Camino Inglés Tag 6 – Flieg!

27. Mai 2022 – Santiago und Transfer nach Fisterra

Ich werde als einer der letzten im Schlafsaal wach. Es ist schon nach acht Uhr und ich habe wohl so tief und fest geschlafen, dass ich überhaupt nicht mitbekommen habe, wie die anderen angefangen haben, ihre Sachen zusammenzukramen. Frühstück gibt es in der Herberge für fünf Euro extra und das ist auch ok. Mehr würde ich dafür allerdings nicht ausgeben wollen, denn Menge, Auswahl und Qualität sind eher übersichtlich. Aber für den Start in einen entspannten Tag reicht es allemal.

Da ich vorhabe, den Gutteil des Tages noch in Santiago zu verbringen, packe ich gleich danach alles zusammen und werde meinen Rucksack dann zur sicheren Verwahrung abstellen. Dafür nutze ich den Service der Correos, der spanischen Post. An den Postämtern in der Altstadt und am Pilgerbüro kann man sein Gepäck für wenige Euro am Tag abgeben. Dazu hole ich mir ausnahmsweise noch einen Stempel für den Pilgerpass ab, da ich den sehr ansprechend finde. Der Stempel aus dem Pilgerbüro ist also diesmal ausnahmsweise nicht der Letzte auf meinem Jakobsweg, denn alles in Richtung Fisterra und Muxia ist ja strenggenommen kein Jakobsweg, das zählt also nicht.

Jetzt aber!

Für die Kathedrale gibt es eine Tour, bei der man auch oben auf die Dächer gelangt. Inzwischen ist das ja alles wieder baustellenfrei und zugänglich. Blöd nur, dass man die Karten hierfür online reservieren muss und für heute – und auch die kommenden Tage – absolut kein Platz mehr frei ist. Dann halt nicht, ich hätte ja auch früher danach schauen können. Aber es ist immerhin (das aufgrund der Corona-Epidemie in das Jahr 2022 verlängerte) heiliges Jahr, also lasse ich mir die Gelegenheit nicht nehmen, um durch die geöffnete Heilige Pforte zu schreiten. Ich bin jetzt nicht derjenige, der aus dieser Symbolik irgendeinen Nutzen für seinen Glauben zieht, aber ich gestehe es jedem zu, der das tut. Für mich ist es nur eine Tür. Zugegeben, ich verstehe auch den Mechanismus nicht, der dahinter steckt – wer in einem Heiligen Compostelanischen Jahr, also einem Kalenderjahr, in dem der Jakobstag auf einen Sonntag fällt, die Kathedrale durch diese Türe betritt, an einem Gottesdienst teilnimmt sowie die Sakramente der Eucharistie und der Buße empfängt, dem werden seine Sünden vergeben. Vielleicht vertue ich mich, da ich weder besonders bibel- noch glaubensfest bin, aber wäre dies nicht durch die Beichte bzw. das Bußsakrament an sich schon der Fall?

Ganz unabhängig von diesen Gedanken bin ich von dem, was ich drinnen vorfinde, beeindruckt. Denn 2018 war unter anderem der Hochaltar schon teilweise eingerüstet und es gab durchaus die eine oder andere etwas angegammelte Ecke in der Kathedrale. In 2020 war sie denn innen für die Restaurierung komplett leergeräumt, abgesehen von temporär errichteten Holzaltar an der Westfassade. Heute erstrahlt das Innere tutto completti pfuschneu, alles blinkt und blitzt. …und es ist voll. Erst denke ich mir nichts dabei, da ich hinten im Chorumlauf unterwegs bin, dann stelle ich fest, dass ich offenbar in die Frühmesse geraten bin, die um 9:30 Uhr startet. Zwar wären noch Plätze auf den Bänken frei, ich will mich aber nicht durch die Reihen quetschen, also bleibe ich am Rand stehen.

Als ein wenig Unruhe aufkommt, bemerke ich doch glatt, dass Vorbereitungen für die große Weihrauchfass-Action getroffen werden. Damit habe ich ja jetzt nun Mal überhaupt nicht gerechnet! Ich will das hier in den Einzelheiten auch gar nicht groß wiedergeben, das findet man an mehr als genug anderen Stellen im WWW. Ich belasse es auch bei wenigen (leider unscharfen) Fotos, da ich live dabei sein und nicht die ganze Zeit auf mein Handydisplay gucken will. Um es kurz zu machen: Ich bin einigermaßen überwältigt.

(Gelübde erfüllt? Ja. Brauche ich deswegen nicht mehr wiederzukommen? Definitiv doch! 😎)

Die Welt ist ein Dorf

Kaum bin ich wieder draußen auf der Straße, laufe ich Nacho und Maria über den Weg, die beiden sind gerade auf dem Weg zum Museum der Kathedrale, um sich das Pórtico de la Gloria anzuschauen. So richtig enttäuscht, dass das gestern Abend mit dem gemeinsamen Essen nicht geklappt hat, scheinen die beiden auch nicht zu sein – die beiden haben sich nämlich noch mit Bekannten getroffen, die sie wohl lange nicht gesehen hatten.

Ich bin kaum hundert Meter weiter gegangen, da kommen Jochen, Andrea und Natalie um die Ecke. Ich möchte einen Kaffee trinken gehen, sie waren gerade Kaffee trinken und so bekomme ich ganz unkompliziert an eine Empfehlung. Die drei schauen sich heute noch die Stadt an, bevor sie morgen in den Flieger zurück nach Hause steigen. Nebenbei gibt es noch eine kleine „Feedbackrunde“ zum Camino Inglés und wir sind uns alle einig, dass sich der Weg trotz aller Kürze gelohnt hat.

Das mit dem Kaffee trinken gestaltet sich hinsichtlich der nahenden Siesta ein bisschen schwierig, denn unter anderem meine Empfehlung hat inzwischen über die Mittagszeit geschlossen. Da ich eigentlich keinen Grund mehr habe, auch die Mittagsmesse noch zu besuchen, schließlich habe ich mein absolutes Highlight schon gehabt, plane ich daher ein bisschen um und beschließe kurzerhand, den Mittagsbus nach Fisterra zu nehmen und dann dort gepflegt abhängen, Kaffee trinken und den lieben Gott einen guten Mann sein lassen. Ich drehe noch eine kleine Runde, dann gehe ich zurück zur Post und hole meinen Rucksack ab. Wieder auf der Straße und kaum um die nächste Ecke gebogen, wer läuft mir da über den Weg? Noch einmal Natalie, Jochen und Andrea, diesmal mit Einkaufstüten bepackt. Sie wollen weiter, ich will weiter, verabschiedet haben wir uns ja bereits, also trennen sich unsere Wege diesmal zügig und wohl endgültig.

Den Weg vom neuen Busbahnhof lasse ich mir unvorsichtigerweise von Google zeigen. Der internetgigant scheint in seinem Kartenwerk die Fußgängerbrücke über die Bahngleise nicht zu kennen und schickt mich daher vollständig außen rum und durch die nächstmögliche Unterführung. Ich wiederum weiß es nicht besser und tapere der vorgeschlagenen Route hinterher. Es ist ein Umweg von geschätzt einem Kilometer, der dazu dann auf der Südseite der Bahngleise zur Mittagszeit einem Backofen gleicht. Ich fluche ein wenig vor mich hin, vor allem, da ich die Fußgängerbrücke die ganze Zeit im Blick habe. Der Bahnhof ist gegenüber dem alten, dunklen Loch eine klare Verbesserung, alles ist hell, offen und sauber. Aber es gibt einen echt großen Nachteil, denn es gibt so gut wie keine Sitzgelegenheiten, abgesehen vom Fußboden.

Die Freuden des ÖPNV

Die Fahrkarte ist am Schalter schnell gekauft und die 20 Minuten Wartezeit auf den Bus nach Fisterra sollten auch keine Herausforderung sein, auch wenn es nach und nach recht voll um mich herum wird. Einige Gesichter habe ich auf dem Camino schon flüchtig im Vorbeigehen wahrgenommen, andere sind mir vollkommen fremd. Es ist aber so typisch, dass sich manche Menschen unbedingt ganz nach vorne drängeln müssen, nur um auch ja als erste in den Bus einsteigen zu dürfen. Nur: als der Bus denn mit zehn Minuten Verspätung endlich kommt, dürfen wir nicht einsteigen. Der Busfahrer erklärt nämlich recht unwirsch, dass das der „langsame“ Bus sei, der „schnelle“ Bus für Pilger käme in einer halben Stunde. Nur ein paar wenige Auserwählte, die glaubhaft versichern, nicht bis Fisterra fahren zu wollen, dürfen zusteigen. Kurz bevor ein kleiner Aufstand ausbricht, klettert der Fahrer kurzerhand in seinen Bus, macht die Tür hinter sich zu und fährt ab. Na, hoffen wir einfach, dass der Schnellbus, der auf keinem Plan verzeichnet ist, wirklich kommt. Das tut er, allerdings nicht nach 30, sondern erst nach knappen 60 Minuten, was dazu führt, dass manchen der Wartenden der Schweiß nicht nur aufgrund des Wetters auf der Stirn steht und gleichzeitig deren Blutdruck durch die Decke geht. Ich finde es zwar auch ätzend, hier zu warten, aber schlimmstenfalls fahre ich halt doch mit dem Abendbus, bringt mich jetzt nicht um. Auch wenn einige offenbar Torschlusspanik haben und nach Kräften drängeln, es findet ein jeder seinen Platz und vor allem sind auch noch Plätze frei. So schlecht ist es auch gar nicht, nicht die Tour über die Dörfer machen zu müssen, denn jetzt sind wir nur eine knappe Stunde unterwegs, während der erste Bus fast vier Stunden benötigt, unter dem Strich ist das also schon irgendwie gewonnene Zeit.

Ich finde trotz allem, dass der Busverkehr zumindest in Galicien wirklich gut funktioniert. Pünktlich sind die Busse zwar nie, aber man kann sich eigentlich recht sicher sein, dass irgendwann einer fährt. Vor allem werden auch gezielt Zusatzbusse eingesetzt, wie ja auch unser Schnellbus, wenn viel Betrieb ist. Dazu sind die Fahrten auch noch echte Schnapper. In Deutschland ginge das wahrscheinlich nur Tarifzonen- oder schlimmstenfalls verkehrsverbundübergreifend, man müsste zwei Mal umsteigen und das Ticket kostete ein Erstgeborenes. Die meisten Busse haben dazu auch noch ein Mindestmaß an Komfort, da es normalerweise Reisebusse sind. Also gibt es bequeme Sitze zum anschnallen, eine Klimaanlage oder mindestens eine Lüftung und ab und zu auch WLAN. So kommt man – in dem Fall ich – wirklich entspannt ans Ziel.

Finally Fisterra

In Fisterra ist es brüllend heiß. Die Sonne steht hoch am Himmel, keine Wolke weit und breit und es weht kein bisschen Wind. Ich sehe zu, dass ich so schnell wie möglich zur Herberge komme, um mein Gerödel loszuwerden und aus den Wanderschuhen zu kommen. Erklärtes Ziel Nummer eins ist es nämlich, runter ans Wasser zu gehen und mindestens die Füße in selbiges zu stellen.

Nachdem das ausgiebig erledigt ist, plagt mich doch ein leichtes Hüngerchen. Es ist zwar noch Siesta, aber am Hafen haben die meisten Restaurants doch geöffnet bzw. viel wichtiger: deren Küche hat ebenfalls geöffnet. Zum leicht verspäteten Mittagessen gibt es eine unerwartete Orgie aus Fleisch. Ich bestelle und rechne mit einer Portion Pommes und ein bisschen Fleisch, vor mir steht ein unschaffbar großer Berg Pommes und ein gebratenes halbes Schwein. Das Preis-Leistungs-Verhältnis stimmt hier jedenfalls bestens. Kurz vor dem Fresskoma gebe ich auf, so lecker es auch ist. Im Anschluss schleppe ich mich eben noch so zurück in die Herberge und auf mein Bett, wo ich gepflegt den Rest der Mittagshitze verschlafe. Das Wetter heute ist schon ein Vorgeschmack auf morgen, denn es soll – in dem Fall leider – heiß bleiben.

Wieder wach, drehe ich noch ein Ründchen durch den Ort und überlege, wie ich den Abend gestalte. Essen will und werde ich nach der Menge heute Mittag nichts mehr, da verdaue ich morgen noch dran. Aber ein kleiner Absacker geht noch. Ich entschließe mich außerdem, heute nicht zum Sonnenaufgang hoch zum Leuchtturm zu gehen. Das war als Abschluss meines Caminho Português unschlagbar toll und alleine wäre es einfach nicht das selbe. Abgesehen davon geht die Sonne erst spät unter, nach 22 Uhr. Das deckt sich leider nicht mit meinem Plan, morgen schon sehr früh nach Muxia zu starten, um möglichst lange die halbwegs kühle Morgenluft ausnutzen zu können. Fisterra bzw. das Kap Finisterre ist ja auch diesmal nicht mein Ziel. Aber mit einem Glas Wein am Hafen zu sitzen, und einfach außer Atmen gar nichts zu tun, hat auch einen unfassbar hohen Entspannungswert.

In der Herberge ist’s eine gemischte Gruppe. Zwei Niederländer, die definitiv einen in der Krone haben, eine quirlige Französin, ein sehr schweigsames koreanisches Pärchen und eine Japanerin, die ebenfalls nie ein Wort sagt und als einzige die komplette Zeit über in einem langen, engen Trainingsanzug aus Ballonseide herumläuft und auch darin pennt. Da inklusive mir niemand das große Unterhaltungsprogramm starten möchte, ist das Einzige, was mich vom Schlafen abhält, die Umgebungstemperatur. Für mich ist es einfach zu warm, aber irgendwann bin ich doch so müde, dass ich in einen eher unruhigen Schlaf falle.

Kommentar verfassen