Camino a Fisterra-Muxía – Das fehlende Puzzleteil

28. Mai 2022 – Fisterra bis Muxía (ca. 31 km)

Abgesehen davon, dass es mir persönlich die ganze Nacht hindurch viel zu warm war, um richtig gut und tief zu schlafen, war es doch eigentlich ganz entspannt. Auch wenn ich zwischendurch irgendwelchen Blödsinn geträumt habe und aus mir unerfindlichen Gründen mein linkes Knie angefangen hat, zu zwicken. Das interpretiere ich als leichte Unmutsäußerung angesichts der Strecke, die ich mir für heute vorgenommen habe. Aber niemand hat überdurchschnittlich geschnarcht, die Betten haben nicht gequietscht, die Matratze war recht bequem und das Bett lang genug für mich. Dementsprechend bin ich schon um kurz vor sieben Uhr frisch und munter und bereit zum Abmarsch. Noch ist es richtig angenehm draußen, die Zeit will ich nutzen.

Das versprochene und eigentlich im Preis der Herberge enthaltene Frühstück muss leider ausfallen – zwar hat die Hospitalera gestern Nachmittag noch erzählt, für heute Morgen würde alles vorbereitet sein, aber Pustekuchen. Als ich aufbreche, zieht sich einer der Niederländer gerade ein trockenes Brötchen von gestern rein, während die Französin sich Asia-Nudeln kocht. Ich komme wie immer auch ohne Frühstück aus, aber zumindest was für unterwegs hätte ich mir schon gerne in den Rucksack gesteckt.

Den Weg irgendwann von Fisterra nach Muxía zu gehen, hatte ich mir schon vorgenommen, als ich vor rund anderthalb Jahren dort war. Damals bin ich mit dem Bus gefahren, weil mir schlichtweg nach dem Português und dem anschließenden Weg nach Fisterra die Motivation gefehlt hat. Während damals Fisterra bzw. das Kap mein Ziel war und ich dort etwas nachholen wollte, so ist es hier diesmal nur eine Zwischenstation und mein finales Ziel findet sich in Muxía. Also ziehe ich gut gelaunt und voller Tatendrang los.

Immer geradeaus

Für den Camino nach Muxía muss ich zunächst erst Mal aus Fisterra raus. Dazu geht es komplett quer durch den Ort zurück Richtung Norden und fast gleichmäßig leicht bergauf. Es ist zwar noch früh und die Sonne ist noch nicht so wirklich aufgegangen, aber man merkt jetzt schon, dass es ein verdammt heißer Tag werden wird. Die Bucht, an der Fisterra liegt, die Enseada de Langosteira, die Bucht der Langustenfischer, habe ich noch eine Weile zu meiner Rechten und hinter den letzten Häusern von Fisterra wird es sehr schnell sehr ländlich. Vor mir sehe ich in einiger Entfernung zwei neongelbe Flecken auf und ab hüpfen, das schaut mir schwer nach Regenschutz über Rucksäcken aus, warum auch immer bei dem Wetter. Aber ich zerbreche mir jetzt sicher nicht anderer Leute Kopf, sondern freue mich viel lieber, dass ich diese Landschaft im Moment ganz alleine genießen darf .

Auf dem Weg nach Muxía gibt es einmal mehr verschiedene Varianten zur Auswahl (von Muxía nach Fisterra natürlich auch, der Weg ist in beiden Richtungen gut ausgeschildert). Ich wähle jeweils diejenigen, die näher an der Küstenlinie verlaufen, alleine schon der Aussicht wegen. Die sind in Summe zwar länger, aber „naturnäher“ und ich erhoffe mir neben eben jener Natur, weniger über Asphalt gehen zu müssen. Andere Nachteile gibt es dadurch im Grunde nicht, da es bei egal welcher Variante unterwegs auch nicht mehr Einkehrmöglichkeiten gäbe, die sind heute ohnehin recht rar gesät. Etwa auf halber Strecke liegt Lires, in dem man sich auf jeden Fall einen Stempel organisieren sollte, will man in Muxía die Muxíana haben, das Pendant zur fisterranischen Fisterrana (die hab‘ ich ja schon 😎). Trotz der Länge der Strecke, auch ohne die Alternativen sind es gut 29 Kilometer, möchte ich sie gerne an einem Tag bewältigen. Nicht aus Zeitdruck, sondern im Gegenteil, weil ich genug Zeit habe. Ich habe nämlich, auch wenn es vermutlich gar nicht notwendig wäre, ein Bett reserviert und damit alle Zeit der Welt. Kurz und gut: Ich habe auf diese längere Tour heute einfach Bock. Außerdem kann ich mich ja ab morgen so lange wie ich will ausruhen.

Kurz nach der ersten Abbiegung weg vom ausgeschilderten Weg sehe ich links unter mir die Praia Arnela, eine kleinen zwischen Felsen gelegenen Strand, bei dem unübersehbar wegen der starken Strömungen davor gewarnt wird, dort ins Wasser zu gehen. Auch wenn der Atlantik offenbar noch schläft und es dabei belässt, kleine Wellen an den Strand rauschen zu lassen, merkt man sehr deutlich, dass das hier das offene Meer ist, im Vergleich zur geschützten Bucht bei Fisterra. Ich belasse es dabei, ein paar Meter den Feldweg Richtung Strand runterzugehen, um eine brauchbare Perspektive für ein Foto hinzubekommen.

Immer wieder komme ich an losen Ansammlungen weniger Häuser vorbei. Das ist wohl das, was man landläufig Weiler nennt, nehme ich an. Einige Häuschen haben richtig schöne, grüne, teilweise bunte Gärten. Aber hier wohnt man echt mitten im Nichts. Die Kriterien meiner Freundin, was das hierherziehen angeht („Fließend Wasser, Strom und Kanalisation, ansonsten: Vergiss es!“- „Aber es ist echt schön da…“ – „NEI-EN!“), sind hier wahrscheinlich nur schwer zu erfüllen. So ein Ferienhäuschen in Galicien hätte schon was. Aber abgesehen von Status der Infrastruktur, müsste man sich das halt auch leisten können. …und es ist ganz schön weit weg, Mal eben so ein Wochenende hier zu verbringen, wäre auch eher schwierig. Aber ohne Lottogewinn ist es eh müßig, darüber nachzudenken. Vielleicht sollte ich mir doch einfach einen Job hier in Spanien suchen…

Nächster Kilometer, nächster Strand, auch wenn ich ihn eigentlich nur durch eine Reihe Bäume hinweg sehen kann. Die beiden gelben Rucksäcke sind zum Wasser hin abgebogen, danach wurden sie – zumindest von mir – nicht mehr gesehen. Ich gehe auf der Straße geradeaus weiter und starte die erste Mimimi-Session des Tages. Die Straße ist nämlich wie mit dem Lineal gezogen, geht dafür aber umso mehr auf und ab und das Verhältnis zwischen Sonneneinstrahlung und Schatten ist deutlich unausgewogen. Da wäre ich auch besser am Stand weitergegangen, das wäre zwar ein kleiner Umweg gewesen, den ich bei sowieso schon über 30 Kilometern gescheut habe, aber wahrscheinlich doch weniger anstrengend. Direkt hinter dem Strand hätte ich dann aber ganz bestimmt umso mehr geflucht, als jetzt ohnehin schon. Denn von der Straße aus geht es hinter einer Rechtskurve sehr stramm bergauf und ich hätte jetzt bitte gerne einen Transportservice für meinen Rucksack. Das Stück zieht sich ordentlich. Vom Strand her hätte ich hier zusätzlich erst noch die Höhenmeter zur Straße hoch gehen müssen, aber das habe ich mir ja in weiser Voraussicht gespart 😇

Mehr Meer

Danach passiert auf den nächsten Kilometern erstmal nicht wirklich viel. Es wird zunehmend heiß, aber ich genieße, zumindest noch. Ich muss nur aufpassen, dass ich die Abzweigung zum Einstieg in die nächste Variante nicht verpasse, die mit einem Schlenker deutlich näher am Wasser verläuft. Ich habe daher den Pilgerführer immer griffbereit, was aber überhaupt nicht notwendig wäre, denn das Schild „Lires Coast Route“ ist nicht zu übersehen. Was allerdings schon zu übersehen ist, ist die Markierung im weiteren – die besteht nämlich aus in sehr unregelmäßigen Abständen angebrachten, etwa 2€-Stück großen, roten, aufgemalten und teilweise arg verblichenen Punkten, die dazu noch überall sein können. Mal an einem Baum links oder rechts, Mal aber auch auf einem Stein, der mitten auf dem Weg liegt oder auch unmotiviert auf ein paar Kiesel gesprüht. Jedenfalls ist es eher Glückssache, die Markierungen zu finden, daher bin ich an zwei Stellen recht froh, dem Rat des Pilgerführers folgen zu können. Dort heißt es nämlich, man solle immer dem am besten ausgebauten Weg folgen. Das nutzt mir an einer Weggabelung zwar nichts, da beide Wege ähnlich gut ausgebaut sind, aber hier sagt mir mein Orientierungssinn, dass es besser ist, links bergab zu gehen, anstatt rechts weiter den Berg hoch.

Ich bin, was diese Variante an der Küste entlang angeht, echt zwiegespalten. Auf der einen Seite ist da ein unfassbar schöner Ausblick nach dem nächsten. Ein gutes Stück geht auch durch richtig tollen, urigen und aktuell vor allen Dingen Schatten spendenden Wald und direkt an der Küste weht zumindest ein bisschen auflandiger, kühlender Wind. Andererseits ist es zu großen Teilen ein echt anstrengender Balanceakt über grobe, teilweise lose Steine, was insbesondere bei Gefälle nicht unbedingt vorteilhaft ist und einiges an Konzentration erfordert. Das führt dazu, dass es halt insbesondere bei den aktuellen Wetterbedingungen, also bei 30°C im Schatten, und auch durch den Umweg sehr kräftezehrend ist. Dabei bin ich noch gar nicht am Ende des Umwegs und vor allem werde ich auch noch schwer enttäuscht. Denn endlich unten am Strand von Lires angekommen, soll es eine Strandbar geben und ich finde, ich habe mir eine Coke verdient. Aber abgesehen von einer handvoll Campern auf einem Parkplatz ist dort: Nichts! Außer Spesen (und Aussicht) nichts gewesen. Nun habe ich durchaus das Haus gesehen, dass rechts über dem Weg am Ende einer Treppe thront, das wäre nämlich potentiell eben diese Bar gewesen.. Auch sonst hat nichts darauf hingewiesen, dass das eine Bar wäre, kein Schild, keine Sonnenschirme, nichts. Gut, ich hätte allerdings auch nicht damit gerechnet, dass eine Strandbar auf einem Hügel zu finden sein könnte, sonst wäre ich vielleicht einfach gucken gegangen.

Also tappse ich ohne erfrischendes Kaltgetränk weiter und dem bisher schlimmsten Stück heute entgegen, denn nur weil ich am Strand von Lires bin, heißt das noch lange nicht, dass der Ort gleich ums Eck zu finden ist. Schlimm ist relativ, nur finde ich es nach dieser herben Enttäuschung mega ätzend, jetzt auch noch komplett um die Ría de Lires herumgehen zu müssen, also quasi in die falsche Richtung. Zumal es auf die Mittagszeit zugeht und die Sonne mir so nach und nach die Birne weichbrät, Hut und Sonnencreme hin oder her. Auf halber Strecke laufe ich auf eine alte Frau auf. Mit dem Begriff alt bin ich ja eigentlich sehr vorsichtig, denn der ist schließlich durchaus relativ und man ist so jung, wie man sich fühlt. Aber zu sagen, das sie eine ältere Dame sei, wäre die Untertreibung des Jahres. Diese kleine, langsam und gebückt gehende, schlurfende Frau in Kittelschürze trägt darüber allerdings eine neonrote Weste, die mir mitteilt, dass sie hier für die Ordnung und Sauberkeit zuständig ist. Offenbar fühlt sie sich also nicht so alt, wie es vielleicht für mich den Anschein hat.

Ich komme gefühlt kaum vorwärts. Man sollte doch meinen, dass es hier direkt am Wasser der Ría recht angenehm ist, vor allem, da ganz viele Bäume hier ganz viel Schatten spenden. Aber das Gegenteil ist der Fall, denn rechts neben der Straße hält der örtliche Hügel den Wind davon ab, die durch das verdunstende Wasser sehr schwüle Luft zu verteilen oder sogar zu vertreiben. Dass der Blick über die Ría optisch wirklich ansprechend ist, dafür habe ich aktuell kein Auge. Ich bin fast froh, als ich das Ortsschild von Lires vor mir sehe. Denn das heißt einerseits, dass ich jetzt wieder in der richtigen Richtung unterwegs bin und andererseits, dass sich in den kommenden fünf Minuten definitiv eine Möglichkeit ergeben wird, lange und ausgiebig zu pausieren.

Unangenehm

Ich schwenke beim erstbesten Haus, das nach Bar aussieht links rein. Kurze Zeit später wünsche ich mir, ich hätte es nicht getan. Was allerdings nichts mit der Location an sich zu tun hat – leckeres, großes, saftiges Bocadillo, guter Kaffee, ich zimmere mir noch gleich drei Dosen Coke (immerhin zwei ohne Zucker) hinterher, Preise ok, ich sitze auf der nett gemachten Terrasse, alles ist sauber.

Was aber gar nicht, absolut überhaupt nicht geht, sind die drei „Pilger“ am Nachbartisch. Deutschsprachig, dem Dialekt nach Österreicher, alle geschätzt über 50, Lederhosen, Mallorca-Shirts, Socken in Sandalen. Es fängt schon damit an, dass sie sich ungefragt zu einer Pilgerin setzen und sie mit ihrer geballten Pilger- und Wandererfahrung zuquatschen. Bei mir versuchen sie es auch, aber ich kann mich mit einem „No hablo alemán.“ retten. Blöd wie ich bin, biete ich ihnen an, wir könnten uns ja auf Englisch unterhalten (gut, dass ich – bilde ich mir zumindest ein – mit nur ganz wenig deutschem Akzent spreche), Glück wie ich habe, können sie kein Englisch. Puh! Als sie aber dann anfangen, anzügliche Bemerkungen zu machen, die ich im Detail hier wirklich nicht wiedergeben möchte, hört es bei mir auf. Der Pilgerin ist das sichtlich unangenehm, sie ergreift kurz darauf die Flucht. Die selbe Tour ziehen die Typen auch bei der Kellnerin ab, die nicht weiß, wie sie sich verhalten soll. Übergriffig ist ein großes Wort, aber doch, ja. Mir platzt der Kragen. Ist mir wurscht, ob ich mich jetzt als Deutscher zu erkennen gebe. Ich frage die drei „Herren“, ob sie noch alle Latten am Zaun haben und hinterfrage ihre gute Kinderstube (in der Realität bin ich recht derbe ausfällig geworden). Ich schaue in leere Gesichter, niemand von ihnen sagt etwas, außer: „Wusste ich doch, dass du Deutsch sprichst!“ Ernsthaft?! Wütend und kopfschüttelnd ziehe ich ab, gehe nach drinnen zum Bezahlen und rate der Kellnerin, die Flitzpiepen schnell loszuwerden. Sie scheint recht dankbar, das sich überhaupt etwas gesagt habe. Ich biete an, noch zu bleiben, bis die Idioten weg sind, aber sie lehnt ab, denn ihr Mann käme gleich zurück, das sei nicht nötig – und ich bekomme ein Croissant und eine Flasche Wasser geschenkt.

Dieser Mist könnte mir glatt den ganzen Tag verhageln, aber schon kurze Zeit später bin ich schon wieder in den Camino eingetaucht. Kurz hinter dem Ort passiere ich den Río Castro, der in die Ría fließt. Die Brücke über den Fluss ist an sich kein Highlight, dafür punktet das Flüsschen selbst aber optisch gleich umso mehr. Danach ist es aber für den Rest des Tages vorbei mit der Gemütlichkeit und ich bin nur noch mit mir selbst beschäftigt. Es ist heiß, es geht bergauf und ich habe unfassbar Durst. Gefühlt quillt jeder Tropfen Flüssigkeit, den ich zu mir nehme, als Schweiß wieder aus mir raus. Da mutet es wie ein kleines Wunder an, dass bei der nächsten namenlosen Ansammlung von Häusern ein Camino-Engel ein Häuschen nur für Pilger gebaut hat. Drinnen gibt es zwar leider keine Klimaanlage – wäre mangels Tür auch Quatsch – aber einen Getränkeautomat, Tische, Stühle und ein Klo. Ich stürze rein, schmeiße meinen Rucksack in die Ecke und halte meinen Kopf unter den Wasserhahn. Tut! Das! Gut! Aus dem Automaten ziehe ich mir irgendwas, wo groß „Elektrolyte“ draufsteht. Das ist bei dem Ausmaß, ich dem ich schwitze vielleicht nicht verkehrt und ich zwinge mich, das Zeug langsam und in kleinen Schlücken zu trinken. Direkt hinter dem Häuschen, hinter einer leider abgesperrten Tür, ist ein großer Swimmingpool. Ich stelle ernsthafte Überlegungen an, zum Einbrecher zu werden…

Wie ich hier so sitze und vor mich hin transpiriere, gesellen sich zwei Pilgerinnen zu mir, die auch einigermaßen fertig aussehen. Beide sind von Santiago aus direkt nach Muxía gepilgert und sind jetzt auf ihrem letzten Wegstück nach Fisterra. Ich gebe ihnen Infos über das, was vor ihnen liegt, sie mir im Gegenzug Infos über das, was mich erwartet. Ich nehme daraus mit, dass es zum einen noch eine ganze Weile bergauf geht und Schatten eher Mangelware bleibt und dass es bis zum Schluss heute heißt: Selbstversorger. Ich fülle also meine Trinkblase noch einmal auf, was auch den Vorteil hat, dass das frische Wasser zumindest für die nächste Stunde eine halbwegs kühle Temperatur hat.

Um meinen allgemeinen Ekelfaktor zu steigern, schmiere ich mich dick mit Sonnencreme ein. Ich weiß, dass das absolut notwendig ist, sofern ich keinen Sonnenbrand bekommen möchte. Aber es gibt meiner Meinung nach wenig mit mehr „Bäh!“, als dass die Creme einem mit dem Schweiß zusammen überall hinläuft.

Auf und nieder

Im Pilgerführer heißt es, dass es bis auf Höhe einiger Windräder bergauf geht, die auf dem bzw. am Monte Facho de Lourido (galizisch für „blonde Fackel“ – die Erde ist hier sehr hell, fast beige. Kommt vielleicht daher?) stehen. Was dort nicht steht ist, dass es gleich mehrere Reihen besagter Windräder gibt und sich die Aussage – natürlich – auf die am höchsten gelegene bezieht. Der Weg dort hinauf ist nicht unbedingt spektakulär. Zwei kleinere und ein sehr kleines Dorf nimmt man noch mit, ansonsten geht es anfangs zwischen Eukalyptuswäldchen und Feldern, später an Pinienwäldchen vorbei bzw. ab und zu auch durch. Das scheinen hier alles nur lose verbundene Parzellen zu sein und es ist alles bewirtschaftet, so richtig naturbelassen ist das hier nicht unbedingt.

Zwischendurch werde ich Zeuge eines Massenausbruchs, denn eine Herde Ziegen spaziert angeführt von ihrem Leitbock fröhlich durch eine Bresche in der Mauer ihrer Weide. Wäre es nur ein Tier könnte ich ja vielleicht noch versuchen, es irgendwie einzufangen. Aber bei sieben oder acht Ziegen brauche ich damit gar nicht erst anzufangen. Ich sehe aber auch niemanden, dem ich Bescheid geben könnte. Andererseits schaut die Bresche nicht so aus, als wäre sie eben erst entstanden. Vielleicht laufen die Ziegen hier halt einfach frei rum? Ich denke nicht weiter drüber nach und ziehe pfeifend weiter. Ich habe nichts gesehen 😅

Der Weg selbst, also der Untergrund, ist steinig, staubig und wie gesagt, sehr hell. Besonders hinter den ersten Windrädern ist es stellenweise auch stark ausgewaschen. So etwas wie ein Rhythmus beim Gehen will sich bei mir nicht einstellen. Der helle Boden reflektiert 1A die Sonne, ich schwitze echt literweise. Die Sonnencreme, ohne dieses Bild jetzt überreizen zu wollen, sorgt dafür, dass mein ganzer Körper irgendwie klebt. Der beim Gehen aufgewirbelte Staub wiederum belegt das Ganze mindestens bis auf Höhe meines Hinterns mit einer fest anhaftenden Schicht – Stefan paniert. Was hier vielleicht lustig klingt, ist es in der Realität nur sehr, sehr bedingt, denn es reibt halt alles und das ist auf Dauer sehr unangehehm. Einen Teil meiner inzwischen wieder p***warmen Wasservorräte entbehre ich zwischendurch, um mir zumindest die Beine und Unterarme abzuwaschen, das hilft.

Vor mir scheint sich ein weiterer Pilger den Berg hochzukämpfen, zumindest sehe ich auf dem verschlungenen Weg eine Gestalt immer wieder gerade noch so hinter der nächsten Ecke verschwinden. Ich habe aber überhaupt keinen Elan und ehrlich gesagt auch nicht die Kraft, einen Zahn zuzulegen und zu ihm (oder ihr?) aufzuschließen.

Es geht nicht ganz bis auf den Gipfel, zum Glück, aber eigentlich auch schade, denn dort gibt es wohl eine richtig tolle Aussicht auf die Küste und bis hin nach Muxía. Aber ich mache auch so drei Kreuze, als ich endlich oben bin. Ich werde einen Teufel tun und jetzt noch freiwillig weitere Meter in diesem Backofen nach oben gehen. Ab jetzt geht es abwärts! Topographisch. Und mit meiner Laune. Habe ich mich bisher nach hier oben gekämpft, war es bisher zwar körperlich (sehr) anstrengend, aber alles zusammen betrachtet und abgesehen von der heute auffällig hohen A****lochquote ein toller Tag. Auch wenn man das aus meinen Zeilen vielleicht nicht ganz so euphorisch herausliest. Aber schon der steile Abstieg. der sich bis fast zur Ortsgrenze von Muxía zieht, ändert das ganz gewaltig. Ich bin wahrscheinlich einfach nur zu erschöpft, denn eigentlich gibt es keinen triftigen Grund dafür, dass ich hier so überreagiere.

Ja, es ist steil. Ja, der Weg ist mit stellenweise recht losem Schotter belegt, auf dem ich alle paar Schritte drohe, wegzurutschen. Ja, es ist übelst sonnig und es gibt kaum Schatten. Wahrscheinlich weil die Bäume links und rechts so umfassend gefällt wurden, dass es für LKW, die das Material für den Bau der Windräder nach oben gekarrt haben, kein Risiko war, irgendwo gegen zu fahren oder hängen zu bleiben. Alles für sich genommen ist halb so wild, aber in Summe stolpere ich hier fluchend nach unten. Ich bin froh, dass, vermutlich zur Absicherung der Böschung, falls ein LKW dann doch die Kurve nicht bekommt, alle paar Meter große Steinquader liegen, die die perfekte Größe haben, um sich zwischendurch auszuruhen. Die ganze Sache geht hier gerade mächtig auf die Knie.

Recht unvermittelt werde ich an der nach Muxía führenden Landstraße ausgespuckt und das eine Elend wird durch ein anderes abgelöst. Wenigstens geht es, unterbrochen von zwei kurzen, aber fiesen kleinen Anstiegen, nur noch sanft bergab. Die Landschaft ist anfangs auch noch ganz nett, inklusive eines weiteren Ausblicks samt Strand und Meer. Aber das Gehen am Straßenrand ist auch bei wenig Autoverkehr nicht besonders toll. Spätestens hinter dem Fußballplatz, dem ersten, das man von Muxía mitbekommt, zieht es sich zudem wie Kaugummi. Zwar geht es jetzt fast direkt an der Küstenlinie entlang, aber halt leider via Straßengraben und Bürgersteig. Muxía selbst ist durch seine Lage auf der schmalen Landzunge halt auch sehr lang gestreckt, daher ist es vom ersten Haus bis zur Türschwelle der Herberge noch rund ein Kilometer. Leider Gottes auch komplett ohne Schatten, dafür mit schön hell gestrichenen Häusern und Wänden. Dein einsamen Pilger überhole ich kurz vor dem Ortseingang, er sieht genauso fertig aus, wie ich und wir haben beide wenig Worte füreinander.

Mir fehlt der Vergleich, aber nach allem was ich gehört habe, soll der Weg nach Muxía hinein von Dumbria kommend, also wenn man hinter Olveiroa nicht direkt nach Fisterra geht, sondern rechts abbiegt, der deutlich schönere bzw. angenehmere sein. Im Nachgang möchte ich auch behaupten, dass Muxía-Fisterra die bessere Variante wäre, gegenüber Fisterra-Muxía – denn dann hätte man gleich zu Anfang den Berg vor sich (am besten frühmorgens, bevor es heiß wird) und könnte dann den Rest des Tages einfach in wundervoller Landschaft genießen. Oder man nächtigt halt in Lires, dann ist’s eh unkompliziert.

You’ll Never Walk Alone

Ich schaue offenbar so aus, wie ich mich fühle, denn ich schaffe es in der Herberge gerade eben so, meinen Namen zu nennen und dass ich reserviert hätte, da nimmt mich der Hospitalero direktamente mit einem „Du kannst wohl ganz dringend eine Dusche gebrauchen? Komm, alles andere klären wir später.“ mit in den Schlafsaal, zeigt mir mein Bett und verschwindet mit einem „Ruh‘ dich aus!“. Ja, das ist definitiv auch nötig.

Die Herberge ist ohnehin nicht allzu teuer. Für das, was sie bietet und auch die Sauberkeit ist das geradezu spottbillig, zumindest was eine private Herberge angeht. Wenn ich vorher gewusst hätte (…und es ist ja nicht so, dass ich 2020 nicht schon hier gewesen wäre…), dass ich mit meinem Jugendherbergsausweis noch Rabatt bekomme… Aber dann hätte ich, nur um hier ein oder zwei Euro zu sparen, die zusätzlichen fünf Gramm quer durch Galicien schleppen müssen. Also irgendwo hört es auch Mal auf 😅

Jedenfalls nehme ich mir das mit dem Duschen und Ausruhen sehr und ausgiebig zu Herzen. Kaum habe ich mich auf meinem Bett ausgestreckt, bin ich schon im Land der Träume und bleibe das für die kommenden anderthalb Stunden auch. Das war heute wirklich anstrengend und am Ende auch nicht mehr schön. Aber die Alternative wäre gewesen, X Kilometer nach Lires wieder zurückzugehen und das kam für mich gar nicht in Frage. Ich hätte wahrscheinlich einfach noch deutlich länger Siesta machen sollen, es wäre ja aufgrund meiner Reservierung überhaupt kein Problem gewesen, erst um 18, 19 oder 20 Uhr in Muxía anzukommen. Aber nein, ich musste das ja durchziehen, ich bin es also selbst schuld.

Da ich einfach nur froh bin, meine Wanderschuhe nicht mehr tragen zu müssen, werde ich sie heute auch definitiv nicht mehr anziehen. Morgen steige ich in den Bus nach A Coruña, da der aber erst mittags fährt, habe ich demnach morgens noch jede Menge Zeit, um noch Mal ausgiebig runter ans Wasser zu gehen. Für heute bin ich durch. Trotzdem habe ich für heute noch drei Punkte auf meiner ToDo-Liste:
Erstens – ich schaue, wo und ob ich meine Muxíana bekommen kann. Denn wenn ich schon bunte Zettelchen für die Schublade sammle, dann auch richtig.
Zweitens – Abendessen, ich habe Kohldampf
Drittens – heute Abend ist Champions League Endspiel, FC Liverpool gegen Real Madrid. Das wird ja wohl irgendwo gezeigt werden?!

Was die Urkunde angeht, die gäbe es eigentlich im Touristenbüro. Da schaue ich vorher kurz im Internet und ja, der Laden sollte offen sein. An der verschlossenen Türe hängt allerdings ein Zettel, dass leider aktuell geschlossen sei, man können sich die Urkunde aber auch in der Stadtbibliothek gleich nebenan abholen. Es ist Samstagnachmittag. Ratet. Aber – und das ist eine großartige Idee, wie ich finde – man kann auch eine Email an das Touristenbüro schreiben, mit ein paar Infos, wann, wie, wo bzw. einem Scan der Stempel aus dem Pilgerausweis und seiner Adresse, dann bekommt man die Urkunde per Post zugeschickt.

Zum Abendessen gehe ich anschließend zum Hafen und suche mir ein kleines Restaurant. Nichts Wildes, aber lecker, reichlich und auf jeden Fall ausreichend sättigend. Ein paar Gebäude weiter sehe ich, wie jemand einen Fernseher ins Fenster stellt und sich nach und nach eine Traube Jungvolk darum bildet. Das wird dann mein Anlaufpunkt für Punkt drei.

Auch wenn ich leichte Befürchtungen hatte, als einziger Unterstützer des FC Liverpool* vielleicht unangenehm aufzufallen, das ist unbegründet. Gut, Madrid hat (leider) gewonnen und ich durfte mir ein paar Sprüche anhören – nehme ich an, verstanden habe ich nicht viel – vielleicht hätte es bei einem anderen Ergebnis anders ausgeschaut? Aber so kann ich nicht klagen (außer über das Ergebnis) und hatte einen netten TV-Fußballabend. Ich bin nur ein wenig überrascht, dass sich die Runde nach dem Abpfiff so schnell zerstreut, von wegen feierwütige Spanier 🤔

Nach dem Spiel stehe ich an der Herberge dann noch kurz vor verschlossener Tür, denn der Code fürs Schloss will mir einfach nicht einfallen. Aber zum Glück bin ich nicht der einzige, der Fußball gucken war. Schlimmstenfalls hätte ich wohl die Notfallnummer anrufen müssen.

Noch schnell Zähne putzen und dann ab ins Bett. Ich kann zwar ausschlafen, aber mir steckt der Tag ein bisschen in den Knochen. Aber ich bin dennoch ziemlich zufrieden – mit mir, der Gesamtsituation, der Welt. Denn, auch wenn das jetzt hier so sachlich klingt, der Weg von Fisterra nach Muxía war eines der letzten Häkchen, die mir noch gefehlt haben. Aber dazu im nächsten Beitrag vielleicht ein bisschen mehr.


*: Seit dem legendären Münzwurf von Rotterdam sind die Fans beider Vereine miteinander (inzwischen nur noch lose) verbunden. Da das weit vor meiner Geburt war, ist mir das fast wurscht, auch wenn die Story schon irgendwie unglaubwürdig wäre, wäre es nicht exakt so passiert. Aber viele meiner Kollegen während meiner Zeit in England waren Liverpudlians, das hat irgendwie abgefärbt. Außerdem: Jürgen Klopp.

3 Gedanken zu “Camino a Fisterra-Muxía – Das fehlende Puzzleteil

  1. Pater Norbert

    O.K., du warst müde. Aber wenn du nach dem Essen noch zum Stein 0 gegangen wärest, hättest du den Vergleich zwischen den beiden Sonnenuntergängen von Finisterre und Muxia gehabt.
    Meine Unterscheidung: In Finisterre triffst du mehr Pilger und es ist eher auch berechtigte Party.
    In Muxia ist alles viel ruhiger und es ist eher der besinnliche Abschluss.

    1. Ich war ja nach meinem Caminho Português 2020 schon in Muxía, auch wenn ich damals mit dem Bus hingefahren bin. Den Sonnenuntergang dort habe ich also schon erlebt. Es ist deutlich ruhiger, als am Kap Finisterre, ja. Aber auch dort waren zumindest die Pilger um mich herum eher besinnlich. Das war aber auch außerhalb der „Hochsaison“. Aber Du hast natürlich recht, dass Muxía noch ein gutes Stück ruhiger ist, das markt man im ganzen Ort.
      Ich habe das nicht explizit aufgeschrieben, aber bei den Gedanken, die mir an diesem und auch an den Tagen davor mitunter durch den Kopf gingen, wollte ich abends auch nicht unbedingt (alleine) in den Sonnenuntergang schauen, sondern mich einfach nur ablenken.

  2. Irgendwie hört sich Dein „Leidensweg“ ähnlich einem Abschnitt auf dem Mosel-Camino an, den ich letzte Woche absolviert habe. Nur die Ösi-Malle-Asis hätten in meiner Aufzählung von Hitze, Mangel an „Wasserlöchern“ und unzähligen schwierigen Passagen gefehlt. Ach ja, und das Meer natürlich, aber dafür gab’s Moselblicke satt. Ich glaube aber, hinterher sieht man mit verklärten Blicken auf das Geschaffte zurück 😉 LG von der Bergstraße, SonjaM

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