Caminho Português Tag 5 – Kesselflicker on tour

10. September 2020 – Von Fernanda bis Labruja (24 km)

So langsam wird das echt zum Running Gag – Stefan hat schlecht geschlafen. Ich bin komplett von Mücken zerstochen. Draußen schlafen, klingt ja erst einmal gut. Man hätte aber auch schlau sein können, denn dass es hier nicht eben wenige von den Viechern gibt, war ja nun wirklich abzusehen. Zwischendurch habe ich mich ganz tief in meinen Schlafsack verzogen, damit ich möglichst wenig Angriffsfläche biete. Dann hat zwar nur noch meine Nasenspitze rausgeguckt, aber es war viel zu warm. Ich überlege ernsthaft, mir ein Moskitonetz zu kaufen…

Mitten in der Nacht musste ich aufs Klo und habe die Gelegenheit genutzt, da ich ja sowieso schon aufgestanden war, und habe mich einfach eine Weile auf die Wiese gesetzt und in den Nachthimmel geguckt. Einfach herrlich. Es sind so viele Sterne am Himmel, dass es mir sogar schwerfällt, die gängigsten Sternbilder zu erkennen. Dazu ist es fast totenstill – wenn nicht das Schnarchen von den Pilgern – oder insbesondere einer Pilgerin – wäre.

Ich nutze die Gelegenheit, mir noch einen ordentlichen Schluck Wasser zu genehmigen. Denn so ganz am Rande meines Kopfes kratzt ein kleiner Kater und dem möchte ich entgegenwirken.

Als es in Richtung Dämmerung geht, fangen auch hier wieder alle Hunde an, zu kläffen. Aber das ist dann auch egal, wach bin ich eh‘.

Frühstück mit Mufflon

Kaffee! Beim Frühstück bitte ich Jocinto, doch gleich die ganze Kanne bei mir stehen zu lassen. Es hilft ungemein, dass es schön sämiger, starker Mokka ist. Das Frühstück an sich ist bestimmt genauso lecker, wie das Abendessen gestern, aber ich weiß es in dem Moment nicht zu würdigen. Ich bin viel zu sehr damit beschäftigt, geradeaus an die Wand zu starren und an einer Scheibe Marmeladenbrot zu kauen. Wenn mich jetzt jemand von der Seite anspricht, werde ich zum Hulk.

Gegenüber Jann scheint es mir aber noch ganz prima zu gehen. Er jedenfalls sieht aus wie ein Zombie, bewegt und artikuliert sich auch in etwa auf dem Niveau. Da war der letzte „Schnaps“ wohl schlecht. Zumindest in dem Punkt läuft es bei mir: Trotz nicht gerade wenig Portwein habe ich nicht die Spur eines Katers. Das Wasser hat ihn wohl vertrieben.

Auch beim Rest der Truppe reicht das Spektrum von übertrieben gut drauf bis völlig übermüdet (oder verkatert?). Aber irgendwann müssen wir unser Pilgerparadies leider doch verlassen, auch wenn die Hälfte von uns sich bestimmt gerne noch ein oder zwei Stunden aufs Ohr gehauen hätte.

Danke, Fernanda! Das war einfach le-gen-där.

Ich habe keine Ahnung, was passiert ist

So könnte dann der Titel für weite Teile zumindest des Vormittags lauten. Ich habe mir in meinem Tagebuch nur ein paar Stichpunkte notiert, zu mehr war ich offenkundig nicht in der Lage. Selbst Fotos habe ich von heute kaum welche geschossen. Aber ich will versuchen, daraus trotzdem eine zusammenhängende Geschichte zu basteln.

Den ganzen Vormittag lang ging es durch kleine Dörfer, durch Wald oder Weinfelder. An den Trauben haben wir uns auch heute wieder reichlich bedient.

Die etwa 10km bis Ponte de Lima sind wirklich nett, auch wenn keiner von uns bereut, dass wir uns unseren Sachsen nicht angeschlossen und das Stück gestern noch bewältigt haben.

Den Ort erreicht man durch eine schöne, breite Allee, die parallel zum Fluss Lima führt. Melina und Jann nutzen die erste Gelegenheit, runter an den Fluss zu kommen, für ein Bad. Vroni, Lina, Doro und ich ziehen zunächst weiter, denn erstens wollen wir irgendwo etwas essen bzw. trinken, zweitens bin ich nach wie vor auf der Suche nach einem Briefkasten und ich will endlich die Geburtstagskarte loswerden und drittens möchte ich einen Pilgerstempel haben. Entlang der Allee werden gerade die Reste eines Marktes abgebaut. Wenn man möchte, kann man hier sogar lebende Hühner kaufen. Ich kann mich mit der Idee eines Pilger-Maskottchens für unsere Gruppe aber nicht durchsetzen.

Genau in der Reihenfolge ziehen wir das dann auch durch. Wir machen also zuerst ausgiebig Pause, bestellen und einen Kaffee nach dem anderen. Da Jann und Melina uns nach ihrem Bad Gesellschaft leisten, bleiben wir noch ein bisschen sitzen und weil es so schön ist, bestellen wir uns noch einen Kaffee.

Wir können auch genug Zeit verplempern, denn die Touristen-Information mit dem Pilgerstempel, die im alten Gefängnisturm untergebracht ist, macht erst wieder um 14 Uhr auf. Darauf warten Jann und Melina nicht, die beiden gehen vor.

Mit dem Stempel im Credential geht es dann weiter. Nicht auf dem Camino, sondern für mich zur Post (denn einen Briefkasten habe ich immer noch nicht gefunden) und für die Mädels zum Obstladen nebenan. Treffpunkt anschließend an der Brücke. Sollte ja schnell gehen. Denkste, denn ich darf bei der Post erst noch 10 Minuten warten, aber wenigstens bin ich dann endlich, endlich von meiner Last befreit. Der Brief mit der Geburtstagskarte hat übrigens ganze 7 Tage bis nach Deutschland gebraucht. Aber er war noch pünktlich zum Geburtstag da, immerhin.

Auf dem Weg zurück zur Brücke komme ich an der Kirche vorbei, die – für Portugal echt die Ausnahme – sogar geöffnet ist. Aber ich will die drei nicht noch länger warten lassen, daher knippse ich nur schnell ein Foto und lasse die Kirche ansonsten rechts liegen.

Weit kommen wir dann aber immer noch nicht. Wir schaffen es eben so über die Brücke, dann biegen wir rechts ab auf eine große Wiese am Flussufer. Ich lege mich unter einem Baum in den Schatten, ziehe mir wieder meinen Hut übers Gesicht und penne ein Ründchen. Vroni, Lina und Doro gehen derweil noch im Fluss schwimmen.

Piep-Show

Als wir fast schon Gefahr laufen, hier irgendwie fest zu wachsen, raffen wir uns auf und machen uns an den Rest unserer Tagesaufgabe. So richtig motiviert sind wir aber alle vier nicht mehr, wir haben einfach zu lange rumgegammelt.

Gleich hinter Ponte de Lima stehen wir vor einer Baustelle. Die Straße ist zwar aufgerissen, aber eine Alternative haben wir nicht. Also stiefeln wir über die nur halbherzig abgesperrte Baustelle an ein paar sparsam guckenden Bauarbeitern vorbei in Richtung Wald.

Ab hier steigt der Weg im Wesentlichen stetig ganz sanft an, ohne dass man sich groß anstrengen müsste, um Höhenmeter zu machen. Also fast die ganze Zeit, teilweise ist die Wegführung aber auch abenteuerlich. Denn erst geht es recht steil in ein Tal, das oben von einer Autobahnbrücke überspannt wird. Unter der Brücke durch und danach auf einer steilen, steinigen, staubigen Piste wieder nach oben.

Doro und ich geht der selbe Gedanke durch den Kopf: „Ob die uns verarschen wollen, haben wir gefragt?!“. Den ganzen Anstieg lang fluchen wir vor uns hin. In einem Soundtrack zu diesem Tag würde man jetzt 10 Minuten lang nur Piepgeräusche hören. Was ein ätzendes Wegstück.

Als wir endlich oben sind, müssen wir beide erst einmal tief durchschnaufen. Vroni und Lina kommen wenig später und in deutlich besserer Laune oben an. Vor allem amüsieren sie sich köstlich über unsere Schimpftriaden.

Heute zieht sich der Weg auf den letzten Kilometern das erste Mal wie Kaugummi. Es kommt aber auch echt einiges zusammen. Zwar ist es nicht so heiß wie die letzten Tage, aber dafür hat es die Luftfeuchte nach oben getrieben. Dazu dann noch der Schlafmangel und die mangelnde Motivation nach den überlangen Pausen. Ich möchte einfach nur ankommen.

Im Wald geht man an gleich zwei schönen Badestellen vorbei. Richtig toll an einem kleinen Fluss gelegen, mitten im Wald. Wir müssen uns schon schwer zusammenreißen, um hier nicht schon wieder zu versacken und im Fluss zu baden. Aber irgendwann ist es halt auch echt Mal gut. Stattdessen flucht insbesondere Doro mehr oder weniger leise murmelnd vor sich hin.

Ungefähr 2 Kilometer vor meinem heutigen Etappenziel, Labruja, zweigt der Weg links ab und geht zwischen ein paar Häusern hindurch. In einem davon ist ein winziger Supermarkt inklusive Bar. Wir teilen uns auf, denn die Damen möchten hier dann doch noch eine Pause machen. Ich ehrlich gesagt auch, aber noch viel mehr will ich alles von mir schmeißen und mich dann nicht nur in einer Pause, sondern im „Feierabend“ erholen. Aber viel wesentlicher ist, dass ich dringend wohin muss und das nicht in dem winzigen Klo in dieser Supermarktbar erledigen möchte.

Für das letzte Stück gebe ich richtig Gas – und offenbar habe ich immer noch genug Luft, denn Fluchen kann ich auch, wenn ich alleine bin. Sonne doof, Luftfeuchtigkeit doof, Steigung doof, alles doof. Als ich total verschwitzt in der Herberge ankomme, kann ich gar nicht schnell genug im Bad verschwinden.

Als Doro (grummelnd), Lina und Vroni sich auch die Straße zur Herberge hochkämpfen, stehe ich schon frisch geduscht auf dem kleinen Balkon und hänge meine ebenso frisch gewaschenen Klamotten auf.

So mittel. Aber mit Mais

Die Herberge macht von außen einen hübschen Eindruck, allerdings ist die untere Etage noch im Rohbau und es wird kräftig gewerkelt.

Auch innen ist es im Grunde ganz hübsch und es scheint auch noch gar nicht zu lange her zu sein, dass hier auch renoviert wurde, nur irgendwie ist alles ein bisschen unpersönlich. Jann hat das ganz treffend formuliert – es gibt Herbergen, da fühlt man sich vom ersten Moment an wohl. Dann gibt es solche, wo man einfach nur schnell wieder weg möchte. Aber hier wird einem das Gefühl gegeben, man ist den Leuten egal, man ist halt einfach da.

Dazu passt, dass das Abendessen seine 6,50€ nicht wirklich wert ist. Vor allem wäre etwas *kaltes* zu trinken nicht verkehrt. Das Wasser hat nicht nur Zimmertemperatur, es ist wirklich lauwarm. Das Bier hat auch keinen Kühlschrank gesehen. Aber gut, dass ich keinen Wein zum Essen bestellt habe – der ist nämlich nicht nur warm, sondern schlichtweg ungenießbar.

Jann und ich zwingen uns unsere Biere trotzdem rein. Auf dem Etikett entdecken wir als Bestandteil: Mais. Was Jann zu der Feststellung verleitet: „Hier wächst so viel von dem Zeug, die tun das überall rein. Alles ist aus Mais!“. Ich ergänze: „Nur der Mais nicht, der ist aus Hühnchen.“ Wieder ein Spruch, der für die nächsten Tage ausreichend Stoff für beliebig häufige Wiederholungen bietet. Dass Mais auch Hauptbestandteil des Essens war und mehrere Maiskolben als Deko in der Küche hingen, brauche ich eigentlich gar nicht mehr erwähnen.

Nach müde kommt doof

Wir sind alle ziemlich durch, wobei das Streckenprofil das überhaupt nicht rechtfertigt. Aber alles in allem war es halt heute kein Highlight. Nicht schlecht, aber halt auch nicht so top wie die letzten Tage.

In unserem Zimmerchen sammeln wir uns auf den Betten und dem Fußboden in geselliger Runde. Keine Ahnung, ob es am Wein liegt, aber Vroni und Lina giggeln über alles und jeden. Als ich dann noch krampfhaft versuche, den viel zu kleinen Bettbezug über die Gummimatratze zu bekommen, liegen sie vor Lachen in der Ecke.

Eine sinnvolle Sache bekommen wir gemeinsam aber heute dann doch noch zustande:
Die meisten Herbergen in Valença haben nämlich geschlossen und der Rest ist ziemlich teuer. Gerade Lina macht sich da ziemliche Gedanken. Aber wir beschließen, zu sechst ein Appartement für eine Nacht zu buchen. Das ist im Endeffekt nämlich günstiger, als die Einzelpreise in den verbliebenen Herbergen hochgerechnet sind. Außerdem gibt es eine Waschmaschine, die nichts extra kostet. Nachtruhe um 22 Uhr und anderntags um 8 Uhr wieder auf dem Weg sein zu müssen, gibt es auch nicht.

2 Gedanken zu “Caminho Português Tag 5 – Kesselflicker on tour

  1. Es ist sehr erfrischend, Deinem entspannten Erzählstil zu folgen, lieber Stefan.

    Wenn sich so eine Truppe gefunden hat, ist das bestimmt eine tolle Idee zusammen in einem Appartment unterzukommen, nicht nur wegen der Kosten, sondern auch wegen des Spaßfaktors (und man kann zusammen kochen… ok, ich koche gern…).

    1. Huch, da ist mir Dein Kommentar die letzten Tage irgendwie durchgegangen.

      Abends zusammen kochen ist in „normalen“ Zeiten auch in den Herbergen fast überall möglich und macht auch wirklich Spaß. Ist des öfteren auch Improvisation pur – nicht nur, was die Kochkünste der Pilger angeht, sondern vielmehr wegen mangelnder Küchenausstattung. Aufgabe: Zaubere ein 3-Gänge-Menu mit nichts anderem als einem kleinen Topf und einem Löffel auf einem Herd, der 30 Minuten braucht, um einen halben Liter Wasser zum kochen zu bringen 😆

      Danke für die Blumen – der entspannte Stil hat seine Ursache bestimmt auch darin, dass der Caminho sehr entspannt und entspannend war 😌

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