Heidschnuckenweg Tag 8 – Halbtags

11. September 2021 – Wietzendorf – Müden (Örtze) (14 km)

Gestern Abend habe ich es offenbar nicht mehr geschafft, mir den Wecker zu stellen. Jedenfalls werde ich erst um kurz nach acht Uhr wach, als vor meinem Zimmerfenster Disney-like die Vögelchen zwitschern. Da hört es mit Disney aber auch auf, denn ich bekomme weder die Schuhe von irgendwelchen Nagern gereicht, noch helfen mir Rehe & Co. beim Anziehen. Ist bestimmt auch besser so, gäbe sonst sicher Ärger mit dem Gastgeber, bei so viel Viehzeug auf dem Zimmer. Disney-Prinzessin wäre ohnehin nicht unbedingt mein mein Traumjob.

Auch wenn ich weiß, dass ich es bereuten werde, beim Frühstück gönne ich mir eine große Portion Rührei mit Bratspeck, zusätzlich zu meinem obligatorischen Brötchen. Ich angle mir vom Frühstücksbuffet auch noch etwas, das ganz schwer nach Mini-Frikadelle ausschaut. Nur leider entpuppt sich das kleine Bällchen als irgendwas mit Fisch und Kapern. Meine Geschmacksnerven schlagen sofort Alarm, das ist überhaupt nichts für mich. Noch heute bekomme ich Entenpelle, wenn ich an den Geschmack denke 🤢

Bis ich diesen Schock überwunden habe bzw. ohnehin zu Ende gefrühstückt habe, ist es gut neun Uhr. Als ich dann endlich alles zusammengepackt habe, ausgecheckt und bereit zum Abmarsch bin, ist es halb zehn durch. Aber das stört mich heute nicht, denn auch so sollte ich bei meinem gewohnten Wandertempo in gut drei Stunden an meinem heutigen Etappenziel, nämlich Müden an der Örtze – offiziell Müden (Örtze) – am frühen Vormittag ankommen. Die anstehenden etwa 14 Kilometer hauen mich jedenfalls nicht vom Hocker.

Wald-Mais-Teer

…jaja, schon gut. 5€ in die Wortspiel-Kasse…

Los geht es aus Wietzendorf raus jedenfalls erst einmal an der Straße entlang. Zum Glück aber nicht lange, denn kurz hinter der Brücke über das namensgebende Flüsschen Wietze geht es auf einen Feldweg und auf diesem für die nächste Zeit einfach nur geradeaus weiter. Links und rechts sind Kartoffelacker und die Bauern sind gerade fleißig bei der Ernte. Nicht von einem der vielen Traktoren überfahren zu werden, das ist noch einfach. Aber die Trecker schaufeln mit ihrem groben Reifenprofil das halbe Feld auf den Weg, die größte Schwierigkeit des Tages besteht also darin, nicht über einen der Erdbrocken zu stolpern. Mit den kleineren ließe sich bestimmt auch Fußball spielen, aber ich verkneife es mir, mit meinem wehen Fuß mal eben so beherzt gegen einen der Klumpen zu treten.

Was das Wetter angeht, ist es kein Vergleich zu gestern. Zwar ist der Himmel auch heute wolkenverhangen, aber es ist und bleibt trocken. Die Luftfeuchte ist heute immer noch hoch, aber auch das ist bei weitem nicht mehr so extrem, wie gestern. Insgesamt wandert es sich heute sehr angenehm.

Durch ein kleinen Waldstück geht es hinauf auf den Häteler Berg. Es dürften so etwa 10 bis 15 Höhenmeter sein, auch, da der HSW nicht direkt darüber führt. Aber laut Landkarte ist das trotzdem ein Berg, also will ich ihm mal nicht Unrecht tun. Die Kiesgrube neben dem HSW ist wahrscheinlich tiefer, als der Buckel hier hoch ist. Gleich daneben liegt ein Modellflugplatz, auf dem aber leider heute nichts los ist.

Mit einem kleinen Schlenker am Waldrand vorbei, geht es dann raus auf eine kleine Heidefläche. Das Fleckchen ist vielleicht gerade mal 50 Meter breit und 300 Meter lang. Der Weg an sich ist stellenweise vielleicht gerade mal ein halben Meter breit, wenn überhaupt. Ich gehe also quasi knietief durch die Heide. Da links und rechts daneben dichter Wald wächst, ist die Aussicht nicht allzu berauschend. Das ändert sich auch nicht, als ich hinter dem kleinen Wäldchen am Ende der Heidefläche wieder ins Licht trete. Anstelle der Bäume steht hier nämlich dicht an dicht auf beiden Seiten der Mais in voller Höhe und wartet auf die Ernte. Dazwischen ein bereits abgeerntetes Feld, das der Bauer bereits fleißig mit Gülle gedüngt hat. Landluft, mmmmhhhm. 😐 Als kleines Schmankerl obendrauf geht es für die kommenden etwa fünf Kilometer wie mit dem Lineal gezogen geradeaus. Spannend ist das nicht gerade, aber zumindest bretteben und ich mache gut Strecke. Gegen die Monotonie der Landschaft gibt es für mich mal wieder Musik auf die Ohren.

Was den Untergrund angeht, ist es meistens sandig, aber immer wieder gibt es auch asphaltierte Abschnitte, insbesondere in dem Bereich, während dem der HSW parallel zu einer Straße über den Fußweg daneben führt. Aber auch der Sand hat es teilweise in sich. Es ist nämlich mitunter wirklich sehr, sehr sandig. Insbesondere an den Stellen, wo Schlaglöcher bzw. Senken aufgefüllt wurden. Da sinke ich stellenweise knöcheltief ein.Für meinen Fuß ist das echt Gift und er beschwert sich zusehends. Aber noch ist das erträglich und auf der kurzen Etappe heute sollte das bis zum Ende auch nicht zum Problem werden.

Das erste – wenn man es denn so nennen mag – Highlight des Tages ist der siebenarmige Wegweiser. Der steht an einer zugegeben recht großen, aber ansonsten doch eher unspektakulären Kreuzung mitten im Wald. Aber daneben steht eine Bank und auf der sitzt ein Wanderer, der sich gerade wieder marschbereit macht, als ich hier ankomme. Die Bank geht im fliegenden Wechsel an mich über. Besser bekäme es die Siegerstaffel der olympischen 4x100m auch nicht hin. Bevor er weiterzieht, fange ich ihn noch mit einer kurzen Unterhaltung ein. Er wandert tatsächlich auch den Heidschnuckenweg und ist tatsächlich auch seit Buchholz unterwegs. Nur getroffen bzw. wahrgenommen haben wir uns offenbar noch nie – und das, obwohl wir wohl mindestens einmal im selben Hotel übernachtet haben. Manchmal ist man halt echt blind… Das dürfte aber dennoch das erste und einzige Mal sein, dass wir uns unterhalten, denn er wandert heute noch bis Hermannsburg und fährt morgen mit dem Zug bis Celle.

Natürlich darf man der Kilometerangabe „Müden 3 km“ des Siebenarmigen nicht glauben. Denn gleich gegenüber steht ein Wegweiser des HSW, auf dem die Strecke doch glatt mit 6,5 Kilometern angegeben ist. Ich vermute ganz stark, dass der Heidschnuckenweg von jemandem konzipiert wurde, der oder die sonst Skipisten für den Riesenslalom präpariert. Aber was soll’s, it’s Schleifen-Time. Again.

Schauinsland

Hinter der großen Kreuzung geht’s dann fürs erste wieder an Maisfeldern vorbei, mitsamt der dazugehörigen sen-sat-ionellen Aussicht. Passend zu diesem Stumpfsinn schießt mir ein alter Werbesong für Dosengemüse durch den Kopf. Hilfe! 🤯

Kaum endet der Mais, beginnt der Weg anzusteigen. Es geht nämlich hinauf auf den Wietzer Berg. Gut, wie fast immer nicht direkt über den höchsten Punkt, in dem Fall sogar ausnahmsweise über 100 NHN, aber immerhin knapp dran vorbei. Oben angekommen, werde ich dort die nächste Stunde nicht wieder weggehen. Es gibt nämlich was zu gucken! Da wäre einerseits das Denkmal zu Ehren von Hermann Löns, dem Heidedichter. Ein ordentlicher Oschi von Findling auf einem Steinsockel. Mir sagt das eher weniger, aber gut, ich bin bei sowas kein Maßstab. Dann gibt es da noch die Pommernbank, deren Original es bis ins Haus der Geschichte in Bonn geschafft hat (Wo ich auch dringend mal wieder hin möchte! Also nicht wegen der Bank, sondern ganz allgemein. Lohnt sich.) Ein bunter Bienenzaun steht am Rand. Aber hauptsächlich setze ich mich für sicherlich eine knappe Stunde auf die Pommernbank und genieße einfach nur die Aussicht. Etwa eine Stunde habe ich heute noch vor mir und es ist gerade mal Mittag. Da kann ich gut und gerne rumgammeln. Außerdem ist das hier die erste vernünftige Aussicht des Tages, da genieße ich einfach mal. Auf dem Bild unten kommt das leider nicht so richtig zur Geltung, da habe ich für das Foto eine eher bescheidene Perspektive gewählt. Wo ich hier schon so schön sitze, kann ich ja eigentlich auch gleich zu Mittag essen. Gesagt, getan und im Anschluss ist mein Rucksack gleich wieder ein halbes Kilo leichter.

Vom Wietzer Berg geht es über einen sehr schmalen Pfad durch die Heide natürlich nicht direkt in Richtung müden, sondern in einem kleinen Bogen. Mir kommen ein paar Tagesausflügler entgegen und es ist ein bisschen kompliziert, sich aneinander vorbei zu quetschen. Aber zwischendurch gibt es immer wieder Stellen, wo entweder ich oder die anderen sich an die Seite quetschen können, ohne gleich rücklings in den Holunder zu fallen, der über Kopfhöhe direkt neben dem Weg wächst.

Am Ende der Heidefläche ist ein großer Wanderparkplatz, an dem für gewöhnlich der Heidekiosk zu finden ist. Von Celle aus kommend wäre das bestimmt eine schöne Gelegenheit, sich vor dem Weg auf den Berg noch eine Stärkung zu genehmigen – oder Wegzehrung einzupacken – aber so kurz vor dem Etappenende brauche ich nichts mehr in dieser Richtung. Davon abgesehen, der Kiosk hat eh geschlossen. Trotzdem mache ich gleich neben dem Parkplatz wieder eine ausgiebige Pause. Denn hier sind zwei Heidschnucken an einer langen Leine angepflockt. Die beiden sind offensichtlich handzahm, denn drumherum stehen schon drei Kinder mit ihren Eltern und füttern die Tiere. Ich lasse mir die Gelegenheit natürlich nicht entgehen und kraule eine der beiden Schnucken hinter den Ohren. Danach rieche meine Hände zwar nach Schaf, aber das war’s wert!

Bis Müden geht es dann unterhalb des Waldes über einen Feldweg, die ersten Häuser des Ortes immer im Blick. Es ist Mittagszeit und ich überlege, ob ich erst einchecke und dann irgendwo einen Kaffee trinken gehe, oder umgekehrt. Aber ich will meinen Rucksack loswerden. Und nach einer Dusche schmeckt der Kaffee gleich noch mal so gut.

Für ein letztes Stückchen verschwindet der HSW noch mal im Wald, bevor ich an der alten Kirche rechts zu meinem Hotel abbiegen muss. An der Rezeption muss ich dann aber warten. Und warten. Und warten. Denn es ist niemand zu sehen und auch auf die Klingel reagiert niemand. Ich ruhe lauf „Hallo!“. Keine Reaktion. Erst denke ich mir, dass da früher oder später schon jemand kommen wird, aber auch nach einer Viertelstunde tut sich nichts. Ich rufe die Nummer des Hotels an, die ich mir für alle Fälle (wie die Nummern aller meiner Unterkünfte auf diesem Weg) abgespeichert habe. Natürlich klingelt das Telefon an der Rezeption etwa einen Meter weg von mir. Immer noch keine Reaktion. Das wird mir zu blöd, ich gehe kurzerhand rechts um die Ecke und sehe den Eingang in die Küche, wo ich noch einmal sehr laut „HALLO!“ rufe. Diesmal tut sich was – „Ich habe sie wohl gehört, aber ich dachte, mein Kollege kümmert sich um sie.“ Falsch gedacht, aber naja. Jedenfalls geht es ab hier ganz fix und ich kann endlich aufs Zimmer.

Dazu werde ich zu einem Nachbargebäude geschickt, wo ich noch in den zweiten Stock hoch muss. Dafür erwartet mich ein Loft-artiges, helles, schönes, großes Zimmer. Das passt, denn ich bleibe diesmal immerhin auch zwei Nächte hier (dazu mehr im nächsten Beitrag). Ich hätte wohl in der Jugendherberge Müden unterkommen können, aber die hatte ich während meiner Suche nach Unterkünften am HSW nicht auf dem Schirm. Was soll’s, das Hotel ist natürlich teurer, aber dafür auch mitten in dem kleinen Ort und das Zimmer ist top in Ordnung.

Freizeitrunde

Für Kaffee und ein Stück Kuchen kehre ich im Bauerncafé um die Ecke ein. Danach starte ich zu einer kleinen Erkundungstour durch den Ort. So richtig viel zu sehen geht es zwar nicht, denn Müden ist übersichtlich groß, aber ich lasse mir Zeit und bummele einmal von links nach quer und wieder zurück.

Erster Anlaufpunkt ist natürlich die Kirche, die nicht nur geöffnet ist, sondern vor der auch ein Schild für einen Besuch wirbt. Die Pfarrkirche Laurentius ist von außen recht unscheinbar, trotz ihres alten Holzturms. Innen aber ist sie wirklich hübsch ausgestaltet, fast schon gemütlich. Ich muss es mir echt verkneifen, denn in einer Kirche schallend loszulachen , auch wenn ich alleine bin, gehört sich ja nun nicht. Aber der Werbezettel für die die Müdener Predigt-Bonbons macht mich echt fertig. Hammer 😂 Es waren leider keine mehr da, sonst hätte ich glatt probiert, auch ohne Predigt.

Über die Örtze gehe ich dann auch noch zur alten Wassermühle, in der inzwischen die Touristen-Info untergebracht ist. Da bekomme ich nicht nur meinen Stempel für die aktuelle Etappe. Nein, ich bekomme sogar noch zwei Weitere – und zwar den für Faßberg und die Oberoher Heide. Da gibt es nämlich zur Zeit nicht nur keine Unterkunftsmöglichkeiten, sondern auch keine Stempelstellen. Ein bisschen unangenehm ist mir das ja schon, schließlich gehe ich die Runde über die beiden Orte ja nicht, sondern kürze geradewegs über die Variante nach Hermannsburg ab. Aber die Dame hinterm Tresen stempelt schneller, als ich „Ja, aber…“ sagen kann und gibt mir auch gleich noch einen Haufen Werbematerial des HSW mit. Und den silbernen Pin, den ich aber eigentlich ja noch gar nicht verdient habe 🤷

In Müden scheint nicht nur der Pastor Humor zu haben, sondern auch noch andere. Denn auf dem Weg zurück zum Hotel komme ich wieder an der Kirche vorbei, diesmal von der anderen Seite. Unter einer großen Linde stehen zwei Bänke – und eine davon ist „Die Bank Ihres Vertrauens“. Keine Ahnung, ob die örtliche Volksbank oder die Sparkasse das Teil gesponsert hat, es ist in jedem Fall witzig.

Der Rest des Tages klingt dann wie gehabt mit Fußpflege, Augenpflege, dösen und Tagebuch schreiben aus. Gerade mein Tagebuch habe ich bisher eher stiefmütterlich behandelt, aber ich versuche, wenigstens einigermaßen up to date zu bleiben.

Zum Abendessen gönne ich mir Heidschnucke. Ich hoffe allerdings sehr, dass es nicht eines der Tierchen ist, die ich unterwegs getroffen habe. Für gewöhnlich mag ich Lamm nicht besonders, aber das Fleisch der Schnucke schmeckt ganz gut. Ich hab’s zumindest probiert, es war lecker, aber meine Lieblingsspeise wird es allerdings nicht.

Nach dem Essen liege ich ziemlich gelangweilt auf meinem Zimmer bzw. auf dem Bett. Habe ich schon erwähnt, dass ein bisschen Gesellschaft gar nicht verkehrt wäre? Aber so zappe ich einigermaßen ziellos durch das TV-Programm, bis ich etwas finde, das mich zumindest halbwegs interessiert. Ich muss eingeschlafen sein, denn das nächste, woran ich mich erinnere, ist TV-Werbung der Art, die erst deutlich nach 22 Uhr gezeigt wird. Da mache ich die Flimmerkiste aber lieber ganz aus und lege mich endgültig schlafen. Gute Nacht.

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