Camino Inglés Tag 1 – Alternativen

22. Mai 2022 – Ferrol bis Pontedeume (ca. 30 km)

Als ich wach werde, fallen mir gleich mehrere Dinge auf. Dass das Zubettgehbierchen von gestern raus möchte, ist offensichtlich und der eigentliche Grund meines Aufwachens. Aber recht schnell stelle ich fest, dass es draußen noch stockdunkel ist – es ist nämlich gerade einmal kurz nach fünf Uhr in der Früh. Auch wenn ich eigentlich ganz gut geschlafen habe, stelle ich zudem fest: Ausgeschlafen bin ich irgendwie noch nicht. Was mich allerdings am Wiedereinschlafen hindert, ist weniger, dass es draußen schüttet und es durch das offene Fenster entsprechend rauscht, als vielmehr, dass sich ein Gewitter entlädt. Im Wetterbericht war davon gestern nicht die Rede und ich mache mir ein paar Gedanken, denn bei Gewitter draußen herumzulaufen ist eine weniger gute Idee. Aber bis es so weit ist, habe ich ja noch zwei, drei Stunden Zeit, das wird schon werden. Deutlich nerviger sind aber mindestens zwei rollige Katzen, die draußen vor meinem Fenster lautstark ihre Paarungsbereitschaft kundtun.

Ich wälze mich noch ein bisschen hin und her, gebe es aber irgendwann auf. Ein Schwall kalten Wassers ins Gesicht hilft beim wach werden. Viel zu packen habe ich nicht, also stehe ich um sieben Uhr draußen vor der Herberge, ohne mich dabei groß zu beeilen.

Mein Poncho steckt hinten im Rucksack, denn es hat aufgehört, zu regnen. Man hört zwar immer noch Donnergrollen und ich sehe ab und zu Wetterleuchten, aber der Wind treibt das Wetter nach Norden aufs Meer raus, sodass ich damit nichts mehr zu tun haben sollte. Angeblich soll es auch frühestens gegen 13 Uhr wieder anfangen, zu regnen. So früh, wie ich dran bin, ist an Frühstück noch nicht zu denken, hier hat noch alles zu. Also stiefele ich munter los.

Wasser, Wasser, Wasser

Von meiner Herberge aus muss ich nur an der nächsten Ecke rechts abbiegen, dann bin ich schon auf dem ausgeschilderten Weg. Von da aus geht es geradeaus bis an die Ría, also die Meeresbucht, und dann scharf links immer am Wasser entlang.

Naja, nicht direkt am Wasser, denn die ersten Kilometer trennen den Camino und das Meer noch verschiedenste Institutionen der spanischen Marine – Arsenal, Werft, Offiziersschule, Schule der Marineinfanterie und bestimmt noch einige mehr, auf deren Schilder ich gar nicht geachtet habe. Da auf der anderen Straßenseite die optisch eher weniger ansprechenden typischen Mietskasernen der Vorstadt stehen, ist das bis hierher nur bedingt sehenswert.

An einer großen Kreuzung tauchen von links zwei Gestalten auf, die schwer nach Pilgern aussehen. Kurze Zeit später werde ich von ihnen überholt – zwei Mädels ziehen in einem Affenzahn an mir vorbei. Beide mit riesigen Rucksäcken, beide nicht größer als 1,50 m, beide offenbar sehr sprachfaul, denn weder auf mein Hola!, noch auf mein Buen Camino! folgt eine Reaktion. Vielleicht haben sie es durch ihre Geschwindigkeit aber auch nur nicht gehört, weil die Frequenzverschiebung durch den Dopplereffekt zu groß war? Dass sie keinen Überschallknall hinterlassen, ist fast schon verwunderlich. Ich versuche jedenfalls gar nicht erst, mit den beiden mitzuhalten.

Keine 200 Meter weiter muss ich aber ohnehin Pause machen bzw. ich flüchte mich unter einen Baum. Die Zuverlässigkeit der Regenvorhersage an diesem Morgen: ausbaufähig bis mangelhaft. Jedenfalls hole ich den Poncho aus dem Rucksack und stülpe ihn mir über. Da habe ich inzwischen eine eigene Methode entwickelt, das klappt routiniert in etwa 20 Sekunden. Der (bzw. mein) Trick ist:
Den Rucksack erst an einem Schultergurt tragen und ihn quasi halb vor der Brust hängen haben, den Kopf durch den Poncho stecken und die Ausstülpung für den Rucksack richtig drüberziehen. Dann mit Schwung den Rucksack komplett anziehen (der Poncho dreht sich mit), alle Gurte befestigen und spannen. Erst ganz zum Schluss die Arme durch die Öffnungen am Poncho stecken. Voilà!
Alle meine versuche, den Poncho irgendwie vernünftig über den Rucksack zu drapieren, wenn ich ihn schon auf dem Rücken habe, sind jedenfalls bisher gescheitert. Aber vielleicht kennt ja jemand noch eine andere todsichere Methode?

Kaum bin ich wieder unterwegs, schwitze ich derart, dass ich den Poncho schon fast hätte weglassen können. Das hat aber weniger mit dem Regenschutz an sich zu tun, als vielmehr dadurch, dass die Sonne langsam höher steigt und dadurch die Luftfeuchte ganz generell in ungeahnte Höhen treibt. Leider geht auch überhaupt kein Wind, der vielleicht ein bisschen Abkühlung schaffen würde. Zum Glück hört es nach einer Viertelstunde wieder auf, zu regnen. Den Poncho ziehe ich mir dann einfach nur über den Kopf und raffe ihn im Nacken zusammen, so habe ich ihn im Zweifel für die nächste Schauer gleich wieder griffbereit.

Als die Sonne dann nach und nach kräftiger durch die Wolken scheint, weht auch endlich ein bisschen Wind. So kann das gerne bleiben, denn jetzt es ist wirklich angenehm! Dafür wird es ein wenig hügeliger, in gleichem Maße werde ich ein bisschen hungriger. Frühstück hätte jetzt wirklich etwas für sich. Aber die einzigen beiden Bars bisher, von denen eine sogar dafür wirbt, einen gaaaaaaanz tollen Pilgerstempel zu haben, sind (noch) geschlossen.

Kurz hinter dem ersten Hügel treffe ich dann die beiden Mädels wieder. Einerseits sind sie leicht verzweifelt, da sie heute morgen gleich von ihrer Unterkunft aus gestartet sind, sich aber gestern keinen Stempel in Ferrol holen konnten. Laut Pilgerführer gib es bis Xubia, den nächsten Ort noch zwei Kirchen, wobei fraglich ist, ob die überhaupt offen sind (natürlich nicht…) bzw. ob es da einen Stempel gibt (keine Ahnung…). Was das angeht, kann ich den beiden also nicht weiterhelfen. Andererseits, und das sind sie selbst schuld, sind sie fix und alle. Seit Ferrol sind es nur anderthalb Stunden her, ich wundere mich wirklich darüber, wie man sein Tempo so überziehen sich derart verausgaben kann. Bis Xubia und damit der nächstmöglichen Herberge ist es noch ein gutes Stück, die beiden werden wohl keinen angenehmen Tag mehr haben. Ich habe sie danach auch nicht wieder gesehen, kann also leider nicht davon berichten, wie es ihnen ergangen ist.

Gleich dahinter folgt ein Wegstück, dass für sich genommen total unspektakulär ist. Es ist einfach ein Feldweg parallel zu einer Eisenbahnstrecke. Aber das Gras, das links und rechts neben dem Weg immer noch ordentlich hoch steht, wurde hier vor kurzem gemäht und die abgesäbelten Halme liegen quer über den Weg. Auch wenn Pollenallergiker mir sicherlich widersprechen würden, aber es riecht einfach himmlisch!

Genießen im Sauseschritt

Es geht weiter über kleine Nebenstraßen, vorbei an der ersten der eben schon erwähnten beiden Kirchen, wobei des hier eigentlich nur eine Kapelle ist. Dahinter folgt die erste der heute möglichen Alternativen – über den Fußgängerstreifen der Ponte de Pías ließe sich die Strecke nach Pontedeume Mal eben um satte zehn Kilometer abkürzen. Aber das sehe ich gar nicht ein, denn ich bin gut drauf, das Wetter passt, der Weg ist zwar asphaltlastig, aber dennoch lässt es sich gut gehen. Außerdem bin ich mir selbst noch nicht so sicher, ob ich heute wirklich bis Pontedeume pilgern möchte oder doch schon in Xubia die Segel streiche. Also biege ich nicht rechts ab, sondern gehe weiter geradeaus, die Ría immer zu meiner Rechten. Es zeigt sich zwischendurch die eine oder andere schöne Aussicht auf die gegenüberliegende Seite – und damit auch ein kleiner Ausblick auf den Rest meiner Tagesetappe, denn der Camino Inglés geht ja einmal rund um die Bucht herum.

Das Monasterio de San Martiño de Xubia (O Couto), also die zweite der beiden Kirchen, die aber ja auch keine Kirche ist, sondern ein Klösterchen, ist schon sehr fotogen. Aber halt geschlossen. Also schaue ich nur eben über den Zaun, knippse ein Foto und stiefele weiter. Abschnittsweise geht es neben einer Schnellstraße her, aber da kaum Verkehr ist, es ist schließlich Sonntag, und Büsche, Sträucher, Bäume den Camino ein bisschen abschotten, ist das nicht so schlimm, wie es im ersten Moment klingen mag. So geht es jedenfalls weiter, bis zur Brücke der Schnellstraße über die Ría.

Hier folgt Alternative zwei: Ich könnte geradeaus über die Brücke, der Beschilderung des Camino folgen. Oder ich gehe dem Ufer folgend unter der Brücke durch nach links. Laut meinem gelben Büchlein geht es so mit knapp 1,5 Kilometern Umweg sehenswert an der Ría und einer alten Ölmühle vorbei. Ich bin so gut beieinander, dass mir schon ein bisschen nach Sightseeing ist. Also investiere ich in die Zusatzmeter. Hätte ich’s Mal nicht getan…. Kurz gesagt: Ich fand, das lohnt sich ü-ber-haupt nicht. Die Ölmühle ist nicht viel mehr, als ein halb verfallener, grauer Klotz und auch die Ría bietet an der Stelle nicht viel mehr, als ein Motiv für ein einzelnes Foto. Am Ende der Extra-Schleife komme ich dann am anderen Ende der Brücke wieder zurück auf den Camino. Das war jetzt eine Viertelstunde extra, eigentlich kein Grund, sich zu ärgern, aber trotzdem!

Der weitere Weg führt über die Uferpromenade von (und bis) Xubia. Das könnte ganz schön sein, wäre nicht anfangs gleich nebendran ein recht lautstark arbeitendes Walzwerk. Die Geräuschkulisse passt nicht so recht zum Rest. Aber dahinter wird es grüner, weil mit großflächiger Wiese versehen. Hier ist gerade eine kleine Kirmes aufgebaut, die aber um die Uhrzeit natürlich noch geschlossen hat. Schade eigentlich, auf eine Runde Autoscooter hätte ich jetzt irgendwie richtig Bock.

…und endlich, endlich, endlich, nach Wochen der Entbehrungen und des Leidens erreiche ich auf meinem Pilgerweg die letzte große Marke. Den 100km-Stein! Einhundert, nur noch! Fast schon lächerlich gegenüber dem, was ich bereits geschafft habe! Oh, halt… Da war ja was… 😂 Immerhin ist das inzwischen eine Stele, die 100,000 km anzeigt. Bis vor kurzem stand dort nämlich 100,001 km, wobei ich mir vorstellen könnte, das das jemand besonders witzig fand und es extra gemacht hat. Den Stein einen Meter nach links zu versetzen, wäre jedenfalls keine Kunst gewesen. Ich glaube im übrigen, dass weder der Stein versetzt wurde, noch dass jemand die Strecke neu vermessen und da einen Fehler festgestellt hat. Viel eher hat jemand das Schild geklaut und es wurde einfach nur ersetzt. Wobei die auf den Meter genaue Angabe ohnehin totaler Quark ist.

Dennoch angemessen stolz auf mich gehe ich noch ein Stück weiter und setze mich gleich am Wasser für ein Päuschen auf eine Bank und genieße die Sonne. Zwischendurch brüllt jemand etwas in ein Megafon, das scheint der Trainer des einsamen Ruderers zu sein, der auf dem Wasser von links nach rechts und wieder zurück hetzt. Hier werde ich von zwei älteren Spaniern passiert – die beiden werde ich jeden einzelnen Tag mindestens ein Mal treffen. Jedes Mal, wenn entweder sie oder ich Pause machen, jedes Mal grüßen wir uns mit einem herzlichen Buen Camino! Aber irgendwie sind wir nie ins Gespräch gekommen, schade eigentlich. Das ist wohl der Inbegriff einer „flüchtigen Bekanntschaft“ 😅

Gleich links von mir, keine 100 Meter weiter, führt die Fußgängerbrücke und damit Alternative Nummer drei über die Ría. Über die eigentliche Wegführung geht es weiter geradeaus, ums Wasser herum, durch den „Ortskern“ von Xubia und auf der anderen Seite wieder zurück. Laut Pilgerführer kann man sich das sparen, direkt über die Fußgängerbrücke gehen, kommt unmittelbar an der öffentlichen Herberge von Neda vorbei und hat anschließend ein wirklich schönes Stück durch das Schwemmland vor sich, bevor es wieder zurück auf den markierten Weg geht. Dem Camino folgend gäbe es im Ort sicherlich die Chance auf einen Kaffee – und Frühstück! Trotzdem entscheide ich mich für die schönere Strecke, die zudem auch genauso lang ist. Im Nachhinein habe ich erfahren, dass in Xubia auch ausnahmslos alles geschlossen war, also habe ich dank meines Bauchgefühls ein Mal mehr alles richtig gemacht.

Noch bevor ich weiterpilgere treffe ich auch eine Entscheidung, was die Alternative Nummer vier angeht. Ich beschließe, nicht in Neda Station zu machen, denn die Uhr zeigt frühe 10:30 an. Vor 14 Uhr macht die Herberge nicht auf und in den dreieinhalb Stunden bis dahin bin ich auch schon fast in Pontedeume. Oder zumindest wäre das Ziel langsam in Sicht, denn hinter Neda geht es bis kurz vor Ende langsam und stetig mehrere hundert Meter bergan. Da es aber bis hierher im wahrsten Sinne des Wortes so gut lief, verlieren die noch ausstehenden 15 Kilometer ein wenig ihren Schrecken. Eine Möglichkeit zur Einkehr sollte sich zwischendurch wohl auch finden lassen. Aber was die Alternativen angeht, so hat sich das zumindest für heute erledigt, denn für den restlichen Tag heißt es stumpf „Folge der gelben Muschel!“

Bis etwa Fene gibt es einen ersten Eindruck, was die kommende Steigung angeht. Aber noch ist das alles locker-flockig aus dem Ärmel geschüttelt. Zumal es zunehmend ländlich wird und die Aussicht auf die Ría und Ferrol am gegenüberliegenden Ufer mit jedem Höhenmeter besser wird. Ich kann quasi die ganze Strecke von heute Vormittag optisch noch einmal nachvollziehen. Fene selbst ist recht zersiedelt, aber nicht besonders groß. Für gleich zwei Bars nebeneinander an der zentralen Kreuzung reicht es aber allemal. Ich habe die Qual der Wahl und entscheide mich für die rechte der beiden. Vordergründig, weil links noch die Tische und Stühle zurechtgerückt werden, während rechts schon Menschen beim Kaffee sitzen. Hintergründig, weil mich „Mr. Maximum Cool Santiago“ schon schwer anspricht. Das ist schon so kitschig-doof, dass es irgendwie doch wieder gut ist. Pilgerstempel, Café con leche extragroß – und das ist nicht gelogen! Ich wurde tatsächlich gefragt ob normal, grande oder más grande 😊 – frisch gepresster Orangensaft und ein ultra leckeres Bocadillo, das umgerechnet in etwa der Größe des Saarlands entspricht – mehr brauche ich gerade nicht zum Glücklichsein.

Es tummeln sich mehr und mehr Pilger in der Bar, die offenkundig alle froh über die Sitzgelegenheit und die Stärkung sind. Darunter auch ein deutsches Ehepaar mit ihrer erwachsenen Tochter und ein Vater mit seiner Tochter, Briten. Dazu später mehr, jetzt da ich hier sitze, schließe ich das nur aus den Gesprächsfetzen, die ich mitbekomme, ohne mich großartig unterhalten zu wollen.

Lautes Schweigen

Die kleine große Stärkung war auch bitter nötig, denn ab jetzt geht es mit den Höhenmetern erst so richtig los. Summiert sind es wohl nur 300, vielleicht 400 HM, aber die ziehen sich. Dazu kommt, dass es nach etwa fünf Minuten anfängt, zu regnen. Die Wettervorhersage hat heute in der Früh schon nicht gepasst, warum sollte sie also jetzt? Ich gehe zuerst noch einfach weiter, weil es mich noch nicht wirklich stört bzw. die Tropfen schneller verdunsten, als neue nachkommen. Der Regen wird allerdings immer stärker und ich schaffe es gerade eben so, mich unter eine Autobahnbrücke zu retten, als der Himmel auch die letzte Schleuse öffnet.

Ich setze mich irgendwo an den Rand, wo ich nicht befürchten muss, von gegebenenfalls hereinbrechenden Fluten weggespült zu werden oder zumindest einen nassen Hintern zu bekommen. Die Hoffnung, dass der Regen gleich bestimmt wieder aufhört, schieße ich aber nach zehn Minuten in den Wind. Das hat sich so richtig schön eingeregnet. Hilft ja nix, ich muss weiter. Also schlüpfe ich wieder in mein feuerrotes Kostüm – und bin dabei so sehr Körperclown, dass ich mir hinten den Poncho an einer Naht aufreiße. Also Kommando zurück, wieder alles absetzen, im Rucksack die Rolle Pflasterband suchen und notdürftig reparieren.

Was nun folgt, ist echt nicht schön. Ich gehe gerne durch den Regen, aber das hier toppt alles mir bekannte. Um mich herum rauscht der Regen, als würde ich unter einem Wasserfall stehen und ich merke, wie die Feuchtigkeit in jede noch so kleine Ritze zieht. Vor allem in meine Schuhe! Das habe ich echt noch nicht erlebt – ich bin mit denen beileibe nicht das erste Mal im Regen unterwegs und bin damit durch Furten gewatet, alles blieb trocken. Aber dieser galicische Wolkenbruch schafft es. Schafft meine Schuhe. Schafft mich.

Bisher haben mich nicht viele Pilger überholt, da ich doch recht flott unterwegs war. Insgesamt sind mir auch nicht so sehr viele Pilger begegnet. Jetzt überhole ich reihenweise welche. Entweder sind sie noch weit vor mir in Ferrol gestartet, sind heute spät in Neda losgelaufen oder haben die Abkürzung über die Brücke genommen. So oder so habe ich den Eindruck, dass sie mit jedem Schritt langsamer werden, während ich schon ein bisschen aufs Gas trete, um dem hier möglichst schnell ein Ende zu setzen.

Alle stiefeln für sich. Niemand redet, abgesehen von einzelnen Flüchen. Niemand lacht, alle starren stur geradeaus. …und meine Schuhe quietschen vor sich hin. Aber jetzt irgendwo anhalten, um die Socken zu wechseln? Damit würde ich das Elend ja nur in die Länge ziehen, und solange ich noch nicht das Gefühl habe, mir in den nassen Schuhen Blasen zu laufen, ziehe ich das jetzt auch durch. An einer Bushaltestelle sehe ich, wie sich Papa Brite mit seiner Tochter unter das schmale Dach flüchten, alles von sich werfen und sich auf die Bank setzen. Als ich vorbeikomme, frage ich eigentlich aus Scherz „Na, geht’s mit dem Bus weiter?“ Die absolut ernst gemeinte Antwort ist „Das ist das einzig Sinnvolle!“ Recht haben sie… Auf dem Weg habe ich die beiden auch nicht mehr gesehen, wohl aber zufällig, in Santiago, kurz bevor ich nach Fisterra weiter bin. Sie sind also irgendwie heil angekommen.

Bis zum höchsten Punkt der Etappe: Regen. Auf dem Abstieg nach Pontedeume: Regen. Auf dem Weg über die Ría Eume, in die der Río Eume fließt und an der Pontedeume liegt (kreativ, was Namen angeht, sind sie hier scheint’s nicht): Regen. Ich versuche zwar, ein paar Fotos zu machen, aber keine Chance, denn kaum hervorgekramt, haften dicke Wassertropfen an der Linse. Aber, und da wird der Tag dann wieder schön, kaum trete ich über die Uferstraße in die Stadt, hört der Regen auf, die Wolkendecke verzieht sich und die Sonne kommt raus. Das trifft sich besonders gut, weil ich den Schlüssel zur Herberge in der Touristen-Information bekomme. Die ist zwar sehr ansprechend im alten Wehrturm der Stadt untergebracht, macht aber erst in anderthalb Stunden wieder auf. Ich war einfach zu fix unterwegs… Aber wenigstens habe ich mehr als genug Zeit, mich total entspannt bei einem Kaffee trockenzulegen, zumindest so weit das eben geht, und anschließend auf dem schönen Platz vor dem Turm in der Sonne zu sitzen.

Als ich dann die Tür zur Herberge aufschließe, bin ich irgendwie davon ausgegangen, dass ich der erste bzw. bisher einzige bin, denn ich war ja der erste, der sich den Schlüssel geholt hat, sobald die Touri-Info wieder aufgemacht hat. Daher bin ich doch ein wenig überrascht, als drinnen schon vier Pilger auf ihren Betten lümmeln. Also offensichtlich auch Frühaufsteher, Neda-Pilger oder Abkürzer. Ist mir aber momentan echt wurscht, denn ich bin gerade ziemlich egozentrisch und will unter die heiße Dusche. Vorher suche ich mir aber noch einen Platz, an dem meine Schuhe am ehesten bis morgen früh trocken werden. Die Wäsche wird, ganz Pilger-Style, mit unter die Dusche genommen und mit den Füßen durchgewalgt. Danach tue ich es den anderen nach und lümmle mich auch aufs Bett, denn ich merke gerade, das sich doch einigermaßen durch bin.

Abendprogramm

Lange hält es mich aber nicht drinnen. Nicht, dass ich nach dem Tag noch großen Bewegungsdrang verspüren würde, aber ich möchte raus an die frische Luft. Zunächst stecke ich aber nur meine Nase durch den Türspalt – und siehe da, die Nasenspitze wird nicht nass. Als ich es wage, den Kopf ganz nach draußen zu stecken, um die Gesamtwetterlage zu beurteilen, darf ich feststellen, dass sich der Regen für heute wohl gänzlich verzogen hat. Also schnappe ich mir Kamera, Handy, Geldbörse und was noch alles irgendwie wichtig ist und badeschlappe zunächst noch einmal zurück zur Brücke, denn wenigstens das schöne Panorama und die Brücke an sich möchte ich als digitale Erinnerung mitnehmen.

Danach drehe ich eine kleine Runde durch die Stadt, viel zu sehen gibt es aber nicht. Einschränkung: Viel zu sehen, was mich jetzt gerade interessiert, gibt es nicht. Ich habe in erster Linie Hunger und Durst. Der Pilgerführer empfiehlt eine Tapas-Bar. Das klingt richtig gut, wobei es hier auch genügend Alternativen gäbe. Bis die Bar öffnet, ist es noch eine halbe Stunde. Dafür lohnt es sich nicht, in die Herberge zurückzugehen, also setze ich mich vor die Türe. Da bin ich irgendwann nicht mehr der einzige, denn nach ein paar Minuten gesellt sich die deutsche Familie von heute Mittag noch dazu, irgendwann gefolgt von einer zweiten. Erstere aus Waldshut, unmittelbar an der Schweizer Grenze, zweitere aus dem Taunus. Ich bin aber vor allem schwer verwirrt: Die siezen sich alle untereinander?! Habe ich was verpasst? Ich Duze jedenfalls konsequent zurück. Zumindest zwischen den Süd-Badensern und mir setzt dann auch irgendwann das „Du“ durch, alles andere wäre auch wirklich Blödsinn zumal wir gemeinsam an einem Tisch sitzen.

Andrea und Jochen sind alte Pilgerhasen. Erst war es der Francés, dann der Português und jetzt halt der Inglés. Irgendwie kommt mir das bekannt vor. Jetzt pilgert ihre Tochter Natalie mit ihnen, einfach weil sie endlich Mal wissen will, was ihre Eltern so toll daran finden. Gemeinsam stapeln wir eine Fülle unterschiedlichster Tapas auf unserem Tisch, dazu das eine oder andere alkoholhaltige Getränk. Super lecker, super günstig und durch die Gesellschaft ein absolut runder Abend. Ich glaube, Natalie ist irgendwann ein wenig genervt, weil wir anderen und mit „Kennst Du das?“ „Na klar!“gegenseitig die Bälle zuspielen. Ich muss laut losprusten, als Andrea irgendwann meint „Ja gut, da muss man halt debei gewesen sein.“. Eigentlich hasse ich dieses Kenne ich schon, war ich schon, hab ich schon gemacht! und ich bin hier auch nicht stolz drauf. Natalie, wenn Du das hier lesen solltest: Tut mir Leid. Ein bisschen.

Ich bin aber irgendwann dann doch ganz froh, endlich wieder in der Herberge und damit auch in meinem Bett zu sein. Für meine Klamotten und meine Schuhe ergibt ein letzter Feuchtigkeits-Check, dass ich für morgen einigermaßen skeptisch sein kann. Ich hätte mir Mal besser irgendwo Zeitungspapier besorgen sollen. Aber dafür ist es jetzt zu spät, es wird schon irgendwie so gehen (müssen).

Ich versiegele mir sicherheitshalber noch die Ohren und kaum, dass ich den Schlafsack bis über beide Ohren zugezogen habe, bin ich auch schon eingeschlafen.

4 Gedanken zu “Camino Inglés Tag 1 – Alternativen

  1. Das mit dem „Da muss man dabei gewesen sein“ stimmt ja auch. Für jemanden, der das noch nie erlebt hat, ist es schwer nachvollziehen, warum man sich solchen Strapazen aussetzt. Ich versteh’s. Buen Camino 🥾🥾🥾

    1. Vollkommen richtig. Ich bin ja bei vielen anderen Themen auch auf der anderen Seite und verstrehe nur Bahnhof, wenn andere sich über bestimmte Themen unterhalten. Gerade deswegen versuche ich es eigentlcih zu vermeiden, unnötig lange an einem Gesprächsthema festzuhalten. Aber hier sind im Überschwang der Gefühle (und nach 2 oder 3 Cerveza…) die Pferde mir uns durchgegangen…

  2. Es gibt noch eine super Methode, sich den Poncho überzuziehen – Steffi um Hilfe bitten! 🤣🤣
    Was mich interessiert – Was macht den besonderen Reiz eines Pilgerwegs zum normalen Wanderweg aus? Vor allem, wenn man nicht religiös ist? Warum pilgern statt streckenwandern? Kannst ja mal was darüber schreiben! 😄

  3. Da wir aber bisher nicht gemeinsam wandern waren, fällt diese Möglichkeit ja weg. Aber für die nächste Tour merke ich mir vor, dann einfach ganz laut zu rufen 😆

    Ivh hatt da glaube ich bei „Fremdgehen mit Audrey“ schon mal was zu erzählt. Aber im Grunde wäre das wirklich Mal einen eigene Beitrg wert… Jetzt in aller Kürze: Ich grenze das sogar weiter ein, nämlich auf die Pilgerwege in Spanien und Portugal. Ist in Frankreich vielleicht auch so, aber da war ich noch nicht unterwegs. Es geht mir da gar nicht um den Weg, wobei wenn der optisch ansprechend ist, schadet das natürlich nicht. Es geht um die Menschen aus allen Ecken der Welt, die dort unterwegs sind und die Begegnungen unterwegs, in den Pausen, abends, in den Herbergen. Die Herbergen bzw. die gesamte Infrastruktur sind für mich da auch quasi eine Art Alleinstellungsmerkmal. Vor allem geht das alles i.d.R. ohne Vorbuchen, so kann man im Grunde jeden Tag so weit gehen, wie man möchte. Anders als bei den Wanderwegen heirzulande ist die nächste Möglichkeit zur Einkehr auch niei weit entfernt.

    Ja, doch – wenn ich mit dem Inglés durch bin, schreibe ich da Mal ein bisschen ausgiebiger drüber.

    Liebe Grüße
    Stefan

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