Heidschnuckenweg Tag 11 – Gemütliches Ausklingen

14. September 2021 – Dehningshof – Celle (21 km)

Abendessen gab es ja leider gestern keines im Restaurant, aber satt geworden bin ich durch die sehr leckere und auch sehr üppige Vesper auf jeden Fall. Vor allem war es mal eine willkommene Abwechslung. Brot, Schinken, ein Stück Salami ein Stück Käse, bisschen Obst, Eier – was braucht es mehr?

Für mein Frühstück ist allerdings gesorgt, und das auch mehr als ausreichend und über die Maßen lecker. Zwar bleiben die Bispinger Mutanten brötchentechnisch die Ausnahme, aber lecker und warm sind die Backwaren auch hier. Dazu gesellt sich eine Butterbrezel auf meinen Teller. Und daneben, auf einem extra Teller, eine Familienportion Rührei. Bei der Menge ahne ich jetzt schon, dass ich das nachher beim Wandern wieder bereuen werde. Aber scheiß was auf Konsequenzen, jetzt ist’s erstmal lecker.

Gemeinsam mit mir sitzen zwei andere Wanderer im Frühstücksraum und wir kommen schnell ins Gespräch. Beide sind gestern unabhängig voneinander in Celle gestartet und sehen sich gerade auch zum ersten Mal, werden dann aber nach dem Frühstück gemeinsam starten. So viel Glück hatte ich ja leider nicht und ich beneide die beiden ein wenig. Für Johann ist es die erste Langstreckenwanderung, aber wenn man ihm so zuhört, hat er offenbar schon ein bisschen Feuer gefangen. Klara kennt sich da schon besser aus und ist schon seit Jahren regelmäßig längere Strecken zu Fuß unterwegs.

Als wir versorgt sind, gesellt sich die Besitzerin der Fuhrmannschänke zu uns und erzählt uns ein bisschen darüber, was sie mit dem Hof so alles vorhat. Wenn ich das richtig in Erinnerung habe, soll es weggehen vom reinen Reiterhof, hin zu einem Pferdehof mit Fokus auf Familienurlaube. Dazu dann vermutlich ab kommenden Frühjahr auch wieder mit eigenem Restaurantbetrieb. Es ist ein schönes Fleckchen Erde hier und ich kann nur wünschen, dass alles so klappt, wie sie es sich vorstellt.

Mit Zitronen handeln

Am Hof vorbei geht es dann auf der selben Straße weiter Richtung Süden, auf der ich gestern hier angetrabt gekommen bin. Das ist nicht weiter schwer, denn schließlich gibt es keine anderen Wege. Anfangs noch gepflastert, wandelt sich der Untergrund aber recht schnell wieder hin zu meiner neuen Hassliebe Sand. Aber es ist bei Weitem nicht so schlimm wie gestern in manchen Abschnitten. Vielleicht liegt es auch daran, dass ich jetzt noch recht frisch bin? Irgendwann gibt es aber einen kleinen, abgetrennten, geschotterten Streifen, auf dem es sich super wandern lässt.

Eigentlich sollte ich rechts vom Weg die Seeveloher Heide sehen, aber bevor ich das Fleckchen genießen kann, ist es auch schon vorbei. Denn mehr als drei- bis vierhundert Meter lang ist die Heidefläche hier nicht. Am Ende der Heide, lasst es mal drei- bis vierhundert Meter sein, sollte dann eigentlich eine uralte, kaum zu übersehende Eiche stehen. Die steht da bestimmt auch, aber ich habe es offenbar trotzdem geschafft, sie zu übersehen… Wobei ich ehrlich gesagt auch nicht extra danach Ausschau gehalten habe – und da eh alles kräftig grünt, hat sie sich vielleicht ja auch hinter anderen Bäumen versteckt? Ich habe heute anscheinend ein Aufmerksamkeitsdefizit.

Danach geht es nach und nach hinauf auf den Citronenberg. Da der Berg aber nicht viel mehr ist, als ein Hubbel in der Landschaft und er bis oben auf den, sich immerhin auf sagenhaften 84 Metern befindlichen „Gipfel“, dicht bewaldet ist, bemerkt man davon recht wenig. Außer, dass es für ein kurzes Stück doch überraschend steil wird. Der Name hat seinen Ursprung wohl in der Zeit der Kreuzzüge, als hier irgendwer irgendjemandem einen Haufen Zitronen geschenkt hat. So weit, so unspektakulär. Für an den Details interessierte Menschen steht hier am Ort des Geschehens aber auch eine Hinweistafel zum Nachlesen.

Zu den Wildecker Teichen wandere ich dann gemütlich den fruchtigen Hügel sanft bergab. Hier könnte man echt gut Pause machen, denn Bänke gibt es genug. Aber es sind bis hierher gerade mal drei Kilometer, ich bin gut im Fluss, habe prima Laune, das Wetter ist super und ich habe echt noch keine Not, jetzt unbedingt Pause machen zu müssen. Also geht es fröhlich weiter über eher unspektakuläre, dafür aber wieder zunehmend sandige Wirtschaftswege.

Zwischendurch lege ich, jedenfalls so weit mir das möglich ist, ein bisschen an Tempo zu. Irgendwo aus dem Unterholz kommen sehr merkwürdige Geräusche. Entweder, da ist ein sehr merkwürdiger Vogel in der Balz oder es tummelt sich mindestens ein Wildschwein. Da ich heute das Wildlife-Experience-Paket nicht mit dazugebucht habe, sehe ich lieber zu, dass ich Land gewinne. Auf Sauerei habe ich keinen Bock.

Die Etappe ist in Summe eigentlich ohne groß hervorstechende Highlights, aber insgesamt auf echt ordentlichem Niveau. Es sind so ein paar Kleinigkeiten, die den heutigen Tag für mich bisher zu einem der angenehmsten auf dem HSW machen. Sei es das rote Schaukelpferd, sei es das perfekte Wetter mit einer konstanten leichten Brise oder dass ich einfach nur richtig gut drauf bin. Auch das Forsthaus Kohlenbach macht optisch echt was her, hier würde ich mich auch wohlfühlen, wohnte ich hier. Eigentlich brauche ich das wohl gar nicht mehr extra zu erwähnen, aber Kaffee oder einen Snack gibt es hier natürlich wieder mal nicht. Also bleibt es bei der nächsten Pause wieder bei meinem althergebrachten und selbstgeschleppten Fresspaket. Dafür gibt es ein paar Minuten hinter dem Forsthaus die passende Bank im Schatten.

Knall, Bumm, Peng

Direkt dahinter wird es dann doch echt unspektakulär, denn der HSW führt mich direkt am Rand des Standortübungsplatzes Celle-Scheuen vorbei, gefolgt vom Schießpark Celler Land. Während die Truppenübungsplätze bzw. der kleinere Standortübungsplatz hier gerade nur durch die entsprechenden Beschilderungen auffallen, bleiben sie ansonsten unscheinbar. Will sagen: Offenbar finden entweder zur Zeit überhaupt keine Übungen statt, oder nur solche, bei denen Tarnen und Täuschen im Vordergrund stehen. Denn geräuschetechnisch hört man von dort gar nichts. Beim Schießplatz hört sich das schon ein wenig anders an, denn dort wird fleißig geballert. Solange die Damen und Herren hier aber nur auf Pappkameraden bzw. Zielscheiben schießen und nicht auf mich anlegen, soll mir das aber wurscht sein. Ich bin ja bald dran vorbei und die Bäume rundherum schlucken das Geknalle recht schnell.

Nach einem kurzen Schlenker folgt dann direkt das Trainingszentrum Celle-Scheuen des Niedersächsischen Landesamtes für Brand- und Katastrophenschutz. Irgendwie sind hier Feuer und Explosionen ja Programm und es interessiert mich ja schon irgendwie mal zu sehen, wie so eine (Groß-)Übung abläuft. Aber heute ist scheinbar Ruhetag und beim Wandern bin ich mir gerade nicht so sicher, ob ich so viel Action überhaupt vertrage. Da auch die paar sichtbaren Gebäude jetzt für mich nicht unter die Kategorie „sehenswert“ fallen, marschiere ich zügig weiter. Insgesamt sind die vergangenen paar Kilometer aber für Pilzfreunde wohl das reinste Paradies. Hier sprießt nämlich ein Pilz neben dem nächsten in allen Farben, Formen und Varianten.

Auch sonst holt mich die Zivilisation zusehends wieder ein, denn gleich im Anschluss geht es in Richtung Scheuen, dem ersten Stadtteil von Celle – zumindest wenn ich mich auf der Karte nicht verguckt habe. Ich muss aber nicht durch den kleinen Ort, denn der HSW ist wieder versucht, möglichst naturnah zu verlaufen. Die asphaltierte Straße erspart er mir aber trotzdem nicht, wobei mich das im Moment auch nicht groß juckt, denn (sagte ich das schon?) es läuft heute insgesamt einfach gut. Der Verkehr stört nicht, während ich hier lang laufe, kommt mir nicht ein Auto entgegen oder überholt mich. Auch die Schranken beim Bahnübergang sind offen, ich komme also zügig voran.

An der Start- und Landepiste des Segelfluggeländes Celle-Scheuen mache ich ungeplant eine längere Pause. Ich bin nämlich neugierig und hier herrscht gerade reger Flugbetrieb. Ich wandere daher noch bis zum Ende der Bahn, wo die nächsten Segelflugzeuge auf den Start vorbereitet und an die Schleppflugzeuge gekoppelt werden. Der Weg dorthin bzw. die Einmündung ist zum Glück mit einem HSW-Wegweise markiert, denn ansonsten wäre ich in diesen total unscheinbaren, halb zugewachsenen Weg überhaupt nicht ein gebogen. Eine Bank gibt es hier an der Bahn zwar nicht, aber ein paar große Baumstümpfe, die als Sitzgelegenheit allemal ausreichen. Also parke ich mich gemütlich in der Sonne, schmeiße alles unnötige Equipment von mir, greife noch einmal zu meinem Fresspaket und gucke anderen Leuten bei der Arbeit zu. Während der HSW um den Platz herum führt, geht der Fernwanderweg E1 übrigens direkt quer über die Bahn. Das wird gleich noch mal wichtig 😉

Ich bin gerade am Kopfende der Bahn, als ich mich halb zu Tode erschrecke, denn mit einem WOOOSCH dübelt ein landender Segelflieger in vielleicht rund 10 Metern Höhe über mich drüber. Himmelherrgott, macht sowas nicht mit mir!

Hinter dem Flugplatz geht es dann zwischen Brombeerhecken hindurch wieder in den Wald und – auf der Karte ist das wohl eine alte Kiesgrube – steil runter zu einem kleinen See bzw. Teich bzw. Tümpel. Der Spaßfaktor steigert sich ins Unendliche, denn gleich hinter der Pfütze geht es nicht minder steil wieder nach oben. Eine völlig unsinnige Geschichte, denn entlang der Höhenlinie hätte man auch prima außen herumgehen können. Selbst im Wanderführer heißt es, ich habe es nur sinnigerweise erst hinterher gesehen „Wer müde ist, kann sich den Weg hinunter zum Teich auch sparen.“ Ob müde oder nicht, das kann und sollte man sich generell sparen, finde ich.

Direkt dahinter empfängt einen Groß-Hehlen mit einem kleinen Sportzentrum. Ab hier beginnt der Bürgersteig-Blues, denn bis aus Weiteres geht es über ebenjene durch den Celler Vorort. Vor allem geht es diesmal wirklich durch den Ort und nicht knapp dran vorbei, an sich ja schon eine Seltenheit. Wäre es anders gewesen, hätte ich meine nächste Entscheidung nämlich nicht so getroffen, wie ich es getan habe. Auf halbem Weg durch Groß-Hehlen habe ich nämlich beschlossen, dass ich heute überhaupt keine Lust mehr habe, die 26 Kilometer bis zum Schlusspunkt des HSW am Celler Schloss noch voll zu machen. Als ich da vorhin am Flugplatz saß, habe ich auch noch einen Blick auf die Karte geworfen, ich wollte nämlich wissen, wo mein Hotel in Celle ist. Da möchte ich nämlich nach meinem Zieleinlauf möglichst unmittelbar hin, um vor einem kleinen Stadtrundgang meinen Rucksack loszuwerden und eine Dusche zu nehmen. Wenn ich mir dann anschaue, wo ich letztlich hin muss und wo der HSW wieder mal groß herumschleift, bekommt eine Alternative nämlich durchaus ihre Vorzüge. Der E1 verläuft zwar nicht in unmittelbarer Nähe meines Hotels, aber nah genug dran, als dass er mir gut und gerne fünf Kilometer ersparen kann.

Tausche H gegen E

Hier wie da geht es bis ins celler Zentrum über Felder und durch Vororte, das macht also keinen großen Unterschied. Einzig die Aller mit den Allerwiesen wäre allerhöchstens (ja, schon gut…) noch einen Blick wert gewesen. Die Ecke soll ganz schön sein, aber dafür brauche ich jetzt nicht unbedingt einen so großen Umweg. Es wäre natürlich sinnvoll gewesen, gleich von Scheuen aus auf den E1 zu wechseln. Aber hey, einfach kann ja jeder. Also nehme ich mir irgendwo an einer Straßenecke in Groß-Hehlen stehend noch einmal die Karte zur Hand und bastle mir von hier aus den einfachsten Weg zum E1 zurecht, denn wieder zurück zu laufen, ist selbstverständlich keine Option.

Der Weg dahin ist sogar recht einfach – ein kurzes Stück auf dem Radweg neben der B3 her und dann über einen Feldweg in Richtung Vorwerk (was meines Wissens nichts mit den Staubsaugern oder dem Thermomix zu tun hat). Auf dem E1 muss ich dann noch eben schnell die Eisenbahnlinie Hamburg-Hannover queren, dann geht es zielstrebig in Richtung Celle. Es geht noch über eine weitere Bahntrasse, dann verlasse ich auch den E1 und gehe das letzte Stück, mutig wie ich nun mal bin, quasi vogelwild, ohne Wegmarkierungen bis zu meinem Hotel.

Eingecheckt, ausgepackt, frisch gemacht, landfein (oder zumindest halbwegs vorzeigbar) angezogen schnüre ich mir am frühen Nachmittag dann noch einmal die Wanderschuhe und gehe in Richtung Altstadt. Mein erster Anlaufpunkt ist das Touristenbüro, denn ich will mir natürlich noch meinen finalen Stempel für den Wanderpass abholen – und auch den goldenen Pin, den ich aber ja im Grunde gar nicht verdient habe 😇. Erst danach steuere ich das Celler Schloss an und auch den Rest der Altstadt. Das Schloss selbst kann ich nur umrunden, denn für Besichtigungen ist es geschlossen. Ich weiß nicht, ob das an Bauarbeiten liegt, die hier an mehreren Stellen stattfinden oder ob das dem Infektionsschutz geschuldet ist. Jedenfalls ist’s zu.

Aber so richtig böse darüber bin ich nicht, denn bei dem tollen Wetter sitze ich ohnehin lieber draußen an der frischen Luft und hole mir ein großes Eis, dass ich schon fast inhalieren muss, damit es mir nicht in der Hand wegschmilzt.

Celle hat was, muss ich sagen. Daumen hoch, gefällt mir! Zwar ist die Altstadt bei strahlend blauem Himmel entsprechend voll, aber für mich immerhin nicht zu voll. So kann ich eine schöne Runde durch die Straßen genießen und mir alles in Seelenruhe anschauen, denn ich war noch nie in Celle. Richtig toll und witzig finde ich ich vor allem die Freiluftausstellung „Alltagsmenschen“ bei der nahezu lebensgroße Figuren in Situationen des täglichen Lebens dargestellt bzw. karikiert sind. Die Plastiken könnten von mir aus gerne dauerhaft hier stehen, sie passen prima ins Bild. Überhaupt ist das Bild mit den ganzen Fachwerkhäusern genau mein Stil. Ich komme gerne wieder, dann gucke ich mir aber auch alles mögliche von innen an!

Nach meiner Runde suche ich mir noch einen Supermarkt, in dem ich mir etwas Kaltes zu trinken für jetzt auf die Hand (die Restaurants sind mir einfach zu voll) und paar Kekse für die Zugfahrt morgen. Zurück zum Hotel geht es dann über eine Straße mit wahrscheinlich historisch enorm bedeutungsschwangerem Namen, der bei mir aber nur für einen Lacher sorgt. Auch wenn der Plan nur ein kleiner ist und zudem eine Einbahnstraße – aber große Pläne werden ja allgemein überschätzt.

Zum Abendessen gibt es gleich um die Ecke eine prima Burger-Butze, bei der ich voll zuschlage. Alleine schon die Portion Pommes hätte fürs satt werden gereicht, aber man will ja nichts verkommen lassen. Dazu das passende Bierchen und die verdiente Belohnung für den erwanderten (naja, zu 90% erwanderten…) Heidschnuckenweg ist komplett.

Den Rest des Abends verbringe ich überwiegend mit verdauen, Tagebuch schreiben und Fernsehen schauen liegend auf dem Bett. Ich muss heute nichts mehr machen, denn morgen früh habe ich mehr als genug Zeit, auszuschlafen, gemütlich zu frühstücken, alle meine Sachen für einen Nicht-Wandertag vernünftig zu packen und zum Bahnhof zu gehen. Passt.

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