Heidschnuckenweg: Easy-going

Eine viel passendere Überschrift gibt es als Zusammenfassung für den meinen Heidschnuckenweg wohl kaum. Schaue ich im Wörterbuch unter easy-going nach, bekomme ich genannt: unbekümmert, lässig, bequem, gemächlich. Und noch ein paar andere Bedeutungen, die aber weitestgehend synonym für die hier genannten sind. Aber alles der Reihe nach, denn noch bin ich ja schreibtechnisch noch in Celle und habe noch den Abreisetag vor der Brust.

Wasser marsch!

Nach dem Aufwachen fällt mein erster Blick auf das Chaos in meinem Zimmer. Denn der komplette Inhalt meines Rucksacks liegt irgendwo verteilt. Zwar halbwegs „thematisch“ zu Häufchen gruppiert, aber trotzdem. Ich hatte gestern noch einiges gewaschen, das über Nacht im Bad, auf Kleiderbügeln und der Stuhllehne getrocknet ist. Der Rest wird heute so wieder eingepackt, dass ich alles für die Zugfahrt griffbereit habe. Vor dem ersten Kaffee des Tages kümmere ich mich da aber noch gar nicht drum. Wir haben es knapp acht Uhr, mein Zug geht um kurz vor zwölf und bis zum Bahnhof sind es nur etwa 20 Minuten zu Fuß, ich habe also mehr als genug Zeit.

Das Frühstück allerdings ist eher ernüchternd. Der Frühstücksraum befindet sich im Keller und ist eher spartanisch bis gar nicht dekoriert. Die Tische sind mit Papiertischdecken gedeckt und auch sonst eher lieblos hergerichtet, während die Tische an sich wild im Raum verteilt sind. Entweder, das Hotel hat ultimativ schlechte Lebensmittellieferanten oder es gibt wirklich Aufbackbrötchen und Wurstwaren, die man so auch abgepackt im Supermarkt bekommt. Die Krönung ist der Kaffee bzw. das, was hier so genannt wird. Den darf man sich selbst aus großen Pumpspendern ziehen, aber das Gesöff schmeckt, als wäre es schon stundenlang da drin und war wohl auch im frischen Zustand nicht eben das Beste aus der ganzen Bohne. Gedanklich freunde ich mich schon mit einem überteuerten Kaffee von der Bahnhofsbude an. Der ist dann vielleicht auch nicht gut, aber auf jeden Fall besser. Aber was habe ich schon groß erwarten können? Das Hotel war jetzt nicht eben das teuerste am Platz. Aber von einem Hotel, bei dem das Frühstück 15€ extra kostet, ja, doch, da erwarte ich schon um einiges mehr.

Ob der Qualität des Essens verzichte ich abgesehen von einem Apfel darauf, mir noch etwas für unterwegs einzupacken und stiefele missmutig zurück auf mein Zimmer. Nach anderthalb Wochen Rucksack packen bin ich darin wieder so weit routiniert, dass es einigermaßen fix geht. So bin ich zeitig genug fertig, um im TV noch in Ruhe Nachrichten schauen zu können und dabei mein Handy und die schnurlosen Kopfhörer noch ein wenig ans Ladegerät zu hängen.

Ohne großartige Wehmut ckecke ich aus. Die Rezeptionistin fragt mich dabei, ob ich wirklich zum Bahnhof laufen wolle, sie könne mir gerne ein Taxi rufen. Nein, ich möchte laufen, vielen Dank. Aber das sei doch soooo weit! Ansichtssache. Außerdem sitze ich im Zug heute noch lang genug auf meinem Hintern, da bin ich über den Spaziergang zum Bahnhof ganz froh. Also stiefele ich dann auch zügig los. Ich nehme dabei sogar noch einen kleinen Umweg in Kauf, denn ich gehe noch einmal quer durch die Altstadt. Die kürzeste Route wäre über den vielbefahrenen Ring gegangen, aber das muss ich nicht haben, zumal wenn es sich so leicht vermeiden lässt.

Auf etwa halber Strecke fängt es an zu tröpfeln. Nicht weiter schlimm, denke ich mir, denn ich bin ja bald da und sofern es nicht stärker regnet, trockne ich auch schneller wieder, als dass es sich jetzt lohnen würde, die Regensachen aus dem Rucksack zu pulen. Pustekuchen, denkste! Ich bin gerade an den Triftanlagen, einem Park, angekommen, eine Querstraße weiter ist der Bahnhof. Ich kann ihn zwar noch nicht sehen, aber ich weiß, dass er da ist. Das hilft mir aber gerade auch nichts, denn der Himmel öffnet seine Schleusen sperrangelweit. Ich kann gar nicht so schnell gucken, wie ich bis auf die Haut durchnässt bin. Unter einen der Bäume zu flüchten, bringt mir nur insofern etwas, als dass ich es immerhin schaffe, meinen Rocksack halbwegs einzupacken. Am liebsten würde ich jetzt zum Bahnhof rennen, aber das ist mit meinem Fuß keine Option. Aber was soll es, nass bin ich eh.

Am Bahnhof angekommen, hinterlasse ich eine nasse Spur vom Eingang über den Schaukasten mit den Fahrplänen, die Kaffeebude, bis hoch zum Gleis. Ich lasse mich auf den nächstbesten freien Platz fallen und ziehe etwas Trockenes über, bevor ich meinen Kaffee genieße. Wenn auch nicht eben mit Sommer, Sonne, Sonnenschein, Fanfaren und Trompeten, Böllerschüssen und dem goldenen Loorbeerblatt vom Bundespräsidenten, aber mein Heidschnuckenweg ist hier zu Ende. Trotz dass Petrus noch ein bisschen Schabernack getrieben hat – und dass ich in Hannover beim Umsteigen ungewollt lange auf meinen Anschlusszug warten darf – ist’s schade, denn ich war gerade so schön im Fluss.

Gedanken eines Zugvogels

Wie immer am Ende einer meiner Wanderungen gehe ich alles im Kopf noch einmal durch, schaue, was ich mir so alles in meinem Tagebuch notiert habe. Vor allem schreibe ich alles auf, was ich bisher noch nicht mitgeloggt habe, warum auch immer. Zeit dazu habe ich im Zug ja genügend. Da ich einen Platz am Tisch habe, kann ich mich auch ein wenig ausbreiten und so auch gleich die Bilder von meiner Kamera aufs Handy überspielen, damit ich mir die auf dem „großen“ Display anschauen kann. Schon mal ein bisschen vorsortieren, denn zu Hause komme ich da wieder nicht zu. Ich kenne mich ja. Dabei ergibt sich zwangsläufig ein Resümee, wobei das beim Heidschnuckenweg auf der einen Seite sehr einfach, auf der anderen Seite aber echt schwierig ist

Fangen wir doch einfach mal mit den Begleitumständen an. Fuß kaputt, Achillessehne gerissen. Wandern an sich ist also schon mal eine Challenge für sich. Eingangs habe ich ja schon darüber geschrieben, dass der HSW zwar ohnehin bei mit auf dem Programm stand, es aber wegen seines eher flachen Profils überhaupt nur möglich war, zu wandern. Ich habe auch ein paar Sorgen wegen des sandigen Untergrundes geäußert – und das war mindestens genauso schlimm, wie erwartet. Im Nachhinein hätte ich vielleicht doch besser noch ein paar Wochen warten sollen, damit ich wieder ein bisschen mehr Kraft aufgebaut gehabt hätte. Aber es ging ja auch zu großen Teilen so ganz gut bis hervorragend, auch wenn ich gleich zu Anfang ein wenig geschwächelt habe. Aber es war doch überraschend anstrengend und ich war einmal mehr froh, meine Stöcke zu haben, denn mit denen konnte ich die Last ein bisschen besser verteilen. Allerdings hat es meine Schuhe komplett dahingerafft. Vor dem Heidschnuckenweg hatte ich sie nur ein paar Tage lang eingetragen, war aber keine längerne Strecken mit ihnen unterwegs. Dafür habe ich sie aber nach dem HSW gleich entsorgen dürfen. Mal was Neues, habe ich so auch noch nicht geschafft, brauche ich aber definitiv auch nicht noch mal.

Das Wetter war auch nur bedingt ein Faktor. Beim Wetterlotto gewinne ich glücklicherweise ja in den meisten Fällen, wenn ich länger unterwegs bin. Hier hatte ich einen Regentag, das ist absolut im Rahmen und hat auch der Etappe keinen Abbruch getan. Da war die Wanderung durch die Wüste schon ein anderes Kaliber, das hat einfach nur geschlaucht. Dazu kam, dass ausgerechnet an diesem Tag die zweite Hälfte der Etappe landschaftlich nicht eben ein Highlight war… Aber abgesehen davon gab es eigentlich nichts zu meckern.

Landschaftlich ist die Heide zur Blüte wirklich zu empfehlen. Eine wirklich schöne, aber erfreulich unaufgeregte, unaufdringliche Landschaft. Da wäre es vielleicht sogar gar nicht schlecht gewesen, hätte die Sonne nicht so geknallt, denn mit etwas sanfterem Licht hätte alles wahrscheinlich noch viel schöner ausgeschaut. Aber so hat das gleißende Licht ein bisschen was vom Farbspektrum gefressen. Das soll aber absolut keine Beschwerde sein. Manche, wenn auch kurzen Abschnitte, haben durchaus auch den Eindruck erweckt, man wäre in der Toskana unterwegs. Nur mit weniger Zypressen, aber dafür mehr Holunder.

Womit ich bei Fernwanderwegen in Deutschland immer noch nicht grün werde, und da ist der Heidschnuckenweg leider keine Ausnahme, ist die arg ausbaufähige Infrastruktur unterwegs. Damit meine ich nicht gepflegte und idiotensicher markierte Wege, im Gegenteil, da gibt es fast nichts, was ich da verbessern würde. Auch Bänke, Tische und Unterstände sind regelmäßig und ausreichend vorhanden. Aber mich stört immer wieder, gerade an anstrengenden Tagen, dass man entweder überhaupt keine Möglichkeit hat, sich bewirten zu lassen – oder mal aufs Klo zu gehen – oder dafür mehr oder weniger weite Umwege in Kauf nehmen muss. Andererseits ist durch das Umgehen von Ortschaften natürlich sichergestellt, dass man größtenteils in der Natur unterwegs ist. Beides zusammen geht wohl schlecht. Aber wenigstens ein (solar betriebener) Getränkeautomat ab und an wäre echt schick. Ich glaube, ich mache einen Laden auf und kümmere mich selbst drum…

Selbst zur Hauptsaison während der Heideblüte war der HSW überschaubar gut besucht. Natürlich war am Wochenende bei schönem Wetter in Wilsede und anderen in der Nähe von Wanderparkplätzen gelegenen Orten was los. Sogar viel los. Aber das hat sich alles ziemlich schnell verlaufen, sobald man sich von diesen Orten auch nur ein bisschen weiter als ein paar hundert Meter entfernt hat, hatte ich den Weg wieder überwiegend für mich alleine. Da ich auch gerne alleine mit mir auf dem Weg bin, ist das grundsätzlich kein Problem. Aber gerade auf den längeren Strecken hätte ich so gerne eine Wanderbegleitung dabei gehabt, mit der ich zwischendurch quatschen, Blödsinn machen, singen oder sich gegenseitig anschweigen kann. Ich kann nicht genau den Finger drauf legen, weshalb, aber ich finde, der HSW ist perfekt, um ihn zu zweit oder zu mehreren zu wandern. Es lag bestimmt auch daran, dass ich abends in den Hotels und Pensionen weitestgehend isoliert war. Blödes Corona.

Zu An- und Abreise muss ich glaube ich nicht viel zu schreiben. Wenn die Bahn nicht gerade streikt, durch schlechtes Wetter, Baustellen oder bummelnde Passagiere aufgehalten wird, sind Hamburg selbstredend, aber auch Celle via Hannover einfach und schnell zu erreichen. Selbst die einzelnen Stationen auf dem HSW sind dank des Heideshuttles zwischen Buchholz und Soltau und hinter Soltau größtenteils mit ÖPNV sehr gut anzusteuern.

Unterkünfte sind auch zahlreich verfügbar, aber leider nicht wirklich günstig. Die beiden Jugendherbergen am Weg hatte ich im Vorfeld nicht auf dem Schirm, das wären natürlich noch kostengünstige Alternativen gewesen. Aber gut, da man über Tag erzwungenerweise nicht viel ausgibt, kann das allabendliche Bett als Ausgleich ein bisschen teuer sein. Kann, muss aber nicht unbedingt… Irgendwo ein leckeres und preislich vertretbares Abendessen zu bekommen, war nirgendwo ein Problem.

Den goldenen Pin habe ich mir ja nicht wirklich verdient, da ich die Etappe über Fassberg und die Oberoher Heide ausgelassen hatte. Den Stempel hatte mir die Dame an der Touristeninformation in Müden ja enthusiastisch und offenbar im Stempel-Automatikmodus in den Wanderpass gesetzt. Aber ich will mich nicht beschweren. Den Bronze-Pin finde ich ohnehin am hübschesten. wobei es farblich eher kupfern ist.

Schlussworte

Unterm Strich war der HSW eine wirklich schöne Wanderung, wenn auch oder gerate unter besonderen Bedingungen. Ich kann den Weg jedem empfehlen, insbesondere aber denjenigen, die mal ins Weitwandern reinschnuppern oder das Wandern mit Rucksack üben wollen. Würde ich den HSW noch mal wandern? Komplett ehrlich gesagt wahrscheinlich nicht, aber die schönsten Etappen durchaus sehr gerne. Gern auch in Kombination mit einer der Heideschleifen.

Also, in klassischer ebay-Manier: Netter Wanderweg, gerne wieder.

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