Camino Inglés Tag 5 – Osten, Süden, Westen – Norden!

26. Mai 2022 – Sigüeiro bis Santiago de Compostela (ca. 16 km)

Huch?! Heute ist der letzte Tag auf meinem Camino Inglés, das ging echt schnell. Und heute wird es auch eher ein gemütlicher Kurztrip. Ich könnte mir alle Zeit der Welt lassen, denn die 16 Kilometer bis Santiago sind übersichtlich und ein Bett in einer Herberge habe ich auch schon reserviert. Trotzdem werde ich heute ein kleines bisschen aufs Gas drücken, denn ich will unbedingt zur Pilgermesse um 12 Uhr in der Kathedrale sein. Irgendwann muss ich den Botafumeiro doch Mal in Action sehen!? Wach bin ich auch heute wieder sehr früh und das nach einer sehr erholsamen Nacht. Da ich auch nicht groß noch meinen Rucksack packen muss, kann ich auch kurz danach loszuckeln. Das sollte doch wohl passen.

Frühstück in der Herberge war ja inklusive. Aber ich habe keinen großartigen Appetit und so belasse ich es bei einer Tasse Kaffee und einem dieser abgepackten Mini-Croissants. Das reicht für jetzt und ich liebäugele mit einem reichhaltigen Mittagessen, wenn ich denn dann heute Mittag angekommen bin.

Als ich raus auf die Straße trete, zeigt die Uhr an der Apotheke gegenüber 7:20 Uhr an. Das ist auch wieder ein der Art, bei der eine Epilepsie-Warnung schon irgendwie angebracht wäre. Diese grünen Leuchtreklamen in Kreuzform der Pharmacias überbieten sich in Spanien ja gegenseitig, was Binken und Flickern und Flimmern angeht. Gut, dass die Leuchtreklamen keinen Sound haben, sonst würde es wahrscheinlich rund um die Uhr auch noch tröten.

Wie gemalt

Ich gehe ganz gemütlich los, also wirklich gemütlich. In Sigüeiro gibt es noch sowohl fischige, als auch gruselige Kunst zu bewundern, dann verlasse ich den Ort auch schon über die alte Brücke. Die schöne Landschaft im Morgennebel machen es mir danach aber auch wirklich einfach, zu bummeln. Trotzdem merke ich, dass ich nach und nach wieder in mein Standardtempo falle. Nachdem ich in den vergangenen Tagen zumindest vormittags überwiegend alleine unterwegs war, habe ich heute schon ein bisschen das Gefühl , in die Rush Hour gelangt zu sein. Aber dass ist nur eine Momentaufnahme, denn diese Pilger-Anhäufung verläuft sich schnell wieder, zumal unmittelbar hinter mir auch erstmal niemand unterwegs zu sein scheint.

Der Nebel wird recht zügig durch strahlend blauen Himmel abgelöst, ich wandere durch ein frühsommerliches Idyll. Viel Wald und Wiese, meistens flach, insgesamt ein toller Tag. Er ist vor allen Dingen herrlich ereignislos! Ich spaziere fröhlich vor mich hin, gucke ein bisschen links und rechts und habe Spaß dabei. Zwar folgt der Camino im Wesentlichen den ganzen Tag lang einer Straße, aber immer in ausreichend großem Abstand, dass man sie weder hört, noch sieht.

In gleichem Maße, wie es wärmer wird, steigt mein Durstgefühl. Etwa auf halber Strecke kehre ich in einem Hotel ein, das auf seiner Terrasse Getränke und Snacks an Pilger verkauft. Der Kellner scheint zwar ein wenig genervt zu sein, aber das ist mir ziemlich egal, solange ich meine bestellten Getränke bekomme – CK. Nein, nicht die hippe Modemarke, sondern Coke & Kaffee, Koffein und Zucker. Zwar gibt es auch eine Reihe Kuchen zur Auswahl, aber die locken mich gerade gar nicht. Als ich gerade aufstehe, um weiterzupilgern, biegen meine beiden spanischen flüchtigen Bekanntschaften um die Ecke. Die beiden hatte ich schon fast vermisst, aber schön zu sehen, dass hier auf dem Weg niemand verloren geht.

Auch wenn es noch für ein Stück durch galicischen Zauberwald geht – und hier heißt ein Teil davon tatsächlich Boscque Encantado – es wird mir doch langsam zu warm. Das ist aber auch das einzige, worüber ich meckern kann und generell ist es jammern auf ganz, ganz hohem Niveau. Durch die steigenden Temperaturen wird es für mich aber zunehmend schwer, das Tempo zu halten. Gut, dass ich das eigentlich ja auch gar nicht muss, da habe ich also gar kein Thema damit, meine Schrittfrequenz den Gegebenheiten anzupassen.

Der Tag fliegt dahin, kaum bin ich losgezuckelt, bin ich schon fast da. Ich mag das, wenn ab und an die Zeit so herrlich ereignislos vergeht. Das macht es dafür nicht weniger schön, aber sehr angenehm – nur führt es dazu, dass es eigentlich heute gar nicht so sehr viel aufzuschreiben gibt.

Fast schon schön

Das Erste, was man von Santiago mitbekommt, sind ein nicht allzu großes Gewerbe- bzw. Industriegebiet und ein Friedhof, bei dem ich aufgrund seiner Größe und der Menge an Parkplätzen vor der Friedhofsmauer durchaus den Eindruck gewinne, hier wird das Begraben auch im industriellen Maßstab betrieben. Alles ist neu hergerichtet, die Straße ist frisch asphaltiert, der Fußweg ebenso frisch gepflastert. Was unter Umständen ganz angenehm sein dürfte, ist jetzt eher kontraproduktiv, denn durch die saubere, dunkelgraue, ebene Oberfläche kann ordentlich Energie gespeichert werden und das tut das Material jetzt und hier im prallen Sonnenschein auch aus aller Kraft. Es ist schon ein bisschen anstrengend, ein paar Bäume hier und da mit strategisch geschickt verteiltem Schattenwurf wären hier echt nicht verkehrt am Platz.

Am Friedhof vorbei wird es für einen kurzen Augenblick noch einmal grün, also etwa zwei Baumreihen und eine handvoll Büsche lang, dann geht es in den ersten Vorort von Santiago. Ich muss sagen, dass ich einigermaßen überrascht bin. Denn die Strecke des Inglés durch die Stadt ist deutlich netter anzuschauen und entspannt, als ich gedacht habe. Während auf dem Francés hinter dem Monte do Gozo eine Eisenbahnlinie, die Autobahn und ein langgestrecktes Gewerbegebiet aufwarten und es beim Português eine gefühlte Ewigkeit an einer Hauptausfallstraße entlang geht, empfangen mich hier auf dem Inglés kleine, teilweise verwinkelte Sträßchen und das eine oder andere hübsche Häuschen, von denen manche auch einen ansehnlichen Garten haben. Natürlich gibt es auch mehrere architektonische Hässlichkeiten oder Bauruinen, aber das ist ja überall so.

Da man in Richtung Zentrum einen Hügel herunterläuft, erhasche ich immer wieder einen Blick auf die Türme der Kathedrale. Aber auch, wenn ich denke, dann doch bald da zu sein, das täuscht, ich bin noch locker 40 Minuten unterwegs.

Als es dann langsam städtischer wird, komme ich an einer kleinen Kapelle vorbei, an der auf dem Mäuerchen vorne an der Straße ein ältere Herr sitzt und mich fragt, ob ich nicht einen Augenblick innehalten möchte. Natürlich tue ich das, werfe dazu noch etwas in den Klingelbeutel und unterhalte mich ein wenig mit ihm, zumindest so weit mein Spanisch es zulässt. Die meisten Pilger seien heute so hektisch, dass sie in einem Affenzahn einfach vorbeigehen würden, dabei würde er allen doch so gerne „seine“ Kapelle zeigen. Das glaube ich ihm aufs Wort, so wie seine Augen strahlen, als er über sein kleines Reich erzählt. Ob die Pilger vielfach wirklich warum auch immer gehetzt sind oder vor lauter Vorfreude auf das Ziel einfach nur (zu) fokussiert sind, mag ich aber nicht beurteilen. Ich jedenfalls nehme noch ein paar nette Worte mit und freue mich – nicht nur darüber, sondern auch, weil ich ihm vielleicht eine kleine Freude gemacht habe, indem ich einfach nur für einen kurzen Moment stehen geblieben bin.

Schon an der nächsten Kreuzung kommt mir die Gegend doch sehr bekannt vor. Als ich an einem großen Kreisverkehr vorbei komme, klingelt es bei mir – gleich hier um die Ecke war der alte Busbahnhof und an der Herberge, in der ich vor zwei Jahren übernachtet habe, komme ich auch vorbei. Ab hier brauche ich also eigentlich keine Muschelwegweiser mehr, abgesehen davon geht es sowieso nur noch geradeaus und irgendwann rechts rein.

…und dann bin ich da. Einfach so. Das dritte Mal. Das dritte Mal bei blauem Himmel. Auch wenn der Weg bis hierher jedes Mal kürzer war, als der vorherige. Beim ersten Mal – von Osten kommend – ein wilder Mix aus himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt, beim zweiten Mal aus Richtung Süden eher schulterzuckend-gleichgültig. Nach Westen ging es 2020 in Richtung Fisterra aus der Stadt heraus. Heute, von Norden her in die Stadt hineinpilgernd, ist es jetzt irgendwie merkwürdig zufrieden-entspannt. Zufrieden, weil ich es wieder Mal geschafft habe – und trotz der Kürze waren die ersten Tage ja nicht unbedingt ein Zuckerschlecken und auch, weil ich einfach nur gerne hier bin und die Stimmung genieße (ja, selbstredend wird auch heute wieder pausenlos die Gaita gespielt und es wird auf Dauer einfach nicht weniger nervtötend). Aber vor allem entspannt. Eben weil ich angekommen bin, weil ich hier sein darf. …und weil ich beschließe, mich einfach nicht zu hetzen. Als ich meinen Rucksack mitten auf der Praza do Obradoiro abstelle, haben wir 11 Uhr. Aber ich werfe meine Pläne was die Messe um 12 angeht über den Haufen. Denn ich müsste meinen Rucksack noch irgendwo loswerden, den darf man ja nicht mit in die Kathedrale nehmen. Also zur Herberge, einchecken und zurück? Dafür ist es noch zu früh, da kann ich nicht vor 13 Uhr rein. Ich bin aber auch zu faul, mich nach Alternativen umzuschauen. Irgendwo gemütlich einen Kaffee trinken und einen kleinen Happenpappen essen hätte auch etwas für sich. Außerdem müsste ich ja schon in spätestens einer halben Stunde in der Kirche sein, da wohl anzunehmen ist, dass ich nicht der einzige bin, der die Messe besuchen möchte. Ich beschließe, dass es mir egal ist und dass ich noch eine Weile auf der Praza halb sitzend, halb liegend rumlümmeln werde. Morgen ist auch noch ein Tag.

In der Sonne wird es mir aber doch schnell zu warm und ich verlege einmal mehr in San Fructuoso, meine Lieblingskirche hier in Santiago. Ich zünde gleich vier Kerzen an. Eine für meinen Papa, der mir bestimmt gerade von irgendwoher zuschaut. Eine für meine Mama. Eine für mein Patenkind, das vor ein paar Tagen volljährig wurde, ein weiteres Indiz dafür, dass ich vielleicht so langsam alt werde. …und eine ganz egoistisch für mich selbst.

Als ich aus der Kirche komme, beschließe ich kurzerhand, mich links zu halten und mir Mal die Situation im Pilgerbüro anzuschauen. Online registriert hatte ich mich heute Morgen in meiner Frühstückspause schon, also muss ich mir am Eingang nur ein Nümmerchen ziehen. Wenn es zu voll ist, kann ich ja immer noch morgen früh hierher zurück kommen. Wobei es auch kein Verlust wäre, würde ich mir die Urkunde dieses Mal nicht abholen. Meine anderen beiden liegen ja auch zu Hause nur in der Schublade. Während ich diesen Gedanken nachhänge, rennt quasi Anselma in mich rein. Wie klein ist die Welt eigentlich? Sie ist ein wenig in Eile, denn sie möchte noch in die Messe. Sie will sich aber melden, denn heute Abend gemeinsam etwas essen und trinken wäre ja super, Nacho und Maria seien auch schon an Bord. Glaube ich sofort, ein Nein! ist bei ihr ja auch keine Option 😆

Am Pilgerbüro zeige ich meine Anmeldung vor und werde nach hinten in den Garten und dann die Treppe runter geschickt. Das ist echt hübsch hier – da ich bei meinen ersten beiden Besuchen hier ja quasi nur zum Schalter durchlaufen brauchte, war das alles etwas weniger formell, daher kenne ich die Ecke des Gebäudekomplexes gar nicht. Unten bekomme vom Sicherheitspersonal ein Zettelchen mit der 356 in die Hand gedrückt, damit darf ich mich oben in die Schlange einreihen. Auf einem der Monitore erhasche ich einen Blick auf den aktuellen Stand – gerade wird die Nummer 252 aufgerufen und es sind 12 von 16 Schaltern geöffnet. Das scheint mir in einer akzeptablen Zeit machbar zu sein, auch wenn ich für die Aktion hier vielleicht doch besser meinen Rucksack irgendwo hätte abgeben sollen. Das Ganze zieht sich aber doch rund eine halbe Stunde lang, denn es geht auf die Siesta zu und damit reduziert sich die Zahl der offenen Schalter nach und nach auf nur noch vier. Aber jetzt bin ich schon Mal da, da werde ich sicherlich nicht ohne etwas in den Händen zu haben wieder gehen.

Als ich meine Belohnung eingeheimst habe, trifft mich draußen der Schlag. Im Pilgerbüro war die Luft schon nicht besonders toll, aber draußen auf der Straße ist es im Vergleich stickig-heiß. Die Sonne knallt auf die Wände der weiß gestrichenen Häuser, die hellen Steine des Pflasters reflektieren auch ganz schön. Bäume oder sonstiges Grünzeug, dass Schatten spenden könnte, gibt es hier in der Ecke leider nicht. Mich verleitet das, gleich einen der nächsten freien Plätze unter einem der Sonnenschirme bei einer der Kneipen in der Nähe des Pilgerbüros anzusteuern. Belohnungstechnisch setze ich noch einen drauf und zische mir ein großes Bier. Das muss jetzt einfach sein. Als ich das Glas leer habe, ist es auch spät genug, um in meiner Herberge einchecken zu können. Das bedeutet für mich Rucksack loswerden, duschen, frische Klamotten und zumindest kurz auf dem Bett ausruhen.

Danach läute ich für den Rest des Tages das Wohlfühlprogramm ein. Ich schnappe mir mein Tagebuch, gehe zurück zur Praza und setze mich in den Schatten unter den Bögen der Xunta Galicia. Neben dem Schreiben schaue ich den ankommenden Pilgern und Touristen zu, es ist gut was los. Als ich mir alles von der Seele geschrieben habe und wieder auf dem Weg zur Herberge bin, ich gönne mir gerade ein Eis auf die Hand, piept mein Telefon – Anselma sagt für heute Abend leider ab. Sie hat keine Unterkunft mehr gefunden und sitzt daher im Zug zurück nach Hause, nach León. Leider habe ich Marias bzw. Nachos Nummer nicht, sonst könnte ich mich direkt mit den beiden verabreden – aber ich bin offenbar auch zu blöd, Anselma einfach danach zu fragen… Aber dass ich alleine zu Abend essen darf/kann/soll/muss stört mich gar nicht so übermäßig, im Gegenteil, ich bin momentan ganz happy, meine Ruhe zu haben.

Pläne

Was die kommenden Tage angeht – ein bisschen Zeit in Spanien bleibt mir ja noch. Ich bin, zumindest was meine Fortbewegung zu Fuß angeht, noch nicht am Ende. Einen hab‘ ich nämlich noch. Aber erstmal geht es um morgen. Da will ich nämlich mit dem Bus nach Fisterra. Dafür gibt es mehrere Möglichkeiten, rein von der Abfahrtszeit der Busse her betrachtet – früh morgens, mittags um kurz nach 13 Uhr und irgendwann spätnachmittags. Da ich morgen aber auf jeden Fall noch um 12 in die Pilgermesse möchte, fällt die erste Verbindung aus, die zweite könnte schon knapp werden. Aber selbst wenn ich erst abends nach 17 Uhr in Fisterra ankommen sollte, so what?

Zurück in der Herberge läuft mir die Niederländerin aus Sigüeiro wieder über den Weg. Ja, die Welt ist klein, aber manchmal wünschte ich, sie wäre es nicht… Offenbar ohne mich zu erkennen lässt sie den selben Spruch wieder ab, was das Schnarchen angeht, inklusive des Hinweises, dass es ja letzte Nacht für sie sooooo schlimm gewesen sei. Das muss irgendwie psychosomatisch sein, denn letzte Nacht hat niemand geschnarcht… Ich ignoriere sie einfach, bevor ich mich jetzt irgendwie noch aufrege. Sie murmelt noch irgendetwas, das ich aber schon nicht mehr mitbekomme, denn ich habe mir meine Kopfhörer in die Ohren gesteckt und höre als Einschlafhilfe noch ein bisschen Musik.

Ein Gedanke zu “Camino Inglés Tag 5 – Osten, Süden, Westen – Norden!

  1. Lieber Stefan, ich freue mich, Deine Einträge zu lesen! Auf Muxia bin ich gespannt!
    Den Inglese überlege ich mir, klingt vielversprechend und anders als der Portugiesische… Dein Traugott

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