie wieder zu Kräften zu kommen und verarzte meinen Fuß. Blasenpflaster rulz!

Nachdem ich meine Bemühungen, mental einen Bus hierher zu teleportieren, aufgegeben habe, starte ich auf den oben schon erwähnten Schlenker „rund um den Heide Park“. Hinter Deimern kommt man noch am Ehbläcksmoor vorbei, davon sieht man aber nicht viel. Wenn es nicht auf der Wanderkarte eingezeichnet wäre, könnte das auch ein Wäldchen wie jedes andere sein. Aber was dann kommt, daran habe ich ungelogen absolut keine Erinnerung. Ich habe auch keine Fotos gemacht oder irgendwelche Notizen in meinem Wandertagebuch niedergeschrieben. Aber die Abfolge an Highlights ist schon beeindruckend:
Eine Erdgasanlage, ein paar Häuschen des „Holiday Camps“, der riesige Parkplatz des Heide Parks (Ok, da weiß ich noch, wie ätzend das war – zumal der HSW nicht einfach nur quer drüber führt, sondern auf drei Seiten drumherum. Aber Hauptsache, man kommt am Haupteingang des Freizeitparks vorbei. Könnte ja sein, dass Wanderer spontan Bock auf Achterbahn haben. Kommt bestimmt oft vor…), über die Hauptzufahrtsstraße des Parks, ein Campingplatz, ein Kriegsgefangenenfriedhof (von dem man nicht viel sieht), um Friedrichseck herum (natürlich…), ein paar Teiche des örtlichen Angelvereins. Und dann endlich, endlich wieder Wald und Schatten!

Willkommen im Dschungel

Ich will einfach nur noch ankommen. Die Schwierigkeit dabei ist, dass ich mir erst noch einen Weg zu meiner Unterkunft suchen muss. Mein Hotel für diese Nacht liegt ein gutes Stück vor Soltau – zum Glück, ich kann echt nicht mehr! – und Luftlinie vielleicht 200 Meter vom HSW entfernt. Nur, dass kein direkter Weg dorthin führt. Ich könnte natürlich außenrum gehen, das wäre noch mal etwa ein Kilometer weiter. Kurz nachgedacht: Nope! Auf meiner Papier-Wanderkarte ist kein anderer Weg eingezeichnet, der Maßstab ist dafür einfach zu groß. Aber in der Karte der Wanderapp auf meinem Handy ist vorher ein kleiner Weg eingezeichnet, der mich hinter der Trasse einer Überlandleitung zum Bahnhof Soltau-Nord führen sollte und von da direkt zum Eingang meines Hotels. Also nicht groß nachdenken, den Schmerz wegatmen und los – die Aussicht auf eine Dusche ist viel zu verlockend, um jetzt noch mal Pause zu machen.

Die Abzweigung hinter den Strommasten finde ich ohne Weiteres. Der Weg ist zwar nur wenig mehr als ein Trampelpfad, aber als solcher immerhin noch zu erkennen. Aber irgendwann ist Ende. Sackgasse. Ich habe nämlich nicht genau genug geschaut: Auf der Karte endet der Weg kurz vor dem Zugang zum Bahnhof. Ich könnte jetzt einfach nur laut schreien, beschließe aber meine Energie lieber in die Rodung des Waldes vor mir zu stecken. So weit kann das nicht mehr sein, da lasse ich mich doch nicht von ein bisschen Unterholz abhalten. Nichts stellt sich zwischen mich und meine Dusche! Es sind auch vielleicht gerade mal 50 Meter, durch die ich mich kämpfen muss. Ha!

Hätte das Hotel um sein Grundstück herum nicht einen Zaun gebaut, könnte ich jetzt auch direkt zur Rezeption. Aber so muss ich leider wirklich noch über den Bahnsteig bis zur Kreisstraße und dann bis zur Einfahrt gehen. Aber das ist für heute dann noch meine leichteste Übung.

Picknick im Grünen

An dieser Stelle hätte der Tag zu Ende sein können. Das von der jungen Dame an der Rezeption zwanglos geäußerte „Oh, das tut mir leid. Ihr Zimmer ist noch nicht bezugsfertig.“ stellt sich dann leider doch zwischen mich und meine Dusche…

Vor dem Haupteingang ist eine recht große Rasenfläche. Auf dieser Rasenfläche steht eine mächtige Birke. Diese Birke spendet mächtig viel Schatten. Was liegt also näher, als die erzwungene Wartezeit auf der Wiese sitzend, an den Baumstamm gelehnt, mit Dösen zu verbringen? Ich glaube, ich bin auch zumindest kurz tief eingeschlafen. Das heute war für mich echt hart. Bei anderem Wetter wahrscheinlich gar nicht so schlimm, aber bei der Hitze heute einfach nur kräftezehrend. Dass die zweite Hälfte der Etappe dann auch im wahrsten Sinne des Wortes zum Vergessen war, kam dann noch dazu.

Jedenfalls starte ich nach einer knappen Stunde einen zweiten Versuch und siehe da, ich darf aufs Zimmer. Wäre ich nicht so fertig, gäbe es jetzt einen spontanen Freudentanz. So aber schaffe ich es gerade noch unfallfrei, meinen Rucksack in den ersten Stock und in mein Zimmer zu tragen. Erst Dusche, dann lang auf dem Bett ausstrecken. Was würde ich jetzt für eine Klimaanlage geben!

Normalerweise verbringe ich auch nach meiner Ankunft am jeweiligen Etappenziel möglichst viel Zeit an der frischen Luft. Aber für heute habe ich genug Sonne gehabt, Also bleibe ich im wesentlichen auf dem Bett liegen und zappe sinnfrei durch das TV-Programm., bis es Zeit zum Abendessen ist. Das wird in einem Nebengebäude gereicht und ich bin entweder zu müde oder zu blöd, den Weg direkt zu finden. Als ich auch dieses Problem gemeistert habe, betrete ich einen Raum mit Höllenlärm. Zwei große Tische sind mit jeweils Vater. Mutter und drei Kindern belegt. Ein dritter, sehr großer Tisch wird von einer Gruppe Jugendlicher bevölkert. Ich tippe auf entweder Klassenfahrt oder irgendeinen Verein. Egal was es ist, alle schreien durcheinander. Vor meinem inneren Auge sehe ich schon die Teller fliegen. Mein erster Impuls ist es, gleich wieder kehrt zu machen. Ginge ja auch ohne Abendessen und ich habe noch die beiden Schokoriegel und einen Apfel. Aber ich habe so Durst auf irgendetwas anderes als Wasser und etwas warmes zum Essen wäre auch nicht verkehrt. Auch meinen zweiten Impuls unterdrücke ich, nämlich die Kellnerin zu fragen „Was geht denn schnell?“ Leider ist die Karte hier maximal Durchschnitt und besteht aus Gerichten, die für die meisten Leute nach einem Tag im Freizeitpark ausreichend sind, weil satt machend. Also gibt es für mich Schnitzel mit Pommes. Geschmacklich wahrlich keine Offenbarung und für mich ein weiteres Indiz, dass ich schnell wieder aufs Zimmer sollte. Wenigstens das Bier zum Schnitzel ist richtig schön eiskalt.

Als letzte Aktion des Tages ziehe ich die Bettdecke ab, denn es ist viel zu warm für eine Decke. Nur unter dem Bezug lässt es sich aber aushalten und trotz sperrangelweit offenem Fenster bin ich halbwegs vor den Mücken geschützt, die sich ihren Weg durch das sehr löchrige Fliegengitter vor dem Fenster bahnen könnten. Mein letzter Gedanke, bevor ich ins Land der Träume gleite ist, dass es morgen ja eigentlich nur besser werden kann…

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