Camino Inglés Tag 4 – Walking in Sunshine

25. Mai 2022 – Hospital de Bruma bis Sigüeiro (ca. 28 km + knapp 4km)

Ich habe selten eine so entspannte und erholsame Nacht in einer Herberge erlebt. Eingeschlafen, durchgeschlafen, ausgeschlafen, perfekt. Nacho – das er und Maria mit mir zusammen in einem 4er-Abteil nächtigen, ist mir erst aufgefallen, als die beiden auf einmal neben meinem Bett standen und in ihre eigenen geklettert sind – hat sich gleich als erstes bei mir entschuldigt, dass er geschnarcht hätte. Das ist mir überhaupt nicht aufgefallen, entweder Dank meiner Ohrstöpsel, oder weil ich von der Nacht in Betanzos noch taub bin. Trotzdem bin ich noch früh dran, es ist gerade erst 6:30 Uhr.

Beim Einpacken habe ich es nicht eilig, es erfordert allerdings ein wenig logistisches Geschick, denn so üppig ist der Platz in den Abteilen nicht. Nacho und ich kommen uns gegenseitig ein bisschen ins Gehege und es wäre sicherlich noch schwieriger, bliebe Maria nicht so lange im Bett liegen, bis zumindest einer von uns sein Bündel fertig geschnürt hat. Ich vereinfache das ein wenig, indem ich mein Zeug nach und nach in den Vorraum schleppe und dann da fertig packe. Da nutze ich auch gleich die Gelegenheit und quatsche noch ein bisschen mit Natalie, Jochen und Andrea, die gerade im Aufbruch sind. Die größte Freude machen mir aber meine Schuhe, die sind nämlich trocken! Passend dazu geht es meinen Füßen auch prima, die kleinen Blasen an den Zehen sind komplett abgetrocknet.

Mit Gedanken an ein Frühstück brauche ich mich gar nicht erst groß aufhalten, denn die Bar macht erst um 9 Uhr auf und bis dahin hoffe ich schon einiges an Strecke hinter mir zu haben. Heute werden es im Vergleich zu gestern und vorgestern ein paar Kilometer mehr. Sigüeiro ist mein angestrebtes Ziel, vorher gibt es in Ordes noch eine Herberge, aber das wären nur 13 Kilometer. Einerseits für heute zu wenig, anderseits bliebe für morgen bis Santiago ein bisschen zu viel übrig. Meinen Infos zufolge gibt es nach rund zehn Kilometern eine Frühstücksmöglichkeit, die peile ich gut gelaunt an.

Jurassic Galicien

Beim Blick nach draußen bin ich einigermaßen baff, denn es regnet nicht. Fast schon ungewohnt, aber ich nehme, was ich kiegen kann 😅 Zwar ist es bewölkt, aber das sieht alles nicht so aus, als wolle es in den kommenden Stunden regnen. Der Wetterbericht, immer ein bisschen mit Vorsicht zu genießen, hatte auch Besserung angekündigt, von daher bleibt der Poncho vorerst im Rucksack, auch wenn ich mich nicht traue, ihn gleich ganz nach unten zu packen.

Gestern habe ich es von der Herberge aus ja nur bis zur Bar und zurück geschafft. Viel weiter zu gehen, hätte sich aber auch nicht gelohnt, denn Hospital de Bruma ist danach quasi schon zu Ende und es breitet sich eine typisch galicische Hügellandschaft mit Feldern, kleinen Waldstücken und ab und an einem Dorf vor mir aus. Das ist an sich zwar unspektakulär, aber so am frühen Morgen hat das doch seinen Reiz. Entspannung fürs Auge, wenn man so mag. Entspannend ist es auch für die Füße und Beine, denn heute ist es flach, Tendenz abschüssig, auch wenn es zwischendurch den einen oder anderen Hubbel zu überwinden gilt. Aber von der Topographie her ist das heute die einfachste Strecke.

Ich genieße die Landschaft und das schöne Wetter und spaziere gerade an einem Gebäude vorbei, von dem ich nicht sicher sagen kann, ob es eine Kapelle oder doch ein altes Bauernhaus ist, als ich von gleich drei Großraumtaxen überholt werde. Gleich hinter dem Gebäude halten die Fahrzeuge auf dem Seitenstreifen an und fangen an, Menschen auszuspucken. Altersmäßig ist alles von Mitte 20 bis über 70 vertreten, Männlein und Weiblein, gemeinsam haben sie alle zwei Eigenschaften, nämlich dass jede/r einzelne entweder von den gängigen Outdoor-Marken im Sponsoring vollausgestattet oder jeweils viel Geld für schicki-micki-Wanderkram ausgegeben wurde – und dass jede/r einzelne die Miniaturausgabe eines Rucksacks trägt, von der Größenordnung, die mit einer Wasserflasche und einem Müsliriegel gefüllt schon aus allen Nähten platzt. Wo die Truppe herkommt, bekomme ich nicht mit, es interessiert mich auch nicht groß, allerdings werden die Taxifahrer auf englisch mit „Dann bis heute Mittag!“ verabschiedet. Noch bevor die Tourigrinos komplett zusammengepackt haben, sehe ich zu, dass ich Land gewinne, denn das überlaute Geschnatter ist mir ein wenig arg drüber.

Ich habe die Truppe danach auch nicht mehr wiedergesehen. Keine Ahnung, wie weit sie überhaupt gewandert sind. Vielleicht wurden sie vom nächsten Highlight einfach aufgefressen? Ob es ein wirklich ein Highlight ist, bleibt jedem selbst überlassen, aber am Wegesrand steht immerhin ein Dinosaurier. Ich gehöre zu den Menschen, die ihre Kindheit in der der Prä-Jurassic-Park-Ära verbracht haben und kann daher nicht 347 verschiedene Dinosaurierarten unterscheiden und benennen. Ich denke aber, das muss ein Caminosaurus sein, oder? Der Bursche (vielleicht ist’s auch ein Weibchen?) gehört zum Skulpturenpark eines Künstlers, abgesehen vom Dino gibt es unter anderem noch eine riesige Amphore, einen dafür um so kleineren Horreo und eine Art Traktor-Klettergerüst. Alles ebenso merkwürdig, wie optisch abwechslungsreich.

Wie schon angekündigt, die erste Bar ist meine. Das Frühstück ist okay, auch wenn der O-Saft nicht frisch gepresst und der Kaffee ein wenig dünn ist. Aber es füllt den Magen, gibt Energie und hebt die Laune – so das denn heute überhaupt noch notwendig ist, denn bisher macht der Tag wirklich Spaß. Da ich bisher abgesehen von den Tourigrinos nur einen anderen Pilger gesehen habe – und der sitzt am Nachbartisch hier in der Bar – bin ich ja schon irgendwie neugierig, wo die anderen stecken. Eigentlich bin ich schneller als Anselma oder J&A&N unterwegs und so viel Vorsprung haben die doch gar nicht? – Aus der Reihe Best of Anselma zu dem Thema: „Ich bin zwar klein und habe kurze Beine, aber die sind dafür um so kräftiger!“

Kurz hinter der Bar werde ich von einem weiteren Urzeit-Tier angefallen und fast verspeist. Ja gut, das ist für einen kleinen, süßen Welpen vielleicht keine ganz faire Beschreibung. Aber er hat meine Schnürsenkel angeknabbert! Irgendwie hat das kleine schwarz-weiße Knäuel einen Narren an mir gefressen – und ich an ihm. Ich knuddele ihn so lange, bis seine Besitzerin, die ihn an der Leine führt, irgendwann meint „So, jetzt aber weiter.“ – Ich, gespielt enttäuscht: „Ja gut, ich gehe ja schon…“ – Sie, lachend: „Nicht Du! Der Hund und ich!“ Menno, nix darf man… 🙃

Während ich Streicheleinheiten verteilend auf der Straße gehockt habe, hört man von einem nahen Feld schon lautes Geknatter, das sich in Richtung Straße bewegt. Kurz darauf biegt ein merkwürdiges, dreirädriges Vehikel vor mir ein, irgendeine merkwürdige (Eigen-?)Konstruktion zur Feldarbeit. Das Ding stinkt mindestens so sehr, wie es laut ist und zieht eine blaue Abgaswolke hinter sich her. Dabei ist es kaum schneller unterwegs, als ich zu Fuß. Ich bemühe mich redlich, so sehr zu bummeln, wie nur irgend möglich, um möglichst viel Abstand zwischen das Ungetüm und mich zu bekommen. Das funktioniert so semi, denn die Abgaswolke hält sich beständig über der Straße, aber nach rund zehn Minuten biegen das Vehikel und sein Chauffeur nach links ab und ich habe wieder Ruhe und frische Luft.

Life is a Highway

Nach insgesamt rund 15 Kilometern biege dann auch ich ab, nämlich in die nächste und bis Sigüeiro wahrscheinlich auch letzte Bar. Ausnahmsweise steht mir der Sinn Mal nicht nach Kaffee, ich möchte etwas Kaltes zu trinken, vorzugsweise mit mit ein bisschen Zucker. Ich überlege noch, ob es Cola* Coke oder Limo sein soll, da trägt die Kellnerin ein Tablett mit Claras con limón an mir vorbei, also Bier mit Zitronenlimonade, sprich Radler, Alsterwasser oder wie auch immer dieses Biermischgetränk lokal heißt. Der Name ist mir jedenfalls egal, ich will jetzt ein großes Glas davon haben, ausnahmsweise gibt es Bier vor vier. Das zischt!

Hinter der Bar geht es noch für zwei oder drei Kilometer durch die schöne Landschaft. Ich genieße die Sonne, zumindest wenn sie nicht gerade durch Wolken verdeckt wird. Aber dadurch ist es zwar warm, aber nicht heiß, für mich also das fast perfekte Wanderwetter. Danach steht aber leider einer, wenn nicht sogar mit Abstand der langweiligste Abschnitt des gesamten Inglés an. Dabei heißt es hinter einer Autobahnunterführung zunächst aufpassen, denn hier gibt es die Wahl zwischen langweilig und ätzend-laut-langweilig. Folgt man an der nächsten Kreuzung nämlich dem gelben Muschelwegweiser, ist man entweder unwissend oder masochistisch veranlagt, denn der Camino geht dann die nächsten dreieinhalb Kilometer unmittelbar neben der Autobahn entlang. Das gibt es beim Camino Francés auch, aber da hat man leider keine Alternative. Hier jedoch geht man an besagter Kreuzung einfach geradeaus und biegt erst nach gut einem halben Kilometer rechts ab. Das ist wohl die „klassische“ Wegführung. Zwar geht es hier bis kurz vor Sigüeiro stumpf geradeaus auf einer Trasse, die bei der Verlegung einer unterirdischen Gasleitung entstanden ist und die Landschaft ist nicht eben spannend oder abwechslungsreich, aber wenigstens muss man sich die Geräuschkulisse der Autobahn nicht antun. Ich will gar nicht wissen, was die Macher des Camino dazu bewegt hat, die Strecke an die Autobahn zu verlegen. Sie ist weder kürzer als die alte Variante, noch kommt man an irgendwelcher für Pilger nutzbarer Infrastruktur vorbei… Manchmal ist es doch gut, einen Blick in den Pilgerführer zu werfen, wenn es einen vor solchen Dingen bewahrt.

Dieses Musterbeispiel von Langeweile lässt mich wünschen, ein Fahrrad dabei zu haben, dann wäre das Elend in wenigen Minuten vorbei. Habe ich aber nicht, also muss ich da durch. So schlimm ist es im Grunde auch gar nicht und wenn nicht zwei Drittel dieses Stücks über Asphalt gingen, wäre es auch kaum erwähnenswert. Aber so ist das wirklich recht stumpfes Daherstapfen. Ich mache es mir aber selbst ein bisschen erträglicher und lenke mich mit Musik ab. Dass der für diesen Abschnitt titelgebende Song von Tom Cochrane gerade auf diesem Stück Pilgerautobahn bei der Zufallswiedergabe als einer der ersten Songs gespielt wird, mag Zufall sein oder halt einmal mehr Camino Magic. Ich höre ihn mir jedenfalls gleich noch ein zweites Mal an und, da ich hier alleine bin und mir so unbehelligt meine eigene Soundkulisse schaffen kann, ohne gleich aufzufallen, singe ich ein bisschen schief, dafür um so enthusiastischer mit, inklusive Mundharmonikasolo 🕺😅

Just an der Stelle, an der meine Variante wieder auf den ausgeschilderten Weg trifft, sehe ich Maria und Nacho von rechts heranpilgern. Die beiden sind total erstaunt, wo ich denn herkommen würde? Sie wussten von der Alternative nichts, wissen aber dafür umso besser, das der ausgeschilderte Weg bastante basura (ziemlicher Müll) war. Dafür kennen sie aber eine Variante, kurz vor Sigüeiro, an der ich achtlos vorbei gehe, die auch mein Pilgerführer nicht beschreibt und die mich später noch anderthalb Stunden beschäftigen wird. Die beiden gehen kurz vor mir durch das folgende Gewerbegebiet, das man aber in fünf Minuten hinter sich hat, gehen über die Straße und verschwinden in Richtung von ein paar Bänken. Daher habe ich mir da nichts bei gedacht und gehe fröhlich weiter geradeaus, schließlich ist es nur noch etwa ein Kilometer bis zur Herberge.

Apropos Herberge – hier gibt es zwar keine Municipal, aber reserviert habe ich trotzdem nicht. Es gibt mehr als genug Herbergen mit mehr als genug Betten und in irgendeiner werde ich wohl schon unterkommen. Ich brauche auch gar nicht lange suchen, denn gleich in der ersten Herberge komme ich unter. Zwar nicht im günstigen Schlafsaal mit Etagenbetten, sondern eine Kategorie besser – im Schlafsaal mit Einzelbetten. Das ist zwar nicht günstig-günstig, sondern nur günstig, dafür habe ich ein eigenes, weiches Bett mit einer super bequemen Matratze, kuscheliger Bettwäsche und es liegt sogar ein fluffiges Duschhandtuch bereit. Jackpot! Sogar stempeltechnisch liegt die Herberge weit vorne, denn ich bekomme sogar gleich zwei Stück in meinen Pilgerpass.

Extrarunde

Nach einer mehr als ausgiebigen Dusche schnappe ich mir mein Tagebuch und möchte eigentlich nur in Ruhe alles auf Stand bringen, da stehen unvermittelt Anselma und Gema neben mir, die – natürlich – auch hier in der Herberge sind. Mit der Ruhe ist es also vorbei, was mich aber überhaupt nicht stört. Anselma wirft einen Blick in meinen Pilgerpass, der auch auf dem Tisch liegt und zeigt mit ihren. Es ist mir ja im Grunde völlig wurscht, denn ich bin mit meiner Stempelausbeute eigentlich rundum zufrieden, aber ich schon schon ein wenig neidisch und vor allem sehr erstaunt. Anselmas Credential ist vollgepackt mit Stempeln – in vier Tagen hat sie es geschafft, das Heftchen fast komplett voll zu bekommen. Vor allem hat sie Stempel von Kirchen/Kapellen, die definitiv geschlossen waren, als ich dran vorbei gegangen bin! Aber gut, sie kennt ja auch alles und jeden und ich möchte wetten, sie hat einfach so lange jemanden bequatscht, bis sie am jeweiligen Ort den Stempel bekommen hat 😆

Einer spontanen Eingebung folgend, weil wir hier zusammensitzen und ohnehin alle unsere Pilgerpässe zur Hand haben, bitte ich Anselma und Gema jeweils um eine kleine Widmung für meinen Credentential. Im Nachhinein frage ich mich, weshalb ich das eigentlich nicht früher, also auf meinen anderen Wegen, schon so gehalten habe? Schließlich ist das doch eine nette und sehr persönliche Erinnerung. Aber ich scheine Trendsetter zu sein, denn Anselma und Gema wollen nun selbst auch eine Widmung – und drei unbekannte Pilger, die nebendran sitzen fangen auch gleich an, sich gegenseitig etwas in ihre Pässe zu schreiben oder malen.

Zusammen mit Anselma breche ich dann irgendwann in Richtung Essen fassen auf. Bevor wir aber auch nur in die Nähe eines Restaurants oder Bar kommen, meint sie, sie hätte einen Tipp bekommen, dass es hier in der Nähe einen wahnsinnig schönen Wasserfall gäbe, ob wir uns den nicht anschauen wollen, es wäre nicht weit. Ich stimme zu und tapere hinter ihr her, in meinen Badeschlappen, ist ja nicht weit… Die ersten beiden Leute, die wir treffen meinen dann auch, dass wir nur bis zu einer kleinen Brücke müssten, dann wäre das gleich dahinter. Ist es nicht. Es ist auch nicht die nächste Brücke, es sind drei Brücken und insgesamt knappe zwei Kilometer je Richtung. Aber der Weg ist traumhaft schön – am Río Tambre vorbei, Wildblumenwiesen auf der anderen Seite, der Weg schmal, zugewachsen und sandig (perfekt für Wanderschuhe, nur bedingt für mich in meinen Schluppen…) und strahlender Sonnenschein. Außerdem merke ich, dass ich mehr und mehr von Anselmas Wortschwall verstehe, quasi ist das hier zusätzlich ein intensiv-Spanischkurs. Olé!

Aber wenn man denn erst einmal dort ist, ist der Wasserfall allemal einen Blick wert, um nicht zu sagen, es ist wirklich schön dort. Sinnvoller ist es aber, gleich vom Jakobsweg aus dahin abzubiegen – und genau das haben Maria und Nacho vorhin nämlich getan. Von der Stadt aus ist es ausgeschildert, aber vom Camino kommend einfach dem Navi sagen, dass man zur Área recreativa Illa do Refuxio möchte. Von dort aus dann immer am Fluss lang, bis zur alten Brücke über den Tambre.

Ich jedenfalls stiefele auch gleich ins Wasser – meine Füße sind so staubig, da ist das bitter nötig, abgesehen davon tut die Erfrischung wirklich gut. Anselma amüsiert sich königlich, ich sei ja todo loco, denn das Wasser sei ja eisekalt. Finde ich nicht und gehe glatt noch bis zu den Knien weiter rein. Wenn schon, denn schon.

Der Weg zurück ist der selbe wie hin und nicht minder schön. Aber nach den Extrakilometern bin ich doch ganz froh, heute nicht mehr groß Schritte machen zu müssen. Nur noch zum Essen und zurück in die Herberge, dann reicht es aber wirklich. Nur kommen wir noch nicht zum Essen, denn vorher gibt es noch etwas aus der „Best of Anselma“-Reihe:
Sie möchte eine Karte verschicken und sucht eine Post. Die erstbeste Passantin wird angesprochen, bekommt die komplette Hintergrundstory, weshalb (Geburtstag) bzw. an wen (ihr jüngster Enkel) diese Karte verschickt werden soll und wird schließlich nach dem Weg gefragt. Die Post sei ungefähr 500 Meter von hier, ist die Antwort. Wohlgemerkt, auch Anselma ist heute schon rund 32 Kilometer zu Fuß unterwegs: „Was? So weit? Ich bin alt! Bis ich da bin, kann ich ja schon tot sein!“ Ich kann nicht mehr und muss mich irgendwo festhalten, um vor Lachen nicht umzufallen. Die Frau ist die Krönung!

Nachdem sich das mit der Post also erledigt hat, gibt es dann doch endlich etwas zwischen die Zähne. Das Restaurant, zentraler im Ort geht quasi nicht, gehört zu einer der anderen Herbergen hier im Ort, aber die Qualität und auch die Auswahl sind schon wirklich gehobenes Niveau. Ich ende bei frittierten Teigbällchen mit Pilz-Füllung und Calamaris in mächtigen Portionen zu Preisen, bei denen ich mich frage, wie man das selbst bei den verhältnismäßig niedrigen Kosten in Spanien kostendeckend hinbekommt. Wir sitzen draußen an der Straße und so lässt sich nicht vermeiden, dass immer wieder jemand vorbeikommt, den Anselma kennt (und anquatscht). Ich werde natürlich jedem vorgestellt. Vermutlich wäre es einfacher gewesen, bei der Zeitung oder dem Radio anzurufen und „Stefan pilgert den Camino Inglés“ in ganz Galicien verkünden zu lassen. Anselma ist halt Radio Camino.

…was mir aber bei der Menge auch junger Leute, die Anselma anspricht aufgefallen ist… Vielleicht habe ich eine verschobene Wahrnehmung, vielleicht liegt es an ihrem Auftreten, aber es ist unfassbar, wie viel Respekt Anselma entgegengebracht wird. Von allen. Liegt es am Alter? In Deutschland hätte sie fast sicher in vielen Fällen gar keine oder nur eine pampige Antwort bekommen. Ich bin wirklich beeindruckt.

Als wir denn endlich fertig gegessen haben, müssen wir uns sogar schon ein klein wenig beeilen – es ist kurz vor 22 Uhr und um Punkt schließt die Herberge die Türen. Aber wir haben es nicht weit, von daher ist das kein großes Problem. Ich freue mich auf mein Bett und auch auf den letzten Camino-Tag morgen. Im Schlafsaal werde ich noch von einer dem Dialekt nach niederländischen Pilgerin ermahnt, bloß nicht zu schnarchen, sie sei da sehr empfindlich und wenn ich schnarchen täte, solle ich doch bitte in einen anderen Schlafsaal gehen. Was hat die denn geraucht?! Aber da ich eh‘ selten und wenn dann nicht allzu laut schnarche, belasse ich es bei einem „Ja ja“ (ja genau, so meine ich das auch).

Bevor ich mich ins Land der Träume begebe, halte ich es dann doch für eine gute Idee, in Santiago ein Bett zu reservieren. Wenn ich angekommen bin, will ich bestimmt nicht noch auf die Suche gehen müssen. Einiges ist schon ausgebucht, aber es findet sich noch genügend zu vernünftigen Preisen und zentral gelegen. Unter 20 Euro inklusive Frühstück und in der Altstadt fünf Minuten von der Kathedrale entfernt gelegen, finde ich nicht verkehrt. Aber es ist auch unter der Woche, am Wochenende oder auch in der Pilger-Hauptsaison (die jetzt so langsam anfängt) kann ich mir gut vorstellen, dass ich hier durchaus besser ein paar Tage früher hätte reservieren sollen. Aber so passt einmal mehr alles, prima. Also Handy aus, Augen zu, gute Nacht.


*: Cola wird in Spanien nicht gerne gehört, steht es doch umgangssprachlich auch für Pim***. Zum x-ten Mal in Spanien und wieder was gelernt.

3 Gedanken zu “Camino Inglés Tag 4 – Walking in Sunshine

  1. In diesem Eintrag gab es ja eine ganze Flut wunderschöner Camino Bilder. Du machst mir so viel Lust darauf, auch mal einen Camino zu gehen. Vielleicht fange ich erstmal „klein“ an um nehme den Mosel Camino unter die Füße. LG von der Bergstraße, SonjaM

    1. Der Tag heute war toll – und der kleine Ausflug am Abend hat sich wirklich gelohnt. Im Pilgerführer wird die Etappe als eher unspektakulär beschrieben, das stimmt sogar irgendwie, weil sie halt nicht so wirklich viele Highlight hat. Aber das heißt ja nicht, dass es deswegen auch gleich hässlich oder unschön sein muss.

      Den M-C kann ich Dir wirklich ans Herz legen, der lohnt sich. Was den Bericht angeht, war meine Tour aufgrund verschiedener Umstände ja ein bisschen getrübt, da bieten sich die Texte von Audrey (audreyimwanderland.com) schon eher an.
      Das – bzw. mein – Pilgern lebt von den Begegnungen mit anderen Pilgern, unterwegs, in den Herberge, abends. Sonst wäre es nur wandern. In der Saison ist das auf dem M-C sicher auch möglich, selbst wenn das Spontane wegfällt und man selbst in den beiden Pilgerherbergen (Traben-Trarbach und Klausen) reservieren muss. Außerhalb der Saison sind dort so wenige unterwegs (und die Infrastruktur ist vielfach geschlossen), da ist es wirklich eher Wandern.

      Grüße zurück, aktuell vom Ijsselmeer ⛵

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