Camino Inglés y a Muxía – Ankommen, Runterkommen

29. und 30. Mai 2022 – Von Muxía über A Coruña nach Hause

Viel entspannter als ich kann man schon fast nicht mehr in einen Tag starten. Da ich heute keinen Grund habe, mich zu beeilen und ich auch nicht Kilometer im Dutzend abmarschieren muss, habe ich mir gar nicht erst den Wecker gestellt. Die Erfahrung lehrt mich, dass ich sowieso (zu) früh wach sein werde. Aber selbst wenn, Check-Out muss erst um zehn Uhr passiert sein, so lange schlafe ich eher selten. Da ich die Augen das erste Mal gegen kurz nach acht öffne, kann ich mir auch den Luxus erlauben, einfach nur weil ich’s kann noch ein paar Minuten liegen zu bleiben. Bis ich dann wirklich in den Tag starten kann, ist es ungefähr neun Uhr, bis dahin bin ich aber auch landfein und habe meinen Rucksack wieder so umgepackt, dass es für den finalen Tag in A Coruña und auch den Heimflug wieder passt.

Bevor ich mir mein Frühstück organisiere, hinterlege ich meinen Rucksack an der Rezeption, denn mit mir rumschleppen will ich das gute Stück heute eher nicht. Wozu auch? Es reicht ja völlig, ihn nachher abzuholen und damit rechtzeitig an der Bushaltestelle zu stehen. Mehr als Geldbörse, Handy und Fotoapparat brauche ich ja vorerst nicht und das passt alles in die Hosentaschen.

Zum Frühstück geht es nach Muxía-Downtown, will sagen: zum Hafen. Viel hat nicht geöffnet, bei zwei, drei Läden hängt ein Schild an der Tür „Geschlossen wegen Personalmangels“. Irgendwie hat es wohl überall die selben Probleme… Trotzdem finde ich einen netten Platz, guten Kaffee und etwas leckeres zu mampfen. Ich lasse mir Zeit und surfe nebenbei im Internet, die Nachrichtenlage habe ich die vergangenen Tage weitestgehend ignoriert, da will ich mich zumindest halbwegs auf Stand bringen. Um mich herum piept es recht intensiv, da sich ein Schwarm Spatzen hier sehr offenkundig sehr wohl fühlt und auch ziemlich unerschrocken und aufdringlich hofft, dass der eine oder andere Krümel vom Tisch fällt. Ich habe es nicht versucht, aber es fehlt wahrscheinlich nicht viel, um die Kleinen aus der Hand zu füttern.

Kleine Runde, große Gedanken

Nachdem ich alles ratzeputz aufgegessen habe und leider, leider für die Spatzen nichts abgefallen ist, mache ich mich so gemütlich es nur irgendwie geht auf in Richtung Santuario. ,,,und wenn ich schreibe gemütlich, meine ich gemütlich – eher schlurfen als gehen, Hände in den Hosentaschen, „Hans Guck-in-die-Luft“. Apropos Luft, ich genieße und atme zwischendurch gaaaaaanz tief ein.

Ich gehe direkt runter zum Leuchtturm und setze mich da auf den Sockel. Am Hintern ist das zwar genauso hart und unbequem, wie der Rest der Steine hier auch, aber man kann sich wenigstens vernünftig anlehnen. Der kleine Turm hat einen neuen, schicken Anstrich erhalten. War er vor zwei Jahren noch eher beige und an den Metallstreben braun vom Flugrost, erstrahlt er jetzt von Kopf bis Fuß weiß. Das nur am Rande, denn die Farbe ist mir herzlich wumpe, da ich aufs Meer hinaus schaue, sehe ich das Gemäuer sowieso nicht.

Ich sitze eine ganze Weile einfach nur da, halte die Augen geschlossen und lausche dem Meeresrauschen. Mir schießen auf einmal in abstrus schneller Folge Gedanken durch den Kopf. Zuerst muss ich daran denken, wie ich genau an dieser Stelle vor zwei Jahren mit Maria gesessen und geschwatzt habe. An meinen Vater, meine Mama, meinen Bruder, meine Neffen, selbst an meine teilweise schon vor vielen Jahren verstorbenen Großeltern. Natürlich auch an meine Freundin. Dann packt mein Kopf die richtig großen Dinger aus – Wo komme ich her? Wo bin ich und fühle ich mich wohl da, wo ich bin? Wo will ich hin? Wie komme ich da hin? Bin ich eigentlich glücklich? Ich merke selbst, wie ich diesem Kopfkarussell Einhalt gebieten sollte, aber das ist leichter gesagt, als getan. Da lässt man ein Mal seinen Gedanken freien Raum und ZACK! Ich muss mich wirklich zwingen, einfach nur an die schönen Dinge zu denken, die mir in der vergangenen Woche passiert sind. Um meine Gedankengänge in zumindest ein bisschen ruhigere Bahnen zu lenken, nehme ich mein Tagebuch zur Hand und lese, ergänze und schreibe generell die beiden letzten Tage auf. Mein Kopf hat damit zumindest eine kleine Aufgabe, das hilft.

Als mir dann doch der Hintern so langsam wehtut, klettere ich über die Felsen nach und nach hoch in Richtung Heiligtum, bleibe aber immer wieder stehen, um Fotos zu schießen oder einfach auf den Atlantik zu schauen. Recht weit draußen fährt einsam ein Boot, dessen weiße Segel vor einem Himmel mit dicken, dunklen Wolken fast schon leuchten. Ein irgendwie kitschiges Bild, aber es berührt mich irgendwie. Vielleicht einfach nur, weil ich schon viel zu lange selbst nicht mehr segeln war. Das nehme ich mir für diesen Sommer fest vor!

Auf Höhe des Heiligtums der Jungfrau vom Schiff (auf Deutsch klingt das irgendwie merkwürdig, da ist es auf Galicisch schon schmissiger: Santuario da Virxe da Barca) klettere ich über die Mauer und setze mich auf selbige. Überall fliegen Reste von Hochzeits-Konfetti herum. Was einerseits ein nettes, irgendwie nachdenkliches Bild abgibt, ist andererseits eine ziemliche Umweltverschmutzung. Aber auch das passt zu meinem Gefühlschaos, weil neue Bande eingehen, alte auffrischen und vielleicht auch auch einige trennen, bei mir seit einiger Zeit ein Thema ist, das mich schwer beschäftigt, ohne hier groß in die Details gehen zu wollen. Ich würde aber doch gerne Mal in die Kirche hinein, aber auch diesmal ist die Türe abgeschlossen und mehr als ein Blick durch das vergitterte Guckloch ist nicht drin.

Mindestens so gemütlich, wie ich hierher geschlendert bin, mache ich mich nach einer gefühlten Ewigkeit auch wieder auf den Rückweg. Da ich am Touristenbüro vorbeikomme, starte ich noch einen zweiten Versuch, an meine Muxíana zu kommen, aber heute ist Sonntag, da hat weder das Büro noch die alternative Abholstation in der Bücherei geöffnet. Ich fotografiere aber noch schnell den Zettel mit den Anweisungen, wie man per Email und Post an die Urkunde kommt. Da ich auch direkt an meiner Herberge vorbeikomme und nachher nicht mehr unbedingt noch Mal zurückgehen möchte, hole ich gleich meinen Rucksack ab und gehe danach wieder Richtung Hafen, denn da wartet bestimmt irgendwo ein Kaffee auf mich.

Bis dass der Bus kommt, habe ich noch ein bisschen Zeit und treibe meine Entspannung hier auf die Spitze. Ein Café con leche, extragroß, dazu gibt es kostenlos ein Tapa. Dass ich hier nicht noch die Füße auf den Tisch lege, ist auch schon alles. Mir geht es gerade richtig gut und ich fühle mich pudelwohl. Steigern ließe sich das wohl nur, wenn eine meiner Pilgerbekanntschaften zum Quatschen hier wäre, aber man kann halt nicht alles haben.

Ah! Coruña!

Die Busfahrt zieht sich wie Kaugummi, ein eher schlecht schmeckendes, hartes Kaugummi. Die Klimaanlage kommt kaum gegen die Hitze draußen an, aus den Luftdüsen kommt nur lauwarme Luft. Aber immerhin tut’s die Lüftung, denn ohne wäre das hier schmoren im eigenen Saft im Solarofen. Das beworbene WLAN hingegen tut’s nicht, also habe ich nichts anderes zu tun, als aus dem Fenster zu schauen – und da gibt es sooooo viel zu sehen. Ok, nichts interessantes, aber halt eine Menge. Denn der Bus hält an jedem Blumentopf und fährt dafür auch den einen oder anderen Umweg. Gefühlt bin ich fünf Stunden unterwegs, in der Realität sind es rund zweieinhalb. Da so viel Abwechslung bei der am Fenster vorbeiziehenden Welt kaum auszuhalten ist, döse ich irgendwann ein.

Ich werde rechtzeitig vor der Ankunft in A Coruña wach. Meine Haltestelle ist der Busbahnhof, das sollte auch nicht zu verpassen sein. Als ich da bin, wünsche ich mir fast, doch lieber nicht ausgestiegen zu sein – der Busbahnhof ist noch hässlicher, als das alter Terminal in Santiago, und das war schon wirklich grenzwertig. Ich suche schleunigst das Weite und mache mich auf die etwa 30 Minuten Fußmarsch bis zu meinem Hotel in der Altstadt. Als mich nach ein paar Minuten der Bus überholt, werde ich ein wenig misstrauisch. Später am Nachmittag ergibt dann ein gezielter Blick auf den Fahrplan, dass ich mit den Weg hätte sparen können, denn keine 100 Meter von meinem Hotel entfernt, gibt es eine weitere Haltestelle. Vollkommen ungewohnt, dass die Überlandbusse mehr als einer Haltestelle einer Stadt anfahren, aber bei einer Stadt der Größe A Coruñas wohl zu erwarten… Egal, der Spaziergang lockert die müden Knochen und hält fit. Außerdem bekomme ich so schon ein bisschen was von der Stadt zu sehen. Ich war ja noch nie hier, abgesehen vom Flughafen und der zählt wohl kaum. Im Übrigen bin ich nicht der einzige, der darauf reingefallen ist, zwei weitere der Optik nach „ehemalige Pilger“ sind fast denselben Weg gegangen.

Im Hotel schmeiße ich nur eben meine Sachen aufs Zimmer, schnappe mir den Kram, den ich mitnehmen sollte, also so unentbehrliche Sachen wie Geld, Kamera, Handy, …) und vergesse dann auch gleich Mal meine Schlüsselkarte im Zimmer. Die Rezeptionistin schaut ein wenig genervt, aber ich bekomme meine Ersatzkarte trotzdem. Ich müsste ihr hoch und heilig versprechen, die zweite Karte direkt wieder abzugeben, sobald ich nachher wieder zurück bin. Um von vornherein der Diskussion aus dem Weg zu gehen, was genau denn „direkt“ ist, renne ich noch mal schnell nach oben, hole meine Karte und drücke ihr die Reserve direkt wieder in die Hand. Los geht’s, Stadtrundgang.

Man merkt schon, dass A Coruña fast drei Mal so groß ist, wie Santiago, wenn man nur einen Fuß vor die Tür setzt. Es ist deutlich wuseliger bzw. voller. Es könnte trotzdem recht überschaubar sein, würde sich nicht gerade der komplette Berg Passagiere eines Kreuzfahrtschiffes in die Stadt ergießen. Wenn man den Gruppen mit Menschen, vor denen jemand mit einem blauen Schirm steht, ein bisschen aus dem Weg geht, ist es ok. Die Stadt ist schon schick.

Bisschen links, bisschen rechts, am Hafen lang, insgesamt herrlich ziellos. Für den Nachmittag habe ich eigentlich auf den Zettel, raus zum Herkulesturm zu fahren. Mit rund 1.800 Jahren der älteste noch existierende Leuchtturm der Welt und als solcher sogar noch in Betrieb. Technikbegeistert, wie ich bin, ist das doch was für mich. Aber gleich zwei Dinge halten mich davon ab – erstens fängt es an zu regnen. Das für sich genommen wäre kein großes Problem, ich müsste mir nur meine Jacke aus dem Hotel holen. Zweitens fahren vor meiner Nase gerade mehrere Reisebusse mit Kreuzfahrern dorthin. Das ist für mich der Showstopper. Zu warten, bis die Damen und Herren ihre Besichtigung beendet haben, bringt aber auch nichts, denn dann schließt der Turm auch bald. Dann soll es halt nicht sein, ist jetzt auch kein Beinbruch. Dann setze ich mich stattdessen in eine Bar und stille mein Bedürfnis nach Koffein. So lang ist es auch nicht mehr hin bis sich ein Abendessen anbietet. Nebenbei suche ich mir also eine mir zusagende Location für später.

Schlussakkord in Moll

Abends im Hotel stelle ich dann den Grund dafür fest, weshalb mein Hotelzimmer so unschlagbar günstig ist. Das Fenster geht nämlich raus zu einem recht dunklen Lichthof. Der Dunkelheit entgegen wirkt eine Leuchtstoffröhre, die 24/7 ihre Arbeit verrichtet. Das Fenster hat ein halbwegs blickdichtes Rollo und das Zimmer eine Klimaanlage. Alles gut? Weit gefehlt. Die Klimaanlage tropft nämlich wie ein Kieslaster und macht dabei kaum kühle Luft. Also bleibt das Ding aus und Fenster auf, denn bei geschlossenen Fenster ist es drinnen sonst nicht auszuhalten. Dann muss aber das Rollo oben bleiben, denn sonst geht das Fenster nicht auf – das Rollo ist innen direkt vor der Scheibe. Also leuchtet mich die ganze Nacht diese blöde Röhre an. Ich habe traumhaft geschlafen. Albtraumhaft.Vielleicht sollte ich doch drüber nachdenken, mir eine Schlafmaske einzupacken…

Ich kann mir nicht vorstellen, dass es am Flughafen auch nur ansatzweise etwas wie eine Warteschlange geben wird. Ich suche mir also eine Busverbindung – der Bus zum Flughafen fährt auch nur 100 Meter vom Hotel entfernt los – mit der ich etwa anderthalb Stunden vor Abflug dort bin, das sollte satt reichen.Damit habe ich noch ganz entspannt Zeit für ein gemütliches Frühstück und kann im Anschluss noch ein paar Meter gehen, denn sitzen werde ich heute noch genug.

In der Tat ist der Betrieb am Flughafen recht übersichtlich, kein Wunder bei ganzen acht Flügen heute, wobei das aufgrund von Code Sharing physisch nur fünf Flieger sind. Ansonsten sind die Flüge inkl. Umstieg in Madrid entschieden zu ereignislos, um hier groß Worte darüber zu verlieren. Dass die Bahnverbindung zurück nach Aachen ein bisschen rumpelig ist, ist auch kein großes Wunder. Die Deutsche Bahn und ich werden in diesem Leben keine Freunde mehr. Auch ohne diesen speziellen Spaßfaktor hätte ich mich auf zu Hause gefreut, mit Spaßfaktor umso mehr.

Dass ich mir morgen noch einen Tag Urlaub genommen habe, halte ich gerade für einen ziemlichen Geniestreich von mir. Ja ok, dass das eine der Lehren von meinem Português war, eben um in Ruhe wieder zu Hause anzukommen, spielt da schon auch mit rein. Jedenfalls kann ich so in Ruhe noch meinen Kram waschen, einkaufen gehen, Fotos anschauen und ganz viel auf dem Sofa abhängen. Vor allem nehme ich mir die Zeit, das Erlebte sacken zu lassen, im Kopf noch einmal nachzuerleben – und mir Gedanken zu machen, was denn nun als nächstes ansteht. Für letzteres kann ich die Frage glasklar beantworten mit: Ich weiß es nicht. Im September hätte ich drei Wochen am Stück frei und ich habe keinen Schimmer, wie ich meine Zeit verbringen soll. Selbst zu dem Zeitpunkt, an dem ich diesen Beitrag hier schreibe, also Anfang August, bin ich was das angeht, noch nicht wirklich weiter. Mal schauen.

Der Freude, wieder zu Hause zu sein, steht aber einmal mehr das Gefühl gegenüber, dass es gerne hätte (viel) länger hätte dauern können. Wenn man Spaß hat, vergeht die Zeit einfach immer viel zu schnell.

3 Gedanken zu “Camino Inglés y a Muxía – Ankommen, Runterkommen

  1. Das bittersüße Gefühl kann ich nachvollziehen. Alles Gute bei Deinen Entscheidungen, neue Verbindungen, sich von manchem zu trennen. Auch ein kurzer Camino kann die Gedanken (um)sortieren.
    Danke für den ehrlichen und sinnlich-fröhlichen Blog!

    1. Aber sehr gerne doch!

      Unter anderem deswegen mache ich das ja. Zumindest habe ich bisher noch keine andere nur ansatzweise ähnliche Methode gefunden, für sich und mit sich seine Gedanken zu wälzen.

  2. Es war wieder einmal ein Vergnügen, mit Dir mitzureisen. Vielen Dank, dass Du wieder alles mitgeschrieben hast, the good, the bad and the ugly. LG von der Bergstraße, SonjaM

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