Caminho Português Tag 8 – Strandausflug

13. September 2020 – Mos bis Arcade (16 km)

Der gute Vorsatz war da, ehrlich. Wir wollten wirklich früh los. Aber wenn derjenige, der abends noch groß ankündigt, auf jeden Fall den Wecker zu stellen, dass dann doch vergisst… Wenn man dann noch wirklich gut schläft… Ja dann steht man halt doch erst um kurz vor 8 Uhr auf. Aber heute ist das nicht so wild. Denn unser Tagesziel Arcade ist gerade einmal gut 16 Kilometer weit weg.

Wir überlegen noch kurz, ob wir uns in der Bar gegenüber der Herberge noch ein Frühstück gönnen. Aber da niemand großartig Appetit hat, vertagen wir das und ziehen direkt los.

Die ersten 8 km gehen dann auch wie geschnitten Brot. Lina und ich bilden heute ein Gespann und wir nutzen die Gelegenheit, um uns das erste Mal vernünftig miteinander zu unterhalten. Mein Thema ist „Familie“ bzw. was dabei in den letzten Jahren so alles schiefgelaufen ist. Lina hingegen hadert mit ihrer Entscheidung, weiter auf dem Weg nach Santiago zu sein.

Kurz vor Padrón – Namensvetterin des größeren, für die Pimientos berühmten Ortes ein bisschen weiter nördlich – geht es auf einmal so steil bergab, dass für tiefgründige Gespräche kein Platz mehr ist. Der extrem abschüssige Weg fordert unserer volle Aufmerksamkeit und es geht echt ordentlich auf die Knie. Wenn wir hier vorher irgendwo falsch abgebogen wären, das Stück hätte ich selbst ohne Rucksack nicht mehr hochlaufen wollen. Bicigrinos, die hier runter fahren, haben hoffentlich alle sehr gute Bremsen, eine Auslaufzone gibt es nämlich nicht.

Auch zu Fuß haben wir genug Schwung, der uns am Ende des Hangs in die Bar bzw. die Herberge auf der rechten Seite treibt. Frühstückszeit!
Die Herberge macht wirklich etwas her – es gibt einen ganz tollen Garten, in dem alles in voller Blüte steht, die Hospitalera ist extrem nett und bemüht und die Gastgeber betreiben eine eigene kleine Weinkelterei. Wir dürfen einen Blick hinein werfen, aber für eine Verkostung ist es zum einen noch zu früh und zum anderen ist der Wein für dieses Jahr noch in der Entstehung.

Als besonderer Spaßfaktor erwartet uns ein Hundekampf der Sonderklasse. Jann übernimmt dankbar die Rolle des Cánidoro – meine Wortschöpfung, denn Torero passt ja nicht wirklich 😅 – und legt sich mit einem kleinen Welpen an. Es kamen weder Mensch noch Hund – eher Hündchen – zu Schaden. Höchstens der eine oder andere Schnürsenkel wurde in Mitleidenschaft gezogen.

Melina tut sich heute sehr schwer. Sie hat starke Probleme mit ihren Beinen. Das schaut ganz nach Überlastungsschmerzen aus, da ist es ganz gut, dass wir heute nur eine kurze Strecke vor uns haben – und die Hälfte haben wir auch schon geschafft.

Gut, dass es ordentlichen Kaffee und frisch gepressten Orangensaft gibt, denn die Schoko-Croissants sind leider kein Highlight. Die Hospitalera hat es gut gemeint und sie noch Mal in den Ofen zum Aufbacken geschoben, aber dadurch werden die Dinger leider so trocken, dass es schon fast grenzwertig ist. Aber auch so schmeckts und man kann ja mit etwas Flüssigem nachspülen.

Einzelgänger

Nach dem Frühstück kündigt Jann an, dass er gerne alleine vorgehen möchte. Er hält sich mit seinem Tempo Melina zuliebe schon die ganze Zeit stark zurück, da möchte er sich auf dem letzten Abschnitt ein bisschen austoben. Dazu kommt, dass er gerne eine Weile allein sein würde. Natürlich lassen wir ihn ziehen.

Lina und Melina gehen eher gemütlich weiter, sodass ich irgendwann alleine unterwegs bin. Aber auch für mich ist das heute nicht verkehrt – so viel Spaß und Freude es macht, mit anderen unterwegs zu sein, so gut tut es mir heute, ein paar Stündchen mit mir selbst unterwegs zu sein.

Ich pfeife vor mich hin, singe mir ein Lied und höre zwischendurch auch ein bisschen Musik. So weit, wo gut. Hinter Redondela geht es ein gutes Stück den Berg hoch. Absolut nichts, was einen vom Hocker reißen sollte. Aber mit einem Mal geht es mir richtig mies und mein Kreislauf verabschiedet sich in Richtung Tiefgarage. Ich schleppe mich Stückchen für Stückchen weiter und halte alle paar Meter an, um durchzupusten.

Der Camino merkt offenbar, dass mit mir etwas nicht in Ordnung ist und stellt an der nächsten Straßenkreuzung eine Bank in den Schatten und eine Wasserstelle daneben. Das kommt wirklich wie gerufen.

Hinsetzen, in kleinen Schlucken trinken und den letzten Notfall-Müsliriegel in kleinen Bissen knabbern hilft zumindest, dass es mir zügig wieder besser geht. Aber ich bin mit einem Mal so hundemüde, ich könnte im Stehen einschlafen. Habe ich so auch noch nicht erlebt, was ist denn heute los?! Also bleibe ich noch eine Weile sitzen und döse.

Bei Jann hatte ich irgendwie damit gerechnet, dass ich ihn in oder hinter Redondela in einer Bar wieder treffe. Aber nein. Bei Melina und Lina dachte ich, sie würden mich irgendwann überholen, schließlich saß ich fast eine Stunde auf der Bank. Aber nein. Wo stecken die denn?

Gut, Jann wird wohl mit ordentlich Tempo vorgegangen sein und wenn die Mädels in Redondela Pause machen, ist das auch nicht weiter verwunderlich, dass sie mich noch nicht überholt haben. also denke ich mir nicht viel dabei und ziehe weiter.

Nach der Pause läuft es dann deutlich runder. Wenn auch zunächst weiter den Berg rauf. Natürlich wären keine 500 Meter weiter gleich zwei Bars gewesen. Aber macht nichts, das Plätzchen auf der Bank war auch schön, außerdem war das Wasser da kostenlos.

Abgesehen von vielleicht 300 Metern an der Nationalstraße entlang, ist die restliche Strecke optisch einfach Zucker. Inklusive schönem Ausblick auf die Ria de Vigo, der langgezogenen Meeresbucht, an deren Ende Arcade liegt.

Bin da, wer noch?

Als ich in Arcade bzw. der Herberge unserer Wahl ankomme, ist die Überraschung dann groß. Denn ich bin tatsächlich als erster unserer Truppe hier. Wie kann das denn sein?

Bevor ich da groß drüber nachdenke, checke ich zuerst gemütlich ein, kassiere einen wirklich schönen Stempel und verbringe mein Zeug in den großen Schlafsaal im ersten Stock, in dem ich komplett alleine bin. Daher habe ich auch gar keine großen Skrupel, meinen Kram an, um und auf den Betten ringsum zum Lüften und Trocknen auszubreiten. Ich bin gerade so weit, dass ich auch meine Schuhe endlich ausziehen möchte, da ruft Lina an, wo ich denn stecken würde.

Ich mache mich nur schnell ein bisschen frisch und ziehe mich in räuberzivil um. Das Duschen spare ich mir fürs erste, denn heute passieren für mich noch genau zwei Dinge:
Wir gehen an den Strand, schwimmen – danach muss ich eh duschen und brauche vorher keine Grundreinigung – und irgendwann später gibt es Abendessen.

Lina und Melina sitzen auf der Terrasse. Jann ist allerdings nirgendwo zu sehen. Melina kann sich ein hämisches Grinsen nicht verkneifen, denn Jann hatte sich offenbar verlaufen. Er musste wieder ein ordentliches Stück zurück und dann den richtigen Weg nach Arcade einschlagen. Eigentlich ist es ja Regel Numero Uno auf dem Camino: Wenn an einer Kreuzung kein Pfeil zu sehen ist, ist man wohl falsch. Ich kann aber gut nachvollziehen, dass man schnell einfach Mal daran vorbeiläuft, wenn man gerade gedanklich im Tunnel ist.
Wieder auf dem richtigen Weg hat er dann die Mädels getroffen und gemeinsam haben sie dann in einem Irish Pub auch eine Stunde lang Pause gemacht. Jetzt liegt der Gute jedenfalls in der Heia, die 4 Kilometer extra wollen verarbeitet werden. Da sich Melina und Jann aber den Luxus eines Zweibettzimmers gönnen, habe ich natürlich nicht mitbekommen, dass sie angekommen sind.

Wir drei gehen jedenfalls gemütlich runter an den Strand, Jann kann ja nachkommen. Dass wir uns dabei auch kurz verfransen, weil Google Maps uns über einen Weg schicken will, den es in der Realität nicht gibt, verraten wir natürlich niemanden 😇

4 hin, 3 zurück

Mit leichtem Gepäck marschiert es sich gleich viel angenehmer. Nach etwas über einem Kilometer laufen wir über den Strand und breiten unsere Badetücher aus. Allerdings hat Lina ihren Rucksack dabei. Denn sie hat sich entschlossen, heute noch zurück nach Redondela zu gehen und dort in den Zug nach Vigo zu steigen. Sie trifft sich dort dann mit Doro und läuft mit ihr gemeinsam den Küstenweg zurück. Ich finde, Lina und Doro senden beide auf derselben Wellenlänge, das hat von Anfang an gut gepasst. Ich kann daher absolut verstehen, dass Lina noch ein paar Tage mit Doro verbringen will.

Am Strand ist es herrlich. Im Wasser ist es noch viel herrlicher. Der Grund fällt so flach ab, dass man gut 50 Meter ins Wasser gehen und trotzdem noch gemütlich stehen kann. Dazu ist das Wasser so klar, dass man auch hier noch bis auf den Grund schauen kann.

Inzwischen sind ein paar Schleierwölkchen aufgezogen, die ab und an die Sonne verdecken. So lässt es sich dann auch am Strand auf dem Badetuch aushalten. Das Leben als Pilger ist schon echt hart 😎

Als Lina losziehen möchte, um ihren Zug in Redondela noch zu erwischen, machen wir anderen uns auch so langsam wieder auf den Weg zurück zur Herberge. Natürlich verabschieden wir uns ausgiebig von Lina und wünschen ihr alles Gute. Während sie von dannen zieht, packen wir noch unser Zeug zusammen.

Sie läuft den Jakobsweg rückwärts, der sich ein bisschen abseits der Straße schlängelt. Jann, Melina und ich gehen über die Straße, weil es einfach schneller geht. Sinnigerweise führen beide Varianten genau an der Ecke unserer Herberge wieder zusammen, sodass wir alle gleichzeitig dort ankommen. Also wird sich noch einmal kurz verabschiedet, bevor Lina nun endgültig ihres Weges geht.

Nach einer jetzt doch unumgänglichen Dusche setzen wir uns als verbliebenes Trio Infernale zum Abendessen in unserer Herberge an einen Tisch und erwarten nichts Dolles. Es gibt Pilgermenü, so weit, so gut. Aber zur Auswahl stehen Rippchen! Nicht nur eine Miniportion, sondern die Größenordnung halbes Schwein auf Toast. Megalecker! Dazu ein großes, kaltes Bier. Als Nachtisch gibt es dann noch selbstgebackenen, frischen Käsekuchen. Holla die Waldfee!

Neben uns steht ein ordentliches Weinregal. Das Etikett einer der Flaschen kommt mir vage bekannt vor, ich meine mich zu erinnern, dass ich den auf dem Francés das eine oder andere Mal auf dem Tisch hatte. Wein auf Bier, das rat‘ ich Dir, also bestellen wir uns eine Flasche zum „probieren“.

Nachdem die Flasche leerprobiert wurde, reicht es dann aber doch für heute. Der Alkohol sorgt zumindest bei mir für eine vernünftige Bettschwere. Ich verziehe mich also in den für mich heute Nacht exklusiven Schlafsaal und höre noch ein bisschen Musik, bis ich dann irgendwann einschlafe.

2 Gedanken zu “Caminho Português Tag 8 – Strandausflug

    1. Ich glaube, das waren noch die Nachwirkungen des Gewaltmarschs vom Vortag. Aber abgesehen davon war es ein wirklich schöner Tag.

      Wir hatten noch überlegt, ob der Wein jetzt wirklich schmeckt oder ob wir vielleicht doch lieber noch Mal probieren sollten. Wer weiß denn schon, ob eine zweite Flasche nicht komplett anders schmeckt? Sie hatten vom selben Weingut auch noch einen Weißwein da – aber wir waren einfach zu müde, um noch ein größeres Gelage zu veranstalten.

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