Camino Inglés Tag 0 – Entschleunigung mit Hindernissen

20. und 21. Mai 2022 – …irgendwann dann Mal Ferrol

Vor der Freude über den Urlaub steht leider Gottes erst noch ein bisschen Planung. Ich weiß, wo ich hin will und ich weiß, wann ich dort ankommen möchte. Dazwischen steht für meinen diesjährigen Pilgerweg die Deutsche Bahn, die einen ab und an doch zu mehr Spontanität zwingt, als man möchte und damit den Blutdruck in die Höhe treibt. Aber langsam und der Reihe nach…

Windige Fahrpläne

Für mich steht schnell fest, dass ich auch diesmal wieder mit dem Flugzeug nach Spanien anreisen werde. Alle anderen Optionen, also Zug, Bus, Auto und Schiff scheiden aus Zeit- und Komfortgründen aus. Will man in Spanien an einen Ort, der nicht Madrid, Barcelona oder Irun heißt, wird es schnell zwar nicht kompliziert, aber langwierig. Da ich nach Ferrol möchte, das rund 50 Kilometer entfernte A Coruña einen eigenen Flughafen hat und mir die Flugsuche eine vernünftige Verbindung via Madrid ab Düsseldorf ausspuckt, passt das also ganz prima. Nach Santiago de Compostela hätte ich auch fliegen können, von da kommt man mindestens genauso gut (wenn nicht sogar einfacher) nach Ferrol, nur wurden mir da keine Verbindungen zu ausgegeben. Warum auch immer, denn in Madrid am Flughafen stand ein Flug auf der Anzeigetafel, den ich bequem auch ohne lange Umsteigezeit hätte nehmen können. Aber sei’s drum, dann ist es halt A Coruña.

Es gibt sogar gleich zwei Verbindungen, die sinnvoll wären, ich wähle die frühe Variante mit Abflug um 7:30 Uhr. Dann bin ich nachmittags in Ferrol und habe noch ein bisschen was vom Tag. So weit so gut, allerdings bemerke ich dann irgendwann, als ich mich um die Fahrt nach Düsseldorf kümmere, was das bedeutet:

Ich sollte rechtzeitig vorher am Flughafen sein, um meinen Rucksack als Gepäck aufgeben zu können – immer noch die Geschichte wegen der Stöcke, dem Taschenmesser und der Unlust, Flüssigkeiten extra noch in Tütchen packen zu müssen. Also reden wir schon Mal von 6 Uhr. Die erste Direktverbindung gibt es mit Ankunft etwa 7:30 Uhr – also viel zu spät. Alternativ mit Umsteigen in Köln, Ankunft Düsseldorf Flughafen etwa 05:30 Uhr, das würde passen. Aber Abfahrt in Aachen ist schon um 03:40 Uhr und ich muss ja auch erst noch zum Bahnhof, wobei das nur 15 Minuten zu Fuß sind. Abgesehen davon, dass ich da vorher gar nicht groß schlafen gehen brauche und ich vorher schon weiß, dass ich mich dann total übermüdet und mit Kopfschmerzen durch den Tag hangeln werde, gibt es bei der Verbindung nur fünf Minuten Umsteigezeit in Köln. Traue ich das der Bahn zu? Ohne einen Puffer nach hinten raus zu haben? Da überlege ich gar nicht erst lange: Nein, tue ich nicht. Also ergibt sich die Idee, am Abend vorher schon ganz gemütlich nach Düsseldorf zu gondeln und dann in eine Übernachtung in Flughafennähe zu investieren, von ganz alleine. Von kostengünstig kann in dem Fall zwar nicht die Rede sein, die eine Nacht extra kostet mich mehr, als drei komplette Tage auf dem Camino zusammengenommen, aber was tut man nicht alles im Versuch, entspannt zu reisen?

Als es dann endlich so weit ist, streiche ich auf der Arbeit schon sehr zeitig die Segel, um zu Hause noch ganz in Ruhe den letzten Kram zusammenzupacken. Draußen ziehen schwarze Wolken vorbei – das Maiwetter war bisher traumhaft, aber heute ist ein Sturmtief angekündigt. An Aachen ist das bisher eher vorbeigezogen, mehr als ein paar wenige Tropfen Regen sind noch nicht gefallen und was den Wind angeht, wäre ich froh, wenn wenigstens ein laues Lüftchen die Schwüle erträglicher machen würde.

Wie das halt so ist, kaum habe ich meinen Rucksack geschultert, öffnet der Himmel alle Schleusen. Das wird also eine Premiere für mich – da ich ganz sicher nicht noch extra einen Regenschirm mitnehmen werde und es nur für eine Regenjacke definitiv zu stark regnet, stülpe ich mir schon zu Hause den Poncho über. Ist ja kein Problem, am Bahnhof schlage ich den aus, damit ich in der Bahn nicht alles volltropfe und über Nacht kann er wieder trocknen, damit er morgen früh wieder im Rucksack verschwindet. Die paar blöden Blicke der Leute, denen ich auf dem Weg zum Bahnhof begegne, lächle ich einfach weg.

Am Bahnhof erwarten mich dann brandheiße News – denn mindestens der nächste Zug fällt „aufgrund einer Verspätung aus vorherigen Fahrten“ aus. Das macht der private Betreiber des RegionalExpress nach Köln ganz gerne Mal – dann fahren die Züge nur bis Düren oder Eschweiler und lassen Aachen links liegen. In der Städteregion Aachen wohnen ja auch nur gut 550.000 Menschen, das Einzugsgebiet nach Belgien und den Niederlanden noch gar nicht mitgezählt. Warum sollten die denn auch eine zuverlässige Zuganbindung zum nächsten Großknotenpunkt in Köln haben?! Ich kann ja verstehen, dass es im Sieger- und Sauerland wirklich stürmt, aber die Organisation ist halt einfach besch…eiden, vor allem, da ein weiterer Zug wegen „kurzfristigen Personalausfalls“ gestrichen wird.

Irgendwann fährt aber dann doch ein Zug, einer der Variante mit Umstieg in Köln. Muss ich noch extra erwähnen, dass die fünf Minuten selbstredend nicht gereicht haben und ich damit noch eine halbe Stunde extra Wartezeit gewonnen habe? Ich finde jedenfalls, was meine Planung angeht: Alles richtig gemacht. Offensichtlich. Hätte ich jetzt den Zeitdruck im Nacken, meinen Flug erwischen zu müssen, hätte ich jetzt echt schlechte Laune. Aber so höre ich einfach ein bisschen Musik, hole mir beim Bahnhofsbäcker noch ein Leckerli und genieße das (zumindest in Köln) sonnige Wetter.

Im Hotel angekommen erwartet mich eine elend lange Schlange an der Rezeption, denn zumindest die Billigfluglinien haben aufgrund der schlechten Wettervorhersage einfach Mal proaktiv schon ein paar Flüge gestrichen. Natürlich dauert es entsprechend lange, bis die alle untergebracht sind und ich dann auch endlich mein Zimmerkärtchen in der Hand halte. Der Rest des Abends ist dann aber wirklich gemütlich, genauso wie die Nacht.

Da ich am nächsten Morgen recht früh los muss, gibt es leider noch kein Frühstück im Hotel. Aber um den überteuerten, schlechten Flughafenkaffee komme ich rum, da es zumindest ein „Early Bird“-Buffet gibt, sogar für lau. Das ist zwar nix Dolles, aber es gibt Kaffee, Croissants und Obst. Für mich reicht das dicke und ich nehme mir auch noch einen Kaffee To-Go mit, bevor ich mich ins Getümmel der Wartehalle stürze.

…und das Wörtchen „Getümmel“ ist nicht übertrieben, denn die Wartehalle besteht quasi nur aus einem riesigen Knäuel verschiedenen Warteschlangen. Ich frage mich durch, um herauszufinden, welche denn meine Schlange ist, merke aber schnell, dass das Chaos hier im Grunde wieder nur die Billigflieger betrifft, die natürlich zusätzlich zum normalen Passagieraufkommen auch noch alles abfertigen müssen, was gestern nicht mehr weggekommen ist. Da habe ich wirklich, wirklich Glück, mit Iberia „Linie zu fliegen“, denn die Warteschlange vor deren Schaltern ist mit die kürzeste am ganzen Flughafen und das Abflugterminal ist auch ein anderes, sodass die Schlange vor der Sicherheitskontrolle quasi gar nicht vorhanden ist. Der Entschleunigungsfaktor steigt jedenfalls immens und tut das auch weiterhin. Denn der Flieger ist pünktlich, das Umsteigen in Madrid mit fast keiner Wartezeit klappt auch prima und mein Rucksack taucht auf dem Gepäckband in A Coruña als erstes auf.

Zahlenspiele

Der Flughafen ist überschaubar, um nicht zu sagen winzig. Dementsprechend übersichtlich ist auch das Drumherum und auch der Busbahnhof, der sich als einfache Haltestelle getarnt hat, ist schnell gefunden. Aber da fängt die Verwirrung dann an. Ruft man nämlich die Webseite des Flughafens auf und klickt sich dann zu den Busverbindungen in die Stadt durch, heißt es da, man solle die Buslinie 4051 nehmen und bis zum Busbahnhof A Coruña fahren. So weit, so einfach – nur gibt es die Linie offenkundig nicht (mehr) und an den Ausgängen existiert auch keine Haltestelle, die irgendwie Estación de autobuses (oder auch abgekürzt E.A.) heißt. Einen Informationsschalter gibt es hier am Flughafen selbstredend, aber es ist Siesta, also ist dort niemand.

In der Zwischenzeit haben sich ein paar Menschen um mich herum angesammelt. Drei Damen aus Deutschland, die genauso ratlos sind. Pilgerinnen, wollen auch ab Ferrol starten, bleiben aber die Nacht in A Coruña, fahren morgen weiter nach Ferrol und gehen übermorgen erst los. Zwei Herren und eine Dame, dem Akzent nach aus Österreich, genauso ratlos. Ebenfalls Pilger, haben den selben Plan, wie ich, aber siezen mich komischerweise konsequent und sind auch sonst nicht sehr gesprächig. Dazu noch drei SpanierInnen. Dass die auch ratlos sind, könnte mir ein wenig Sorge bereiten, aber selbst wenn das Bussystem in Galicien vielleicht nicht das Pünktlichste ist, es funktioniert. Also wird irgendwann ein Bus kommen, so viele werden hier ja nicht fahren.

Wir warten gemeinsam noch rund eine Stunde, denn es stellt sich heraus, dass wir den letzten Bus wohl knapp verpasst hatten. Es ist auch nicht die Linie 4051, sondern die A4. Was die Haltestelle angeht, wurde gemeinschaftlich und mit Unterstützung von Google Maps eine herausgesucht, die dem Busbahnhof am nächsten liegt. Mit 1,55€ ist die Fahrt auch ein echter Schnapper. Hätten wir noch länger gewartet wären die ersten Ungeduldigen wohl mit dem Taxi gefahren.

Unsere Haltestelle ist goldrichtig, denn 100 Meter Luftlinie sieht man schon den Eingang zum Busbahnhof. Hier kann ich von Glück reden, dass es davor eine schöne Wiese mit ein paar Schatten spendenden Bäumen gibt und das Wetter echt annehmbar ist, denn ich darf rund anderthalb Stunden warten, bis der Bus nach Ferrol abfährt und der Bahnhof hier ist noch siffiger, als das alte Terminal in Santiago, echt kein schöner Ort.

Anfangs hatte ich noch überlegt, auch morgen erst nach Ferrol weiterzufahren und dann gleich vom Bus aus loszupilgern. Dann könnte ich mir A Coruña noch gemütlich anschauen. Aber das mache ich vor dem Rückflug. So denn alles klappt (und warum sollte es nicht?), habe ich vor dem Rückflug noch mindestens einen Tag Puffer und kann mir die Stadt dann anschauen. Da fahre ich vorher lieber nach Ferrol weiter und stromere da ein bisschen durch die Gegend, denn dorthin komme ich so schnell nicht wieder zurück. Also warte ich jetzt auf den Bus.

Zwar hält der Bus nicht an der Stelle, wie sie im Fahrplan angegeben ist (Haltebucht 1 anstatt der 13), was noch zu kleineren Irritationen aller Anwesenden führt, aber auch das ist kein großes Problem, denn das Ziel steht vorne groß genug dran. Also Koffer unten rein, ich oben rein und los geht’s. Die Fahrt dauert knapp 90 Minuten, weil der Bus gefühlt an jedem Briefkasten hält und auch Dörfchen links und rechts mitnimmt, aber da die Landschaft, die am Fenster vorbeizieht zum genießen ist, macht mir das echt nichts aus.

Bummeln

Endlich in Ferrol angekommen, so unter dem Strich war es doch ein langer und gar nicht Mal so unanstrengender Tag, schlage ich zuallererst den Weg zu meiner Herberge ein. Das ist noch einmal eine Viertelstunde zu Fuß und ich bin echt froh, als ich endlich meinen Rucksack in die Ecke stellen und mir zumindest für eine kurze Weile die Schuhe ausziehen und mich aufs Bett legen kann.

Bevor ich aber noch richtig einschlafe, mache ich mich schnell ein bisschen frisch und ziehe dann los, bisschen Sightseeing machen. Abgesehen davon möchte ich zum „offiziellen“ Startpunkt des Camino Inglés, dann brauche ich da nämlich morgen früh nicht noch extra noch Mal hin, das wären nämlich noch mal knapp zwei Kilometer extra und die Etappe wird auch so schon lang genug. Faulheit siegt, ich verkaufe es als Effizienz 😅

Auch wenn das Wetter ziemlich bedeckt und echt drückend-schwül ist, genieße ich es, an der frischen Luft herumzulaufen. Ferrol ist klein, aber fein, zumindest was die Altstadt und den Bereich rundherum angeht. Wie sagt man so schön? „Maritimes Flair“. Vieles ist typische spanische (Klein-)Stadt, wobei das große Marinearsenal schon ziemlich dominant ist. Leider gibt es in der Stadt selbst auch wirklich viel, viel Leerstand. Trotzdem finde ich, dass Ferrol als Ausgangspunkt meines Camino gerade ziemlich perfekt ist. Was über das Zentrum hinausgeht – von den Vorstädten kann ich mir morgen gezwungenermaßen noch ein Bild machen, denn der Camino hat hier an der Küste wenig Möglichkeiten, irgendwie eine schnelle Abkürzung ins Grüne zu nehmen. Ich setze mich in erstbeste Café und genieß einen Kaffee. Als ich sehe, dass frische Empanadas im Angebot sind, verlege ich mein Abendessen zeitlich nach vorne und pfeife mir eine Monsterportion rein. Lecker, satt, Stefan glücklich.

Die Statue, die einem in der Fußgängerzone in den Weg springt, hat zwar frappierende Ähnlichkeit mit einem Mitglied des KKK, aber natürlich hat es damit überhaupt nichts zu tun. Sie zeigt nur eine etwas weniger als lebensgroße Darstellung der Gewänder und Kapuzen, die bei den Prozessionen während der Semana Santa, also der Karwoche, in Spanien getragen werden. Ansonsten ist das Besichtigungsprogramm recht eingeschränkt, denn einmal mehr haben alle Kirchen geschlossen. Spoiler: Das wird sich im laufe der kommenden Tage auch nicht wirklich ändern…

Gleich neben dem Startstein des Inglés befindet sich strategisch günstig die Touristen-Information, in der ich mir zum einen Infos über die öffentlichen Herbergen einhole (alle geöffnet, juhu!) und den ersten Stempel meines Pilgerweges einheimse – den ersten deshalb, da es in meiner Unterkunft keinen gab. Die Dame, mit der ich mich auch ein Weilchen nett unterhalte, schreibt das Datum von morgen daneben, nur für den Fall, dass ich unterwegs nicht genügend Stempel sammeln sollte. Rund um die Touri-Info reiht sich eine Bar neben der nächsten und irgendwie wird momentan alles von einer Horde schon ordentlich angetrunkener Engländer bevölkert. Es dauert ein bisschen, bis ich mir einen der Truppe ausgeguckt habe, dem ich noch zutraue, ein Foto von mir zu schießen, ohne dass er meine Kamera fallen lässt. Das Ergebnis ist zwar perspektivisch verbesserungswürdig, aber wenigstens ist das Bild halbwegs scharf und alles wichtige ist drauf 😆

In diesem Sinne kann mein Jakobsweg ganz gepflegt starten. Die ersten Meter habe ich ja sogar schon hinter mir, denn ich nehme – natürlich – den ausgeschilderten Weg zurück, bis ich kurz vor meiner Herberge links abbiegen muss. Ein Bierchen in der Bar nebenan genehmige ich mir noch, selbst wenn die nötige Bettschwere schon ohne erreicht gewesen wäre, dann ist’s aber wirklich gut für heute.

Morgen geht’s los, yeeehaa!

2 Gedanken zu “Camino Inglés Tag 0 – Entschleunigung mit Hindernissen

  1. Ach wie schön, wieder etwas von Dir auf einem Camino zu lesen. Ich freue mich schon auf die nächsten Beiträge. LG von der Bergstraße, SonjaM

  2. Ich war ja auch froh, wieder Mal auf einem Camino zu sein 🙂🙃

    Es waren – bzw. was den Blog angeht: werden sein – zwar nur ein paar wenige Tage, aber da war alles dabei, was das Pilgern in Spanien und auch Portugal ausmacht. Camino-Compression oder so… Mal schauen, wie lange ich für das Schreiben der einzelnen Beiträge brauche – aktuell ruft die Arbeit und ansonsten ist mir momentan das Wetter noch zu schön, um in meiner freien Zeit vor dem Bildschirm zu sitzen 😇 Außerdem lerne ich gerade so nebenher für meinen Sgelschein. Vielleicht kann ich ja dann demnächst den Inglés so wie es gedacht ist, in Caterbury starten und dann sebst übers Meer bis Ferrol anreisen…?

    Viele Grüße zurück aus dem tiefen Westen

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